Das erste größere Lehrschreiben von Papst Leo XIV., Dilexi Te, widmet sich dem Thema Armut. Lucia Werbick fragt, welche zentralen armutstheologischen Aussagen aus dem vergangenen Pontifikat sich wiederholen, wo sich problematische Tendenzen fortsetzen, und wo neue Akzente sichtbar werden.
Von den 130 angegebenen Referenzen des Dokuments stammen 58 von Franziskus, weit überwiegend aus Evangelii Gaudium, dem programmatischen Dokument seines Pontifikats. Ansonsten fällt besonders die Fülle von Patristik-Zitaten auf – in dieser Häufung eher untypisch für den vorigen Papst –, daneben das von ihm hochgeschätzte Abschlussdokument von Aparecida, das im Text würdigend erwähnt und viermal zitiert ist (DT 89/99/100/104). 35 Mal ist Franziskus selbst im Text genannt.
Soweit ein paar Kennziffern. Inhaltlich wird die Position der lateinamerikanischen Kirche in Bezug auf das Thema des Schreibens (die „Identifikation der Kirche mit den Armen“) herausgehoben – hier verortet sich auch Leo selbst ein Stück weit (DT 89f.); dieser persönliche Stil ist von Franziskus bekannt, der Lateinamerikabezug sowieso.
Die Theologie über die Armen und die Armut läuft in DT vor allem darauf hinaus, Gott bzw. Christus in den Armen wahrzunehmen: „In ihnen fährt Christus fort zu leiden und aufzuerstehen“ (DT 76); „Es geht nicht darum, Gott zu ihnen ‚zu bringen‘, sondern ihm bei ihnen zu begegnen“ (DT 79; vgl. auch DT 85 mit einem Zitat von Paul VI.). Dieser Topos war beim vorigen Papst breit vertreten (vgl. EG 24/92/198/210, Fratelli Tutti 85). Ähnlich lautet DT 9; dort ist darüber hinaus die Rede vom Schrei der Armen, eine Metapher, die Franziskus in diesem Zusammenhang beinahe ständig verwendete.
Zentrum oder Peripherie der Kirche?
„Die Armen gehören zur Mitte der Kirche“, heißt es zudem in DT 111. Aber wäre es nicht folgerichtiger, zu sagen: Sie sind das Zentrum der Kirche? Paulo Suess kommentiert zu EG: „Sie [die Armen] in den ›Mittelpunkt des Weges der Kirche‹ zu stellen erfordert einen weiteren, in Evangelii gaudium noch nicht konsequent durchgehaltenen Schritt, nämlich sie konstitutiv für das Volk Gottes, also für die Kirche anzuerkennen […]“.[1] Heißt es doch, sie seien „das Fleisch Christi selbst“ (DT 110), nicht eine „soziologische Kategorie“ (vgl. EG 198).
Eine von Franziskus ebenfalls wohlbekannte Überzeugung ist, dass die „Wirklichkeit von den Rändern besser zu sehen“ sei (DT 82) – ist die Wirklichkeit also vor allem durch das Leid markiert, wie es Arthur Schopenhauer sagen würde („Unmittelbar gegeben ist uns immer nur der Mangel, d. h. der Schmerz“[2])? „Dass die Armen über eine ihnen eigene Intelligenz verfügen, die für die Kirche und die Menschheit unverzichtbar ist“ (DT 82), erinnert beispielsweise an EG 199/236 – es klingt ebenfalls nach Othering, also einer essentialisierenden Zuschreibung von Eigenschaften an eine Gruppe und Konstruktion von Differenz, in diesem Fall eben einer positiv konnotierten. Das Zitat aus dem Abschlussdokument von Aparecida (DT 100; ähnlich DT 102) geht teilweise in die ähnliche Richtung, die Armen zu romantisieren; immerhin hat Franziskus auch sozusagen versucht, den Reichtum zu entromantisieren.
Eine Kontinuität: Die Übersetzungsprobleme.
Weiter wird EG 199 zitiert mit der zentral wichtigen Passage zur „aufmerksame[n] Zuwendung zum anderen“ und dem kontemplativen Charakter der Liebe (DT 101). Hier fällt noch eine Kontinuität auf: Die der Übersetzungsprobleme. Vielfach setzt die spanische Version der Franziskus-Texte an einzelnen Stellen leicht bis deutlich andere Akzente als die deutsche. Wenn es heißt: „Die echte Liebe ist immer kontemplativ, sie erlaubt uns, dem anderen nicht aus Not oder aus Eitelkeit zu dienen, sondern weil es schön ist, jenseits des Scheins“, so lautet die wörtliche Übersetzung der spanischen Version: „… sondern weil er [der andere!] schön ist, jenseits seines Aussehens“.
