Am 18.11.1965 wurde die Offenbarungskonstitution Dei Verbum am II. Vatikanischen Konzil veröffentlicht. Benedikt J. Collinet mit einer Einordnung.
Revelatio, inspiratio und Sacrae Scripturae klangen lange nicht nur wegen des Lateins nach angestaubten katholischen Begriffen. Doch neuerdings tauchen sie auch in Apps, obskuren Foren oder politisch aufgeladenen Diskursen wieder auf. Daher lohnt ein Blick in die Rezeptionsgeschichte von Dei Verbum.
Am 18.11.1965 wurde bei der vorletzten inhaltlichen Sitzung – und damit nur Wochen vor der Verabschiedung von Gaudium et Spes (Pastoralkonstitution Kirche in der Welt von heute) und dignitatis humanae (Über die Menschenwürde) – ein nicht weniger umstrittenes Dokument bestätigt: die Offenbarungskonstitution Dei Verbum. Sie ist, folgt man der Zählung des Konzilskompendiums von Rahner und Vorgrimler, Platz 4 der kürzesten Konzilsdokumente des II. Vaticanums und macht gerade einmal 3% des Gesamttextes aus.
ein gekürztes und verändertes Dokument voller Kompromisse
Betrachtet man die Historie dieses Dokuments, so überraschen diese Zahlen, denn im Vorfeld des Konzils war der Kampf um die historisch-kritische Bibelauslegung, die Ökumenische und die Bibelbewegung in der Katholischen Kirche auf einem Höhepunkt, Zensurmechanismen des Antimodernismus waren am Werk und die Päpstliche Bibelkommission sollte sicherstellen, dass die Bibelauslegung fest in lehramtlicher Hand blieb. Verfahren gegen Exegeten waren so an der Tagesordnung, wie sie nach dem Konzil im Bereich von Theologischer Ethik oder Befreiungstheologie angetroffen wurden: Bibelwissenschaft war die discipline fatale der Theologie.
Nicht zuletzt deshalb plante das Vorbereitungsteam des Konzils mit dem Schema de revelatione, die im I. Vaticanum begonnene Apologetik gegen „moderne“ Bibelwissenschaften und Offenbarungstheologie zu festigen und so die Verschließung vor der Welt voranzutreiben (vgl. J. Kügler 2015). In den Konzilskommentaren ebenso wie in den Gutachten von Rahner, Ratzinger und Co. kann man lesen, wie verbissen die Bischöfe und ihre Berater darum kämpften, das Schema nach hinten zu verschieben und neu auszurichten, auch um die in Bibelenzykliken erreichten Öffnungen abzusichern. Endprodukt war ein gekürztes und verändertes Dokument voller Kompromisse, in welchem sich der theologische Paradigmenwechsel des Konzils spiegelt und zugleich offene Wundherde blieben, die in der Rezeption bis heute schwelen.
Schlusspunkt: Vom Diktat zum wortfindigen Menschen
Wer Theologie studiert, kommt um einen Satz in der biblischen Einleitung kaum herum: Die Bibel ist Gotteswort in Menschenwort, d.h. auch der Mensch hat Anteil an ihrem Wortlaut oder wie es im Original heißt: per homines more hominum (DV 12, „durch Menschen nach Art des Menschen“). Dieser Satz findet sich auch in den regelmäßigen Jubiläumsbänden zum Konzil, doch welches semantische Dynamit steckt eigentlich darin?
Ursprünglich lehrte man in der kath. Theologie die Verbalinspiration bzw. das Instruktionsmodell der Offenbarung, das einfach gesagt hieß: Gott hat den Hagiographen die Bibel diktiert und daher ist sie unfehlbar, wahr und frei von menschlichen Fehlern mit Ausnahme von Abschreibungs- oder Übersetzungsfehlern. Die Erkenntnisse moderner Naturwissenschaften legten aber nahe, dass es sehr wohl sachliche Unrichtigkeiten im Text gibt, etwa der Hase als Wiederkäuer (Lev 11,6; Dtn 14,7), außerdem ältere Vorbildtexte und das Problem, dass Diktieren nicht mit der aufklärerischen Idee der menschlichen Freiheit und Vernunfteinsicht vermittelbar war.
