Marcel Petzold hat viel Erfahrung mit Sozialraumorientierung in der katholischen Kirche. Sein Buch ist ein Plädoyer, die Chancen des Fachkonzepts pastoral auch wirklich zu nutzen. Eine Besprechung von Michael Schüßler.
„Kirche muss raus!“ Dieser Appell ist fester Bestandteil aktueller Kirchenentwicklung. Auch das Stichwort „Sozialraumorientierung“ findet sich mittlerweile regelmäßig in entsprechenden Vorträgen und Konzeptpapieren. Aber wenn es konkret werden soll, dann kommen wichtige Anliegen auch schon mal schnell ins Stocken.
Aus dieser Erfahrung heraus hat Marcel Petzold eine neue, problemorientierte Einführung in das Fachkonzept für kirchliche Orte verfasst. Der Autor arbeitet als Referent für Sozialraumorientierung in der Erzdiözese München und Freising und plädiert so erfahrungsgesättigt wie reflektiert für das Gesamtkonzept einer sozialraumorientierten Pastoral.
Das folgt zunächst der Vision einer verflüssigten Form von Kirche, die „immer weniger als eine zentralisierte, physische Institution“ wahrgenommen wird und mehr als „ein Netzwerk, das sich über verschiedene Kanäle und Plattformen … verbindet“ (S. 27). Das klingt neu und scheint doch ganz alt. Petzold stellt Jesus und dessen Praxis als Pionier der Sozialraumorientierung vor. Schon der zentrale Begriff vom Reich Gottes meint keinen imperialen Herrschaftsraum, sondern relationale „Alltagsportale des Heiligen“ im Sinne einer „performativen Sozialraumproduktion“ (S. 32). Mehr implizit liest Petzold aus biblischen Bezügen die fünf zentralen Prinzipien heraus: Am Willen der Betroffenen ansetzen, Aktivierung von Eigeninitiative, Ressourcenorientierung, bereichsübergreifendes Handeln und Kooperation in Netzwerken.
In den Mühlen der Sinnhülsenpastoral
Was so gut klingt und in Caritas und Sozialer Arbeit oft leitend ist, kommt an anderen kirchlichen Orten schnell in die Mühlen einer „Sinnhülsenpastoral“ (42). Sozialraumorientierung wird zur Rhetorik, weil die Pfadabhängigkeiten und Beharrungskräfte in der Kirche einfach sehr stark sind. In mehreren anschaulichen Aspekten beschreibt der Autor ein pastorales „Offenheitsparadox“: man gibt sich symbolisch offen, bleibt aber operativ geschlossen: „Eine solche Form der Beharrung wirkt nicht laut, aber effektiv. Sie entzieht innovativen Ansätzen den Raum, indem sie ihnen zwar Recht gibt, sie aber praktisch nicht realisiert“ (49).
Die Widersprüche zeigen sich besonders gut in Kapitel 5.2. Jedes der fünf Prinzipien wird im Verhältnis zum nun problematischen pastoralen Habitus vorgestellt: Wird der Wille der Betroffenen auch seelsorglich zentral, erübrigt sich ein wohlwollender Paternalismus der „Fürsorgeseele“ (70). Dann geht es nicht um Moral und Seelenheil einzelner Personen, sondern um die sozialen und religiösen Bedingungen vor Ort, damit Menschen gut leben und ihre Potenziale entfalten können (Gemeinwohl). Diese lassen sich im Alltag eben nicht in institutionelle Bereiche „schubladisieren“, weil selten zu trennen ist, wann und wo Soziale Arbeit aufhört, und Seelsorge beginnt. Die Vernetzung mit den Akteuren guten Willens im Stadtteil sprengt die alte Gemeindezentrierung ebenso wie die neue Profilierungssehnsüchte im Wettbewerb der Sinnanbieter: „Wer hier mit einer Konkurrenzlogik operiert, produziert nicht soziale Innovation, sondern zersetzt Lebensqualität und Verantwortung“ (S. 77).