In DT 95 wird die Problematisierung des „geltenden ‚privatrechtlichen‘ Erfolgsmodell[s]“ wiedergegeben – im Spanischen ist, wohl sinnvoller, die Rede von einem „Modell, das dem Erfolg und dem Privaten den Vorzug gibt“ (”modelo exitista y privatista“, EG 209).
Andere eingeführte Themen sind die klare Wirtschaftskritik, z. B. an der Chimäre des trickledown-Effekts (DT 93) – in EG 54/FT 168 präsent – wie auch die Wertschätzung der Volksreligiosität (DT 100, vgl. z. B. EG 90/122-126/237). Ebenso hebt das neue Schreiben die Rolle des Volks – eine theologische Konstante von Franziskus – bei der Entwicklung der Soziallehre hervor (DT 82); die Volksbewegungen, ein ihm wichtiger Dialogpartner, tauchen ebenfalls auf (DT 80f.).
Armut als existenziell menschlich, als conditio humana
Besonders interessant (und wohl in Spannung mit dem Othering) erscheint ein Ansatz, Armut als existenziell menschlich, als conditio humana (DT 16) aufzufassen: als Gebrechlichkeit, Verletzlichkeit, Tod, Unsicherheit, Leere. Zwischen den Zeilen könnte Siddharta entdeckt werden, der aus dem Palast tritt, durch konkrete Personen genau mit den ersten drei dieser Faktoren konfrontiert wird und deswegen den Palast hinter sich lässt. Mittels der Vergegenwärtigung dieser existenziellen Armut in den Armen wird das Evangelium gelehrt, heißt es. Wohlstand und Sicherheit wären demgegenüber Schein (DT 109/16).
Darin bestünde wohl die „geheimnisvolle Weisheit“, „die Gott uns durch sie [die Armen] mitteilen will“ (DT 102, EG 198). Das Thema behandelt Franziskus ähnlich, doch es könnte ein neuer Akzent Leos sein, Armut, auch von Augustinus ausgehend, stärker als verbindende conditio humana zu betonen und damit in der Kritik noch mehr die beraubende Gewalt in den Fokus zu nehmen.[3]
Im Kontrast dazu stellt sich die Frage, wie die starke Ermahnung zum Almosengeben (DT 115-119) zu verstehen ist. Die Warnung vor dem Verbleiben in der „Ideenwelt“ (DT 119) ist von Franziskus vertraut (wenn auch vielleicht nicht in dieser direkt antiplatonischen Wendung), ebenso der Aufruf zum „Kontakt“, zur „Begegnung“, „Identifikation“ mit den anderen sowie zur Berührung (DT 115/vgl. 116). Doch wird das Almosengeben in DT mit dem Teilen gleichgesetzt – 2021 unterschied Franziskus jedoch klar zwischen beidem und kritisierte ersteres deutlich, indem er hervorhob, dass Teilen – auch das Teilen des Leides – im Gegensatz zu Almosen eine dauerhafte Solidarität unter Geschwistern und soziale Inklusion bedeutet.[4]
Die Konzilslektüre folgt indes einer eigenwilligen Optik – zumindest, wenn man sie auf das offizielle Konzilsgeschehen bezieht –, sofern sie andeutet, die „Frage der Armen“ sei hier wesentlich weiterentwickelt worden und von ihr ausgehend habe sich das Konzil neu orientiert (DT 84). Gregor Maria Hoff dagegen urteilt: „Auf dem Konzil ist von den Armen die Rede, aber sie bilden keinen locus theologicus [… Sie] tauchen in einem rhetorischen Topos unter“.[5]
„Die Güter, die wir besitzen, gehören nicht uns, sondern ihnen.“
In diesem Zusammenhang zitiert DT 86 aus Gaudium et Spes 69/71 Worte zur Eigentumsfrage, die in der Tradition der Kirchenväter stünden und u. a. das Privateigentum für den Fall der Not relativieren; dies entspräche wiederum der ›Franziskus-Tradition‹: In Laudato Si 93 heißt es, das Recht auf Privateigentum sei kirchlich „niemals als absolut oder unveräußerlich anerkannt“ worden.[6] Entsprechend prangert FT 120 naturrechtlich argumentierend den Vorrang an, der dem Privateigentum, diesem „sekundäre[n] Recht“, gegenüber der universalen Bestimmung der Güter, dem „Grundprinzip der ganzen sozialethischen Ordnung“ (zitiert aus Laborem exercens 19), häufig gegeben wird (vgl. EG 189); EG 57 zitiert Johannes Chrysostomus („Die eigenen Güter nicht mit den Armen zu teilen bedeutet, diese zu bestehlen und ihnen das Leben zu entziehen. Die Güter, die wir besitzen, gehören nicht uns, sondern ihnen.“)[7]
Wie es sich mit der Redaktionsgeschichte des stellenweise collagenhaften Textes im Detail auch verhalten mag: Dass das Anprangern der gewaltsamen sozialen Exklusion (mit dem Franziskus die Option für die Armen zugespitzt hat, vgl. DT 111) – und zwar in jeder Hinsicht – zentral bleibt und Folgen zeitigt, das wäre der (Kirche der) Gegenwart in jedem Fall zu wünschen.
