Was erwarten Sie von dem neuen Gesangbuch? – Nun, das wird es nicht erfüllen. Warum das so ist, beschreibt Kirchenmusikerin Beate Besser, eine der Vorsitzenden des Liedausschusses.
So nebensächlich dieses Buch zunächst erscheinen mag, hängen doch und offensichtlich viel mehr Emotionen dran, als etwa an einer Bibel-Übersetzung (wie Luther 2017). Warum das so ist, sollte nicht überraschen, denn ein Gesangbuch ist zum Singen da, und mit dem Medium der Musik sind fast zwangsläufig Emotionen verbunden. So manches Mal widersprechen die durch Klang und Gesang – mit oder ohne Begleitung – hervorgerufenen Gefühle auch dem Textinhalt. Dann obsiegt zumeist das Gefühl. Wie will mensch Lieder wie „So nimm denn meine Hände“ oder „Vergiss es nie“ bewerten? Beide lassen sich vordergründig gut theologisch „zerpflücken“. Aber was ist, wenn sie ganz konkret in eine bestimmte Lebenssituation helfend sprechen? Ich habe beides erlebt. Kommt dann die theologische und (!) musikalische Analyse an ihr Ende?
So manches Mal widersprechen die Gefühle auch dem Textinhalt.
Die protestantische Gesangbuchgeschichte ist voll von Versuchen, diesem Dilemma zu begegnen. Quer durch die deutschen Lande lässt sich beobachten, dass aller ca. 30 Jahre ein neues Gesangbuch eingeführt wurde, wobei die Erarbeitung derselben in der Regel – grob gesagt – durch Theologen (gendern hier aussichtslos) und/oder Beamte erfolgte. Die Einführung traf nicht immer auf Begeisterung, wenn – wieder vergröbert – Frömmigkeitsprägungen[1] aufeinanderprallten. So ist verbürgt, dass im Jahre 1791, als im Herzogtum Oldenburg nach fast 40 Jahren ein neues Gesangbuch eingeführt werden sollte, sich einzelne Dörfer widersetzten, so dass Polizeidragoner geschickt wurden, um zum Singen aus dem neuen Buch zu ermuntern – nun, so wird es jetzt nicht kommen.
1791 wurden Polizeidragoner geschickt, um zum Singen aus dem neuen Buch zu ermuntern.
Die Erarbeitung eines neuen evangelischen Gesangbuchs folgt also durchaus einer gewissen Zeitlogik. Das Nachkriegs-EKG[2] wurde von einer Gruppe theologisch-hymnologischer Profis in Ost und West (Christhardt Mahrenholtz und Oskar Söhngen & Co.) 1950 herausgegeben. In den achtziger Jahren war der Wunsch nach Aufnahme der inzwischen verbreiteten, v.a. aus dem west- und nordeuropäischen Raum eingeführten, Lieder groß, sodass ein neues Gesangbuch vorbereitet wurde, nunmehr in einer – sagen wir – vordemokratischen Form, zunächst auch in geteilten DDR/BRD-Gruppen. Der Einfluss einiger Beteiligter lässt sich nicht leugnen[3]. Einge Autorennamen (auch ungegendert) häufen sich, was ich v.a. für jene aus den Kirchen der DDR sagen kann. Die Einführung des EG erfolgte 1993/94. Also ist periodisch gedacht ein neues Gesangbuch einfach dran.
Periodisch gedacht ist ein neues Gesangbuch einfach dran.
Der Prozess für dieses Gesangbuch ist ganz anders aufgesetzt: Partizipation ist das „Gebot der Stunde“. Die Gesangbuch-Kommission (ca. 70 Personen) ist vielfältig besetzt: alle Gliedkirchen (EKD und Österreich), und wesentliche Verbände haben Vertreter:innen entsandt. Damit soll vielfältige Beteiligung und die Berücksichtigung der diversen Singe-Tendenzen abgebildet werden. Zudem gibt es natürlich Leitlinien für das Gesangbuch wie z.B. theologische und musikalische Qualität, profilierte Vielfalt der Epochen und Stile, ökumenische und internationale Weite. Diese und die Arbeitsweise werden hier jedoch nicht ausgeführt.
vielfältige Beteiligung und die Berücksichtigung der diversen Singe-Tendenzen
Etwas wirklich Neues ist die Entscheidung, Lieder und Gesänge (ca. 600 Titel) nicht nur gedruckt, sondern auch digital anzubieten, wobei das digitale Angebot (die „Bank“) weitere etwa 600 Titel beinhalten soll, die nicht gedruckt werden. Dieses komplette online-Angebot soll eine Reihe von Bearbeitungsfunktionen haben.
Entscheidend ist ja, ob und wie die Ideen im Verfahren umgesetzt werden können. Und das zeigt sich im Besonderen in der Auswahl der Lieder – darauf wird gespannt gewartet, weil alle Strömungen sowohl „ihre“ Lieder erwarten und möglichst gegenstehende Lieder bitte nicht. Und nun liegt die Vorläufige Liederliste vor – und die Aufregung ist allweil groß. Alle vermissen irgendwas – klar, und eigentlich kein Wunder. Obwohl die Anzahl der Lieder fast dreimal so hoch sein wird, wie bislang, wird nicht jeder Wunsch erfüllt werden können. Dazu kommt die Spannung „Buch vs. Bank“ – was findet sich wo? Die Nutzenden werden damit umgehen müssen, dass sich Lieder finden, mit denen sie nichts anfangen können oder wollen. Auch das ist nicht überraschend bei der erzielten Fülle an verschiedensten neuen und internationalen Liedern. Längst kommen nun Fragen und v.a. Proteste.
