Ludger Hiepel, Amina Kišić und Mouhanad Khorchide waren gemeinsam in Sarajevo unterwegs und haben die Stadt unter einer interreligiösen Perspektive erkundet. Hier berichten sie von ihren Erfahrungen und Erkenntnissen.

Wer im Dezember durch Sarajevo geht, begegnet einer Stadt, in der religiöse Vielfalt sichtbar gelebt wird. Vor der katholischen Kathedrale steht ein geschmückter Weihnachtsbaum, wenige Schritte weiter öffnet ein Weihnachtsmarkt seine Stände. Lichterketten, Musik, der Duft von Gewürzen — vertraute Bilder europäischer Adventszeit. Und doch befindet man sich in einer Stadt, deren öffentliche Klanglandschaft ebenso vom Ruf des Muezzins geprägt ist wie von Kirchenglocken. Auch vor der Synagoge steht kein Polizeiwagen. Keine Absperrungen, keine schwer bewaffneten Einsatzkräfte, keine sichtbaren Sicherheitsvorkehrungen, wie sie in vielen europäischen Städten längst zum gewohnten Bild gehören. Jüdisches Leben erscheint hier nicht als besonders schutzbedürftige Ausnahme, sondern als selbstverständlicher Teil des städtischen Alltags.
Was auffällt, ist nicht religiöse Differenz als Besonderheit, sondern ihre Normalität. Unterschiedliche religiöse Präsenz im öffentlichen Raum wirkt nicht erklärungsbedürftig. Sie gehört zum urbanen Leben, so selbstverständlich wie Cafés, Straßenbahnen oder der Blick auf die umliegenden Hügel. Gerade diese Normalität öffnet den Blick für eine zweite Dimension der Stadt. Erst vor diesem Hintergrund beginnt man zu verstehen, dass Sarajevo nicht nur ein Ort gegenwärtiger Koexistenz ist, sondern auch ein Raum verdichteter Geschichte.
religiöse Differenz ist nicht Besonderheit, sondern Normalität
Vor einiger Zeit haben wir über die Notwendigkeit geschrieben, dass religiöse Gemeinschaften nicht nur nebeneinander existieren, sondern „Schulter an Schulter“ Verantwortung füreinander übernehmen. Damals war dies eine theologische Reflexion über Beziehung, Verwiesenheit und gemeinsame Verantwortung vor Gott. In Sarajevo begegnete uns diese Idee nicht mehr als theologisches Argument, sondern als soziale Wirklichkeit.
Unsere Reise im Dezember 2025 war kein isolierter Besuch, sondern Teil eines länger gewachsenen Dialogprozesses. Bereits im Sommer hatten wir Vertreter:innen religiöser Gemeinschaften aus Bosnien und Herzegowina zu einem Workshop nach Münster eingeladen, bei dem Erfahrungen jüdisch-muslimischen Dialogs diskutiert wurden. Die Begegnungen dort führten nicht nur zu neuen Einsichten, sondern auch zu einer Einladung: den Dialog vor Ort weiterzuführen. Die Reise nach Sarajevo war damit ein Gegenbesuch – und zugleich ein Perspektivwechsel. Wer über Dialog spricht, muss auch sehen, wie er gelebt wird.
Wer über Dialog spricht, muss auch sehen, wie er gelebt wird.

Sarajevo wird häufig als Symbol religiöser Vielfalt beschrieben. Doch diese Beschreibung bleibt oberflächlich, wenn sie Vielfalt lediglich als friedliches Nebeneinander versteht. Die religiöse Landschaft der Stadt ist nicht einfach plural, sondern historisch verwoben, konflikterfahren und von gemeinsamer Verletzlichkeit geprägt. Gerade darin liegt ihre besondere Bedeutung. Mit dem gerade ins Englische übersetzten Band Shared History and Everyday Coexistence: Jews and Muslims in Bosnia and Herzegovina hat Dževada Garić eine dichte Dokumentation jüdisch‑muslimischer Beziehungen vorgelegt. Historische Beiträge und Fallstudien zeichnen nach, wie sich Formen des Zusammenlebens von der osmanischen Zeit bis in die Gegenwart entwickelt haben – nicht als idealisierte Harmonie, sondern als sozial gewachsene Praxis unter Bedingungen gemeinsamer Verwundbarkeit.
Die Stadt trägt bis heute die Spuren von Krieg, Gewalt und gesellschaftlicher Fragmentierung. Erinnerung ist hier keine abstrakte Kategorie, sondern Teil des öffentlichen und persönlichen Lebens. Museen, Gedenkorte und Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern religiöser Gemeinschaften machen deutlich: Versöhnung entsteht nicht durch das Ausblenden der Vergangenheit, sondern durch ihre gemeinsame Bearbeitung. Erinnerung wird zu einem Raum der Begegnung.
