Im Interview spricht Klaus Käfer – katholischer Priester, Fernfahrer und Mitwirkender bei „Lenkpause“ am Autobahnrastplatz Hegau – mit Silke Zäh für feinschwarz.net über Begegnungen auf dem Rasthof, Wertschätzung und die Bedeutung von Sichtbarkeit.
Im Arbeitsalltag vieler Fernfahrer*innen zählt oft vor allem eines: dass Waren und Güter möglichst schnell und zuverlässig von A nach B transportiert werden. Der Mensch hinter dem Steuer gerät dabei leicht aus dem Blick. Seine Sorgen, Belastungen und persönlichen Bedürfnisse bleiben häufig unbeachtet – und im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke. Lange Fahrzeiten, hoher Zeitdruck, fehlende Ruheorte und viele Tage fern der Familie gehören für zahlreiche Fahrer*innen zum Alltag. Gleichzeitig sorgen sie mit ihrer Arbeit dafür, dass Supermärkte gefüllt bleiben, Unternehmen produzieren können und Lieferketten funktionieren.
Genau hier setzt „Lenkpause“ an. Klaus Käfer ist einer von den Mithelfenden, die sich aktiv für dieses Projekt und die Fernfahrer*innen einsetzen. Sein eigener beruflicher Erfahrungshintergrund als Fernfahrer und katholischer Pfarrer verleiht ihm dabei einen besonderen Zugang zu den Menschen, um die es bei „Lenkpause“ geht. Gerade aufgrund seiner eigenen Erfahrungen ist es ihm daher ein wichtiges Anliegen, gemeinsam mit den anderen Mitwirkenden den Menschen hinter dem Lenkrad sichtbar zu machen und ihre oft wenig beachtete Arbeit zu würdigen. An der Raststätte Hegau an der A 81 kommen sie mit Fernfahrer*innen ins Gespräch, hören zu und schaffen Momente der Begegnung. Häufig entwickeln sich aus kurzen Begegnungen längere Gespräche über Einsamkeit, Erschöpfung, Familie oder die Herausforderungen des Lebens unterwegs.
Dass dieses Engagement weit über den Rastplatz hinaus wahrgenommen wird, zeigt auch eine besondere Auszeichnung: Ende April erhielt „Lenkpause“ im Frankfurter Haus am Dom den Becker-Staritz-Preis der action 365. Der Preis würdigt Menschen, die sich aus christlicher Motivation heraus in besonderer Weise gesellschaftlich – in Form eines Gemeinwohlprojekts oder einer wissenschaftlichen Arbeit – einsetzen. Die Auszeichnung bildet zugleich den Anlass für dieses Interview.
Ich fahre ganz normal
bei einer Spedition
Feinschwarz: Sie engagieren sich gemeinsam mit anderen Mitwirkenden im Projekt „Lenkpause“, das die Menschen hinter dem Lenkrad stärker in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt. Sie selbst sind an der Raststätte Hegau an der A81 aktiv. Ihre Biografie ist dabei bemerkenswert: Sie bringen gleich zwei berufliche Perspektiven mit in das Projekt, die sehr gut zu den Anliegen der Initiative passen. Können Sie „Lenkpause“ in einem Satz beschreiben?
Klaus Käfer: Wertschätzung der Menschen durch Begegnungen auf dem Rastplatz.
Feinschwarz: Sie sind selbst LKW-Fernfahrer und katholischer Priester – eine eher ungewöhnliche Kombination. Wie persönlich ist das Projekt für Sie? Wie kam es überhaupt dazu?
Klaus Käfer: Das war so, nach der Werkrealschule habe ich Maurer gelernt, dann habe ich meine Fachhochschulreife gemacht und währenddessen habe ich ein Jahr lang bei einer Spedition gearbeitet und habe als Fahrer und Aushilfe angefangen. Seit meinem 21. Lebensjahr fahre ich, das ist mittlerweile aber schon 20 Jahre her. Also ich habe keinen eigenen Lkw, sondern ich fahre ganz normal bei einer Spedition im Speditions-Auftrag. Das mache ich 12 Tage im Monat. Heute ist es nur noch ein Hobby.
