Der Wendepunkt des Konzils: Dei verbum

Muss man die Gegenwart von der Vergangenheit her verstehen oder nicht vielmehr umgekehrt die Vergangenheit von der Gegenwart her? Mit der Offenbarungskonstitution des letzten Konzils, so Elmar Klinger, ist jedem Traditionalismus in der Kirche die Basis entzogen.

Bruch und Aufbruch. Die Tradition vor der Gottesfrage

Der Bruch zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem wird nicht zu allen Zeiten gleich empfunden. Aber er konstituiert geradezu die Tradition. Denn sie ist gerade dort ein Thema, wo man versucht, durch Weitergabe von Lebensgewohnheiten und Denkweisen die Gegenwart zu verstehen und zu erschließen. Der Bruch mit ihr gehört daher zu ihr selbst. Sie kann angesichts realer Gegensätze Kontinuität und Verbundenheit garantieren. Sie erschöpft sich nicht in Eigenem. Sie umfasst auch Fremdes. Man darf Tradition daher nicht mit Traditionalismus verwechseln. Denn er begrenzt sie auf das Eigene. Er schließt das Fremde, das Andere, das Gegenwärtige, die, die nicht zu ihr gehören, von der Betrachtung ihrer selbst, von den Prinzipien des Umgangs mit ihr aus.

Tradition im Aufbruch jedoch macht sie zum Thema. Sie versteht die Gegenwart nicht von der Vergangenheit, sondern die Vergangenheit von der Gegenwart aus. Tradition muss sich daher korrigieren lassen, aber sie bewährt sich auch. Sie kann dort, wo sie Gegenwärtiges erschließt, zu einer Quelle von Offenbarung werden.

Diesen Problemen stellt sich die katholische Kirche auf dem II. Vatikanum. Sie sind auf ihm das geradezu alles beherrschende Thema. Denn es will ja nicht die Vergangenheit wiederholen. Es will auch nicht die Gegenwart in ihrem Licht betrachten. Es will vielmehr umgekehrt verfahren: Es will im Licht der Gegenwart Probleme der Tradition erörtern. Ihre Überlieferung will man von einem heutigen Standpunkt aus darlegen, damit sie für die Menschen heute, und zwar für jene, die über sie reden, wie auch für die, die von ihr hören, zustimmungsfähig und durchschlagskräftig wird.

Das Konzil will im Licht der Gegenwart
Probleme der Tradition erörtern.

Mit dem Aufbruch in der Tradition ist ein Bruch mit dem Traditionalismus daher unweigerlich verbunden. Der Traditionalismus ist ein religiöser Standpunkt des 19. und 20. Jahrhunderts. Er besagt, dass Tradition jeder Gegenwart vorausliegt und übergeordnet ist: Sie hat sich niemandem gegenüber zu rechtfertigen. Sie verlangt Zustimmung von sich heraus. Ein kritischer Umgang mit ihr verstößt daher von vornherein gegen ihre Autorität. Die Traditionalisten in und außerhalb der Kirche waren und sind bis auf den heutigen Tag die verschworenen Feinde des Zweiten Vatikanischen Konzils. Aber was sagt das Konzil selbst zum Thema: Inwiefern ist es Aufbruch? Inwiefern ist es Bruch? Inwiefern stellt es die Frage nach Gott selber?

Der Bruch mit dem Traditionalismus

Das erste Dokument, das auf dem Konzil im Oktober 1962 nach der Rede des Papstes zur Abstimmung kam, war die Vorlage zur Offenbarungskonstitution, das Schema mit dem Titel „Über die Quellen der Offenbarung“. Es hat die Tradition zum hauptsächlichen Thema – und es wurde vom Konzil abgelehnt. Dieser Vorgang ist bedeutungsvoll. Er war ein Bruchpunkt des Konzils: Es hätte an ihm auch scheitern können. Die Gründe der Ablehnung jedoch liegen auf der Hand.

