Wie Frauen aus Nigeria das Motto des Weltgebetstags der Frauen 2026 interpretieren und was es mit dem sogenannten Heilandsruf «Kommt alle her zu mir …» (Mt 11,28-30) im Kontext des Matthäusevangeliums auf sich hat, erläutert Ulrike Bechmann.
„Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!“ Was heute meist ironisch zitiert wird, verkündete Minister Friedrich Willhelm Graf von der Schulenburg-Kehnert in Berlin nach der verlorenen Schlacht von Jena und Austerlitz 1806 bei der Kundgebung der Niederlage Preußens gegen Napoleon. Die Schlachten waren verloren, die Königsfamilie geflohen, Berlin und große Teile Preußens französisch besetzt – aber ruhig bleiben in Berlin! Doch „Ruhe“ als Befehl von oben funktioniert nicht, wenn Krisen das Leben der Menschen bedrohen, wie gegenwärtig erlebt werden kann. Und dabei sind längst nicht alle Krisenherde der Welt nahe oder auch nur im Blick.
die große Stärke von Nigerias Frauen ist ihr Sinn für Gemeinschaft
Nigeria ist so ein krisenhaftes Land, das nicht so oft in den Hauptnachrichten erscheint. Wenn es doch Meldungen über Nigeria gibt, geht es meist um entführte Kinder aus Schulen und Terrorangriffe durch Boko Haram. Armut, patriarchale Strukturen und Menschen auf der Flucht. Andererseits bietet das bevölkerungsreichste afrikanische Land (ca.232 Mio.) mit über 500 Ethnien und Sprachen Ölreichtum, eine kulturelle Vielfalt, eine florierende Filmindustrie („Nollywood“), Literaturpreisträger wie Wole Soyinka oder Schriftstellerinnen wie Chimamanda Ngozi Adichie oder Lola Shoneyin, Popstars oder eine erfolgreiche IT-Branche, um nur einiges zu nennen. Die große Stärke von Nigerias Frauen ist jedoch ihr Sinn für Gemeinschaft mit vielen Frauenorganisationen und feministischen Bewegungen. Der Weltgebetstag bietet weltweit die Chance, Nigeria differenziert kennenzulernen.
Räume für die Sehnsucht, nicht mehr um das Überleben kämpfen müssen
Dass Frauen und Mädchen überall, besonders Witwen oder Alleinerziehende, am meisten unter Krisen leiden, ist unbestritten. Das Internationale Weltgebetstagskomitee beauftragte Nigeria damit, zu „I Will Give You Rest: Come“ den Gottesdienst für 2026 zu verfassen. Doch die nigerianischen Frauen haben nicht nur ihr eigenes Land im Blick, sondern auch die Frauen weltweit, ganz im Sinn eines nigerianischen Sprichworts: „Der Schmerz von Einzelnen ist der Schmerz aller“. Insofern war die Herausforderung darüber nachzudenken, was es heißt, wenn nach Mt 11,28-30 Jesus Ruhe von aller Last verspricht. Dieses Versprechen eröffnet zu allen Zeiten Räume für die Sehnsucht, nicht mehr um das Überleben kämpfen müssen. Was die nigerianischen Frauen ersehnen, gilt für viele Frauen weltweit: Ruhe vor systematischer Unterdrückung, Scham, religiöser Verfolgung; eine Ruhe, die vor Armut und Verzweiflung rettet, vor Leiden, die vor allem Frauen ertragen müssen. Auf diesem Hintergrund interpretieren sie das Thema aus Mt 11,28-30.
Matthäische Theologie
Das Evangelium nach Matthäus entstand vermutlich zwischen 80-90 n.Chr. in Syrien. Dort waren die Folgen des Jüdischen Kriegs (66-70 n.Chr.) in Palästina vermutlich noch spürbar. Die Zerstörung vieler Landstriche, Jerusalems und des Tempels bedeuteten das Ende des religiösen Zentrums aller jüdischen Menschen. Viele waren geflohen, verletzt oder gestorben und verzweifelte Flüchtlinge gab es sicher auch in Syrien. In Folge des Krieges standen jüdische Gemeinden im Römischen Reich unter ständigem Verdacht – und mit ihnen die Christen und Christinnen. Die Nachrichten aus der Region heute lassen erahnen, was die Menschen damals erlebten.