Alle vermissen irgendwas – klar, und eigentlich kein Wunder.
Aber haben die „Lauten“ Recht? Erstmals werden eine Reihe der Lieder aus dem Bereich „praise & worship“ im Gesangbuch vertreten sein – den Protagonist:innen ist das nicht genug. Ähnliches gilt für den Pop-Bereich. Gleichzeitig fürchten andere um die große hymnologische Tradition, auch wenn sich das numerisch kaum stützen lässt.
So fallen im Prozess aber auch einige Themen durchs Raster, die in dieser Spannung nicht auftauchen – und das bereits im Lied-Ausschuss. Das betrifft zum einen Lieder, die sich nicht sofort erschließen, für die es geistigen und emotionalen Einsatz braucht – vergröbert gesagt: politische Lieder. Und zum anderen betrifft es Lieder, die in Frauenzusammenhängen wichtig sind. Eines verbindet beide Kategorien: Sie erfordern nicht nur theologische, sondern auch politische Stellungnahme. Und sie erfordern geistiges und geistliches Engagement. Interessant: solche Lieder sind in der Regel nicht im Stil des soft-pop vertont, sie sind also auch musikalisch in ihrem Anspruch zu erschließen.
Politische Lieder und Lieder aus Frauenzusammenhängen fielen eher durchs Raster.
Als ein Thema des Politischen war zu beobachten, dass Lieder aus Frauenzusammenhängen im Liederausschuss (wohl mangels Kenntnis) abgewählt wurden. Dies hat dazu geführt, dass ich eine eigene AG starten durfte, die an der Stelle nachgelegt hat. So sind auch Lieder mit nicht-männlichem Gottesbild dazu gekommen, z.B. „Lobet die eine“ auf die Melodie „Lobet den Herren“ von Carola Moosbach. Dieses findet sich bereits im Erprobungsgesangbuch, das einige wenige Kapitel enthält. Da gab es bereits Proteste – auch mit der Unterstellung, dass der Text von Paul Gerhardt nun entfiele. Dies ist aber ein Morgenlied – und Morgenlieder wurden für den Erprobungsband nicht ausgewählt.
Als Beispiel für ein durchaus politisches Lied sei „Wir haben Gottes Spuren festgestellt“ vorgestellt. Der bekannte Refrain endet mit „Gott wird auch unsre Wege gehen, uns durch das Leben tragen.“ – Punkt. Dies entspricht aber weder dem französischen Original noch der Erstübersetzung von Diethard Zils[4]. Da heißt diese Stelle „Wird Gott auch unsere Wege gehen, uns durch die Fluten tragen?“ – Fragezeichen. Ertragen wir das?
„Wird Gott auch unsere Wege gehen, uns durch die Fluten tragen?“ – Fragezeichen.
Und an solchen Stellen kommt es m.E., zum Schwur: wieviel politische Ambivalenz und wieviel Mut leistet sich evangelische Kirche? Diese Frage kann das Liedgut und dessen Auswahl eher spiegeln, aber nur wenig steuern – eins der Dilemmata des Gesangbuchs. Die Erwartungen sind dennoch – auf jeder Seite – utopisch, also nicht erfüllbar.
Hier bleibt also eine offene Stelle, die sich im gewählten (nicht: vorhandenen) Liedgut zeigt, aber wohl auch signifikant für die kirchliche Situation ist; was halten wir theologisch aus an Unklarheiten, Ansprüchen, Herausforderungen? Darf das im Gesangbuch stehen bleiben? Ein Gesangbuch selbst kann das nicht beantworten, aber immerhin aufzeigen. Die Antwort haben die Singenden immer wieder selbst zu beantworten.
„Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehen, dein Reich komme, Gott, dein Reich komme.“
Beitragsbild: Rawpixel / Shutterstock
[1] So waren pietistisch geprägte Gemeinden im 18. Jahrhundert eher wenig begeistert von den neuen aufklärerischen Gesangbüchern.
[2] Evangelisches Kirchengesangbuch
[3] Diese Geschichte wäre im Detail einmal aufzuarbeiten.
[4] Vgl. Harald Schröter-Wittke: Wir haben Gottes Spuren festgestellt (EG.E 20); in: Ilsabe Alpermann, Beate Besser, Martin Evang, Harald Schröter-Wittke (Hg.): Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt. Hymnologische Kommentare zu den Liedern im Ergänzungsheft zum Evangelischen Gesangbuch. Vandenhoeck & Ruprecht 2023, 127-131, hier: 130. Vgl. auch: Andreas Büsch und Thomas Quast: Diethard Zils; in: Musica Sacra. Zeitschrift für katholische Kirchenmusik, Jahrgang 141 (2021), Heft 4, S. 210f.


