Zum wiederholten Mal warten Christen und Christinnen im Libanon unter Bombenbeschuss auf Ostern. Rima Nasrallah aus Beirut über Verzweiflung und die Hoffnung der Erinnerung.
Hinter einer dichten schwarzen Rauchwolke, die über der Stelle der letzten Bombe aufsteigt, werden die roten Ränder des Kirchendachs schwach sichtbar. Allmählich taucht die Silhouette des steinernen Kreuzes auf der Spitze auf. Die Bombardierung von Beirut dauert schon seit Wochen an. Während dieser ganzen Zeit hat sich die Gemeinde der Nationalen Evangelischen Kirche von Beirut zusammen mit allen Christ*innen im Libanon auf den Weg zu Ostern gemacht. Es ist nicht das erste Mal in der Geschichte dieser Gemeinde, dass Gewalt, Bomben und Angst die Osterzeit begleiten. In den vergangenen fünfzig Jahren haben zahlreiche Kriege und Krisen sie erschüttert, dieses nun im Rauch des Angriffs stehende Kirchengebäude wurde bereits einmal vollständig zerstört. Der Schmerz ist jedoch immer noch derselbe. „Wie lange noch, o Herr? Hast du uns vergessen?“, klagt die Gemeinde der Gläubigen!
In Momenten wie diesen trauert die Gemeinschaft, und erinnert sich. Die aktuellen Kriege erinnern an den Krieg von 1975, an die Invasion von 1982, an die Verwüstung von 2006. Geschichten werden aufgefrischt und mit Freunden und Familie geteilt. Erinnern und Klagen sind uralte Formen des Gebets. Auch wenn dies vielleicht nicht mit der erwarteten Osterfreude übereinstimmt, glaube ich, dass dies mit einer tiefen Wahrheit verbunden ist, die am Kreuz offenbart und durch die Erfahrung des leeren Grabes bestätigt wurde.
Erinnern und Klagen sind uralte Formen des Gebets
Die Klage, die aus einer verwüsteten Stadt emporsteigt, verschmilzt mit der Klage überall und spiegelt ein literarisches Genre der Heiligen Schrift wider; eines, in dem sich Leidende durch einen Schrei der Not an Gott wenden. Diese Not entspringt einer Spannung oder Diskrepanz zwischen Gottes früheren Verheißungen und der gegenwärtigen Situation des Klagenden; einer Diskrepanz zwischen dem, wie die Dinge sein sollten, und dem, wie sie in Wirklichkeit sind.[1] Die Psalmen sind unser ultimatives Beispiel für Klageliteratur. In ihnen lesen wir den Hilferuf, der das eigene Leiden und die Erfahrung von Ungerechtigkeit beschreibt sowie die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Erlösung; nach einer anderen Welt.
Dasselbe Muster findet sich in den Evangelien, insbesondere in den synoptischen Evangelien. Das Wirken Jesu ist durchweg geprägt von Rufen und Schreien der Not der Armen und Hungrigen, der Kranken und Ausgegrenzten: „Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ (Lk 18,38).
Jesus nimmt jedoch nicht nur die Klagen der Leidenden entgegen. Er teilt diese Klagen auch. Sein Weg nach Jerusalem ist gepflastert mit Seufzern und Tränen. Man hört ihn über den Zustand seiner Stadt klagen. Man sieht ihn über die schlechte Führung der Gemeinschaft klagen. Man sieht ihn über den Tod eines lieben Freundes klagen. Und schließlich klagt er über den Verrat, die Verlassenheit und den Schmerz am Kreuz. Wie die Bewohner von Ländern wie dem Libanon, die sich verlassen und in Not fühlen, die Ungerechtigkeit und Missbrauch erleben, weint Jesus, wird zornig und fleht den Vater an: „Warum hast du mich verlassen?“ Er verkörpert so unser menschliches Klagen und unsere Frustration.
Verrat, Verlassenheit, der Schmerz am Kreuz
In der Passionsgeschichte rückt eine bestimmte Begegnung das doppelte Engagement Jesu für das Gedenken und die Klage deutlich in den Vordergrund. Am Kreuz hängend, flankiert von zwei Dieben zu beiden Seiten, wird Jesus zugleich zu demjenigen, der Klage äußert, und zu dem, der sie empfängt. Er bringt dem Vater seine Not und Angst zum Ausdruck und antwortet zugleich demjenigen, der ihn anfleht: „Jesus, gedenke an mich“ (Lk 23,42). Die Kluft zwischen dem, der klagt, und dem, an den die Klage gerichtet ist, bricht zusammen; menschliches Leiden und göttliche Antwort verschmelzen zu einem Ganzen.
