Seine Nächsten zu lieben, heißt nicht immer, sie auch zu mögen – vier Annäherungen an ein unbequemes Gebot – Teil 4.
Alltäglichen Erfahrungen geraten leicht aus dem Blick, wenn Toleranz primär als abstrakter Begriff politischer oder wissenschaftlicher Untersuchung verhandelt wird, so Matthew Ryan Robinson im folgenden Beitrag.
Zwei Szenen aus dem Pendleralltag folgen. Sie dienen nicht als spektakuläre Beispiele, sondern als kleine Gedankenanstöße – als Momente, in denen sich zeigt, wie wir im Alltag ständig mit Differenz, Reibung und Ambivalenz umgehen. Ziel ist es, den Blick wegzulenken von abstrakten Debatten über den Toleranzbegriff, über ihre Grenzen und Rechtfertigungen, und hin zu den alltäglichen Erfahrungen von Ambiguität und praktischer Lebensbewältigung. Denn Toleranz begegnet uns oft nicht punktuell und in Hochrisikosituationen politischer oder religiöser Konfrontation, sondern ständig und auf niedriger Einsatzstufe: beim Warten, beim Unterbrochenwerden, beim Ertragen von Eigenheiten anderer, beim Leben in gesellschaftlichen Strukturen, die wir nicht gutheißen, aber mittragen müssen, um unseren Alltag fortsetzen zu können.
Szene 1: Zwischen Gleichgültigkeit und Grenzziehung
Ich sitze im Regionalzug von Bad Godesberg nach Köln. Zeit: 5 Uhr morgens. Tasche auf dem Fensterplatz, ich selbst auf dem Gangplatz, Laptop auf, Kopfhörer bereit. Eine Frau war kurz zuvor unsicher an mir vorbeigeeilt und hatte mich dabei fest angerempelt. Alkohol in der Luft. Ich hatte es zur Kenntnis genommen und wieder weggesehen. Vielleicht hatte sie eine schwere Nacht oder einen schweren Morgen. Oder beides. Toleriert habe ich den Zusammenstoß, würde ich sagen, im ganz banalen Sinne.
Kurz vor Köln Süd werden Stimmen laut. Zunächst ignoriere ich sie, wie wohl die meisten im Waggon. Doch als die Lautstärke anhält, drehen sich Köpfe, Körper neigen sich in den Gang, Blicke suchen Orientierung: was ist hier los?
Dieselbe Frau schreit jemanden an, den ich nicht erkennen kann. Eine Mitreisende in meiner Nähe kommentiert das Ganze laut und abfällig – nicht laut genug, dass es die Betreffende hören könnte, aber laut genug, um Verbündete zu suchen. Niemand meldet sich.
Als die Situation sich scheinbar beruhigt, wende ich mich wieder meinem Laptop zu. Doch dann fällt noch ein Satz von der mitreisenden Beobachterin, diesmal klar und deutlich rassistisch: „Multikulti-Drecksack!“ Nur nebenbei: die Frau, die die Situation anfangs ausgelöst hatte, spricht in einem deutlich erkennbaren regionalen Akzent, fyi. Der Kommentar hat also keinen offenbaren Bezugspunkt; vielleicht sucht die Mitreisende einfach irgendeinen Anlass, um ihren giftigen Frust loszuwerden.
Nun jedenfalls kippt die Situation.
Ein Mann gegenüber mischt sich ein. Er weist die Frau zurecht: Diese Vorurteile hätten hier nichts zu suchen, sie wisse doch gar nicht, was passiert sei. Die Frau kontert: „Ich habe Werte.“ Und dann: „Toleranz ist der Untergang aller Kulturen.“
Das Gespräch eskaliert verbal. Der Mann fragt, was sie qualifiziere, so etwas zu sagen. Sie antwortet: „Ich habe meine Meinung.“ Was qualifiziere ihn, übrigens? Er – und hier kommt so ein bisschen Mansplaining hinzu – sagt: „Ich bin Universitätsprofessor.“ Sie wiederum: „So sieht Meinungsfreiheit in Deutschland aus?“ – als sei ihre Meinung nicht toleriert worden.
Was passiert hier? Ihre Meinung wird nicht verboten, ihr wird widersprochen. Der Professor zieht eine Grenze – nicht im Namen des Staates, sondern als Mitreisender. Für die Frau aber scheint diese Grenze gesellschaftlich aufgeladen zu sein: als Signal dessen, was sagbar und was nicht mehr tolerierbar ist.
Der Rest des Abteils schweigt. Wir tolerieren die ganze Situation, indem wir sie ignorieren. Aber was bedeutet dieses Schweigen? Einerseits signalisiert es: Sag, was du willst – es interessiert niemanden; Hass bekommt keinen Zuhörer hier. Andererseits tolerieren wir damit expliziten Rassismus. Vielleicht aus Unsicherheit, vielleicht aus Erschöpfung, vielleicht aus mangelnder Übung.
