In seinem Essay bringt Christian Geyer die teuflische Macht in Goethes Faust mit der johanneischen Erlösungstheologie ins Gespräch. Und stellt die Frage, was «Erlösung von dem Bösen» heute bedeuten könnte.
Vor ein paar Tagen ist Goethes Faust in mein Leben zurückgekehrt. Es ist lange her, gute 30 Jahre, dass ich mich im Deutsch-Leistungskurs in diese Verse eingegraben habe. Dunkel kann ich mich erinnern, wie fremd und faszinierend ich den Text gefunden habe. Jetzt liegt der Faust auf unserem Küchentisch. Es ist die Schullektüre meiner ältesten Tochter. Das Reclam-Buch liegt zwischen Smartphone und I-Pad. Sie blättert darin, seufzt, und schiebt es dann zur Seite. Nicht mal aus Ablehnung, eher aus dem Reflex, dass dieser Text Geduld verlangt, die sie gerade nicht übrighat.
„des Pudels Kern“ bleibt fraglich
Ich dagegen hole mein altes Reclam-Bändchen aus dem Bücherregal, lese rein und nach. Zunächst werfe ich nur einen Blick auf einen der Spitzensätze: „Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor.“ Dann springt der Funke über und ich lese weiter. Am Samstagnachmittag finde ich mich im Studierzimmer von Doktor Faustus wieder. Ich sehe die Bücherwände vor meinen Augen, lausche seinen Gedanken und merke, „des Pudels Kern“ bleibt fraglich. Faust sitzt fest, vollgestopft mit Wissen und leer an Sinn. Und während ich lese, nimmt eine zweite Stimme Platz – höflich, spöttisch, siegessicher. Mephisto kommt nicht mit Hörnern und rotem Gesicht; er kommt mit einem fürsorglichen Tonfall.
Das bewegt mich heute mehr als damals, weil ich erkenne, dass das Teuflische bei Goethe nicht im Spektakel steckt, sondern in Vorschlägen wie das Leben gestaltet werden kann. Subtile Einflussnahme statt grober Gewalt. Elegante Abkürzungen statt anstrengender Auseinandersetzungen. Ein „Ach komm“. Ein „So schlimm ist das nicht“. Ein „Du hast dir das verdient“. Das Böse kommt als Vereinfachung und Entlastung daher.
Faust, der sich verführen lässt, ist nicht nur böse. Er ist des Lebens müde. Er will nicht ein bisschen Sinn, sondern den Sinn des Lebens; nicht ein bisschen Glück, sondern das Glück schlechthin. Und genau dort setzt die Verführung an: Sie nimmt die Sehnsucht und verdreht sie, nur um eine Nuance, und heraus kommt ein Besitzanspruch.
Der Moment des Verderbens sieht wie ein Verwaltungsvorgang aus.
Der Pakt –dieser Vertrag zwischen Faust und Mephisto – ist dafür ein treffendes Beispiel. Das Böse wird so bürokratisch wie ordentlich zu Papier gebracht. Faust verkauft seine Seele nicht mit Blut, sondern mit Worten. Das erschreckt mich. Der Moment des Verderbens sieht wie ein Verwaltungsvorgang aus. Und dann dieser Satz vom Augenblick! Wenn Faust zum Augenblick sagen wird – „verweile doch! Du bist so schön!“ –, wenn er das Leben eines Tages so satthat oder unendlich zufrieden ist und stehen bleiben will, dann gehört er Mephisto ganz und gar. Der Teufel plant gar nicht die große Katastrophe. Er wartet auf das Einverständnis des Menschen.
Die Logik des Bösen wird vom Sohn Gottes nicht aus der Welt geschafft, sondern aufgelöst.
Mitten in meinem Nachdenken über das Teuflische im Faust begegnet mir ein Vers aus dem 1. Johannesbrief: Der Sohn Gottes ist erschienen, um die Werke des Teufels zu zerstören. Zerstören. Es klingt, als würde jemand dazwischenschlagen und endlich aufhören, zu verhandeln. Wie aber lassen sich die „Werke des Teufels“ zerstören, wenn es nicht um den offensichtlichen Hexentanz in der Walpurgisnacht geht, sondern um die Mechanik, die aus Sehnsucht Gier macht, aus Liebe Besitz, aus Freiheit Verantwortungslosigkeit? Das griechische Verb lýein ist konstruktiver und vielseitiger als seine deutsche Übersetzung „zerstören“. Das überrascht mich. Die Logik des Bösen wird vom Sohn Gottes nicht aus der Welt geschafft, sondern aufgelöst; der Knoten, der Faust fesselt, verliert seine Bindekraft. Vielleicht reicht es wirklich aus, dass ich mich von den Worten und Taten Jesu berühren lasse, um die eigene Sicht- und Handlungsweise zu ändern.