Es ist interessant, dass die Bitte hier lautet, dass Jesus sich erinnern möge. Der Akt des „Erinnerns“ ist in der Heiligen Schrift von zentraler Bedeutung. Als Gott das Leiden des Volkes in Ägypten sah, antwortete er auf dessen Klage, indem er sich erinnerte (2. Mose 2,24). Als Jeremia von den Unglücksfällen hörte, die über sein Volk kommen würden, flehte er: „Herr, gedenke an mich“ (Jer 15,15). Zahlreiche Psalmen bitten den Herrn, sich zu erinnern und in Barmherzigkeit zu handeln. Wie wunderbar ist es, dass Gottes Antwort auf die Klage das Erinnern ist.
Erinnern als konstitutiver Teil der Identität
Indem er sich erinnert, bekräftigt Gott, dass diejenigen, die unter langwierigen Kriegen und anhaltenden Ungerechtigkeiten leiden, nicht vergessen sind und nicht im Nichts verschwinden werden. Gott bekräftigt, dass ihre Erfahrungen, Schmerzen und Verluste in Gottes Erinnerung aufgenommen werden. Und dass Gott sie in sich trägt. Die Gedächtnisforschung verbindet das Erinnern mit Identität. Indem Menschen und Ereignisse in Erinnerung bleiben, wird das Gedächtnis zu einem konstitutiven Bestandteil der Identität[2] . Gottes Antwort auf die Klage ist das Erinnern. Am Kreuz antwortet Jesus auf die Klage des neben ihm Leidenden, indem er ihm versichert, dass an ihn erinnert wird; dass er gewiss bei ihm sein wird. Er trägt dessen Schmerz in seinen eigenen vernarbten und gebrochenen Körper.
Jesus selbst als Gottes Akt des Erinnerns
Tatsächlich ist Jesus selbst Gottes Akt des Erinnerns an uns als Menschheit. Angesichts unserer Not, als Antwort auf unsere Schreie und Klagen, erinnerte er sich an uns mit und in Jesus. Mehr noch: Durch das Kreuz und die Auferstehung hat Jesus uns den Dienst des Erinnerns geschenkt. Am Grab werden die klagenden Frauen von Männern in strahlenden Gewändern aufgefordert, sich zu „erinnern“, sich an das Versprechen und die Antwort auf das Versprechen zu erinnern; und dann „gedenken“ sie sich, sagt das Lukasevangelium (Lk 24,4–5). Unser eucharistisches Mahl ist letztlich ein Akt des Erinnerns, durch den wir uns an Gottes Antwort auf unser Klagen erinnern. „Tut dies zu meinem Gedächtnis“, sagt Jesus.
Was bedeutet das Osterfest für eine Gemeinschaft, deren Erinnerung von Krieg und Leid geprägt ist? Was bringt Ostern einer trauernden Gemeinschaft? Es bringt die Gewissheit, dass wir in Jesus nicht vergessen sind, und vertraut uns damit den Auftrag an, an Gottes Antwort auf das Leid zu erinnern. Während sich der Rauch über der Stadt Beirut lichtet, zeichnet sich das Kreuz vor dem blauen Himmel immer deutlicher ab und verkündet: „Wahrlich, ich sage euch: Ihr seid nicht vergessen.“
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[1] Siehe Walter Bruggemann, „The Costly Loss of Lament“, in: Journal for the Study of the Old Testament 36 (1986), 57–71. Und Channing Crisler, The Synoptic Christology of Lament: The Lord who answered and the Lord who cried, Lexington Books, 2023.
[2] Siehe Erll, Astrid, und Ansgar Nünning, Hrsg. Cultural Memory Studies: An International and Interdisciplinary Handbook. In Zusammenarbeit mit Sara B. Young. Berlin und New York: Walter de Gruyter, 2008.
Alle Bibelzitate: Lutherbibel 2017
Titelbild: Jerusalemkreuz in Sidon/Libanon (c) Michael Koller – Fotografie, CC BY-SA 3.0, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=2875090
Rima Nasrallah, Professorin für Praktische Theologie und akademische Dekanin an der Near East School of Theology in Beirut/Libanon. Ordinierte Pastorin der Nationalen Evangelischen Kirche von Beirut. Ihre Forschungsgebiete sind Liturgie- und Ritualforschung sowie die Ostkirchenkunde.