Menschen nicht in instiutionelle Bereiche schubladisieren
Etwas überraschend erfolgt der konkrete Praxistest dann ausschließlich an Vollzügen der Gemeindekirche: Gottesdienst, Pfarrfeste, Gremienarbeit und Ehrenamt, Pfarramt, religiöse Bildung. Dass hier vieles im Appellativen und im Konjunktiv hängen bleibt, wundert einen nicht. Hat der Autor doch in den Kapiteln vorher ausführlich erläutert, dass die praktische Gemeindelogik den Sozialraumprinzipien eben meist ziemlich entgegenläuft. Ebenso fällt auf, dass die Trennung von Seelsorge und Sozialer Arbeit zwar als Problem beschrieben wird (4.1 und 4.2), aber dann im Konkreten nur wenig Good-Practice-Projekte einer entsprechend hybrid vernetzen Sozialraum-Denkweise vorgestellt werden.
Das Buch wird zusätzlich umrahmt von zwei Gastbeiträgen. Eingangs kommt der „Erfinder“ der Sozialraumorientierung Wolfgang Hinte zu Wort. Das ist eine tolle Idee, aber der Text entpuppt sich leider als problematisch. Hinte liefert eine teils polemische Abrechnung mit der Rolle der Kirchen während der Coronapandemie, die für ihn an der Seite der staatlichen Schutzmaßnahmen und damit auf der falschen Seite der Unfreiheit standen („wenn Mutter Teresa 1,5 Meter Abstand gehalten hätte …“, S. 21). Damit werden zwar sicher wirkmächtige Kontroversen und Verletzungen der Pandemiebewältigung aufgriffen. Aber den starken Verfechter von Sozialraum und Gemeinwohl hier als tendenziell querdenkenden Polarisierungsunternehmer zu lesen, lässt einen etwas ratlos zurück.
Sozialraumorientierung kann Glaube und Gottesbild verändern
Anders der abschließende Beitrag des Grazer Pastoraltheologen Bernd Hillebrand. Seine theologische Einordnung fasst den aktuellen Forschungsstand, zu dem er selbst beigetragen hat, gut lesbar zusammen. Dabei wird deutlich, dass sich in der Praxis von Sozialraumorientierung auch der Glaube und das Gottesbild verändern kann. Die starken Bilder aus den pfarrlichen Zentralarchitekturen (so Andree Burke) weichen einem relationalen Gottesbild, einer schwachen Macht in Beziehung, die sich für andere und damit für das Wertvolle „zwischen uns“ einsetzt.
Am Ende lautet die Kernbotschaft des Buches: Sozialraumorientierung könnte im Sinne eines Fachkonzept-Mainstreaming die pluralen Orte von Kirche verbinden und diese aus der oft nahliegenden religiösen Selbstbezogenheit heraus in Richtung Gemeinwohl öffnen. Petzold versucht das immer auch aus dem Glauben heraus zu begründen. Vieles ist hier hilfreich. Manches ließe sich auch vertiefen, etwa ob und wie genau die Referenz auf theologische Kirchenmetaphern wie Leib Christi oder Communio (S. 74ff) für ein plurale Topologie des Christentums wirklich hilfreich sind. Auch sei daran erinnert, dass es in der Sozialen Arbeit teils machtkritische Perspektiven gibt, die in Aktivierung und Ressoucenorientierung eine Anfälligkeit für neoliberale Agenden smarter Disziplinarmacht sehen („Auch Aufrichten ist Zurichten“, Ulrich Bröckling). Und in der aktuellen Diskussion ist ein Shift vom Sozialraum zum leicht anders gelagerten Konzept des „Quartiers“ zu beobachten.
Insgesamt kommen neben Neuerscheinungen aus dem evangelischen Bereich (Hübner u.a. 2025; Kanzleiter / Keppler 2025) hier auch alle Engagierten mit katholischen Bezügen auf ihre Kosten. Wer sich für die lebensweltliche Relevanz von Kirche interessiert, wird das Buch mit Gewinn lesen.
Marcel Petzold, Sozialraumorientierung. Ein Fachkonzept für die Praxis in Kirche und Caritas, Lambertus 2026.
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Bild: Lambertusverlag, Coverdetail.
Michael Schüßler ist Praktischer Theologe an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Tübingen.


