Sommer 2026 – Halbzeit zwischen dem Abschluss der Weltsynode 2024 und der kirchlichen Versammlung 2028. Wo stehen die Ortskirchen? Welche Erfahrungen machen sie? Worin liegen die Herausforderungen? Wohin führt der synodale Weg? Birgit Weiler berichtet über Entwicklungen in Lateinamerika und der Karibik.[*]
Das Zitat des in Lateinamerika bekannten spanischen Dichters Antonio Machado läast sich gut auf den Prozess der lateinamerikanischen Kirche in der Umsetzung der Weltsynode anwenden. Diese Kirche hat, wie Carlos Galli betont, „eine reiche konziliare, synodale und kollegiale Erfahrung“ [1] über einen langen Zeitraum hinweg. Verschiedene Ortskirchen sind schon seit Längerem auf einem synodalen Weg ohne diesen Begriff verwendet zu haben. Ich habe dies zum Beispiel seit fast zwanzig Jahren in Ortskirchen im Amazonasgebiet Perus erfahren.
Lernerfahrungen in Synodalität
Die Amazoniensynode (2019) mit ihrem breit angelegten Prozessen des Einander-Zuhörens und Beratens hat einen wesentlichen Beitrag zur Synodalität geleistet. Aufbauend darauf, war die Erste Kirchliche Versammlung Lateinamerikas und der Karibik (2021) eine weitere Wegmarke. Sie hat die Laien und Laiinnen als kirchliche Akteure, die Mitverantwortung für die Kirche tragen, in den Vordergrund gestellt und deutlich gemacht, dass die Bischöfe und alle anderen geweihten Amtsräger ebenso wie die Laien Mitglieder des Volkes Gottes und dazu gerufen sind, ihr Amt im Dienst am Gottesvolk auszuüben.
Die Erste Kirchliche Versammlung Lateinamerikas und der Karibik war mit ihren Stärken und Schwächen eine authentisch synodale Erfahrung und zugleich eine wichtige Lernerfahrung in Synodalität. Die Weltsynode hat dazu motiviert, die bestehenden synodalen Strukturen, Verfahrensweisen und Praktiken zu verstärken und weitere zu entwickeln, die nötig sind, um in Synodalität im Sinn von Gemeinschaft, Partizipation (Teilnahme und Teilhabe) und Mission zu wachsen.
«Together, Juntos, Sieme» – ein synodales Ökosystem
Inzwischen gibt es im Volk Gottes hier eine breitere Kenntnis der Weltsynode und ihrer Impulse. Dazu trägt das so genannte panamerikanische synodale Ökosystem «Together, Juntos, Sieme» bei. Es ist eine digitale Fortbildungsplattform, die vom Bischofsrat Lateinamerikas und der Karibik (CELAM) und dem damit verbundenen «Biblisch-Theologisch-Pastoralen Zentrum für Lateinamerika und die Karibik» (CEBITEPAL) in Zusammenarbeit mit der Theologischen Fakultät der Universität Santa Clara (USA) entwickelt wurde. Sie bietet seit Oktober 2025 einen für eine unbeschränkte Zahl von Teilnehmenden offenen, kostenlosen und mehrsprachigen online-Kurs (MOOC) zum Studium sowie zur Umsetzung des Schlussdokuments der Weltsynode an.
Praktizierte Synodalität benötigt Strukturen und Verfahrensweisen
CELAM und CEBITEPAL sind wichtige Akteure in der Förderung einer fortschreitenden Umsetzung der verschiedenen Impulse der Weltsynode für eine wachsende Praxis von Synodalität in den Ortskirchen als auch auf der regionalen Ebene sowie in der gesamten Kirche Lateinamerikas und der Karibik. CELAM hat die synodale Praxis weitergeführt, jährlich in den seit Langem im CELAM bestehenden vier geographischen Regionen, Versammlungen durchzuführen, an denen zusammen mit den jeweiligen Bischöfen auch Vertreter*innen der Ortskirchen sowie verschiedener kirchlicher Organisationen und Institutionen, wie zum Beispiel Caritas für Lateinamerika und die Karibik und andere, teilnehmen.
Es ist deutlich ein Bewusstsein dafür gewachsen, dass eine spirituelle Umkehr hin zu mehr praktizierter Synodalität in der Kirche unbedingt der dafür notwendigen Strukturen und Verfahrensweisen bedarf. Diese müssen in die unterschiedlichen Kontexte Lateinamerikas und der Karibik inkulturiert werden. Dafür ist es unerlässlich, möglichst viele Mitglieder des Volkes Gottes mit unterschiedlichen Berufungen an diesem Prozess aktiv zu beteiligen. Der Prozess hat bereits begonnen.
