Katharina Leniger, Harald Ebert und Burkhard Hose blicken zurück auf ein Experiment auf dem Katholikentag in Würzburg.
„Wir fühlen uns von der älteren Generation im Stich gelassen – oder nicht gehört.“ Verena engagiert sich mit ihrer Schwester für Klimagerechtigkeit. Sie macht ihrem Frust im ZDF-Interview auf dem Würzburger Markt Luft. Auf dem Katholikentagspodium mit jungen Menschen konnte Kanzler Merz ihren Eindruck nicht entkräften. Stattdessen erklärte er, dass er sich falsch verstanden fühlte. Protestierende wurden des Saales verwiesen. Was dort nicht gelang, fand in der „Demokratiekirche“ Raum: Und die Klimaaktivist*innen stießen auf Resonanz. Auf die gestellte Frage „Wäre Jesus Klimaaktivist?“ war im Nu ein Gesprächskreis eröffnet.
Eine Demokratiekirche in einem katholischen Gotteshaus? Das klingt paradox angesichts der Tatsache, dass die katholische Kirche selbst mitnichten den Anspruch erheben kann, besonders demokratisch zu sein. Zwar gehört die Auseinandersetzung mit politischen Gegenwartsfragen seit jeher zur DNA der Katholikentage, ebenso wie die kritische Reflexion innerkirchlicher Strukturen. Doch die „Demokratiekirche“ in der Würzburger Marienkapelle verfolgte ein anderes Anliegen: Nicht kirchliche Reformprogramme oder synodale Prozesse standen im Zentrum, sondern die Frage nach dem Beitrag der Kirchen zur Resilienz der Zivilgesellschaft. Was können sie beitragen, damit das lange als stabil vorausgesetzte Fundament der Demokratie in Deutschland nicht weiter erodiert? Worin liegt ihr spezifisches Potenzial zur Stärkung eines tragfähigen demokratischen Miteinanders?
Eine Demokratiekirche in einem katholischen Gotteshaus? Das klingt paradox …
Vor allem das nicht verhandelbare Bekenntnis zur Würde aller Menschen, aus der gleiche Rechte und gleichberechtigte Teilhabe resultieren, die Vernetzung zivilgesellschaftlicher Akteur*innen und damit ein weiterer Erfahrungsschatz an Bildungs- und Dialogformaten auf Augenhöhe und – nicht zuletzt – Räume.
Ein solcher Raum entstand während des 104. Deutschen Katholikentags in der Würzburger Marienkapelle: Zentral gelegen ist sie selbst ein sprechender Ort: Hervorgegangen aus der Initiative einer Bürger*innenkirche, errichtet vis-à-vis zum hohen fürstbischöflichen Dom, gebaut auf den Trümmern eines Pogroms im 14. Jahrhundert, bei dem Würzburger Juden ermordet und ihre Synagoge zerstört wurden. Heute ist die Marienkapelle ein Ort vielfältiger Beheimatung – für Würzburger*innen ebenso wie für Sant’Egidio und die Ökumenische Nagelkreuzgemeinschaft. Deren Engagement für Gebet, Frieden und Verständigung prägen diesen Kirchenraum seit Jahren grundlegend.
Würzburger Marienkapelle: Bürger:innenkirche und Ort vielfältiger Beheimatung
Damit die Marienkapelle „Demokratiekirche“ werden konnte, mussten die Bänke nach draußen geschafft und die Barrieren mit Rampen überbrückt werden. Der erste Moment in dieser leeren Kirche fühlte sich wie ein Luftholen an. Es macht einen Unterschied, ob in einem Raum jahrhundertelang gebetet worden ist. Einzelne Kerzen brannten, dazwischen die bekannten Bilder und Statuen, ein solcher geisterfüllter Ort ist mehr als ein wohliges Gefühl, das nach Weihrauch duftet. Und trotzdem war da plötzlich Platz für Neues. Nach und nach wurden Stangen und Vorhänge geliefert und verschraubt: Ein eigener Raum im Raum entstand, in dem später Workshops stattfanden. Vor dem Altar wurden Infotafeln und eine Ausstellung aufgebaut, Ikonen auf Staffeleien auf ukrainischen Munitionskisten platziert, kleine Holzkönige im Raum verteilt, eine Königin direkt neben dem Altar. Es schien, als ob sie einen liebevollen und gleichzeitig schützenden Blick auf die kommenden Tage und die Begegnungen werfen wollte.
Der erste Moment in dieser leeren Kirche fühlte sich wie ein Luftholen an.
Im Herzen des Raumes, zwischen den hohen Säulen des Hauptschiffs, entstanden Kreise aus Hockern. An Pinnwänden standen Leitworte: „achten & aufstehen“, „hören & sprechen“, „mitmachen & vertrauen“. Es geht um Menschenwürde, Verständigung und Partizipation. In den Gesprächskreisen wurden die Herzstücke der Demokratie thematisiert, sie bildeten die „StreitBar“. Besucher*innen konnten eine Streitfrage platzieren und andere Stimmen hören, darüber in Austausch kommen, wie ein gutes gesellschaftliches Miteinander aussehen könnte. Die StreitBar orientierte sich an dem Konzept zu „Open Space“ von Harrison Owen in den 1980er Jahren und entwickelte es gleichzeitig weiter: Es gibt keine festen Großgruppen, sondern ein plurales und wechselndes Publikum und man kann sich ohne konzeptionelle Einführung beteiligen. Schreibgespräche ergänzten den gesprochenen Austausch.