Besonders eindrücklich zeigt sich diese verflochtene Erinnerungsgeschichte in zwei bedeutsamen Ereignissen: dem sogenannten Sarajevo Purim und der Geschichte der Sarajevo-Haggada. Das Sarajevo Purim erinnert an die Ereignisse von 1819, als muslimische Bürger Sarajevos öffentlich gegen die Inhaftierung jüdischer Gemeindemitglieder intervenierten und so ihre Freilassung erzwangen – ein Akt kollektiver Solidarität, der bis heute liturgisch erinnert wird. Auch die Rettung der berühmten Sarajevo-Haggada während der nationalsozialistischen Besatzung gehört zu diesen Erinnerungsnarrativen gelebter Verantwortung: Der muslimische Gelehrte Derviš Korkut bewahrte die mittelalterliche Handschrift vor der Zerstörung und machte sie damit zu einem Symbol gemeinsamer kultureller Schutzverantwortung. Beide Ereignisse stehen exemplarisch für eine Erinnerungskultur, in der religiöse Differenz nicht als Grenze, sondern als Anlass für moralisches Handeln sichtbar wird.
Die Erfahrung von Gewalt hat ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass gesellschaftlicher Frieden keine Selbstverständlichkeit ist, sondern kontinuierlicher Arbeit bedarf.
Auffällig ist, dass interreligiöser Dialog in Sarajevo nicht primär als symbolischer Akt organisiert wird. Er ist institutionell verankert, gesellschaftlich erwartet und biografisch motiviert. Religiöse Gemeinschaften kooperieren nicht nur in Fragen theologischer Verständigung, sondern auch in sozialen, kulturellen und bildungspolitischen Zusammenhängen. Dialog erscheint weniger als Ideal, das erreicht werden soll, sondern als Praxis, ohne die Zusammenleben nicht möglich wäre.
Hier zeigt sich ein deutlicher Unterschied zu vielen westeuropäischen Kontexten. Dort wird religiöse Vielfalt häufig als politisches oder gesellschaftliches Problem verhandelt. In Sarajevo hingegen erscheint Differenz als gegebene Realität, die nur durch gemeinsame Praxis bearbeitet werden kann – nicht trotz der Konfliktgeschichte, sondern auch wegen ihr. Die Erfahrung von Gewalt hat ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass gesellschaftlicher Frieden keine Selbstverständlichkeit ist, sondern kontinuierlicher Arbeit bedarf. Diese Erfahrung verändert auch die Rolle von Religion im öffentlichen Raum. Religion erscheint weniger als identitätsstiftende Abgrenzung, sondern als Ressource moralischer Verantwortung: als Träger von Erinnerung, ethischer Orientierung und gemeinschaftlicher Stabilisierung. Dialog ist dann kein Zusatz zum religiösen Leben, sondern Ausdruck seiner gesellschaftlichen Dimension.
Religion nicht als identitätsstiftende Abgrenzung, sondern als Ressource moralischer Verantwortung

Was wir in Sarajevo beobachten, lässt sich als Mutual Responsibility beschreiben: eine wechselseitige, relationale Verantwortung, die nicht beim eigenen religiösen Selbstverständnis stehen bleibt, sondern sich öffentlich auf die Verwundbarkeit anderer und der Welt hin öffnet. Anders als im klassischen interreligiösen „face to face“, das Differenzen häufig frontal ausstellt, meint das Paradigma „Schulter an Schulter“ einen Perspektivwechsel: religiöse Akteur:innen lernen, ihre Traditionen gemeinsam zu reflektieren und aufeinander bezogen zu leben — und daraus erwächst eine Praxis gemeinsamen Handelns für das Leben der Anderen und die gemeinsame Welt – auch im Angesicht von Gewalt, Ausgrenzung, Armut, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit. Verantwortung wird dabei nicht delegiert und nicht moralisch überhöht, sondern als lernfähiger Prozess verstanden, der Differenzen anerkennt, ohne sie zur Grenze gemeinsamer Handlungsmöglichkeiten zu machen.
Was bedeutet das für europäische Gesellschaften, die sich selbst häufig als säkular und zugleich plural verstehen? Zunächst dies: Religiöse Vielfalt lässt sich nicht allein politisch regulieren oder projektförmig moderieren. Sie muss sozial gestaltet werden – durch institutionelle Kontinuität, verlässliche Beziehungen und die Bereitschaft, auch konflikthafte Erfahrungen gemeinsam zu erinnern und zu bearbeiten. Nachhaltige Verständigung entsteht dort, wo sie mit Verantwortung für eine geteilte Geschichte verbunden ist.
