Annette Edenhofer sieht in der Ethik dienender Führung, dem Konzept Servant Leadership von Robert K. Greenleaf, Religionslehrpersonen als Führungskräfte für religiöse Bildung der Mitmenschlichkeit mit Rückgrat.
„Ganz zentral für Bildung ist die Verantwortung für die Mitmenschen und für die Schöpfung, aber auch für sich selbst.“ – „Und es gibt Kinder die gar nicht getauft sind. Das finde ich gut, dass das gemischt ist, damit die Diskussionen offen ist wie die Gesellschaft.“ – „Glaube heißt auch, Widerstand leisten. Courage kostet! Aber ich will ja immer eigenständiges Denken anstoßen, damit die Schüler*innen lernen, Verantwortung zu übernehmen. Da Vorbild zu sein, ist das Wichtigste!“, so beschreiben drei Religionslehrpersonen ihre Führungsideale.1
Robert K. Greenleaf (1904-1990) entwickelte Servant Leadership (SL) für den Unternehmensbereich. Ganz unabhängig von religiösen Überzeugungen hätten alle Menschen den „natürlichen Wunsch zu dienen“.2 Dieser Wunsch befähige zu Führung. Führung sei immer Selbstführung. Greenleaf ist christlich inspiriert, argumentiert aber im Zeitalter der Globalisierung universal, für den gemeinsamen Nenner der Humanität.3 Auch Jesus optiert für das gewaltfreie Leadership aller Menschen: „Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein (MK 10:42-43, Luther-Bibel 2017).
Stadtbilder sollen monokulturell clean sein.
Wie nötig die Welt dieses Leadership von Macht als Dienst hat, attestiert die Zweidrittelwelt der Ungleichheit: Stadtbilder sollen monokulturell clean sein. Die Stadt als Spiegel der Schöpfung aber ist in urbiblischer Tradition divers und migrationsfreundlich: „Unterdrückt die Fremden nicht, … behandelt sie wie euresgleichen.“ (Lev 19.33-34).4 Aktuell aber eskalieren Regierungen und Religionen ausgrenzenden Fundamentalismus. Wer andere dominiert, kann Eigeninteressen sichern ohne Verletzungsgefahr. Siegen und Herrschen erscheint attraktiv. Zu lernen wäre, Siegspiele wirken über kurz oder lang kontraproduktiv. So will SL für die vielen Ereignisse guter Kooperation in allen Lebensbereichen sensibilisieren – privat, sozial, am Bildungs- und Arbeitsmarkt sowie politisch. Die Förderung der liberalen Demokratie, deren Vertreterinnen über Mehrheiten gewählt werden, um auch Minderheiten zu schützen, folgt aus dem zentralen SL-Postulat „Puts People First Der kreative Wettstreit um das gemeinsame Gute soll den vernichtenden Wettbewerb mit Gewinner- und Verlierer*innen überwinden.5
Religionslehrpersonen sind Servant Leader, führen aus spirituellem Antrieb, aus Vertrauen in Gott oder ins Leben. So informieren und unterstützen sie die gemeinsame Suche nach diversitätsfähiger Mitmenschlichkeit, privat und politisch. Entsprechend ist das zentrale SL-Führungstool nicht die Anweisung, sondern die Kunst des Fragens. Fragen öffne partizipative Räume, ermögliche das Abwägen aller Stimmen für umsichtiges Entscheiden. SL arbeitet mit Narrativen aus Religionen und Literatur und mit kreativem Schreiben. Nicht zufällig zeichnen die Evangelien Jesus als Meister des Storytellings für Beziehungslernen, firm in der Kunst des Fragens und der Gleichnisrede.6 SL und die Jesus-Weisung sind Konzeptionen von Hoffnung, das Gegenteil von naiven Optimierungsversprechen. So stehen Krisenerzählungen mit Transformationsfragen im Fokus. Jesus hält Bekehrung für möglich, aber auch Rückfälle. Das Wort vom 77mal-Vergeben (Mt 18:22) aber ist nicht als Moralappell zu hören, sondern als Ermutigung zum resilienten Lernen. SL bietet Lernfragen anhand sozialpsychologischer Modelle: Was dominiert bei mir, der Angriff des Adlers oder der Selbstschutz der Schildkröte? Wie spielen Typen-Konstellationen in Gruppen zusammen? Wie geht Chill-drill: Wie ist Deeskalation unter steigendem Stress zu schaffen?7
Kritikfähige Experimentierlust – gegen den Reflex, Schuldige zu suchen.