Denn das Schema trifft zwischen Inhalt und Form der überlieferten Lehre keine Unterscheidung. Es identifiziert vielmehr die Quellen der Offenbarung mit ihr selbst. Es behauptet, dass es eine Offenbarung gibt, die man nicht durch sie selbst, sondern nur durch die Tradition erreichen kann. „Sola traditio“ war eine seiner wichtigsten Forderungen. Damit einher gingen negative Aussagen über die Methoden des modernen Denkens, speziell der historischen Methode in Theologie und Exegese. Schließlich will das Schema im Verhältnis von Gegenwart und Vergangenheit keinen Primat der Gegenwart und der mit ihr gestellten pastoralen Aufgaben anerkennen. Alle drei Gründe der Ablehnung sind ein Charakteristikum traditionalistischen Umgangs mit der Tradition. Sie reichen in ihrer Fehlerhaftigkeit über das Konzil hinaus. Sie sind die Handhabe, um auch umgekehrt das Konzil selber abzulehnen.

Dies geschieht im katholischen Traditionalismus. Er bekämpft das Konzil im Namen der Tradition und wurde lange in seinen Irrtümern bisweilen auch lehramtlich unterstützt. Er bestreitet die Autorität der Lehre des Konzils. Ich muss zugeben, dass mein persönliches Aha-Erlebnis in der katholischen Kirche die Erfahrung dieses Widerspruchs war. Mir ist unbegreiflich, wie jemand sich katholisch nennen will und trotzdem das Konzil verwerfen kann. Wie dies bei offiziellen Vertretern und höchsten Autoritäten geschehen kann, ist mir besonders unbegreiflich. Denn jeder weiß: Konzilien sind eine Hauptinstanz der Tradition, und ihre Anerkennung unterscheidet Katholiken von den Protestanten.

Konzilien sind eine Hauptinstanz der Tradition

Inzwischen habe ich dazugelernt. Mir wurde klar – und jeder kann es sehen: Es gibt einen knallharten Traditionalismus in der Katholischen Kirche. Karl Rahner sprach oft von „kryptogamen Häresien“, die es in ihr gäbe, und er muss auch ihn darunter verstanden haben. Der Traditionalismus ist ein Standpunkt, der Tradition zu einem Selbstzweck erklärt und sie dadurch innerlich zerstört. Denn er behauptet, sie ist nicht um etwas Höherem willen da, sondern das Höhere um ihretwillen. Er wendet sich daher auch nicht zuletzt gegen den Papst selber; denn er macht ihm Vorschriften und meint, der Papst dürfte nur wiederholen, was die Tradition schon vor ihm gesagt hat, und verbietet ihm, zu sagen, was er für richtig hält. Es braucht daher auch gar keinen Papst, außer zum Schutz des Traditionalismus. Vor allem jedoch bekämpft der Traditionalismus Theologen und die Theologie; denn sie müssen unterscheiden zwischen dem, was man für richtig hält, und dem, was richtig ist. Sie müssen ihm daher prinzipiell widersprechen.

Ich habe für mich diese Lektion gelernt. Mir ist inzwischen klar: Der größte Feind der Tradition sind die Traditionalisten; denn sie sind ihr innerer Feind. Sie berauben sie des inneren Sinns und nehmen ihr die Überzeugungskraft. Sie verhindern, dass sie sich in ihren Inhalten legitimiert. Der Traditionalismus hat Ähnlichkeiten mit Graf Dracula. Er trinkt das Blut seiner Geliebten; denn indem er sie aussaugt, kann er leben.

Der Bruch mit dem Traditionalismus hingegen, den das II. Vatikanum vollzogen hat, ist das Fundament des Aufbruchs von Kirche und Theologie auf dem Konzil selbst. Daher die weitere Frage nach den Inhalten der Tradition, die sich von dieser selbst unterscheiden.

Inhalt und Form: Gott selber hat sich geoffenbart

Der wesentliche Mangel des Schemas „Über die Quellen der Offenbarung“, das dem Konzil zur Abstimmung vorgelegt wurde, war die Tatsache, dass es den Inhalt der Quellen, die Offenbarung selbst, gar nicht zum Thema erhebt. Es verwechselt daher den Zweck und die Mittel. Es kann die Frage nicht entscheiden, ob Gott für die Tradition da ist oder die Tradition für Gott.

