Simon Spengler stellt das neue Buch des Schweizer Theologen Urs Eigenmann vor[*].
2025 feierte die Christenheit, namentlich die römisch-katholische Amtskirche, 1700 Jahre des „ersten ökumenischen Konzils“ und dessen welthistorische Bedeutung für die gesamte Kirchengeschichte bis heute. Weitestgehend ausgeblendet wurden dabei die macht- und religionspolitischen Interessen des römischen Imperiums, die Nizäa prägten und die in dessen Rede von Gott zum Ausdruck kamen. Und erst recht nicht fand eine kritische Überprüfung statt, in welchem Verhältnis diese neue, kaiserlich autorisierte Rede von Gott zu dem Gott stand, den der Messias Jesus von Nazaret gepredigt hatte und der in der hebräischen Bibel als Gott des Exodus aus dem Sklavenhaus Ägyptens erinnert wird.
Rückbesinnung von Theologie und Kirche
auf die Reich-Gottes-Verkündigung
Gegen diese idealistische (und damit auch selbst von machtpolitischen Interessen geleitete) Nizäa-Rezeption schreibt der Pastoraltheologe und Priester des Bistums Basel, Urs Eigenmann, leidenschaftlich an. Sein Buch ist eine veritable Streitschrift für eine Rückbesinnung von Theologie und Kirche auf die Reich-Gottes-Verkündigung gegen die herrschende „Pax Romana“, durch den Nazarener, den „Messias, der Jesus ist“ (nicht umgekehrt), und die befreiende Erinnerung an den Gott, der sein Volk aus der Knechtschaft der „Pax Aegyptica“ führte und begleitete.
Imperialisierung des Christentums
Dabei kommt der Autor zum unverblümten Schluss, dass der in Nizäa verkündete Gott weder der Gott Jesu noch der Gott des Exodus ist und Nizäa für eine „Imperialisierung des Christentums“ steht. In den Worten von Franz Hinkelammert ausgedrückt: „Die Christianisierung des Imperiums war in Wirklichkeit eine Imperialisierung des Christentums.“ (204)
Erkenntnisleitend ist dabei die Einsicht, dass jede Rede von Gott immer auch eine Rede über die Welt ist, in jedem Gottesglauben ein bestimmtes Verständnis von Gesellschaft zum Ausdruck gebracht wird. Eigenmann bezieht sich hier auf Edward Schillebeeckx: „Das gesellschaftliche Funktionieren des Gottesglaubens kann man nicht von der theologischen Bedeutung des Gottesglaubens isolieren.“ (11) Das gilt natürlich auch für das Credo von Nizäa und kurz darauf für das von Konstantinopel. Für aufgeklärtes theologisches Denken mag das eine Selbstverständlichkeit sein, die amtskirchliche Theologie bleibt davon weitgehend unberührt.
Klärung des kategorialen theoretischen Rahmens
Eigenmanns Buch will aber mehr sein als eine „Streitschrift“. Wer den Autor kennt, weiss, dass eine Klärung der methodologischen Voraussetzungen die Basis jeder seriösen Theologie ist: „Wer denkt mit welchem Interesse und zu welchem Zweck wie über welchen Gott und über die mit diesem Gott verbundenen Vorstellungen von Gesellschaft und Welt nach?“ (16) Zur Klärung des kategorialen theoretischen Rahmens referiert Eigenmann das wissenschaftstheoretische Instrumentarium Ludwik Flecks. Diese Grundüberlegungen machen den Einstieg ins Buch allerdings nicht gerade leicht. Zusätzlich eröffnen die zahlreichen Querverweise aus Theologie- und Philosophiegeschichte zwar neue Bezüge, erschweren aber auch die flüssige Lektüre. Weniger könnte manchmal mehr sein.