…dankbar für den Job,
den ihr macht.
Feinschwarz: Dann passt es ja perfekt mit „Lenkpause“, weil sie beide Seiten gut kennen. Was ist dabei wichtig für Sie?
Klaus Käfer: Genau! Mir persönlich ist wichtig, einfach mal auf die Situation hinzuweisen. Ich seh‘ das dann, wenn ich selbst unterwegs bin: wie geht es den Fahrer*innen so, also im Allgemeinen und mit besonderem Blick hin auf die Fahrer*innen selbst, aus Osteuropa beziehungsweise von den osteuropäischen Speditionen, da sind mittlerweile viele Menschen aus Afrika Fernfahrer. Ich denk dann immer: „Wow, wo die überall herkommen!“ Auch Menschen von den Philippinen sind Fahrer, die sind auch am Rasthof anzutreffen, eigentlich aus der ganzen Welt. Die werden rekrutiert, dann kommen sie her und müssen erstmal ihren Flug abarbeiten, bevor sie dann so richtig Geld verdienen. Wobei „richtig Geld verdienen“ ja sowieso relativ ist. Die Leute sind einsam, ihre Verbindung nach Hause – ist klar – nur übers Handy oder Laptop möglich. Ich will den Menschen einfach signalisieren: „also wir sehen euch, wollen euch wahrnehmen und wir sind dankbar für den Job, den ihr macht.“
Feinschwarz: Wie läuft eine „Lenkpause“ konkret ab? Welche Ziele verfolgt das Projekt allgemein – und speziell bei den Aktionen an der A 81?
Klaus Käfer: Es gibt 2 verschiedene Aktionen, einmal die Verteilaktion und einmal Events. Also eine einfache Verteilaktion ist zu Ostern am Karfreitag, wo man zu dem/der Fernfahrer*innen hingeht und sie bekommen eine Kleinigkeit. Sie kriegen auch Duschmarken von uns, dann können sie in der Raststätte duschen. Oder eben als Nikolaus am Rastplatz rum gehen, das ist auch eine Aktion, da gibts immer kleine Aufmerksamkeiten für die Fahrer*innen. Eine Tüte oder Ähnliches. Das kommt super an, weil den Nikolaus kennen doch auch sehr viele, auch Menschen anderen Glaubens kennen den Nikolaus, wie Menschen muslimischen Glaubens zum Beispiel. Wenn die Glocke vom Nikolaus läutet, dann kommen sie zum Stoppen, freuen sich und viele machen gleich ein Foto, damit sie es an ihre Freunde, Bekannte und der Familie schicken können. Die sind dann richtig stolz drauf, dass der Nikolaus zu ihnen persönlich gekommen ist. Die andere Aktion sind kleinere Events mit Musik und Essen. Auf dieser Grünfläche am Rasthof werden Tische und Stühle aufgestellt und dann geht’s los. Die Begegnung am Tisch ist sehr wichtig, da kommen sie in Kontakt. Das bietet Gesprächsmöglichkeiten und Austausch untereinander, was sie sonst nicht hätten. Das Event hat eine schöne locker Atmosphäre mit Musik und Essen. Vorher gehen wir natürlich rum und laden dazu ein mit einem Dolmetscher oder wir erklären es mit Händen und Füßen oder Google-Translator oder halt mit der Übersetzungsapp. Ganz einfach gesagt: wir versuchen mit ihnen ins Gespräch zu kommen.
Sie sehen ihre eigenen
Kinder nicht aufwachsen.
Feinschwarz: Gab es eine ernste oder traurige Begegnung, die Ihnen im Rahmen des Projekts in Erinnerung geblieben ist? Und umgekehrt gab es eine besonders schöne oder lustige Begegnung?
