Wer gehört zum Stadtbild? Und was gehört in die Schule? Vito Alexander Vasser Santos Batista mit einem theologisch-politischen Plädoyer im Kontext von Entfremdungserfahrungen.
Die politische und gesellschaftliche Lage in Deutschland scheint derzeit so beachtenswert zu sein, dass die britische Zeitschrift The Guardian darauf reagierte und zwei Begriffe hervorhob, die deutsche Diskurse prägen: „Wenn Sie die Lage Deutschlands in diesen letzten Wochen […] verstehen wollen, müssen Sie unbedingt die Bedeutung zweier Einträge im deutschen Wörterbuch verstehen: Stadtbild und Haftbefehl“.[1] Begriffe, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, die jedoch zu Schlüsseltermini hitziger medialer, politischer und teils wissenschaftlicher Debatten in Deutschland geworden sind.
Schlüsseltermini hitziger medialer, politischer und teils wissenschaftlicher Debatten
Beginnen wir mit Haftbefehl, bürgerlich Aykut Anhan, dessen Dokumentation Babo – Die Haftbefehl-Story kürzlich auf Netflix erschienen ist. So hat etwa das Autor:innenkollektiv Religionsbezogene Kontroversen, dem auch ich angehöre und das sich aus verschiedenen Fachwissenschaftler:innen, Pädagog:innen und Fachdidaktiker:innen zusammensetzt, diese aufgegriffen und – im Anschluss an vorherige Debatten, in denen etwa Vertreter:innen des Stadtschüler:innenrats in Offenbach (Haftbefehls Geburtsort) gefordert hatten, die Dokumentation im Unterricht zu besprechen – ebenfalls dazu ermutigt, sie im schulischen Kontext kontrovers zu thematisieren.[2] Wir argumentieren dahingehend, dass eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Haftbefehls Positionen im Unterricht stattfinden sollte, die die Dokumentation als Ausgangspunkt nimmt, um seine Perspektiven mit den lebensweltlichen Herausforderungen der Schüler:innen (den Subjekten schulischen Lebens und Lernens) ins Gespräch zu bringen – nicht, um ihn zu glorifizieren, sondern um einen Diskussionsraum zu eröffnen, in dem Fragen nach Ungleichheit, Anerkennung, Migration, Gewalt, Drogenkonsum und Zugehörigkeit reflexiv bearbeitet und demokratische Urteilsbildungsprozesse eingeübt werden können.
einen Diskussionsraum zu eröffnen, in dem Fragen nach Ungleichheit, Anerkennung, Migration, Gewalt, Drogenkonsum und Zugehörigkeit reflexiv bearbeitet werden können
Die von uns im Beitrag aufgenommene Reaktion des CDU-geführten Hessischen Ministeriums für Kultus, Bildung und Chancen ließ nach dem Erscheinen der Dokumentation und den ersten Diskussionen nicht lange auf sich warten: „‚Weder die Texte des Rappers noch sein kontroverses Auftreten in der Öffentlichkeit stehen im Einklang mit dem Bildungs- und Erziehungsauftrag, den die Schulen erfüllen‘. […] Haftbefehl zeige ‚politisch fragwürdige Positionen‘, […] ‚Antisemitismus, Sexismus, Gewaltphantasien, unreflektierte Suizidbejahung, Glorifizierung von Rauschmitteln‘“. Er sei in keiner Weise dafür geeignet, für Schüler:innen als Vorbild zu dienen.[3]
Dass seine Texte und Haltungen kritisch zu bewerten sind, ist nicht von der Hand zu weisen. Jedoch zeigt unser Autor:innenkollektiv, warum die Position des Ministeriums einem demokratischen Auftrag von Bildung, auch verstanden als partizipativ-politische Bildung hin zur Deliberation,[4] widerspricht: Zum einen unterläuft die Argumentation eine differenzierte Debatte, in der die Beteiligten die problematischen Anteile von Haftbefehls Positionen anerkennen, aber gerade über diese Ambivalenzen ins Gespräch kommen wollen. Zum anderen verengt sie Unterricht auf die Orientierung an vorbildlichen Personen und blendet damit zentrale pädagogische Unterscheidungen aus – etwa die Differenz zwischen dem Behandeln eines Gegenstandes im Unterricht und seiner normativen Bejahung.
