Rainer Gottschalg über den Anspruch einer wirklich theologischen Analyse religiöser Geltungsansprüche der digitalen Gegenwart
Wer heute über künstliche Intelligenz, Silicon Valley oder die Macht sozialer Medien spricht, greift erstaunlich oft zu religiösen Bildern. Die Rede vom “neuen Gott” ist längst zu einer publizistischen Denkfigur geworden – eine Denkfigur, die Claudia Paganinis gleichnamiges Buch über Künstliche Intelligenz bereits im Titel aufnimmt[1] und die Daniel Haas jüngst in einem ZEIT-Essay feuilletonistisch zuspitzt[2]. Haas zeichnet Silicon Valley als neuen Vatikan, Tech-Eliten als Hohepriester, KI als Medium quasi göttlicher Schöpfungspotenziale. Solche Bilder sind suggestiv und nicht aus der Luft gegriffen: Digitale Technologien treten längst mit Versprechen von Nähe, Kreativität, Entgrenzung, Vorhersagbarkeit und Zukunftssicherung auf. Doch theologisch ist damit noch wenig gewonnen, solange Theologie lediglich als Metaphernreservoir für Technologiekritik dient.
wenig gewonnen, wenn Theologie lediglich als Metaphernreservoir für Technologiekritik dient
Haas trifft einen realen Punkt. Die digitale Transformation ist nicht bloß ein technischer Vorgang. Sie produziert Weltbilder, Menschenbilder, Hoffnungen, Erlösungsversprechen und Unterwerfungsformen. Wer Digitalisierung nur als Frage von Geräten, Anwendungen, Märkten oder Regulierung beschreibt, unterschätzt ihre kulturelle und symbolische Macht.
Haas jedoch greift zwar auf theologische Begriffe zurück, erschließt sie aber nicht theologisch. „Vatikan“, „Kurie“, „Kardinäle“, „Sündenfall“, „Canossagang“, „Purgatorio“, „Demiurg“, „Heilsgeschichte“ und „Messias“ machen den Text bildstark, leisten aber kaum begriffliche Arbeit. Der Essay erkennt, dass in der digitalen Kultur religiöse Energien wirksam sind. Aber er unterscheidet nicht sauber genug zwischen Theologie und Religion, zwischen Sakralisierung, Heilsversprechen und technischer Machbarkeitsphantasie. Nicht jede Absolutheitsbehauptung ist Theologie. Nicht jede technische Entgrenzungsphantasie ist Religion.
Nicht jede technische Entgrenzungsphantasie ist Religion.
Das zeigt sich an Haas’ These, Technologie und Theologie fielen heute „in eins“. Die Formulierung adelt die Selbstinszenierung der Tech-Eliten, indem sie ihnen theologische Dignität zuspricht. Allerdings wird Technologie nicht einfach Theologie. Technologische Diskurse besetzen zwar symbolische Funktionsstellen, die religiös codiert sind: Heil, Zukunft, Schöpfung, Unsterblichkeit, Gemeinschaft, Erlösung. Doch das ist kein Zusammenfall von Technologie und Theologie, sondern eine Interferenzzone aus Machbarkeit, Skalierung, anthropologischer Sehnsucht und religiöser Semantik.
eine Interferenzzone aus Machbarkeit, Skalierung, anthropologischer Sehnsucht und religiöser Semantik
Präziser wäre von einer Überlagerung unterschiedlicher Logiken zu sprechen. Die digitale Gegenwart bringt Theo-Logik, Anthropo-Logik und Techno-Logik in eine spannungsreiche Nachbarschaft. Was theologisch als Gabe, Zuspruch, Gnade und freie Antwort gedacht werden muss, erscheint technologisch als Machbarkeit, Skalierung, Steuerung und Optimierung. Was anthropologisch als leibliche, verletzliche und relationale Freiheit zu beschreiben ist, wird in digitalen Systemen in Profile, Daten, Präferenzen und Prognosen übersetzt. Problematisch ist, dass Techno-Logik theologische Funktionsstellen besetzt und anthropologische Grundvollzüge nach eigenen Operationsmustern formatiert.
