Einem der wichtigsten Beiträge der 61. Biennale in Venedig geht Wolfgang Beck in der Begegnung mit dem Künstler Khaled Sabsabi nach. Er begegnet einem sehr konkreten Bemühen, religiöse Traditionsbestände in die Bearbeitung Gegenwartsfragen einzubringen. Und er markiert in der Biennale 2026 eine geweitete Perspektive im Verhältnis von Kunst und Religion, die auch an anderen Stellen wünschenswert wäre.
Wer im Jahr 2026 die 61. Biennale in Venedig besucht, kommt um einen Künstler nicht herum: Khaled Sabsabi. Der Australier stammt aus dem Libanon, aus dem seine Eltern 1976 mit ihm als Kind während des Bürgerkriegs geflohen sind. Zunächst versucht er sich als Hip-Hop-Musiker, studiert Kunst und entwickelt sich derzeit zu einem der angesagtesten Künstler. 2011 erhält er den renommierten australischen „Blake Preis“. Seine großen Installationen sind im Jahr 2026 bei der Biennale unter dem Titel „In Minor Keys“ gleich zu Beginn der Ausstellung im „Arsenale“ mit der Arbeit „khalil“ platziert, wie auch raumgreifend mit der Installation „conference of one’s self‘“ im Pavillon Australiens.
Eine Biennale
in angespannter Atmosphäre
Die Biennale 2026 findet in angespannter Atmosphäre statt: Die italienische Ministerpräsidentin Meloni hatte gleich nach Amtsantritt einen Gefolgsmann, den Intellektuellen Buttafuoco zum neuen Präsidenten der weltweit wichtigsten Veranstaltung für Gegenwartskunst gemacht. Damit entstand die Sorge, dass zu wenig Fachkompetenz und die Neigung zu einem verengten Kunstverständnis Einzug halten würde. Nicht nur Proteste wegen der wieder aufgenommenen Teilnahme Russlands an der Biennale sind die Folge, sondern auch ein Zerwürfnis mit der italienischen Regierung. Hinzu kam, dass die Kuratorin Koyo Kouoh schon 2025 verstarb und ihr Team die Planungen ohne sie umsetzen musste. Im Ergebnis ist eine Ausstellung entstanden, in der die Hallen des „Arsenale“ derart eng und vollgestellt erscheinen, als solle mit der puren Masse an ausstellenden Künstler:innen jeder Zweifel am Konzept ausgeräumt werden. Das ist nicht gut. Aber der befürchtete Schaden entsteht daraus auch nicht. Dafür sorgen schon die Pavillons der Einzelstaaten, die in größter Eigenständigkeit aktuelle Arbeiten präsentieren. Da gibt es relativ langweilige Präsentationen (z.B. USA, Italien, Großbritannien) neben effektheischenden Performance-Präsentationen, wie von Josephine Holzinger (Österreich), die in der Kombination von Körperlichkeit und Klimakrise im Stil zurückliegender Zeiten provozieren wollen. Es gibt im und am Deutschen Pavillon die großartigen Arbeiten der beiden Künstlerinnen Sung Thieu und Henrike Naumann, die ebenfalls vor einigen Monaten verstorben ist und das Ergebnis ihrer Planungen nicht mehr erleben konnte. Mit einer Umgestaltung der Fassade nach Art ostdeutscher Plattenbauten gibt die 1987 in Vietnam geborene Sung Thieu die Wahrnehmungen von Migrant:innen wieder und verschafft damit dieser Bevölkerungsgruppe mit ihren spezifischen Beiträgen zur gesamtdeutschen Geschichte eine überfällige Repräsentanz. Henrike Naumann hingegen greift eine Vielzahl von Alltagsgegenständen und Wohnungseinrichtungen auf, mit denen sie den Hauptraum des Pavillons gestaltet.
Verbindendes im Werk
Khaled Sabsabis
Was tut nun aber der aus dem Libanon stammende Australier Khaled Sabsabi? Als er nach Jahren wieder zu Besuchen in den Libanon zurückkehrt, entdeckt er nicht nur seine kulturelle Prägung und ein von Krieg und Chaos zerrüttetes Land. Er entdeckt auch eine religiöse Prägung, deren Dimensionen weit über die üblichen Klischees zum Islam hinausgehen. Sabsabis Installationen sind eine Kombination aus großformatiger abstrakter Malerei und Licht-Film-Ton-Installation. Mit ihr verschwimmen die üblichen Zuordnungen künstlerischer Genres. Und die Betrachter:innen werden durch die offenen Gänge und Licht-Spiele selbst zum Bestandteil der Installationen, in denen sich die Bilder bewegen. Hier wird das Verschiedene nicht getrennt gewürdigt, sondern miteinander verbunden und in Bewegung gebracht. Damit gelingt ein gegenwartskulturelles Programm, in dem durch Migration, der Entdeckung von Traditionen und der Neu-Kombination von Einflüssen neue Identitäten entstehen.