Neu an SL ist, Bekehrung als Trainingsprogramm zu beschreiben. Das Einüben von Fehlerfreundlichkeit erschließt Scheitern als Ressource. Scheitern nicht zu verdrängen, sondern zugeben zu lernen, macht nach Greenleaf erst lernbereit. Moralischer Druck dagegen aktiviere den Psychomechanismus des Verdrängens, um gut da zu stehen. Mit Rückfällen ehrlich und barmherzig umgehen zu lernen, ermögliche kritikfähige Experimentierlust – gegen den Reflex, Schuldige zu suchen. Wer in der Gruppe Kritik gibt, benennt Gelungenes, danach Defizite ohne Vorwurf. Wer Kritik bekommt, erträgt die Kränkungen, nicht perfekt zu sein, und stellt sich den eigenen Rachegelüsten. Erst das Zulassen destruktiver Gefühle ermögliche die Entscheidung gegen Rache für Kooperation. Religionsunterricht ist der prädestinierte Raum, die Jesus-Idee von Macht als Dienst mit SL im Anschluss an aktuelle Wissenschaftsdiskurse als Friedensbildung zukunftsfähig zu machen. Das Lernziel ist, nichts und niemanden zu unterdrücken, sondern zu ermutigen. Dazu vier Momente von Führungstraining:
Erstens, Religionslehrpersonen übernehmen gerade dann Führung, wenn sie für Krisen befähigen und die biblischen Motive von Scheitern als Lernimpuls zu Bewusstsein bringen: Jona hat keine Freude an der Rettung Ninives (Jon 4:1-4). Der ältere Bruder im Gleichnis vom barmherzigen Vater vermisst die gerechte Strafe für den Taugenichts (Lk 15:25-30). Diese beiden Figuren leben in uns, auf der narzisstischen Seite der Macht. Rechthaberei will abstrafen, blind für die hilfsbedürftige Seite angesichts eigener Fehler. Fehlerfreundlichkeit hilft, der Wirklichkeit keine Gewalt anzutun. Durch die Zeiten geht es um meine Entscheidung: Wer will ich sein in diesem Spiel, missgünstig oder großzügig?
Zweitens, jede gewaltfreie Didaktik zielt auf möglichst ganzheitliche Schüler*innenorientierung, umso mehr das Fach Religion mit der Idee der Gottebenbildlichkeit aller Menschen im Zentrum (Gen 1:27). SL-Fragen zu Persönlichkeitsstruktur und Bedürfnissen können Lehrpersonen helfen, ihre spontanen Sympathien und Aversionen wahrzunehmen. Dienende Führungskräfte wagen, Störungen als unangenehm zu spüren, nicht zu kaschieren. Dissonanzen im Klassenzimmer zu erforschen, ist professionell zugelassene Verunsicherung.
Drittens, die Führungskunst gewaltfreier Didaktik kann Religionsunterricht im Vergleich zu „Leistungsfächern“ zum Safe-Space ausbauen. Lerninteressierte Lehrpersonen animieren Schüler*innen, ihren Begabungen und Wünschen auf die Spur kommen, aber auch ihre Ambiguitäten und Dominanzgelüste wahrnehmen lernen. Wenn die PISA-Studie europaweit den Anstieg von Mobbing misst8, sind „führ-sorgliche“ Lehrpersonen umso wacher für die Anfänge von Gewalt. Schulmobbing wird nachweislich weniger, wenn destruktive Energien früh benannt und in eine Einladung zur Solidarität mit dem Opfer umgelenkt werden.9 Für Mobbingprävention ist Religionsunterricht ein ureigenster Raum: Die Spitzenstory der Bibel offenbart Mobbing: Jesus ist ein Mobbingopfer. Seinen Freuden sinkt der Mut unter Druck der Obrigkeit. Macht als Dienst leben zu lernen, befähigt Mitläufer dagegen zu Zivilcourage und bewahrt davor, sich zum Mittäter zu machen. In der Präventionsarbeit geht es darum, diese Entscheidung rechtzeitig zu treffen.10
Viertens, auch Religionsunterricht befähigt für den Arbeitsmarkt. Persönliche Spiritualität zeigt sich auch in sozialethischer Verantwortung. Hilfreich scheint es, um Studien zu servant led companies zu wissen und im Unterricht höherer Klassen der kritischen Reflexion zu unterziehen. Tatsächlich scheinen die von Greenleaf erhofften Qualitätsverbesserungen in Unternehmen messbar, ein Hoffnungszeichen!11 Führungskräfte im Fach Religion können helfen, die Führungsverantwortung der nächsten Generation für eine sozial verantwortlichere Form des Wirtschaftens zu sensibilisieren. Kirchliches Führungspersonal der Zukunft könnte mit Blick auf ethische Organisationsentwicklung so wirtschaften, dass die Aufarbeitung und Prävention geistlichen und sexualisierten Missbrauchs besser gelänge. Dieses Dienstideal wird noch zu oft unterlaufen, damit gutes Ansehen herrscht.12
Macht als Dienst
Gemessen an dieser Argumentation wären Religionslehrperson also dann innovative Führungskräfte, wenn sie eine lernbereite Machtpositionalität vorleben und das Thema „Macht als Dienst“ an allen Stoffen erschließen. Bei allen Religionsthemen geht es nämlich um das Ausbilden schöpferischer Macht und das Verhindern von Machtmissbrauch. Gottvertrauen oder kosmisches Urvertrauen könnte helfen, sozialsensible Macht unter Druck durchzuhalten und Ego-Trips zu meiden. Religionslehrpersonen haben hier große Führungsverantwortung mit großen Führungschancen.