Auch der Professor bleibt ambivalent. Vielleicht handelt er aus Zivilcourage. Als Immigrant, der ich selbst bin, irritiert mich hier jedoch, dass er das Problem als eines der „Qualifikation“ rahmt – als ließe sich Rassismus durch ein Verfahrensargument entschärfen.
Niemand „gewinnt“. Beide fühlen sich bestimmt im Recht. Und vielleicht ist genau das typisch für alltägliche Toleranzsituationen: Sie lösen sich nicht auf, sie werden nur ausgehalten.
Szene 2: Zwischen Mitgefühl und struktureller Akzeptanz
Anderer Zug, anderes Bild aus dem Pendelalltag: Ich sitze im IC nach Hannover und beobachte durch das Fenster einen Mann am Bahnsteig. Er steht vor einem Snackautomaten, drückt Knöpfe, betätigt den Münzrückgabeknopf. Ich mustere ihn schnell: die Kleidung, die Einkaufstüten. Ich habe ihn an vielen Bahnhöfen in verschiedenen Gestalten kennengelernt: Er sammelt Pfandflaschen, fragt nach Kleingeld mit kaffeefleckigen Bechern, sucht Automaten nach vergessenen Münzen ab.
Seine Bewegungen sind routiniert, eingeübt. Er wechselt zum Getränkeautomaten daneben. Diesmal ist er energischer – schüttelt, drückt fester. Dann bückt er sich, und der Ringfinger seiner rechten Hand streicht über das Münzfach, schließt sich um etwas. Er hält inne, eine Sekunde. Der Zeigefinger folgt, wischt das Fach sauber. Dann richtet er sich auf und geht weiter, verschwindet aus meinem Blickfeld. Er hat ja noch viele Stationen vor sich. Die ganze Szene: vielleicht fünfzehn Sekunden.
Diese kurze Szene wirft Fragen auf, die sich nicht unmittelbar beantworten lassen. Wie toleriert man es, unter solchen Bedingungen zu leben? Wie sieht ein Alltag aus, der von Unsicherheit geprägt ist – von der Frage, ob man genug Geld für Essen findet, wo man schlafen kann, wie lange man diese Situation noch aushält? Wie schwer muss es manchmal sein, sich selbst zu tolerieren, zu akzeptieren? Sich fragen zu müssen, bin ich tolerierbar?
Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie ich diese Realität toleriere? Wie kann es sein, dass solche Lebensbedingungen in einer wohlhabenden Gesellschaft existieren – und weiter, dass sie als Teil eines funktionierenden Alltags bleiben?
Ich kann sagen, wie ich es meistens handhabe: Ich biete ein Lächeln an. Ich gebe ein paar Euro. Ich kaufe der Person manchmal ein Sandwich. Diese kleinen Gesten ‚funktionieren‘, würde ich sagen – sie erkennen eine gemeinsame Menschlichkeit an, sie sagen: Ich sehe dich. Aber sie lassen die Strukturen, die diese Situation erzeugen, vollständig unangetastet.
So haben sie eine doppelte Funktion. Sie lindern nicht nur eine konkrete Situation, sondern stabilisieren zugleich die Struktur, die diese Situation hervorbringt. Auf der zwischenmenschlichen Ebene kann Solidarität gelebt werden, während auf der strukturellen Ebene Ungerechtigkeit toleriert wird. Auch hier zeigt sich eine Form von Toleranz – nicht im Sinne von Zustimmung, sondern als alltägliches Aushalten und Mitvollziehen gesellschaftlicher Ungleichheit.
Toleranz im Alltag erscheint selten als klar umrissene, von Prinzipien und Definitionen geleitete Praxis.
Vielleicht braucht es starke, prinzipielle Toleranz vor allem dort, wo auch starke Formen von Intoleranz möglich oder unvermeidlich sind. Der Alltag hingegen ist geprägt von einer anderen, unscheinbareren Form: einer „niedrigschwelligen“ Toleranz, die weniger auf bewusster Ablehnung, als auf fortwährender Koordination beruht.
Dieser Artikel ist als Teil des DFG-geförderten Workshops „Toleranz-Solidarität-Nächstenliebe. Überlegungen zu uns und denen. Und den Möglichkeiten des friedlichen Zusammenlebens.“ entstanden, der im Rahmen des Theologischen Teilprojektes: „Potenziale und Probleme einer theologischen Grundlage von Toleranz“ (PI Kinga Zeller, PhD) des DFG-Forschungsprojektes „FOR 5472: Die Schwierigkeit und Möglichkeit von Toleranz: Die vielfältigen Herausforderungen des Konzepts und der Praxis von Toleranz“ (Projektnummer 493131063) stattfand.
Beitragsbild: Kinga Zeller
