Seine Nächsten zu lieben, heißt nicht immer, sie auch zu mögen – vier Annäherungen an ein unbequemes Gebot – Teil 3.
Julian Zeyher-Quattlender über Motive und Ausdrucksformen christlicher Friedensethik.
Wann ändern Menschen ihre Überzeugungen? Vor allem dann, wenn sie jemanden kennengelernt haben. Und nur selten aufgrund von Fakten.
Dies stellte der Journalist David McRaney in seiner 2022 veröffentlichten Untersuchung How Minds Change[1] fest.
Fragt man also nach Möglichkeiten des friedlichen Zusammenlebens in heterogenen, zum Teil auch fragmentierten Gesellschaften, so kann die Beziehungsebene als durchaus entscheidend angesehen werden.
Hängen Toleranz, Solidarität und Nächstenliebe zusammen?
Zu den klassischen zwischenmenschlichen Beziehungsbegriffen zählen etwa Toleranz und Solidarität, als zentraler christlicher Begriff wird diesbezüglich die Nächstenliebe gehandelt. Sie alle präzisieren bestimmte Qualitätsmerkmale und wechselseitige normative Erwartungen in der Gestaltung menschlicher Beziehungen.
Doch wie hängen Toleranz und Solidarität mit der Nächstenliebe zusammen?
Hier lohnt sich ein Blick in eine Fachdisziplin, in der die Frage nach der Ausgestaltung menschlicher Beziehungen – und demnach auch diese Trias – zum natürlichen Gegenstand theologischer Reflexion gehört: die christliche Friedensethik.
Fokus: Mikroebene
Insbesondere mit Blick auf die vergangenen Jahre lässt sich eine starke Fokussierung der Frage, wie denn Frieden ermöglicht werden soll, auf die Mesoebene, also auf die Ebene von Institutionen und Organisationen, beobachten. Das gilt für kirchliche Positionspapiere ebenso, wie für die gesellschaftspolitische Diskussion über Friedensethik und in dieser Folge auch für die wissenschaftliche Debatte, die sich oft an politischen Diskurstrends orientiert. Frieden kommt dabei als etwas in den Blick, das vor allem als eine außen- und sicherheitspolitische Aufgabe wahrzunehmen sei, vornehmlich durch politische Mandats- und Funktionsträger:innen oder durch (inter-)nationale Institutionen. Demgegenüber können andere „friedensrelevante“ Analyseebenen sozialer Existenz aus dem Blick geraten. Im Anschluss an Thomas Söding, der den Sitz im Leben der Nächstenliebe in einer „Ethik auf Sichtweite“[2] bestimmt, fragt dieser Beitrag deshalb einmal nach den friedensethischen Potentialen auf der Ebene des Nahraums, der Mikroebene.
Begibt man sich aus systematisch-theologischer Perspektive auf die Suche nach Motiven und Ausdrucksformen innerhalb der christlichen Tradition, in denen sich Frieden explizit auf der Mikroebene realisieren soll, so bietet sich hierzu die Praxis des Friedensgrußes an. Diese soll nun als konkrete Realisationsform der Nächstenliebe auf der Mikroebene in den Blick genommen werden.
