Hans-Joachim Sander führt auf eine katholische Tour d’horizon: autoritäre Belagerung schwindet, es bleibt pastorale Fürsorge – und die Sehnsucht nach einem entkirchlichten Glauben.
Heinrich Böll hat einen seiner letzten Romane „Fürsorgliche Belagerung“ genannt (1979). Er verhandelt die hohlen, aber auch gefährlichen Idyllen der westdeutschen Bonner Kleinstadtrepublik. Böll war prädestiniert, über das abgründige Halbdunkel einer fürsorglichen Belagerung zu schreiben, die typisch ist für sich erhaben wähnende und alles überwölbende Systeme. Sein berühmter Clown hatte sich als Experte erwiesen, als er dessen bei der Kirche des rheinischen Katholizismus ansichtig geworden war. Es war schließlich die katholische Kirche, die spätestens seit ihrer Pianischen Epoche die Belagerungsstrategie durch Fürsorge zur Meisterschaft geführt hatte.
Tentakel der Fürsorge
Zwei Orte ragen unter vielen heraus, das Priesterseminar und der Beichtstuhl. Der erste war für die künftige Führungsschicht zuständig, die zuerst einmal am eigenen Leib die Tentakel der Fürsorge beherrschen lernen musste. Der andere sollte Subalternen wenigstens einige Demütigungen lösend mildern, die bei Belagerung zum eigenen Wohl irgendwie unvermeidlich sind. Die Strategie wurde feinsinnig auf weitere religiöse Aktivitäten abgestimmt. Die meisten Universitätstheolog:innen wissen bis heute eigene Hymnen auf den fürsorglichen Rammbock des Nihil Obstat anzustimmen.
Mit fürsorglicher Belagerung versuchen überwölbend-erhabene Systemen aber auch jene unausweichliche Heuchelei zu kontrollieren, die sie nicht zuletzt selbst gefährdet. Wir erleben seit einiger Zeit, wie solche Systeme daran zusammenbrechen, weil so viele ihrer Unverschämtheiten nicht mehr im Halbdunkel verbleiben. So traten die social media mit dem fürsorglichen Versprechen an, jede:r könne eine gewichtige Stimme in der gesellschaftlichen Kommunikation haben; man müsse nur die liberal-elitären Leitmedien hinter sich lassen. Das taugt noch nicht einmal mehr zum Lippenbekenntnis, während die Belagerung der Algorithmen mit Suchtpotential tief ins persönliche Leben von Menschen eindringt.
Ein anderes Beispiel ist die fürsorgliche Belagerung, die Europa lange mit den USA umschlungen hielt. Jetzt ist die Fürsorge weg, aber die Belagerung löst sich nicht mit auf. „We need Greenland!“ Ob es dabei bleibt? Vorstellungen vom regime change jedenfalls lassen, trotz ihrer aktuellen Hochkonjunktur im Nahen Osten, Skepsis wachsen. Das Konzept hat eine ebenso große wie unbestimmte Bandbreite, zumal es auf den Aggressor Russland ausdrücklich nicht angewendet wird. Die Äußerungen so mancher konvertierter katholischer Glaubensbrüder in den USA zu diesem Teil fürsorglicher Belagerung tragen auch nicht gerade zur Beruhigung bei.
Geblieben ist die Fürsorge
Auch bei der katholischen Kirche zerbröckelt diese Strategie immer schneller, allerdings vom anderen Ende her. Die Belagerung ist weg, geblieben ist Fürsorge. Das erste ist schon länger im Gang, sehr gut an der Sexualmoral zu erkennen. Welcher Katholik, welche Katholikin denkt beim Griff zum Kondom noch an den Papst? Meint man jetzt, das sei doch eigentlich ein Fortschritt, würde man sich täuschen. Den Garaus hat der Belagerungspotenz der Kirche ihr sexueller Missbrauch gemacht. Seither schwingen ihre Rammböcke nur mehr über dunkle Leeren eines tiefen Abgrunds. Aus einer Pastoralmacht, die vor lauter Kraft kaum laufen konnte, so dass ihre Religionsgemeinschaft sich nicht mehr bewegte, sind Pastoralmächtchen geworden.