ein den Menschen mit der Befreiung beauftragender Gott
Ein kategorialer Rahmen ist für Eigenmann das Axiom, die Bibel müsse die Seele der Theologie sein. Aus dieser im Zweiten Vatikanum wiederentdeckten Grundeinsicht, dass das Lehramt nicht über dem Wort Gottes stehen dürfe, folgert Eigenmann: „Wissenschaftstheorietisch formuliert heisst dies, dass die Theologie dem kategorialen theoretischen Rahmen der Bibel verpflichtet sein muss.“ (28) Diesen biblischen kategorialen Rahmen des in der Schrift bezeugten Gottes des Exodus und des Reiches und seiner Gerechtigkeit zeichnet Eigenmann dann minutiös nach. „Gott positioniert sich angesichts des historischen Kontextes der Pax Aegyptica als solidarisch-befreiender und den Menschen mit der Befreiung beauftragender Gott.“ (32) „Dieser Gott ist kein Staatsgott auf der Seite irdischer Machthaber, sondern der Bundesgenosse machtloser Sklaven.“ (34)
Anforderungen an jede Rede von Gott zu allen Zeiten
Die Exodus-Erinnerung liest Eigenmann als ein „Paradigma für die Interpretation des gesamten Raums und der gesamten Zeit“ (35). Im Namen des Exodus-Gottes „bezeugt der galiläische Jude Jesus von Nazaret das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit“ (36). Seine Forderung nach „Umkehr meint Abkehr von der imperial-tödlichen Logik der herrschenden Pax Romana und ist Bedingung der Hinkehr zum Reich Gottes und seiner Lebenslogik“ (38). Zusammenfassend stellt Eigenmann Kriterien dafür auf, welche Sicht der Gesellschaft und Welt mit dem biblischen Gott vereinbar ist: „Es muss eine Gesellschaft und Welt sein, die
- sich allen Formen von Totalität ökonomischer, polit-nationalistischer und ideologischer Art verweigern;
- als Kern ihrer Handlungslogik dem Tod-Leben-Urteil folgen;
- sich von der Vision einer Welt leiten lassen, in der alle Platz haben und niemand ausgeschlossen oder abgewertet wird;
- sich im Sinn eines minimismozentrischen Humanismus der Praxis am Wohl der Geringsten orientieren (…);
- ihre gesellschaftlichen Systemdynamiken so regeln, dass laterale Trennungen und vertikale Diskriminierungen abgebaut werden.“ (65)
Diesen Anforderungen muss jede Rede von Gott zu allen Zeiten gerecht werden, will sie sich auf den Gott der Bibel berufen.
Verschiebung der Problemebene
Die im zweiten Jahrhundert namentlich mit Justin einsetzende Platonisierung des Christentums wird für Eigenmann dieser Anforderung nicht gerecht, im Gegenteil. Das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit als zentraler Bezugsrahmen verschwindet im Dunstnebel von Justins Logosrezeption, in seiner Spekulation über Präexistenz und Jungfrauengeburt. Diese Verschiebung der Problemebene setzt sich bei Klemens von Alexandrien und Origenes fort und mündet schliesslich in einen erkenntnistheoretischen Bruch mit dem biblischen historisch-praxisbezogenen Denkstil zugunsten einer „Übernahme eines idealistisch-spekulativen Denkstils“ (81). „Dieser idealistisch-spekulative Denkstil wurde im Jahr 325 vom Konzil von Nizäa übernommen und war von da an konstitutiv für die Orthodoxie aller christlichen Kirchen.“ (84)
In einem kurzen Exkurs geht Eigenmann auch auf den Antijudaismus ein, den Justin in der christlichen Orthodoxie fest verankert. Interessant wäre noch eine Untersuchung gewesen, wie sich die Rezeption hellenistischer Philosophie im Judentum selbst ausgewirkt hat, ist doch auch namentlich die Weisheitsliteratur des ersten Testaments deutlich von ihr geprägt. Sind hier allenfalls Unterschiede zur Rezeption in der christlichen Theologie zu entdecken? Darauf geht Eigenmann allerdings nicht ein.
Indienstnahme für das Herrschaftssystems Konstantins
Im Folgenden zeichnet Eigenmann die Entwicklung des Christentums von der verfolgten Reich-Gottes-Bewegung zu der zunächst erlaubten Religion bis hin zur neuen römischen Staatskirche nach. Entscheidend war der Sieg Konstantins an der Milvischen Brücke „im Zeichen des Kreuzes“, wo er 312 seinen Rivalen Maxentius besiegte. Konstantin erkannte die stabilisierende Kraft, die von einer ‚toleranten‘ Religionspolitik ausgehen konnte.
Duldung und Gleichstellung der christlichen Bewegung gingen einher mit der Indienstnahme für das Herrschaftssystems Konstantins. Seine Sonntagsgesetze fördern die Verkultung des Gemeindegottesdienstes. Verrechtlichung der Liturgie, priesterliche Vermittlungsdoktrin, Trennung von sakral und profan sowie Klerus und Volk nehmen ihren Lauf. „Der Christliche Gottesdienst als erinnernd-vergegenwärtigende Feier des Schicksals Jesu und dessen Reich-Gottes-Zeugnisses übernimmt die Funktion, die Pax Romana religiös zu stabilisieren. Das Gewaltopfer Jesu steht im Dienst des Imperiums, das ihn ermordet hatte. Mehr Verkehrung geht nicht.“ (98)
Konzilsbeschlüsse werden automatisch auch kaiserliche Reichsbeschlüsse
Das vom Kaiser einberufene und von ihm zur Gänze dominierte und kontrollierte Konzil (!) zwecks Definition einer einheitlichen Glaubenslehre wird dann zum Abschluss und Höhepunkt dieser Entwicklung, Konzilsbeschlüsse werden automatisch auch kaiserliche Reichsbeschlüsse. Nota bene war Konstantin zu diesem Zeitpunkt noch nicht getauft und verehrte je nach Publikum weiterhin auch die römischen Gottheiten. Für ihn keinerlei Problem. Problematisch war für ihn nur, dass die Christen sich in verschiedene Parteien aufzusplitten drohten (Arianismus-Streit), was Unruhe ins Reich bringen konnte.