Theologisch-pastorale Netzwerke für synodale Bildung
CEBITEPAL betrachtet es als eine Hauptaufgabe, die Synodalität in der Kirche Lateinamerikas und der Karibik gezielt zu fördern. Es geht davon aus, dass kirchliche Umkehr- und Transformationsprozesse hin zu mehr Synodalität eine gemeinsname Weiterbildung in Glaube, Theologie und insbesondere Ekklesiologie von Laien, Laiinnen, Ordensleuten, ständigen Diakonen, Seminaristen, Priestern und Bischöfen erfordern. Auch fördert CEBITEPAL «den Aufbau theologisch pastoraler Netzwerke» zu diesem Zweck. Es hat «ein Angebot an virtuellen Fortbildungen» entwickelt.
Prozesse anstossen, Gemeinschaften stärken,
eine lernende Kirche begleiten
Wie der Direktor des Zentrums, Rafael Luciani, hervorhob, geht es nicht nur darum, «Inhalte zu vermitteln, sondern Prozesse anzustoßen, Gemeinschaften zu stärken und eine Kirche zu begleiten, die dabei ist zu lernen, angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen synodal, also miteinander auf dem Weg zu sein und miteinander zu arbeiten». Daher bietet das Zentrum Online-Kurse zu verschiedenen Themen an, wie zum Beispiel
- «Perspektiven und Herausforderungen des Schlussdokumentes der Synode: Auf dem Weg zur Kirchlichen Versammlung 2028»,
- «Ämter für Laien und Laiinnen in einer synodalen Kirche»,
- «Das Recht des Volkes Gottes in einer von Grund auf synodalen Kirche».
Die meisten Kurse zur Fortbildung müssen aufgrund der großen Entfernungen und der hohen Reisekosten virtuell durchgeführt werden.
Das Zentrum ist zudem dabei, virtuelle Gesprächsrunden zu drei Themen durchzuführen:
- «Die Stärkung einer ekklesiologischen Perspektive, die im Zweiten Vatikanischen Konzil verwurzelt ist»,
- «Der effektive Zugang von Laien und Ordensleuten zu Ämtern mit hoher Verantwortung»,
- «Die Schaffung von Diensten und Ämtern in einer synodalen Kirche».
Das Angebot findet breites Interesse. Zugleich bietet CEBITEPAL einen Fortbildungskurs zu Themen einer synodalen Pastoraltheologie an, bei dem ein Zertifikat erworben werden kann. In all seinen Aktivitäten will es ein synodales Theologie-Treiben voranbringen. Das Team von Theolog*innen des CELAM hat sowohl ein Buch mit Beiträgen zu zentralen Themen von Synodalität verfasst sowie Arbeitshilfen für die Umsetzung der Synode in den Gemeinden und auf diözesaner Ebene erstellt.
Synodale Priesterausbildung, eine Not-wendigkeit
In vielen Ortskirchen ist das Bewusstsein gewachsen, dass die Umsetzung von Synodalität notwendigerweise eine Reform der Ausbildung von künftigen Priestern erfordert, damit sie ihr Amt in einem synodalen Geist verstehen und auszuüben lernen.
CELAM zusammen mit CEBITEPAL haben daher ein Projekt begonnen, das die Erforschung der gegenwärtigen Ausbildung in den diözesanen, regionalen und nationalen Priesterseminaren zum Ziel hat mit der Frage, inwieweit diese auf Synodalität ausgerichtet ist, was ihre Stärken, aber auch Schwächen sind und was der Reform bedarf.
Dazu werden Umfragen und Tiefeninterviews in den Seminaren durchgeführt, sowohl unter Seminaristen als auch unter denen, die in der Ausbildung tätig und/oder dafür verantwortlich sind. Die Ergebnisse werden dann von Theolog*innen sowie anderen Expert*innen, zu denen auch die an der Ausbildung beteiligten Personen gehören, reflektiert, um schrittweise miteinander ein neues synodales Ausbildungskonzept zu entwerfen, dessen theologisch-praktische und pastorale Grundlagen zu erarbeiten und im Dialog mit den Bischöfen ein Pilotprojekt zu beginnen.
CEAMA – ein synodales kirchliches Organ
Mit der CEAMA ist aus der Amazoniensynode eine permanente und synodale Kirchliche Konferenz Amazoniens hervorgegeangen, die 2020 geschaffen wurde. Laut Statuten ist sie vor allem «dazu bestimmt, die Synodalität und gemeinsame Pastoral zwischen den Kirchen des Amazonasgebietes zu fördern» (Nr. 30). Sie ist ein synodales kirchliches Organ, das erste dieser Art in der Weltkirche.
ein «kollegiales Organ», in dessen Präsidium die verschiedenen Berufungen vertreten sind
Es handelt sich um ein «kollegiales Organ», in dessen Präsidium die verschiedenen Berufungen – Laien, Laiinnen, Ordensleute, Priester , Ständige Diakone sowie Bischöfe – als auch die indigenen Völker vertreten sind. Der Präsident muss gemäß den Statuten ein Bischof sein, aber er nimmt die Leitungsverantwortung für CEAMA zusammen mit zwei Vizepräsidenten und zwei Vizepräsidentinnen wahr. Im Verlauf der Jahre hat sich in CEAMA eine synodale Praxis auf der Grundlage von Prozessen der geistlichen Unterscheidung sowie der gemeinsamen Beratung und Entscheidung durch Konsensfindung im Heiligen Geist herausgebildet.