Aber die flächendeckende Vertuschung des Missbrauchs – nun für mehr als hundert Jahre in den zentralen Leitungsorganen nachweisbar -, eine eifrige Täter-Opfer-Umkehr vor Ort, sobald ein neuer Fall ungläubiges Kopfschütteln hervorruft, und nicht zuletzt eine Sehnsucht nach endlich abschließender Versöhnung folgen der Fürsorge für die Täter. Natürlich sind ein neues Arbeitsrecht sowie ein gravierender Rückgang, wie wenige noch für die Kirche überhaupt arbeiten wollen, positive Entwicklungen. Man unterwirft sich sehenden Auges keiner Belagerung mehr und will ihre Befürsorgung auch nicht mehr gegen andere aktivieren.
Beim Ausfall einer systemischen Strategie, die lange intensiv herrschte, gibt es viele Phantomschmerzen. Wie würde politischen Figuren wie Mark Rutte und Giorgia Meloni sonst so große Bedeutung zugeschrieben werden? Selbst Victor Orban, der zum Schrecken der EU den postliberalen USA illiberale ungarische Wurfgeschosse andient, sucht den Fürsorger weiter im Osten. Von den nicht abreißenden Gewinnen der Tech-Konzerne brauchen wir gar nicht zu reden. Kaum ein gut gemeintes Handy-Fasten dürfte mehr als 40 Tage überstehen.
Verbitten und entgeistern
Auch katholisch-kirchlichen Phantomschmerzen wird willig seufzend nachgegeben. Man nehme nur die Lobreden auf die bemühte geistliche Methode der päpstlichen Weltsynoden, oder das eifrige Nachfragen um päpstliche Antwortschreiben, die einen synodalen Weg schon wieder wie seit 50 Jahren warten lassen. Das Absurdistan fürsorgender Belagerung wird nicht besser, wenn man es vergeistlicht oder verbittstellt. Man muss es sich verbitten und entgeistern. Selbst die Piusbrüder haben begriffen, dass der Papst ihr Lager nicht mehr wirklich belagern kann. Und klerikal gekonnt jammern sie mit der Fürsorge für ihre Gläubigen, die so dringend nach wahren bischöflichen Hirten und ihren ach-so-schönen Manipeln verlangen.
Bedauere ich, dass sich fürsorgliche Belagerungen auflösen? Benötigen wir womöglich eine Restauration, weil sonst die bloße Belagerung oder die Fürsorge allein doch nur autoritäre Charaktere nach oben spülen? Weder ist das eine zu bedauern noch das andere die Alternative. Man würde nur den Kopf davor in den Sand stecken, „that we are in a new day and in a new time” (Alexandria Ocasio-Cortez bei der Münchner Sicherheitskonferenz). Die Neuheit, die uns jetzt und auch künftig geschieht, ist kein passivum divinum.
Sie mutet die Entscheidung zu, was wir tatsächlich sein wollen: Sub-jugierte Subjekte, die sich gern von demütigenden Pastoratsmächten in bergende Hüllen der Befürsorgung locken lassen, aus denen die unliebsam juckenden Freiheiten der anderen nach draußen verlagert wurden? Oder Individuen, die sich zumuten lassen, souverän über die angeblichen Ausnahmezustände zu werden, in die alle autoritären Herrschaftsformen die Abgründe ihrer Demütigungsziele auslagern. Im zweiten stecken die passiva divina, die gläubige Menschen heute benötigen.
Glauben entkirchlichen
Das, was sich kirchlich auflöst mit versagenden Belagerungspotenz und einer befürsorgten kleinen Herde der wahren Gläubigen, ist kein Ausnahmezustand. Er wird sich auch nicht bedrohlich für andere jenseits der Kirche auswirken. Es ist die entleerte Hülle eines selbstgefälligen verkirchlichten Glaubens, der um sich selbst kreist. Das wird von jenen Gläubigen abgeschüttelt, die sich in ihrem Glauben entkirchlichen und dabei feststellen, weder Belagerung noch Fürsorge zu vermissen. Auch der demütigende Gott des verkirchlichten Glaubens fehlt ihnen nicht. Nach dem anderen, der weder belagernd noch fürsorglich die Heuchelei erhabener Systeme mit dem Mut demütigen Widerstands abschüttelt, sehnen sie sich aber.
Hans-Joachim Sander ist pensionierter Professor für Dogmatik an der Universität Salzburg.
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