lehramtlich sanktionierte Reich-Gottes-Vergessenheit
Eigenmann zeigt in der theologischen Analyse des Glaubensbekenntnisses von Nizäa auf, wie die Reich-Gottes-Botschaft rasant schnell in den Texten verschwindet: „Diese auf dem Konzil von Nizäa als erstem aller Konzilien als lehramtlich sanktionierte Reich-Gottes-Vergessenheit wird danach durch alle der nach römisch-katholischer Zählung zwanzig Ökumenischen Konzilien bis und mit dem Vatikanum I hindurchgehen.“ (121) Der biblisch-theologische Befund Eigenmanns kommt zum klaren Verdikt: „Die idolatriekompatible Orthodoxie des Konzils von Nizäa kennt den biblisch bezeugten strikten Gegensatz von Glauben an den Gott des Lebens und der Duldung oder Verehrung von Götzen des Todes nicht“, und somit wird der „historisch-praktische Gegensatz von Gottesglauben und Götzendienst verschoben auf den idealistisch-doktrinalen Gegensatz von Orthodoxie und Heterodoxie bzw. Häresie“ (130).
innere Zerrissenheit des Christentums bis in die Gegenwart hinein
Im letzten Teil seines Buches zeichnet Eigenmann dann die „innere Zerrissenheit des Christentums bis in die Gegenwart hinein“ nach (141ff), die für Eigenmann erst mit dem Vatikanum II dank seiner Wiederentdeckung des Primats der Bibel über die Lehre und der Rückbesinnung auf die Reich-Gottes-Botschaft, später dann namentlich auch durch Papst Franziskus und speziell seines Lehrschreibens Evangelii gaudium, wieder Platz in der kirchlichen Orthodoxie fand.
Pax Capitalistica – Pax Russica
Gegen Schluss zeigt Eigenmann noch an zwei weltpolitischen Beispielen die Aktualität dieser Zerrissenheit auf: in der Vereinnahmung des Christentums in der US-amerikanischen MAGA-Bewegung im Rahmen der „Pax Capitalistica“ sowie durch den orthodoxen Patriarchen von Moskau in seiner Rechtfertigung des Ukraine-Kriegs bzw. der „Pax Russica“. Diese Exkurse in die heutige Weltpolitik fallen allerdings etwas holzschnitzartig aus. So kommt in Bezug auf den Krieg in der Ukraine das Stichwort NATO gar nicht erst vor, geschweige die differenzierte Haltung des sonst so von Eigenmann geschätzten Papst Franziskus.
keine leichte Kost

Eigenmanns Buch ist keine leichte Kost, sondern eine echte Herausforderung. Wer die Mühe des Mitdenkens nicht scheut, wird dafür reich belohnt. Gewiss, Eigenmann liebt Schemata (einige sind sogar farbig im Buch abgedruckt, die für Arbeitsgruppen in theologisch interessierten Kreisen hilfreich sein können).
Räume für Kritik, die kreativ genutzt werden können
Auch der kirchlichen Orthodoxie selbst wohnt der innere Widerspruch inne, dass sie ohne ihre Gründungsdokumente nicht auskommen kann und somit immer auch Räume für Kritik an sich selbst produzieren muss – die kreativ genutzt werden können und in der Vergangenheit auch genutzt wurden. Aber Schemata haben den Vorteil, das Verständnis zu schärfen. Hier hat Eigenmann einen wichtigen Dienst nicht nur zur kritischen Rezeption Nizäas geleistet, sondern zur Wiederentdeckung dessen, was kritische Theologie sein kann und sein müsste. Und darüber hinaus hat Eigenmann in seinem langen Anlauf hin zu Nizäa eigentlich die Grundlage einer materialistischen Theologie gelegt – auch wenn er sie selbst vielleicht nicht so bezeichnen würde.
[*] Urs Eigenmann, Welcher Gott für welche Gesellschaft und Welt? Das Konzil von Nizäa und die Zerrissenheit des Christentums, Edition Exodus, Luzern 2026, 248 Seiten. Am 31. August 2026, 18.30 Uhr, wird das Buch von Urs Eigenmann, der 2026 seinen 80. Geburtstag feiert, an der Paulus Akademie Zürich vorgestellt.
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