Ausbildung synodaler diözesaner Teams
In Peru hat die Bischofskonferenz eine Nationale Kommission zur Umsetzung der Weltsynode gebildet. Sie wird von Bischof Edinson Farfán, Diözese Chiclayo, geleitet und hat zur Aufgabe, den synodalen Teams der Diözesen, Vikariate und Prälaturen die für ihre Arbeit notwendige Aus- und Weiterbildung anzubieten und sie im Prozess der Umsetzung der Synode und in den Vorbereitungsphasen für die Kirchliche Versammlung in 2028 zu begleiten.
detallierter Arbeitsplan bis zur Kirchlichen Versammlung 2028
Im März 2026 fand ein mehrtägiges nationales Treffen der synodalen Teams in Lima statt, an dem 230 Delegierte aus 46 kirchlichen Sprengeln teilnahmen, darunter viele Ortsbischöfe. An runden Tischen wurde miteinander zum Verständnis von Synodalität und geistlicher Unterscheidung gearbeitet und das Gespräch im Heiligen Geist eingeübt. Die Nationale Kommission hat inzwischen in Koordination mit den Bischöfen einen detallierten Arbeitsplan bis zur Kirchlichen Versammlung im Jahr 2028 erstellt. Der Fachbereich Theologie der Päpstlichen Katholischen Universität Perus ist dabei, zusammen mit der Peruanischen Bischofskonferenz ein ganzheitliches Ausbildungsprogramm in Synodalität, mit theoretischen und praktischen Elementen, für die Mitglieder der synodalen Teams zu entwickeln. Es wird 2027 beginnen.
die unterschiedlichen kulturellen, sozialen und kirchlichen Kontexte prägen den Rhythmus
Zusammenfassend gesagt: Die Kirche in Lateinamerika und der Karibik setzt in vielen Teilen ihren synodalen Weg weiter fort. Die sehr unterschiedlichen kulturellen, sozialen und kirchlichen Kontexte prägen den jeweiligen Rhythmus. An verschiedenen Orten gibt es Widerstände aufgrund einer weiterhin starken klerikalen Mentalität, nicht nur von Priestern, sondern ebenso von Lai*innnen und Ordensfrauen bzw.- männern.
Ein Mentalitätswandel, dessen kulturelle Hintergründe noch mehr beachtet werden müssen, wird ein langwieriger Prozess sein. Widstände gibt es auch von einigen kirchlichen Bewegungen, die die Eklesiologie des Zweiten Vatikanums ganz oder in Teilen ablehnen. Das erschwert einen Dialog oder macht ihn unmöglich. Zugleich gibt es begründete Hoffnung, da viele Aktivitäten zur synodalen Fortbildung und Umsetzung der Synode multiplikatorische Effekte an der Basis haben und es klare Zeichen dafür gibt, dass die Umsetzung begonnen hat. «Der Weg entsteht beim Gehen …».
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Prof. Dr. Birgit Weiler, Missionsärztliche Schwester, lebt seit mehr als 30 Jahren in Peru und lehrt Theologie an der Päpstlichen Katholischen Universität Perus (PUCP). Sie ist Mitglied der von der Bischofskonferenz eingesetzten Nationalen Kommission für die Umsetzung der Weltsynode in Peru und Mitglied der Gruppe von Theologinnen und Theologen für die theologisch-pastorale Reflexion des Bischofsrates von Lateinamerika und der Karibik (CEAMA). Sie arbeitet auch mit der Kirchenkonferenz Amazoniens (CEAMA) zusammen.
[*]Teil 2 der Serie «Von der Synode 2024 zur Kirchenversammlung 2028 – Zwischenbilanzen aus aller Welt» mit Beiträgen aus Afrika (20.7.), Lateinamerika (22.7.), Nordamerika (24.7.), Europa (27.7.), Naher Osten (28.7.) und Asien (29.7.).
[1]Carlos Galli, “La lógica desbordante del Espíritu en el Pueblo de Dios”. In: Orden de la Compañía de María Nuestra Señora (Hg.), Unidos hacia un nuevo modo de ser Iglesia, Bogotá 2021, 133-159, 148.
Beitragsbild: Tagung mit Synodalen Teams in Peru