Religion in veränderten
Konstellationen
Parallel zur Biennale wird immer wieder auch in der Benediktinerabtei San Giorgio Maggiore vis-à-vis zum Markusplatz die Gelegenheit für eine Begegnung von Religion und Gegenwartskunst gesucht. Die riesige Kirche und Teile der Konventsgebäudes werden in diesem Jahr dem amerikanischen Bildhauer Barry X Ball für die Ausstellung „The Shape of Time“ zur Verfügung gestellt. Er reiht sich in eine sehr namhafte Reihe von Künstler:innen ein, die die Auseinandersetzung mit dem kirchlich geprägten Umfeld nicht scheuen.

Seine Werke sind von kunstgeschichtlichen Zitaten bei Material und Motiven geprägt, die aber durch ihre Konstellation wertvolle Weitungen erfahren. Exponiert hält dabei ein marmorner Budda nicht nur Einzug in das Oratorium der Mönche, sondern durch seine Anordnung auch gleich in die biblische Szenerie der „Darstellung Jesu“ im Jerusalemer Tempel. Da durch Ort und Veranstalter die religiösen Bezüge bei Barry X Ball explizit gesucht und damit weniger überraschend sind, erscheinen Werke wie die von Khaled Sabsabi umso bemerkenswerter. Denn sie ereignen sich im Zentrum des Kunstbetriebs und beweisen darin ihre Qualität und ihre verbindende, den als religiös markierten Bereiche übersteigende Dynamik.
Die Konferenz der Tiere
Die Installation von Sabsabi im Australischen Pavillon trägt den Titel „conference of one’s self‘ und knüpft an ein besonderes Element der Sufi-Tradition an: der auf das 12. Jahrhundert zurückgehenden Erzählung „Die Konferenz der Tiere“ von Farīd-al-dīn Áttār. Darin durchwandern die Tiere sieben verschiedene Täler auf der Suche nach einem geeigneten Anführer. Ihre erfolglose Suche mündet in die Erkenntnis unabgeschlossener und unabschließbarer Identitätssuchen. Die Suche der Tiere wird zu einem Bild für die Suche der Menschen nach Identität und eigener Bestimmung: „There can not be a final outcome, destination or form. We are processes, circumstances, passages; as everything ist flowing: nothing is ever stil.“[1] So wird die erfolglose Suche der Tiere bei Sabsabi zu einer Erkenntnis, die sich nicht fixieren, sondern nur in einer achten Stufe eines Oktogons andeuten lässt. Den Tälern der Suche, der Liebe, des Wissens, der Loslösung, der Einheit, des Staunens und der Armut wird so in Sabsabis Installation ein achtes Tal hinzugefügt, in dem es beständig um „Akzeptanz, Existenz und Zusammenleben“ geht.
Sabsabi greift in der mystischen Tradition der Sufi einen kulturellen und religiösen Impuls auf, in dem einer der wichtigsten Beiträge der Religionen im 21. Jahrhundert liegen dürfte. Deren Bestände werden zu einer zentralen Ressource für Menschen und Gesellschaften, die in ständigen Suchprozessen nach Gemeinsamem und Verbindendem sind. Diese Ressourcen sind indes nicht nur zu identifizieren und zu heben. Sie sind auch in die offenen Diskursprozesse gemeinsamen Ringens und in das unabgeschlossene Suchen nach einem gelingenden Zusammenleben zu überführen.
Religion als neu
gewürdigte Ressource
Viele Arbeiten der 61. Biennale in Venedig zeigen anschaulich, wie sehr das kulturelle Schaffen und die Gegenwartskunst zu einem der wichtigsten Felder geworden sind, in denen die entscheidenden Gegenwartsfragen verhandelt werden: der Umgang mit der Klimakrise, Fragen der gesellschaftlichen Gerechtigkeit und der Teilhabe von Minderheiten am gesellschaftlichen Leben oder Identitätsfragen in multikulturellem Zusammenleben und migrantisch geprägten Biografien. In all diesen Gegenwartsfragen entdeckt Sabsabi Ressourcen der Religionen als deren wertvoller Beitrag zu dieser Suche, wenn sie nicht in zu kleine Konkurrenzmodelle retardiert werden, sondern stattdessen im Verzicht auf definitorische Kontrolle für Rekombination und kreative Fortschreibungen angeboten werden. Die vielleicht wichtigste Ressource, die im Werk Sabsabis entdeckt und gewürdigt wird, beschreibt der Kurator Michael Dagostino prägnant, wenn er beobachtet, dass hier „Raum für Reflexion und Kontemplation“[2] geschaffen wird.
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Wolfgang Beck ist Professor für Pastoraltheologie und Homiletik an der PTH Sankt Georgen, Frankfurt/M. und Redaktionsmitglied von feinschwarz.net.
Foto: Christof Haake
Titelbild: Khaled Sabsabi: „conference of one’s self“, Biennale 2026; Foto: Wolfgang Beck
Gespräch zwischen Khaled Sabsabi und Kurator Michael Dagostino:
https://artreview.com/watch-khaled-sabsabi-and-michael-dagostino-in-conversation/
[1] Zitat aus dem Handout zur Kunstinstallation „conference of one’s self“ – Australischer Pavillon, 61. Biennale in Venedig 2026.
[2] Michael Dagostino, in: Biennale Arte 2026, „In Minor Keys“ by Koyo Kouoh (Short Guide), Venezia 2026, S. 158.