Offenbarungstexte als niedergeschriebene Erfahrungszeugnisse in der Geschichte verstehen gelernt
Daher vollzog sich in DV 5, 6, 9, 11-13 ein dogmatischer Spagat: Gott unterstützt im Hl. Geist (in spirare) die Schreiber (scriptores) der Bibel, bleibt dabei aber zugleich ihr Urheber (auctor) und damit Garant ihrer Heiligkeit und Wahrheit. Die biblischen Schriftsteller werden nun als Menschen verstanden, die mit göttlicher Unterstützung ihre Erfahrungen mit Gott reflektiert aufschreiben und so mit ihrer ganzen Persönlichkeit und ihrem Wissen Teil des Textes werden. Sie formulieren ihn in den Worten und Konzepten aus, die sie kannten, z.B. aus Ägypten oder Babylon, und konnten daher auch sachlich unrichtige Aussagen treffen, ohne dabei automatisch auch theologisch zu irren.
Dieser im Rückblick scheinbar einfache Schritt war möglich, weil das Christentum sich nicht als Buchreligion versteht, sondern seine Offenbarungstexte als niedergeschriebene Erfahrungszeugnisse in der Geschichte verstehen gelernt hat. Er setzte aber voraus, dass diverse antimodernistische Ängste aufgegeben wurden, etwa jene, dass die biblische Botschaft empirisch widerlegt werden könne: Im Aufgeben der doppelten Wahrheit gewann die Bibel ihre Menschlichkeit zurück, sowohl für die Verfasser als auch die Auslegenden. Insofern war Dei Verbum vorläufiger Endpunkt einer mindestens seit dem Konzil von Trient schwelenden Streitigkeit um die korrekten Deutungen der Bibel.
Scharnier: Zwischen Euphorie und Ernüchterung
Die in eigenen Konzilsdekreten beschlossene ökumenische, interreligiöse und gesellschaftliche Öffnung führte in Kombination mit Dei Verbum u.a. zu einer Bibeleuphorie und einigen heute als selbstverständlich geltenden Erfolgen: In den Bibelwissenschaften durften Katholik:innen nun offen ihre protestantischen Kolleg:innen lesen und zitieren, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen; die historische Kritik half, alte Gräben zu überwinden und auch der jüdisch-christliche Dialog wurde in der neuen Aufwertung des Alten als „Erstes Testament“ (E. Zenger) beflügelt. Dazu kam eine liturgische Aufwertung der Bibel, die Neuordnung der Perikopen und das Experiment einer ökumenischen „Einheits“-Übersetzung; lehramtlich wurde die Bibelkommission auf neue Beine gestellt und berät heute als Teil der Glaubenskongregation den Papst.
Doch jede Euphorie erlahmt irgendwann und so hat sich auch in der Dialogarbeit eine gewisse Ermüdung eingeschlichen. Große Meilensteine konnten erreicht werden, doch andere Prestigeprojekte, wie die deutsche Einheitsübersetzung als gemeinsamer Liturgietext oder gar eine wiedervereinigte Kirche, scheiterten. Mit den ostkirchlichen Traditionen, die sich mehr an den antiken Auslegungen der Kirchenväter orientieren, gibt es seit dem Fall des Eisernen Vorhangs kleine Aufbrüche in der Bibelökumene, bei denen aber das Risiko besteht, durch die gemeinsame antike Basis gegenwärtige Positionen aufzugeben oder aufzuweichen.