Matthäus – bleiben wir bei dem traditionellen Namen – und die adressierte Gemeinde hatten die Septuaginta, das Markusevangelium und die Logienquelle Q als Grundlage für das Geschehen um Jesus. Offensichtlich genügten Matthäus aber alle diese Schriften nicht. Was immer sonst noch an Quellen und an mündlichen Traditionen vorlag: Matthäus sah die Notwendigkeit, auf dieser Grundlage ein eigenes Evangelium mit einer seiner Gemeinde dienlichen Theologie zu verfassen. Was er zusätzlich zu den Quellen komponierte, wird als „matthäisches Sondergut“ in der Exegese verhandelt. Mt 11,28-30 gehört dazu.
prophetische Theologie mit weitem Horizont
Matthäus folgt der prophetischen Theologie mit weitem Horizont, die Menschen aufbaut und niemanden ausschließt. Die Rahmentexte wie die Kindheitsgeschichte Jesu (Mt 1-2) und der Aussendungsbefehl am Ende (Mt 28,16-20) betonen: Die Christusbotschaft richtet sich an alle Menschen. Das unterstreichen die fremden Frauen im Stammbaum Jesu ebenso wie der Befehl, zu allen Menschen zu gehen. Und: Jesus ist „Immanuel“, wörtlich „Gott mit uns“ (Mt 1,23; 28,20). Dieser Rahmen wirft Licht auf das ganze Evangelium.
Bedeutung für die Gemeinschaft?
In der matthäischen Gemeinde gab es vermutlich große Divergenzen, Identitätsfragen entstanden. Welcher Art Gesalbter, also Messias (hebr.) bzw. Christos (gr.) war Jesus? Welche Konsequenz hatte Jesu Botschaft der basileia tou theou, der Gottesherrschaft? Soziale, sprachliche, politische und religiöse Unterschiede führten zu Auseinandersetzungen. Nichtjüdische und jüdische Gläubige waren noch nicht getrennt. Musste man Jude oder Jüdin sein, um sich zu Christus zu bekennen? Welche jüdischen Grundlagen waren unabdingbar?
Frauen und Männer sollten gleich sein – waren sie das auch jenseits des Herrenmahls?
Konnte man im Herrenmahl miteinander essen, wenn nicht alle jüdischen Vorschriften eingehalten waren? Aber auch soziale Fragen standen im Raum. Wie konnten Arme und Reiche miteinander feiern, wie konnten Sklaven und Sklavinnen mit ihren Besitzern gemeinsam Christus bekennen, wenn sie danach weiter abhängig waren? Frauen und Männer sollten gleich sein – waren sie das auch jenseits des Herrenmahls? Viele Fragen also, die die Identität der Christus-Bekennenden berührten und schon bei Paulus virulent waren.
Matthäus 11: Wer ist Jesus?
In Kapitel 11 zieht Matthäus eine Art Zwischenbilanz zu Jesu Identität. Er stellt die bisher bekannten Titel Jesu zusammen – und ergänzt in V.28-30, was ihm theologisch fehlt. Die Titel Jesu sind gewaltig: Jesus erfüllt die prophetischen Vorhersagen (Mt 11,2-6); er ist der von Johannes Getaufte, dem Boten des Messias Jesu (Mt 11,7-10), der Menschensohn (Mt 11,19), ein Prophet (Mt 11,20-24), ja, Jesus bezeichnet sich sogar selbst als Sohn Gottes (Mt 11,25-27). Das alles löst offenbar trotzdem die Fragen nicht hinreichend.
„Frau Weisheit“ – Gottes Freundlichkeit und Zugewandtheit zu den Menschen
Matthäus bietet in der Krise in V.28-30 als Höhepunkt die theologische Tradition der Frau Weisheit an, die sich in Jesus ereignet. Im Hebräischen ist die Weisheit (hebr. chokmah, gr. sophia) feminin. „Frau Weisheit“ ist zwar nicht Gott, aber göttlich in dem Sinn, dass sie durch ihr „Scherzen“ an der Schöpfung beteiligt war (Spr 8,22-31) und „aus dem Mund des Höchsten hervorging“ (Sir 24,3). Ist Jesus so mehr als „Sohn Gottes“?