Daher besteht die wesentliche Korrektur des Schemas in der Behebung dieses Mangels. Sie wurde im offiziellen Text von „Dei Verbum“, der Offenbarungskonstitution, in einem eigenen Kapitel vorgenommen, dem ersten Kapitel der Konstitution „Über die Offenbarung selbst“. Diese umfasst Worte und Taten der Geschichte Gottes mit den Menschen, einer Geschichte, deren Höhepunkt und Inbegriff Jesus Christus ist. Die Tradition ist die Form, in der man sich dieses Inhalts erinnert und ihn weitergibt. Er wird in ihr gefeiert und repräsentiert. Der Inhalt selber jedoch besteht aus Worten und Taten, die miteinander wesentlich verbunden sind. Denn Worte machen die Tat verständlich und erschließen ihren Sinn. Die Tat jedoch löst das Versprechen ein, das in den Worten liegt, und gibt ihnen reale Bedeutung. Erst beide zusammen lassen greifbar sein, was Gott selber unter den Menschen und in ihrer Geschichte ist.

Die Tat jedoch löst das Versprechen ein, das in den Worten liegt, und gibt ihnen reale Bedeutung.

Die Tradition jedoch steht im Dienste dieses Inhalts. Sie ist mit der Frage nach Gott selber konfrontiert. Sie gibt einen Inhalt weiter, der sie nach zwei Seiten übersteigt, nach der transzendenten Seite, weil sie von Gott als Gott zu sprechen hat, der in Welt und Geschichte handelt, aber auch nach der immanenten Seite, weil die Menschen Adressat von Offenbarung sind und nicht die Tradition. Vielmehr stellt Tradition den Kontakt zwischen Mensch und Offenbarung her. Die Tradition ist nicht Offenbarung selber. Ja, sie kann diese nicht nur nicht ersetzen, sie kann sie auch verdunkeln. Daher stellt sich noch einmal verschärft die Frage nach Sinn und Zweck von Tradition.

Sinn und Zweck der Tradition.

Karl Rahner nannte das II. Vatikanum einmal den „Anfang eines Anfangs“. Denn es ist ein Anfang, durch den jeder Mensch innerhalb und außerhalb der Kirche einen Anfang machen kann. Es ermöglicht und rechtfertigt eine Lebens- und Betrachtungsweise, nach der Vergangenes von der Gegenwart aus gesehen und festgehalten werden kann. Daher stellt sich die Frage: Worin liegt sein Wert? Was gibt ihm in der Gegenwart Bedeutung?

Die Antwort lautet: Das Vergangene hat nicht nur einen historischen Wert. Es ist nicht nur etwas, das versunken ist und wieder ausgegraben werden kann. Es betrifft vielmehr den Menschen heute. Es zeigt ihm, dass er Wurzeln hat, über die er nicht verfügen kann; dass es Ziele gibt, die ihn übersteigen; und dass er überhaupt ein zerbrechliches Wesen ist – ausgespannt zwischen dem, was einmal war, und dem, was kommt –, ein Wesen, das nicht immer schon ist, was es ist, sondern sich erst finden muss.

Nicht alles Vergangene hat diesen Wert. Aber dort, wo es ihn hat, und es wegen der Bedeutung, die es besitzt, auch festgehalten und weitergegeben wird, heißt es Tradition. Mit ihr bezeichnet man nicht das Vergangene, sofern es einmal gewesen ist und daher einen historischen Status hat, sondern ein Vergangenes, das in seiner Vergangenheit gegenwärtig ist und daher theoretische und praktische Bedeutung in der Gegenwart besitzt. Lebensgewohnheiten und Denkweisen sind von ihm geprägt. Man unterscheidet daher im kirchlichen Sprachgebrauch zwischen der Lehrtradition in der Dogmatik und einer Tradition der Sitten und Gebräuche in der Rechtsgeschichte, Liturgiegeschichte oder überhaupt in der Geschichte moralischen Verhaltens. Das Wort selber hat jedoch grundsätzlich einen allgemeinen Sinn. Es begegnet im alltäglichen Sprachgebrauch. Beispiele sind die Familientradition oder die kulturelle Tradition eines Landes und seiner Gesellschaft.

Tradition … bezeichnet … ein Vergangenes, das in seiner Vergangenheit gegenwärtig ist und daher theoretische und praktische Bedeutung in der Gegenwart besitzt.