Wird so eine ›arme Kirche der Armen‹ sichtbar?
Es gibt Anzeichen dafür, dass Leo auch über die Vervollständigung einer begonnenen Enzyklika hinaus das exklusionskritische Erbe ernstzunehmen scheint: Im Oktober fand wieder ein „Welttreffen der Volksbewegungen“ in Rom statt, das erste, an dem er teilnahm – dies ist ja eine weitere Initiative von Franziskus, an die er anknüpft. In seiner Ansprache stellte er sich ausdrücklich an die Seite dieser Vereinigungen. Die Perspektive der Peripherien einzunehmen, sei nötig für eine Aktualisierung der Enzyklika Rerum novarum, die er als einen Beweggrund für seine Namenswahl angibt. Wird so eine ›arme Kirche der Armen‹ sichtbar?
Das Auffinden Jesu „in den Gesichtern und Wunden der Armen“ erklärt Leo jedenfalls auch hier als zentral für die Kirche, und hebt ihr Engagement gegen „die strukturelle Gleichgültigkeit, die sich ausbreitet und das Drama der enteigneten, beraubten, ausgeplünderten und zur Armut verurteilten Völker ignoriert“ – eine prägnante Anschärfung der Exklusionssemantik – besonders hervor. Zu Leo XIII. sagt Leo XIV. zudem: „Zum ersten Mal und mit absoluter Klarheit erklärte ein Papst, dass die täglichen Kämpfe um das Überleben und die soziale Gerechtigkeit von grundlegender Bedeutung für die Kirche seien.“[8] Wenn man das Genannte berücksichtigt, könnte dies eine Art Programmspruch für sein beginnendes Pontifikat sein; auch Dilexi te käme damit programmatische Bedeutung zu.
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Lucia Werbick ist wissenschaftliche Projekt-Mitarbeiterin am Institut für Katholische Theologie der Universität Gießen. Sie forscht zur Theologie von Papst Franziskus/Jorge M. Bergoglio unter philosophischen und sozialwissenschaftlichen Bezügen. Für Anregungen zum Text dankt sie Jesús Carlos Hernández Moreno und Ansgar Kreutzer.
Titelbild: Lucia Werbick
[1] Suess, Paulo: Das Evangelium von Gottes Barmherzigkeit verkünden, 2015, 170.
[2] Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung I, Frankfurt a.M., 2006, 377.
[3] Vgl.: „Das ›Menschliche‹ nimmt einen zentralen Platz in Augustins Vorstellung einer Ethik der Verantwortung ein. Er lehrt uns, dass Verantwortung, insbesondere gegenüber den Armen und jenen mit materiellen Bedürfnissen, aus einer menschlichen Haltung gegenüber unseren Gleichen entsteht und somit aus der Anerkennung unserer ›gemeinsamen Menschlichkeit‹.“ Discurso del papa León XIV al V Encuentro Mundial de Movimientos Populares, 23.10.2025.
[4] Papst Franziskus: Botschaft zum V. Welttag der Armen „Die Armen habt ihr immer bei euch“ (Mk 14,7), 2021.
[5] Hoff, Gregor Maria: Widersprüchliche Hinterlassenschaft, München, 2025, 165.
[6] Hier ergibt sich ein gewisser Widerspruch bspw. zu Quadragesimo anno 49: „[…] es ist notwendig, dass das natürliche Recht auf Privatbesitz und auf die Weitergabe von Eigentum durch Erbschaft stets erhalten und unverletzlich bleibt.“ Papst Pius XI.: Quadragesimo Anno, Rom, 1931, Nr. 49.
[7] In einem Text von 1985 macht Bergoglio seine Liberalismuskritik zentral an John Lockes Begründen der Gesellschaftsordnung im Eigentum fest; vgl. Bergoglio, Jorge M.: ¿Qué son los jesuitas?, 2013 [1987], 235.
[8] Discurso del papa León XIV al V Encuentro Mundial de Movimientos Populares, 23.10.2025.