Jesus sagt „Ich“, ich lasse euch ausruhen, „meine“ Last ist leicht. Dieses pointierte „Ich“ setzt ihn in eins mit der „Frau Weisheit. Jesus übernimmt ihre Rolle und lädt alle ein, jüdische wie nicht-jüdische Menschen, arm und reich, Männer und Frauen. Niemand muss werden wie die je anderen, alle sind willkommen so, wie sie geschaffen sind. Niemand muss etwas leisten. Jesus spiegelt als Frau Weisheit Gottes Freundlichkeit und Zugewandtheit zu den Menschen, ist international und weltoffen; Jesus als Frau Weisheit ermöglicht, die von Gott geschaffene Vielfalt zu respektieren und zu leben von allen, die Jesus als den Christos, den Gesalbten, bekennen. Der Weisheits-Jesus verheißt, dass alle in ihrem Dasein Ruhe, Annahme und Aufnahme finden.
Die Ruhe der Schöpfung als Gabe
Aber welche Ruhe? Gleich zweimal nennt Matthäus die Ruhe (gr. anapausis), als Ziel von Jesu Einladung (28c.29d). Er greift auf die tiefe Spiritualität des siebten Schöpfungstags zurück, an dem Gott durch Ruhe die Schöpfung vollendet (Gen 2,3) – und darin mit der Frau Weisheit/Jesus verbunden ist. Die jüdische Sabbatruhe ahmt diese schöpferische Ruhe Gottes nach. Sie bietet tiefen Frieden, einen Ort, wo man sicher ist und genährt wird.
man bekommt Angenommensein geschenkt
So wie ein Kind im Bauch der Mutter geschützt und genährt ist und wachsen darf, und erst dann geboren werden und leben kann. Einen solchen Schutz, eine solche Ruhe verspricht Jesus – und dies sollte die Gemeinde allen bieten. Man bekommt Angenommensein geschenkt. Erst wenn man selbst sicher und geborgen ist und nichts leisten muss – erst dann wächst Kraft, weiterzugehen.
Den Sabbatbezug der Ruhe bestätigt auch die direkt anschließende Diskussion mit Gelehrten (Mt 12), untermauert durch das Prophetenzitat Hos 6,6: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ (Mt 12,7). Und: Es ist erlaubt, am Sabbat zu heilen (Mt 12,12). Mit Verweis auf den Gottesknecht (Jes 42,1-4) festigt Matthäus die Identität Jesu (Mt 12,17-21), der den glimmenden Docht nicht auslöscht.
die Chance, gemeinsam in Akzeptanz der Verschiedenheit zu leben
Inmitten all der Krisen entlastet die Ruhe, sie beendet Gewalt und Unterdrückung. Sie verschafft Luft zum Atmen, Luft, um auch das Neue zu sehen, das Jesus bringt. Jesus ist ein Messias, der Menschen stärkt, sie heilt und befreit. Und zwar ohne dass sie sich erst einmal verändern müssen. Dann erst gibt es die Chance, gemeinsam in Akzeptanz der Verschiedenheit zu leben. Wie Frau Weisheit befreit Jesus Menschen von ihren Lasten, indem er Ruhe durch Akzeptanz vermittelt.
kein „Muss“, das überfordert
Es ist eben keine Ruhe, die eine staatliche Instanz als „Bürgerpflicht“ verordnet und die lähmt; es ist eine tiefe spirituelle Ruhe, die stärkt mit Kraft zum Aufbruch, zu Kreativität und zu neuen Horizonten verspricht. Aus dieser Gewissheit, angenommen zu sein so wie man ist, entsteht die Resilienz, auseinanderstrebenden und spaltenden Kräften zu widerstehen, Mut und Kraft zu schöpfen und neue Wege des Miteinanders zu finden. Kein „Muss“, das überfordert. Für Matthäus bringen nicht die Gemeindemitglieder die Ruhe als „Bürgerpflicht“ ein, sondern erleben sie als Geschenk einer lebenspendenden Weisheit, die Kraft gibt. Diesem Geschenk zu trauen, das verkünden die nigerianischen Frauen.
Ulrike Bechmann, Ich will euch Ruhe geben. Kommt! : Bibelarbeit für den Weltgebetstag der Frauen, Nigeria 2026, Graz 2025, 20 Seiten.
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Dr.in Ulrike Bechmann, Professorin für Religionswissenschaft bis Oktober 2022 an der Universität Graz, ist seit ihrer Zeit als Geschäftsführerin und Theologische Referentin des Deutschen Weltgebetstagskomitees (1989-1999) bis heute den Frauen weltweit verbunden (www.ulrike.bechmann.de)
Beitragsbild: Claudia Nietsch-Ochs; … und Ihr werdet Aufatmen finden für Euer Leben. Mt 11:29c (Übersetzung: Fridolin Stier)