Die Kritik verengt Unterricht auf die Orientierung an vorbildlichen Personen.
Aus persönlichen Erfahrungen während der Schulzeit wäre eine solche Positionierung durchaus gewinnbringend gewesen, denn mich selbst betrafen Themen wie Ungleichheit, Anerkennung, Migration und Zugehörigkeit. Gesellschaftlich wie schulisch wurde auch mir die Zugehörigkeit aufgrund phänotypischer und askriptiver Merkmale abgesprochen – etwa meiner braunen Augen, meiner dunkleren Haut, meiner dunklen und krausen Haare oder der Tatsache, dass zu Hause kein Deutsch gesprochen wurde. Als Haftbefehls Album Unzensiert mit Liedern wie 069, Wo ich herkomm oder Depressionen im Ghetto erschien, war ich fünfzehn Jahre alt. Besonders das vom Guardian nicht erwähnte Intro von Depressionen im Ghetto, in dem fehlende Chancengleichheit aufgrund von Herkunft thematisiert werden, traf bei mir ein Gefühl, an das mich die Dokumentation erneut erinnerte und das ich damals nicht einzuordnen wusste. Eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung hätte mir geholfen, dieses Empfinden einzuordnen und zu verstehen, dass diese Ungleichheit auch Ungerechtigkeit bedeutet.
ein Gefühl, an das mich die Dokumentation erneut erinnerte und das ich damals nicht einzuordnen wusste
Durch diese Erfahrungen beeinflusst, möchte ich nun auf die zweite, hitzig geführte Debatte aufmerksam machen: das Stadtbild. Ausgelöst wurde sie durch eine Äußerung des Kanzlers. Bei einem Auftritt lobte er seine Regierung dafür, in der Migrationspolitik viel erreicht und die Zahl neuer Asylanträge binnen eines Jahres um 60 Prozent reduziert zu haben. Anschließend erklärte er: „‚Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang auch Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen‘“.[5] Diese Aussage reiht sich in eine Serie problematischer Zuspitzungen ein: vom Sozialtourismus, über kleine Paschas bis hin zu angeblich fehlenden Zahnarzterminen, die von geflüchteten Menschen weggenommen werden – Formulierungen, die die Grenzen des Sagbaren weiter nach rechts verschieben.
Formulierungen, die die Grenzen des Sagbaren weiter nach rechts verschieben
Noch 2017 wies die damalige Bundeskanzlerin eine ähnliche Aussage des AfD-Vorsitzenden zurück, indem sie sagte, „sie wisse nicht, ‚was [er] sehe[], denn [sie selbst könne] auf der Straße Menschen mit Migrationshintergrund, die deutsche Staatsbürger sind, und solche, die die deutsche Staatsbürgerschaft nicht haben, nicht unterscheiden‘“.[6]
Was genau soll nun dieses Problem im Stadtbild sein? Dem Guardian zufolge vermittelt der Kanzler mit solchen gesellschaftsspaltenden und entfremdenden Formulierungen den Eindruck, Menschen mit Migrationshintergrund seien „nicht als Mitbürger:innen zu sehen, sondern als ästhetische Störungen einer idealisierten, bereinigten Vision der deutschen Stadt“.[7] Sollte diese Position die Mehrheitsmeinung in der CDU widerspiegeln, stellt sich die Frage, inwiefern sich dies noch als christlich-demokratische Haltung verstehen lässt. Gleichwohl ist zu erwähnen, dass es innerhalb der CDU auch kritische Stimmen gibt, die diesem Kurs widersprechen,[8] zumal die Haltung der katholischen Kirche in dieser Frage eindeutig ist. Papst Leo XIV. formuliert es folgendermaßen: Statt Gleichgültigkeit und Ohnmacht brauche es eine „Kultur der Versöhnung“, die „Geduld, die Bereitschaft zuzuhören, die Fähigkeit, uns mit dem Schmerz der anderen zu identifizieren, sowie anzuerkennen, dass wir dieselben Träume und Hoffnungen haben“ erfordere.[9] Migration lässt sich nicht ästhetisch regulieren, sie ist an Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit zu messen.