Eine allgemeine und doch spezielle Bedeutung liegt in seinem religiösen Sinn. Es wird in diesem Sinn von der Religionswissenschaft deskriptiv und normativ verwendet. Sein deskriptiver Gebrauch bezieht es auf Religion überhaupt. Es wird mit ihr geradezu identifiziert. Man spricht so von der jüdischen Tradition oder der islamischen Tradition oder auch von den katholischen und protestantischen Traditionen im Christentum selbst. Der normative Gebrauch des Wortes hat die Differenz von Tradition und Religion zum Gegenstand. Es meint ihren Forderungs- und Verpflichtungscharakter. Es stellt die Frage, wie man sich auf der Basis von einer jeweils zur anderen verhält.

Im Christentum generell, wie speziell in der katholischen Kirche, ist ihre Differenz jedoch ein alles entscheidendes Thema. Die Tradition dreht sich nicht um sich und kann sich nicht in sich erschöpfen. Sie ist nie mit Christ- und Kirchesein schlechterdings identisch. Denn es gibt in ihr erstens den Unterschied zwischen Schrift und Tradition, der Schrift, die sich auf die Offenbarung selber bezieht und sie als solche enthält – sie ist norma normans der Tradition –, und der Tradition, die eine Quelle des Lebens und Denkens aus dem Geist der Offenbarung ist und sie als solche – d.h. als etwas immer auch Verschiedenes – festzuhalten und weiterzugeben hat.

Das II. Vatikanum nennt die Tradition einen Grund der Gewissheit im Umgang mit der Schrift. Denn zweitens gibt es nicht nur den Unterschied zwischen beiden, sondern in beiden selber noch einmal verschiedene Traditionen. Die Schrift besteht aus Altem und Neuem Testament, die Tradition aus der griechischen, der lateinischen, der syrischen und vielen anderen Traditionen der Kirche. Ihr Verhältnis wird nicht so sehr von ihrer Herkunft als vielmehr von der Aufgabe her bestimmt, die sie alle haben.

Denn sie unterscheiden sich drittens von der Offenbarung selber, auf die sie alle verpflichtet sind und der sie alle dienen. Diese jedoch ist ein Geschehen. Sie besteht aus den Worten und Taten Gottes in der Welt. Ihre Weitergabe ist Sinn und Zweck der Tradition. Denn durch sie und nur durch sie hat die Tradition Bedeutung für den Menschen. Durch sie und nur durch sie ist sie mit ihm selbst aufs innerste verbunden. Sie gibt Antwort auf seine Fragen: Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Was ist das tiefste Geheimnis meiner Existenz?

Tradition hat … mit der Lebenserfahrung eines Menschen zu tun.

Tradition hat daher mit der Lebenserfahrung eines Menschen zu tun. Denn Worte, die sie überliefert, können und müssen sich in der Erfahrung, die er macht, bewähren. Die Taten, zu denen er sich entschließt, sind umgekehrt Zeichen der Einstellung zu ihr. Sie bringt in seine Taten Licht. Wenn die Tradition leistet, wofür sie da ist, hat sie eine Aufgabe: Sie macht die Offenbarung selber offenbar. Daher sagt das Konzil in seiner Pastoralkonstitution: „Da es aber der Kirche anvertraut ist, das Geheimnis Gottes, des letzten Zieles des Menschen, offenkundig zu machen, erschließt sie dem Menschen gleichzeitig das Verständnis seiner eigenen Existenz, das heißt die letzte Wahrheit über den Menschen. […] Wer Christus, dem vollkommenen Menschen, folgt, wird auch selber mehr Mensch“ (GS 41).

Zu Gegenwart und Zukunft der Tradition

Tradition gibt Denkweisen und Lebensgewohnheiten weiter. Menschen jedoch ändern ihre Gewohnheiten und denken selber. Es entsteht in ihrem Leben eine Trennung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Sie brechen mit der Tradition.

Dieser Vorgang hat sich in der Neuzeit massenhaft ereignet, und er setzt sich weiter fort. So gut wie alle Bereiche des Lebens sind inzwischen von ihm erfasst. Daher stellt sich vermehrt und immer dringlicher die Frage: Was bedeuten Brüche mit der Tradition für die Tradition, und was bedeutet die Tradition für jene Menschen, die mit ihr gebrochen haben?

Der Bruch ist ein Problem für beide Seiten. Aber er ist auch von beiden Seiten zu bestehen. Ja, er kann für beide sogar eine schöpferische Bedeutung erlangen. Denn Brüche mit der Tradition sind für die Tradition nichts Unbekanntes. Sie kommen immer wieder in ihr vor. Sie hat Regeln entwickelt, mit ihnen umzugehen.