Der jüdisch-christliche Dialog ist mittlerweile vielerorts ein Trialog mit islamischer Theologie geworden, doch bremsen geopolitische Differenzen, religiöser Fundamentalismus oder Ereignisse immer wieder. Theologisch darf außerdem nicht darüber hinweggesehen werden, dass, trotz gleicher oder ähnlicher Texte, das Offenbarungsverständnis in Teilen grundverschieden ist und wohl auch bleiben wird. Hier braucht es Geduld und zähes Ringen. Die so erreichten kleinen Schritte sind nicht mehr spektakulär und öffentlichkeitswirksam, und so fristen sie, ebenso wie mancher Begriff der Offenbarungstheologie, ein randständiges Dasein. Dei Verbum dient als ein Scharnier, das viele Türen geöffnet, aber noch nicht schließen geholfen hat.
Einfallstor: Schrift und Tradition als ungelöstes Problem
Ein Aspekt konnte auf und seit dem Konzil zu keiner Einigung gebracht werden und dient heute m.E. als Einfallstor von Problemen rund um die Autorität der Bibel (so warnte bereits E. Klinger 2015). Bereits in den Kompromissformeln des Konzils (v.a. DV 12) war man sich bewusst, dass das Verhältnis von Schrift und Tradition bzw. Lehramt noch nicht abschließend geklärt war. Die Trienter Formel, welche die Bibel angelehnt an antikes Verständnis zur nicht zu normierenden Norm erklärte, wurde durch das Magisterium begrenzt, das Entscheidungen zu ihrem Umfang (Kanon) und ihrer Auslegung traf. Indem das Lehramt sich von der Bibel korrigieren lassen soll, zugleich aber festlegt, was Bibel ist und wie sie gedeutet werden darf, gibt es einen hermeneutischen Zirkel, welcher der Bibel letztlich ihre prophetisch-machtkritische Kraft abzusprechen droht. Das Lehramt beschränkte sich selbst im II. Vaticanum und gesteht den Bibelwissenschaften und der Bibelkommission zu, grundlegende Fragen zu klären, die dogmatische Letztentscheidung verbleibt aber „oben“; ein Faktum, das auch aus den synodalen Partizipationsdiskursen bekannt ist.
Ein hoher Preis der neuen Freiheit der Bibelwissenschaften: die fundierende theologische Relevanz.
Die historische Kritik und viele neuere Hermeneutiken umgingen dieses Problem, da sie stark auf die „Menschenwort“-Seite der Bibel konzentriert sind und in diesem Sinne zwar Widersprüche aufzeigen konnten, aber selten dogmatische Lehren angriffen. So konnte die Bibelwissenschaft sich frei bewegen – ein ungeahntes Hochgefühl, das allerdings um einen hohen Preis erkauft wurde: die fundierende theologische Relevanz. Damit meine ich: (1) Bibelwissenschaften schaden sich selbst, wenn sie kein klares theologisches Profil mehr haben und Exegese von Universitäten teils als reine Verdopplung von Geschichts-, Literatur- oder Sprachwissenschaften angesehen werden. (2) Konfessionelle Biblische Theologie wirkt heute schnell spekulativ im Vergleich zu Religionsgeschichte oder wie ein konservativer Rückfall zur Magd des Lehramts. Dann fehlen aber auch ihre Korrektive und klaren Positionierungen im Konzert pluraler Gesellschaft ebenso wie im innerkirchlichen Diskurs, der weiterhin stark dicta probantia gebraucht. (3) Da zeitweise die belebende bzw. befreiende Kraft der biblischen Erzählungen vor allem beschrieben und auf plausibles Maß reduziert wurde, kam es zu einem Verlust zwischen gelebtem Text und Bibelwissenschaften.
Das nun fehlende Vertrauen in die geistliche Qualität der Bibelwissenschaften hat anti-intellektuellen und fundamentalistischen Bewegungen ein Einfallstor gegeben, die nun die göttliche Seite der Schrift und die inspirierten Konzepte für sich deklarieren. Ihnen wissenschaftlich zu begegnen und die losen Fäden von Dei Verbum geduldig wieder aufzunehmen und weiter zu verknüpfen, sehe ich als eine der großen Herausforderungen für katholische Bibelwissenschaften der kommenden Dekade.
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