Einfach ist das nicht. Das Böse entpuppt sich ja als ein System der kleinen Verschiebungen mitten im Leben. Es ist „ein Teil von jener Kraft, Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Diese Provokation sitzt. Ohne Mephisto käme Faust nicht vom Fleck. Er würde weiter im Studierzimmer sitzen, reich an Wissen, arm an Lebenserfahrung. Mephisto bringt ihn in Bewegung und in die Welt: zu Gretchen, ins Scheitern, in die Schuld. Das ist unbequem. Es bedeutet, dass das Böse nicht nur ein Gegner ist, sondern wohl auch eine Bedingung unserer Wirklichkeit.
Das Teuflische verführt, indem es die Seele entlastet von der Anstrengung, menschlich zu bleiben.
Wie aber kann eine Verführung zum Bösen produktiv sein? Der Mechanismus dahinter ist einfach: Die Lüge wird als „nötig“ legitimiert, Verantwortung wird „zu viel“ und Mitgefühl gilt als „naiv“. Es ist der ironische Tonfall, der über Schuld hinweglächelt, bis sie nicht mehr wehtut. Das Teuflische verführt, indem es die Seele entlastet von Scham, von Gewissenbissen, von der Anstrengung, menschlich zu bleiben. Und je öfter ich es mir leicht mache, desto mehr Gewicht verliert mein Leben. Es reduziert sich auf mein individuelles Glück, mein Wünschen und Wollen – ohne Rücksicht auf Verluste.
Und an dieser unbequemen Stelle trifft Goethes Faust den Johannesbrief. Denn auch der johanneische Erlösungsgedanke vernichtet das Böse nicht einfach. Mit ‚Zerstören‘ ist gemeint, dass der Mechanismus des Bösen unterbrochen wird. Der Pakt wird aufgelöst. Die Energie wird umgelenkt: Aus Gedankenlosigkeit wird eine reflexive Haltung. Aus Gleichgültigkeit wird gesellschaftliches Engagement.
Erlösung – das Ende der Deal-Struktur
Wie aber können diese vielen teuflischen Aktionen gestört und beendet werden? Erlösung vom Bösen ist ja keine Verführung zum Guten, kein besserer Deal, kein glänzenderes Angebot. Erlösung vom Bösen ist die Auflösung dieser Mechanik: das Ende der Deal-Struktur. Nicht: „Gib mir, dann gebe ich dir“, sondern: „Du bist gesehen und geliebt.“ „Du brauchst dich nicht verkaufen.“ „Dein Leben hat Sinn – unabhängig von Deinen Leistungen.“
Trotzdem bleibt das Teuflische Teil der Kraft, die mich umgibt. Und ich frage mich, ob meine Tochter spürt, dass dieser Text etwas von ihr will. Die Leseverweigerung könnte auch eine Form von Selbstschutz sein. Nur: Selbstschutz ist kein Wert an sich. Das lehrt Goethe, und das zeigt die Gegenwart. Die politischen Verführungen unserer Tage imitieren Erlösung, wenn sie mit einfachen Antworten auf eine komplexe Erschöpfung reagieren. Sie nehmen Sehnsüchte nach Orientierung, Zugehörigkeit, Kontrolle und verschieben ihren Bedeutungsgehalt. Heraus kommt kein Sinn, sondern ein Feind. Hinter „Freiheit“ verbirgt sich Faschismus, hinter „Selbstschutz“ die Aufkündigung der Solidarität. Der Mephisto unserer Tage spricht vom Volk. Vom Verrat. Von der Wahrheit, die endlich gesagt werden muss. So modern hatte ich Goethe nicht vor Augen.
Wahrheit, die mich nicht schont, macht mir zu schaffen.
Mephisto ermöglicht die alltäglichen Bosheiten, die sich gut tarnen lassen. Und dann wartet er auf die vielen kleinen Einverständnisse. Das Einverständnis kommt als ein Achselzucken daher, als Wegschauen, als das Gefühl, dass man ja auch nicht alles kommentieren kann. Hannah Arendt nannte das die Banalität des Bösen. Das Böse beschreibt nicht ein Monster, sondern die Gedankenlosigkeit der Menschen, ihre Verblendung.
Dagegen ist die Erlösung vom Bösen eine Zumutung. Denn Wahrheit, die mich nicht schont, macht mir zu schaffen. An Verantwortung, die ich nicht wegschiebe, trage ich mitunter schwer. Und Liebe, die auch denen gilt, die mir unsympathisch sind, kostet mich Überwindung.
Wer löst die Verknotungen in „des Lebens labyrinthisch irren Lauf“?
Das Buch meiner Tochter liegt unterdessen auf dem Schuhschrank. Ungelesen. Bereit, wieder mitgenommen zu werden. Ich lese mich fest und verstehe immer mehr von der Ambivalenz des Bösen. Sie weiß wenig von dieser Tragödie und trägt den Text trotzdem mit sich herum. Ich will mich der Möglichkeit nicht verschließen, dass darin die eigentliche Frage steckt: nicht, wie man der Verführung widersteht, sondern wie der Aufbruch gelingen kann. Wer löst dann – ohne Deal – die Verknotungen in „des Lebens labyrinthisch irren Lauf“?
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Beitragsbild: Margret Hofheinz-Döring, Faust spricht mit dem Erdgeist, Öl, 1969 (Wikimedia commons)