Vielleicht liegt die entscheidende Einsicht darin, dass Dialog nicht dort entsteht, wo Unterschiede verschwinden, sondern dort, wo sie als dauerhaft anerkannt werden. Zusammenleben wird dann nicht als Überwindung von Differenz gedacht, sondern als gemeinsame Gestaltung von Wirklichkeit unter Bedingungen bleibender Verschiedenheit. Sarajevo erinnert daran, dass Dialog keine Option unter vielen ist, sondern eine soziale Praxis, die gelernt und institutionell getragen werden muss – ohne einfache Antworten zu liefern.
Nachhaltige Verständigung entsteht dort, wo sie mit Verantwortung für eine geteilte Geschichte verbunden ist.
Diese Beobachtungen haben auch theologische Konsequenzen. In unserem früheren Beitrag auf feinschwarz haben wir gefragt, warum Christentum und Islam jüdisches Leben brauchen – theologisch, erinnerungspolitisch und gesellschaftlich. Sarajevo verschiebt nun den Blick: Hier begegnen wir einer Stadt, in der jüdische und muslimische Erinnerungspraxen seit Jahrhunderten ineinander verflochten sind – und in der christliche Akteur:innen ihrerseits lernen mussten, sich neu zu verorten.
Als christliche und muslimische Theolog:innen stehen wir nicht außerhalb einer Beziehung zu Jüdinnen und Juden, sondern sind – auch untereinander – selbst Teil einer Geschichte gegenseitiger Verwiesenheit. Wir begegnen vielmehr Akteur:innen, die einander brauchen, um ihre Traditionen im Angesicht von Shoah und Srebrenica verantwortungsvoll zu leben – und in deren gelebte Formen gegenseitiger Verantwortung auch wir uns einschreiben müssen. Die Stadt macht sichtbar, dass „Schulter an Schulter“ mehr sein kann als eine Metapher: eine Praxis, in der religiöse Gemeinschaften ihre Verwundungen nicht gegeneinander ausspielen, sondern in gemeinsame Verantwortung übersetzen.
„Schulter an Schulter“ statt „face to face“
Wenn wir nach Münster zurückkehren, bleibt uns Sarajevo als eine solche Erfahrung im Gedächtnis: eine Stadt, in der religiöse Gemeinschaften die Topografie der Erinnerung gemeinsam gestalten – nicht konfliktfrei, aber im Wissen um ihre gegenseitige Verwundbarkeit. Deshalb wollen wir den Austausch nicht bei Workshop und Studienreise belassen. Mit Studierenden wollen wir die begonnenen Kooperationen vertiefen und gemeinsam einüben, wie interreligiöser Dialog im Angesicht von Shoah, Srebrenica und aktuellen Konflikten verantwortungsvoll gestaltet werden kann.
Vielleicht lässt sich die Erfahrung dieser Stadt so zusammenfassen: Dialog entsteht dort, wo Gemeinschaften lernen, nicht nur ihre eigene Geschichte zu erinnern, sondern die Verwundbarkeit der anderen mitzudenken – und daraus gemeinsame Verantwortung entstehen zu lassen. Sarajevo zeigt, dass religiöse Gemeinschaften Schulter an Schulter stehen können, ohne ihre Unterschiede zu verlieren – und ohne ihre Geschichte zu vergessen. Was wir hier beobachten, ist mehr als gelingender Dialog. Es ist eine Praxis gegenseitiger Verantwortung: eine Form von Mutual Responsibility, die nicht aus Harmonie entsteht, sondern aus der bewussten Entscheidung, Differenz, Erinnerung und Verwundbarkeit gemeinsam zu tragen. Vielleicht liegt gerade darin eine der realistischsten Formen von Hoffnung, die unsere Gegenwart kennt: eine Weise, mit Geschichte zu leben, ohne sie gegeneinander zu wenden – sondern miteinander Verantwortung zu übernehmen.
Literatur
Dževada Garić (Hg.), Shared History and Everyday Coexistence: Jews and Muslims in Bosnia and Herzegovina, Sarajevo 2025.
Schulter an Schulter – warum Christentum und Islam jüdisches Leben brauchen, feinschwarz –Theologisches Feuilleton (27.01.2026).
Beitragsbild: Pflasterung in der Altstadt von Sarajevo (Bild von Ludger Hiepel)
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Amina Kišić ist Religionspädagogin aus Sarajevo und in verschiedenen Projekten des interreligiösen Dialogs in Bosnien und Herzegowina engagiert. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in der Bildungsarbeit und in Fragen gesellschaftlicher Versöhnung.
Mouhanad Khorchide ist Professor für Islamische Religionspädagogik und Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in islamischer Religionspädagogik, systematischer islamischer Theologie, historisch‑kritischer Koranhermeneutik und interreligiösem Dialog.