Diese Differenz ist entscheidend. Denn Theologie ist nicht die Rede von maximaler Macht. Christliche Theologie ist nicht angemessen verstanden, wenn Gott vor allem als allmächtige, weltlichen Gesetzen entzogene Instanz erscheint. Genau so aber führt Haas theologische Fragen ein. Damit übernimmt er eine Gottesvorstellung, die seine Analogie zur Tech-Macht erst plausibel macht: Wenn Gott vor allem Allmacht ist, kann technische Allmachtsphantasie als Gottesersatz erscheinen.
Theologie ist nicht die Rede von maximaler Macht.
Eine anspruchsvollere Kritik müsste anders einsetzen. Gott ist nicht das religiöse Gegenbild zur technischen Supermacht. Offenbarung ist nicht göttliche Informationsübertragung, Gnade nicht Überwältigung, Erlösung nicht Optimierung. Christlich gesprochen erschließt sich Gottes Wahrheit in der Form der Liebe – und Liebe ist nur als Freiheitsgeschehen angemessen denkbar.
Wo technische Systeme Freiheit simulieren, Beziehung funktionalisieren, Anerkennung quantifizieren und Weltverhältnisse algorithmisch vorstrukturieren, steht daher nicht einfach ein neuer Gott auf. Sichtbar wird vielmehr, wie prekär die Bedingungen menschlicher Freiheit unter digitalen Vorzeichen geworden sind.
Sichtbar wird vielmehr, wie prekär die Bedingungen menschlicher Freiheit unter digitalen Vorzeichen geworden sind.
Damit verschiebt sich die Frage. Sie lautet nicht: Spielen Tech-Unternehmer Gott? Diese Frage ist zu leicht, zu plakativ und letztlich zu harmlos. Die präzisere Frage lautet: Welche Form von Mensch, Freiheit und Welt wird durch digitale Technologien hervorgebracht, stabilisiert und plausibilisiert?[3]
Haas sieht viele Symptome dieser Entwicklung. Er beschreibt, wie digitale Plattformen Nähe versprechen und doch Vereinzelung, Warenförmigkeit und Abhängigkeit erzeugen; wie KI-Bilder die Unterscheidung von Wirklichkeit und Simulation erschweren; wie digitale Räume Radikalisierung und Wahrheitsverlust begünstigen. All das sind reale Verwerfungen. Aber der Essay bündelt sie vor allem unter der Figur falscher Religion.
Aus theologischer Sicht ist nicht schon entscheidend, dass digitale Technologien religiöse Bilder produzieren. Entscheidend ist, dass Techno-Logik dort auf Anthropo-Logik übergreift, wo Freiheit, Anerkennung, Beziehung und Weltverhältnis in technische Operationen übersetzt werden. Sichtbarkeit ersetzt Anerkennung, Interaktion ersetzt Beziehung, Auswahl ersetzt Freiheit, Prognose ersetzt Vertrauen. Diese Übersetzungen sind nicht neutral. Sie verändern, was sie abbilden.
Sichtbarkeit ersetzt Anerkennung, Interaktion ersetzt Beziehung, Auswahl ersetzt Freiheit, Prognose ersetzt Vertrauen.
Das Problem der digitalen Welt liegt also tiefer: Sie bietet Wahlmöglichkeiten an und strukturiert zugleich die Bedingungen des Wählens. Sie verwandelt Subjekte in Profile, Datenquellen und Zielgruppen. Sie erzeugt Nähe, Kreativität und Weltzugang, bindet sie aber an Metriken, Infrastruktur und opake Bedingungen.
Hier braucht es einen theologischen Zugriff, der mehr leistet als Götzenkritik. Die Rede vom „neuen Gott“ oder vom „Silicon Valley als Vatikan“ mag feuilletonistisch einleuchten. Aber sie bleibt unterkomplex, solange sie nicht rekonstruiert, welche anthropologischen, symbolischen und freiheitstheoretischen Verschiebungen in den technischen Systemen selbst angelegt sind.[4] Die entscheidende Frage ist nicht, ob die Tech-Eliten Priester sind, sondern welche Grammatik von Freiheit in digitalen Räumen[5] eingeübt wird.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob die Tech-Eliten Priester sind, sondern welche Grammatik von Freiheit in digitalen Räumen eingeübt wird.