Klaus Käfer: Also, schöne Momente sind die, wenn man generell Freude bei dem/der Fahrer*innen sieht. Oder Paare, denen wir begegnen, die dann wirklich so froh sind über die Aufmerksamkeiten, zum Teil weinen sie auch vor Freude, dann bin ich sehr gerührt und dankbar und empfinde es als Geschenk aktiv dabei zu sein. Und traurig ist es, wenn Fahrer*innen lange von ihren Familien getrennt sind. Also, wenn man über Übersetzungen mitkriegt, wie lang die wirklich weg sind. Da war ein Fernfahrer afrikanischer Herkunft, der sein eigenes Kind noch nie gesehen hat, weil er vor der Geburt zum Job musste. Oder Fahrer, die ihre Kinder nicht aufwachsen sehen, gerade wenn sie jünger sind. Wenn sie 3 Jahre fahren müssen, zum Beispiel, dann sieht er sein Kind mit einem Jahr und dann erst im Alter von 3 Jahren. Das ist richtig traurig und hart. Sie nehmen das in Kauf, weil sie bei längeren Aufträgen mehr Geld verdienen als in ihrer Heimat. Das find‘ ich persönlich sehr traurig, dass sie so eine Arbeit machen müssen, um ihre Familie zu ernähren und dann nicht bei ihrer Familie sind, sondern die Zeit dafür verwenden müssen zu arbeiten. Die Zeit läuft ab und sie kriegen sie nie mehr zurück. Sie sehen ihre eigenen Kinder nicht aufwachsen, können keine eigene Beziehungen zu ihnen aufbauen. Das finde ich hart und das für ein paar Euro im Monat, also für uns gesehen. Sie verdienen sehr wenig, da würden die meisten hier gar nicht aus dem Haus gehen. Das macht mich traurig und wütend. Unsere Konsumgesellschaft will das ja so. Es darf nix kosten. Es wird überall eingespart, die Frachtpreise werden ständig gedrückt und ich lese was von Preiskampf und die Leidtragenden sind eben die Fernfahrer*innen.
Die Menschen hinterm
Steuer sichtbar machen.
Feinschwarz: „Lenkpause“ wurde in Frankfurt mit dem Becker-Staritz-Preis ausgezeichnet. Welche Bedeutung hat diese Auszeichnung für das Projekt?
Klaus Käfer: Die Menschen hinterm Steuer sichtbar machen und ihnen Aufmerksamkeit geben, das hat man mit dem Becker-Staritz-Preis auch gewonnen. Für die ehrenamtlichen Mithelfenden ist der Preis auch wichtig, ohne Ehrenamtliche wäre es gar nicht möglich. Besonders auch für Frau Gotzmann, die Verantwortliche des Projekts, für ihren ganzen Einsatz ist es eine tolle Anerkennung. Mit dem Becker-Staritz-Preis bekommt das Projekt mehr mediale Aufmerksamkeit. Das einfach auch mal die Begebenheiten gesehen werden von anderen. Da sind Menschen am Steuer des Lkws und der ist nicht nur eine Fahrernummer, er bekommt ein Gesicht und das Bewusstsein, dass der Lkw zwischen all den fahrenden Autos kein Störfaktor sein muss, dass es hier um Menschen geht, die auch Rechte haben, die respektiert werden wollen. Was Lenkpause zu erreichen versucht: Erst mal den Menschen Wertschätzung gegenüber zeigen und immer wieder die Versuche darauf hinzuweisen. Dafür ist die Anerkennung des Preises ein wichtiger Schritt.
Feinschwarz: Vielen Dank an Herrn Klaus Käfer.
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Mehr Infos: und www.lenkpause.de und www.becker-staritz-preis.de
Silke Zäh, 1980 in Darmstadt geboren, studierte Vergleichende Sprachwissenschaft und Komparatistik in Mainz. Zwischendurch schreibt sie für verschiedene online- und print-Medien. Als Pressereferentin arbeitet sie seit 2019 für die action 365 in Frankfurt am Main.
Titelbild: Henadzi Pechan / Shutterstock