Erinnerung an die Praxis des christlichen Friedensgrußes
Die Praxis des Friedensgrußes aus der Perspektive systematischer Theologie hat der Theologe Eberhard Jüngel in seiner Studie „Zum Wesen des Friedens“[3] eingängig untersucht. Jüngel profiliert dabei die kulturelle Grußpraxis als eine Friedenspraxis:
Im gegenseitigen Zusprechen des Friedensgrußes „Friede sei mit Euch“, dem insbesondere in seinem alttestamentlichen Sprachgebrauch etwas Weltliches, Natürliches und Selbstverständliches zu eigen ist, werde der Friede nach Jüngel real mitgeteilt, indem er sich ereignet im Hier und Jetzt.[4] Er sei „[…] von verpflichtender Kraft für den Grüßenden. Er weiß sich für den Frieden des Menschen verantwortlich, dem er Frieden entbietet und damit Anteil gewährt am eigenen Wohlergehen. Der Frieden ist sozusagen ein Bereich, in den der Gegrüßte aufgenommen wird und in dem er geborgen ist. Der Gruß ist verbindlich. Man kann sich auf das Gesagte verlassen und dem Redenden vertrauen, weil sich durch den Friedensgruß ereignet, wovon in ihm die Rede ist.“[5] In dieser theologischen Zuspitzung könne der christliche Friedensgruß nach Jüngel als Ausdrucksform einer vitalen Geborgenheit eines menschlichen Ichs in einer menschlichen Gemeinschaft gelten.[6]
mit der Fremdheit des unmittelbar Nächststehenden affirmativ in Kontakt zu treten
Auch unabhängig von ihrem religionskulturellen Sitz im Leben erinnert die Friedensgrußpraxis also daran, dass sich Frieden insbesondere auch im aktiven Aufbauen einer Beziehung zum Nächsten verwirklicht. Sie verlangt dem Einzelnen die Überwindung ab, aus sich herauszutreten und mit der Fremdheit des unmittelbar Nächststehenden affirmativ in Kontakt zu treten. Auch in Konfliktsituationen, die von wechselseitiger Ablehnung geprägt sind. Sie lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass Friedenshandeln auch auf der Mikroebene, als Beziehungsgeschehen auf der Ebene unmittelbarer zwischenmenschlicher Interaktion wirksam ist. Sich grüßen, bedeutet zuallererst: sich gegenseitig wahrzunehmen und sich einen gemeinsamen Raum zu schaffen.
Diese Funktionsweise des christlichen Friedensgrußes, die gegenwärtig noch besonders im liturgischen Vollzug des Abendmahls präsent ist, kann somit als Aufforderung zur Beziehungsaufnahme und darin auch zur Zähmung zwischenmenschlicher Ablehnung verstanden werden. Sie stiftet damit aus gegenseitigem Respekt, der theologisch über die Instanz der Geschöpflichkeit hergestellt wird, eine authentische Form von Toleranz.
Damit kann die christliche Grußpraxis als Friedenspraxis friedensförderndes Potential freisetzen und als Ausdrucksform von Nächstenliebe Toleranz und Solidarität befördern helfen. Insbesondere in heterogenen, fragmentierten Gesellschaften auf ihrer Suche nach Möglichkeiten friedlichen Zusammenlebens.
Dieser Artikel ist als Teil des DFG-geförderten Workshops „Toleranz-Solidarität-Nächstenliebe. Überlegungen zu uns und denen. Und den Möglichkeiten des friedlichen Zusammenlebens.“ entstanden, der im Rahmen des Theologischen Teilprojektes: „Potenziale und Probleme einer theologischen Grundlage von Toleranz“ (PI Kinga Zeller, PhD) des DFG-Forschungsprojektes „FOR 5472: Die Schwierigkeit und Möglichkeit von Toleranz: Die vielfältigen Herausforderungen des Konzepts und der Praxis von Toleranz“ (Projektnummer 493131063) stattfand.
[1] David McRaney, How Minds Change. The Surprising Science of Belief, Opinion, and Persuasion 2022.
[2] Söding, Thomas, Wie weit reicht die Nächstenliebe? Das biblische Konzept in der Diskussion über den Altruismus, in: Evangelische Theologie 77 Jg. 2017 , Heft 4, S 258–267, hier: 262.
[3] Jüngel, Eberhard, Zum Wesen des Friedens. Frieden als Kategorie theologischer Anthropologie, München 1983.
[4] Vgl. aaO 50.
[5] Vgl. ebd., Herv. EJ.
[6] Vgl. aaO 53.
Beitragsbild: Kinga Zeller