Theologie ist nicht zuständig, weil irgendwo religiöse Wörter auftauchen. Sie ist zuständig, weil in der digitalen Transformation Grundfragen menschlicher Existenz verhandelt werden: Freiheit, Beziehung, Wahrheit und Hoffnung. Genau das macht sie auch über die Theologie hinaus relevant. Regulierung, Medienkompetenz, ökonomische Kritik und politische Analyse bleiben notwendig. Aber sie reichen nicht aus, wenn nicht zugleich die symbolische und anthropologische Tiefenstruktur der Digitalisierung verstanden wird. Digitale Technologien sind nicht bloß Werkzeuge. Sie sind Räume, in denen Menschen sich selbst, andere und die Welt verstehen lernen.
die symbolische und anthropologische Tiefenstruktur der Digitalisierung
Darum braucht Digitalisierungskritik eine theologische Tiefenschärfe: nicht als nostalgische Verteidigung einer alten religiösen Ordnung, nicht als pauschale Verdammung digitaler Medien und nicht als bloße Entlarvung falscher Götter, sondern als Analyse der Frage, wie Freiheit unter technischen Bedingungen möglich bleibt.
Analyse der Frage, wie Freiheit unter technischen Bedingungen möglich bleibt.
Die Diagnose der Tech-Welt als falscher Religion ist nicht falsch, aber sie greift zu kurz. Denn die digitale Gegenwart wird nicht schon dadurch prekär, dass sie Gott imitiert oder sich mit religiösen Versprechen schmückt. Prekär wird sie dort, wo Techno-Logik auf Theo-Logik und Anthropo-Logik übergreift: wo Freiheit, Beziehung, Anerkennung und Weltverhältnis technisch formatiert werden – und diese Formatierung zugleich als Entgrenzung, Nähe, Kreativität und Zukunft erscheint. Die Frage, ob Silicon Valley der neue Vatikan oder KI der neue Gott sei, führt deshalb nur begrenzt weiter. Entscheidend ist, warum eine Kultur, die sich für nachreligiös hält, ihre machtvollsten Technologien noch immer in religiösen Bildern verstehen muss – und was diese Bilder sichtbar machen, aber auch verdecken.
Warum muss eine Kultur, die sich für nachreligiös hält, ihre machtvollsten Technologien noch immer in religiösen Bildern verstehen?
Auf dem Spiel steht nicht die Konkurrenz zwischen Papst und Plattform, Kirche und Konzern, Gott und Algorithmus. Auf dem Spiel steht, ob menschliche Freiheit unter den Bedingungen technischer Weltvermittlung noch als Freiheit erfahrbar, verantwortbar und gestaltbar bleibt.
Beitragsbild: Ali Shah Lakhani / unsplash
[1] Zur kritischen Einordnung dieser Denkfigur vgl. meine Besprechung von Claudia Paganini, in: Der neue Gott. Künstliche Intelligenz und die menschliche Sinnsuche, in: Theologische Revue 121 (2025).
[2] Daniel Haas, „Du sollst keinen Gott neben mir haben. Sind theologische Fragen plötzlich Sache der Tech-Unternehmer?“, in: DIE ZEIT, 10. Mai 2026, https://www.zeit.de/feuilleton/2026-05/theologie-technologie-unternehmen-silicon-valley-glaube
[3] Vgl. dazu etwa Rainer Gottschalg, “Freiheit als Leitkategorie der digital theologies”, in: Theologie in der Gegenwart 67 (3/2024), 162-173.
[4] Vgl. Rainer Gottschalg, „Topo-logical Interferences of Digital Spaces“, in: Florian Höhne/Frida Mannerfeldt (Hg.), Disconnected: Digital Theology in and between Contexts, Bloomsbury/T&T Clark, erscheint 2026
[5] Vgl. dazu nun auch Leo XIV., Magnifica Humanitas. Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz, 25. Mai 2026, bes. Nr. 92-97, 170-172 und 185-187. Die Enzyklika benennt die Gefährdung menschlicher Freiheit durch Abhängigkeit, Kommerzialisierung und algorithmische Steuerung; die freiheitstheologische Grundlegung bzw. Vertiefung dieser Diagnose bleibt jedoch weitgehend im Hintergrund.