Als am ersten der drei Tage die Türen geöffnet wurden, standen viele neugierige Personen vor der Tür. Schnell war die Kirche gefüllt und die ersten mussten draußen warten. Mindestens in einem der Sitzkreise der StreitBar saßen durchgängig Menschen und redeten, hörten zu. Manchmal hitziger, um der Sache willen, dann wieder wurde gelacht. Parallel ließen Menschen die Stimmung auf sich wirken, lasen die Informationen zu den Ausstellungen oder meldeten sich für einen Workshop an. Auf den Plakaten und Zetteln war zu lesen, was die Teilnehmenden bewegt: Der Einsatz für Frieden, Klima-, Geschlechter- und Generationengerechtigkeit, die Gefährdung der Demokratie vor allem von rechtsextremistischen und -populistischen Kräften, der Wunsch nach einem stärkeren Sozialstaat. Viele Beiträge thematisierten auch innerkirchliche Debatten und Streitfragen.
Mittendrin saßen auch Verena und ihre Schwester mit einer Gruppe älterer Besucher*innen und fühlten sich gehört: Eine Differenzerfahrung, die Kraft und Ermutigung für die beiden ist. Bei weitem waren nicht alle Diskussionen so konsensual: Gerungen wurde über die unterschiedlichen Wege auf militärische Konflikte zu reagieren – konkret am Beispiel der Waffenlieferungen in die Ukraine, auch die Mitbestimmung von jungen Menschen durch die Beteiligung an Wahlen war ein kontroverses Thema.
Gerungen wurde über die unterschiedlichen Wege auf militärische Konflikte zu reagieren.
Den Unterschied in der Diskussionskultur machte ein sakraler Resonanzraum, in dem spürbar wurde, dass es viele sind, die die Botschaft von einem gerechten Miteinander in die Welt tragen und umsetzen wollen. Dabei ist es nicht profan, dass all dies in einem Gotteshaus passierte. Spürbar wurde, dass in den Kreisen jemand Platz genommen hatte, der da ist, wo zwei oder drei sich versammeln. An einem Ort der Gottesbegegnung und des Gebets um ein gutes gesellschaftliches und kirchliches Miteinander zu ringen, nimmt dem Heiligen nicht nur nichts weg, es gibt ihm etwas zurück: Ein menschliches Gesicht, viele menschliche Gesichter. Der Kirchenraum als Ort, um über Demokratie nachzudenken, rückt schließlich noch etwas in den Blick: Unsere Demokratie lebt von Voraussetzungen, die sie sich nicht selbst geben kann. Die Anerkennung der menschlichen Würde ist vorgegeben. Sie unterliegt nicht Mehrheiten, sondern ist unabänderlicher Bestandteil unserer Gesellschaftsordnung. So zumindest haben es die Autor*innen des Grundgesetzes mit Art. 1 (1) verbindlich festgeschrieben.
An einem Ort der Gottesbegegnung um ein gutes gesellschaftliches Miteinander zu ringen, gibt dem Heiligen etwas zurück.
So war es entscheidend, dass in diesen Tagen der „Demokratiekirche“ auch gebetet wurde. Eingeladen hatten einige, die diese Kirche auch sonst mit Leben und Gebet füllen, die Nagelkreuzgemeinschaft und Sant’Egidio. Die Papphocker reichten längst nicht, um allen einen Sitzplatz anzubieten. So fand die Sehnsucht nach Frieden und Verständigung an einem gemeinsamen Ort vielfältige Ausdrucksformen.
Wie ein solcher Ort auch zukünftig aussehen kann, nachhaltig angeboten werden kann, wird sich entwickeln müssen. Deutlich wurde, dass ein Herzstück der Demokratie in Resonanzräumen liegt, in denen Begegnung, Zuhören und Beteiligung möglich ist. Die Kirchen haben in Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Akteur*innen etwas beizutragen und zugleich die Chance, für die eigene Verfasstheit zu lernen. Die „Demokratiekirche“ beim Würzburger Katholikentag hat bewiesen, dass die Kirchen ihre Türen öffnen müssen: Frische Luft reinlassen, um in einer von Spaltung bedrohten Gesellschaft verbinden zu können.
Katharina Leniger ist Pastorale Mitarbeiterin und Leiterin des Referates Spiritualität im Bistum Würzburg. Im Rahmen des 104. Deutschen Katholikentags leitete sie den AK Theologie, Kirche und Ökumene. In ihrer Promotion in Christlicher Sozialethik beschäftigte sie sich mit Prozessen der Restorative Justice im Justizvollzug.
Foto: Carina Müßen / ZfB
Dr. Harald Ebert, Sonderschulrektor im Ruhestand engagierte sich ein Arbeitsleben lang für die Teilhabe von Menschen in schwierigen Lebenslagen am Arbeitsleben und an Bildung. Für ihn steht die „Befähigung“ möglichst aller Menschen im Zentrum des Auftrages von Kirche. Ebert ist Mitbegründer des Würzburger Bündnisses für Demokratie und Zivilcourage in dem u.a. Kirchen und zahlreiche zivilgesellschaftliche Organisationen zusammenarbeiten.
Burkhard Hose ist Hochschulpfarrer und Hochschulreferent im Bistum Würzburg. Zivilgesellschaftlich engagiert er sich u.a. im „Würzburger Bündnis für Demokratie und Zivilgesellschaft“ und im „Würzburger Ombudsrat“, der unabhängigen Antidiskriminierungsstelle in Würzburg.
Die drei Autor:innen engagierten sich im Rahmen des 104. Deutschen Katholikentages neben ihrer Mitgliedschaft in unterschiedlichen Arbeitskreisen im Team der „Demokratiekirche“, das sich aus kirchlichen sowie zivilgesellschaftlichen Akteur:innen zusammensetzt.
Beitragsbild und Bild im Text: Demokratiekirche, Foto: Senses by Matthias Schmitt