Brüche mit der Tradition sind für die Tradition nichts Unbekanntes. Sie kommen immer wieder in ihr vor.

Schaut man auf die Religionsgeschichte, dann sind aus dem Bruch mit der Tradition ganze Religionen entstanden: Aus dem Bruch mit dem Hinduismus geht der Buddhismus hervor und aus dem Bruch mit dem Judentum das Christentum. Dieses macht ihn sogar zum Thema. Als nämlich die Pharisäer und Schriftgelehrten Jesus fragten: „Warum halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten, sondern nehmen das Essen mit unreinen Händen?“, antwortet er mit Jesaja: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz jedoch ist weit von mir entfernt“ (Mk 7,6). Er sagt dann weiter: „Ihr hebt das Gebot Gottes auf, um eure Überlieferung zu halten“ (Mk 7,8). Die Tradition, die es weitergibt, steht zu ihm selbst in einem Gegensatz. Sie steht in einem Gegensatz zum Wort Gottes selbst und seiner Tradition bei den Propheten.

Aber auch das Christentum selbst verzeichnet Brüche. Das Prinzip des „sola scriptura“ im Protestantismus hat sich direkt gegen die katholische Tradition gerichtet. Diese wiederum kennt Regeln, um mit diesen Gegensätzen umzugehen und Brüche zu vermeiden. Zum Reglement gehört die Lehre von einer Hierarchie der Wahrheiten bei der Qualifikation unterschiedlicher Aussagen, die Zuweisung von Kompetenz auf Autorität, der religiöse Dialog, aber auch die Lehre eines Fortschritts der Tradition im Verstehen von Offenbarung selbst. Der Aufbruch ist deshalb in ihr programmiert. Es kann die Tradition ohne den Aufbruch gar nicht geben. Er ist eine Erscheinung des Lebens und setzt Kapazitäten der Tradition in Kirche und Gesellschaft frei.

Es kann die Tradition ohne den Aufbruch gar nicht geben.

Denn sie ist kein geschlossenes System. Sie kann sich nicht in sich erschöpfen. Sie versteht sich grundsätzlich von dem her, was sie übersteigt, von Gott her und vom Menschen. Auch der Mensch ist eine Größe, die sie übersteigt. Die Tradition ist nicht um ihretwillen, sondern um seinetwillen da. Sie hat auch jemandem, der sich von ihr getrennt hat, etwas zu sagen. Sie hat einen humanen Wert. Sie gehört nicht nur sich selbst, sondern auch ihm. Sie hat individuelle und soziale Bedeutung. Sie steht für die Würde des Menschen vor Gott und für seine Rechte in der Gesellschaft. Sie ist eine unersetzliche Kraft des Friedens in der Welt. Daher nennt sie Johannes XXIII. eine Überlieferung, die zum Erbe der ganzen Menschheit gehört.

Der Bruch mit ihr ist für Mensch und Tradition eine religiöse Herausforderung: für die Tradition, weil sie zur Rechenschaft gezogen wird und ihren Wert beweisen kann; aber auch für den Menschen, weil er in ihr seine Wurzeln hat, weil er ihr durch Sprache, Kultur und Wertvorstellungen verbunden ist, und weil er oft genug durchführen möchte, was in ihr versprochen wird, was sie aber selbst nicht leistet, nämlich Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit unter den Menschen und in der Welt.

Der Mensch von heute mit seinem genauen Blick und seiner Unterscheidungsgabe, mit seiner Kenntnis und seiner Unkenntnis, mit seinem Wertbewusstsein und seiner Einsatzbereitschaft stellt der Tradition ihre ureigenen Fragen. Er bekämpft sie nicht mehr wie früher, wo er sich von ihr noch freigeschwommen hat. Er möchte von ihr vielmehr erfahren, was sie wirklich zu sagen hat. Sind ihre Worte ein leeres Versprechen oder einlösbar? Interpretieren sie wirkliche Taten, und sind ihre Taten das, was sie mit Worten verspricht?

(Elmar Klinger; Bild: Schwarzwaldschindeln und Kugelhaus-Architektur von Rainer Sturm/pixelio.de)

 

Print Friendly, PDF & Email