Greenleafs Testfrage für Führungsqualität räsoniert mit den Eingangszitaten zum Führungsauftrag von Religionslehrpersonen: „Wachsen diejenigen, denen gedient wird, als Persönlichkeiten? Werden sie, während ihnen gedient wird, gesünder, weiser, freier, autonomer, wahrscheinlicher selbst zu Dienern?“13 Religionslehrpersonen mit SL finden die Antwort auf diese Frage auch im direkten Gespräch mit ihren Schüler*innen. Damit zeigen sie Führung und trainieren Führung, mitmenschlich.
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VERANSTALTUNGSHINWEISE
Religionspädagogisches Arbeitsforum „Optimierung, Change oder Transformation?
Impulse für die Gestaltung des Religionsunterrichts in Deutschland“, 25.-27. Februar 2026, Tagungshaus Himmelspforten, Würzburg.
Online-Fortbildung: Der No Blame Approach. Social Skills und Mobbing – Intervention für Schulkultur und Religionsunterricht auf bibeltheologischer Basis am Donnerstag, 19. März 2026, 15-18 Uhr. Das Webinar ist kostenfrei für Sie. Den Link erhalten Sie mit Ihrer Anmeldung bei annette.edenhofer@khsb-berlin.de.
Annette Edenhofer, Dr., Professsur für Religionspädagogik, Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB).
Glaube, Liebe, Hoffnung aus Berlin. Gespräche zu Themen aus Kirche, Gesellschaft und Politik:
Bild: privat
- Vgl. Edenhofer, Annette: 25 Stunden Schule. Bericht zu Bildungsqualität und Berufszufriedenheit im Erzbistum Berlin. BIRP-Workingpaper Nr. 2, KHSB, Berlin, Juli 2025: 56, 61, 71. ↩
- Greenleaf, Robert. Servant as Leader, Greeleaf Center 1970, 6. In: http://www.ediguys.net/Robert_K_Greenleaf_The_Servant_as_Leader.pdf, abgerufen am 07.12.25. ↩
- Vgl. a.a.O., 2-10. ↩
- Vgl. Bericht zur weltweiten Ungleichheit 2022, World Inequality Lab 2022, in: https://wir2022.wid.world/www-site/uploads/2021/12/Summary_WorldInequalityReport2022_German.pdf, abgerufen am 22.08.25; vgl. „Merz‘ Problem mit dem Stadtbild“. dlf, 23.10.25, in: https://www.deutschlandfunk.de/friedrich-merz-stadtbild-migration-diskussion-100.html, abgerufen am 08.12.25. ↩
- Vgl. Greenleaf, SL, S. vii-ix; vgl. die Greenleaf-Schüler Sipe, James W. /Frick, Don M., Seven Pillars of Servant Leadership, Mahwah, 2009, 34-103. ↩
- Vgl. FN 3, Sipe / Frick zu authentischen Krisen- und Lösungsgeschichten sowie einem Frageteil zur Entwicklungs- und Konfliktfähigkeiten, s. S. 34-103, vgl. dort den Fragekatalog, S.183-197. ↩
- Vgl. FN 3, Sipe / Frick, 93-94. ↩
- Vgl. PISA-Studie “Anteil der von Mobbing betroffenen Schülerinnen und Schüler in Europe 2022, in: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1243691/umfrage/von-mobbing-betroffene-schueler-in-europa/, abgerufen am 21.08.25. ↩
- Vgl. von Falkenburg, Dagmar, „Der No Blame Approach. Social Skills im Religionsunterricht und Mobbing-Intervention, in ZeitsRUng 01/25, S. 21-23, in: https://akd-ekbo.de/wp-content/uploads/AKD_RU_zeitspRUng_2025-1_S21-22.pdf, abgerufen am 22.08.25. ↩
- Vgl. für Jesus als Mobbingopfer: Edenhofer, Annette, War Jesus der erste Minimalist?, Stuttgart 2022, 75-105. ↩
- Vgl. Nathan, Eva et. al., “Servant Leadership. A systematic Review and call for future research”, Leadership Quarterly Vol. 30 Iss. 1, February 2019, 111- 132, in: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1048984317307774, abgerufen am 05.03.2025; The Palgrave Handbook on Servant Leadership, ed. by S. Dihman / G. Roberts, New York 2023, in: https://link.springer.com/referenceworkentry/10.1007/978-3-031-01323-2_94, abgerufen am 05.03.25. ↩
- Vgl. Unabhängige Beauftragte zur Frage des Kindsmissbrauchs, „Ausarbeitung von sexueller Gewalt im kirchlichen Kontext“, in: https://beauftragte-missbrauch.de/themen/aufarbeitung-von-sexueller-gewalt/aufarbeitung-von-sexuellem-missbrauch-in-kirchen, angerufen am: 08.03.2025. ↩
- Greenleaf, Robert K., New York 1977/2002, Servant Leadership. A Journey into the Nature of Legitimate Power und Greatness, 27. ↩