„die Bereitschaft zuzuhören, die Fähigkeit, uns mit dem Schmerz der anderen zu identifizieren“ (Leo)
Die bittere Ironie besteht gleichwohl darin, dass die aus dieser Erfahrung der Entfremdung hervorgebrachte Kunst (hier Deutschrap) weiterhin begeistert konsumiert wird, während die Menschen, die sie schaffen, kaum anerkannt werden. Es wird die Ästhetik migrantischen Lebens gefeiert, vom „Luxus-Döner“ über Clubkultur bis hin zu modischen Inszenierungen ethnischer Zeichen, während die Träger:innen dieser Lebenswelten „bestenfalls als suspekt, schlimmstenfalls als zu entfernendes Problem“ gelten.[10] Auch wenn Haftbefehl, ähnlich wie ich selbst, äußerlich im vermeintlich idealen Stadtbild nicht willkommen zu sein scheint, möchte ich ihn zu einer kritisch-konstruktiven Auseinandersetzung in den Religionsunterricht einladen. Diese Auseinandersetzung würde zentrale Ziele anbahnen, etwa die Kritik kulturstereotyper Zuschreibungen und die Förderung von Empathie und Solidarität – vielleicht auch ganz im Sinne des Papstes.
Vito Alexander Vasser Santos Batista ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Religionspädagogik und Katechetik der Ruhr-Universität Bochum.
Bild: Joe Breuer / pixabay
[1] Meine Übersetzung aus: Baghernejad, Aida (2025), Haftbefehl shows that Germany loves art born from alienation – just not the people who create it, in: The Guardian, online unter: https://www.theguardian.com/music/2025/nov/12/germany-merz-haftbefehl-netflix-documentary (abgerufen am 15.11.2025).
[2] Vgl. Autor:innenkollektiv Religionsbezogene Kontroversen (2025), Warum „Babo: Die Haftbefehl-Story“ in der Schule thematisiert werden sollte – ein Debattenbeitrag aus der Wissenschaft, in: Philosophie Indebate, online unter: https://philosophie-indebate.de/warum-babo-die-haftbefehl-story-in-der-schule-thematisiert-werden-sollte-ein-debattenbeitrag-aus-der-wissenschaft/ (abgerufen am 16.11.2025).
[3] Ahrens, Lukian (2025), „Ich tick Kokain“: Texte von Rapper Haftbefehl als Unterrichtsstoff?, in: WDR, online unter: https://www1.wdr.de/nachrichten/rapper-haftbefehl-schule-lehrplan-100.html (abgerufen am 16.11.2025).
[4] Vgl. Gutmann, Amy (1999), Democratic Education. With a New Preface and Epilogue, Princeton: Princeton University Press.
[5] Grasnick, Belinda (2025), Merz’ Problem mit dem „Stadtbild“, in: tagesschau, online unter: https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/merz-stadtbild-migration-100.html (abgerufen am 18.11.2025).
[6] Grasnick 2025.
[7] Meine Übersetzung aus: Baghernejad 2025.
[8] Vgl. Tsp mit Agenturen (2025), „CDU droht ihren Wertekompass zu verlieren“: Parteiinterne Gruppe fordert härtere Abgrenzung zur AfD – und Verbotsverfahren, in: Tagesspiegel, online unter: https://www.tagesspiegel.de/politik/cdu-droht-ihren-wertekompass-zu-verlieren-parteiinterne-gruppe-fordert-hartere-abgrenzung-zur-afd–und-verbotsverfahren-14690762.html (abgerufen am 16.11.2025).
[9] Leo XIV. (2025), Ansprache von Papst Leo XIV. an die Teilnehmer der internationalen Konferenz „Refugees & Migrants In Our Common Home“, in: Der Heilige Stuhl, online unter: https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/speeches/2025/october/documents/20251002-incontro-refugees-migrants.html (abgerufen am 16.11.2025).
[10] Meine Übersetzung aus: Baghernejad 2025.


