Carl Wilhelm Macke hat nach langer Zeit „Rosen aus Stein. Spanische Kathedralen von Santiago bis Segovia“ von Julio Llamazares noch einmal wiedergelesen.
Wie schreibt ein erklärter Agnostiker über kirchliche Bauwerke, die nur und ausschließlich zur größeren Ehre Gottes errichtet wurden? Zieht er alle Register der antiklerikalen Polemik? Macht er sich lustig über Gläubige, die eine bröckelnde Steinstatue anbeten? Klagt er über die Verschwendung von Geldern, die für die Linderung von sozialer Not vielleicht besser ausgegeben wären?
Von alledem ist auch in den Aufzeichnungen von Julio Llamazares etwas zu lesen, aber es steht nicht im Mittelpunkt dieses faszinierenden Buches. Auch wenn es in einer deutschen Übersetzung von Astrid Böhringer bereits im Jahre 2011 erschienen ist, lohnt sich die Lektüre ( oder eine Re-Lektüre ) immer noch. Leicht ist es, die Schattenseiten des spanischen Katholizismus aufzuzählen. Die gewaltvolle Inquisitionsgeschichte, die Rolle des Klerus in den franquistischen Jahren und im Bürgerkrieg. Die offene oder verdeckte Kollaboration mit dem Königshaus und korrupten Regimes in der postfranquistischen Zeit. Die die spanische Gesellschaft krakenartig unterwandernde Macht von ‚Opus Dei‘. Die unendliche Zahl von klerikal zu verantwortenden sexuellen Missbrauchsfällen, die nach und nach bis heute bekannt werden. Nichts von diesen dunklen Seiten des spanischen Katholizismus kann und darf man als Katholik verschweigen und verdrängen.
architektonisches Zeichen großer Gottesverehrung
Und trotzdem bleibt da eine große Bewunderung für die Grandiosität der Kathedralenkultur in Spanien. Eine Bewunderung der Bauwerke, die als architektonisches Zeichen großer Gottesverehrung, als Dank für das irdische Wirken von Heiligen, in Erinnerung an Ereignisse, die von „dem Volk“ als Wunder verehrt werden. Das dieses Reisebuch zu den großen Kathedralen Spaniens einleitende Zitat von Fulcanelli über die Mysterien der Kathedralen stimmt den Ton an, der auf jeder Seite der einzelnen Abschnitte in dem Buch von Llamazares weiterklingt. „Der stärkste Eindruck unserer Kindheit, an den wir uns noch heute lebhaft erinnern, war die Ergriffenheit, die in unserer Kinderseele der Anblick einer gotischen Kathedrale hervorrief… Bis heute können wir uns einer gewissen Verzückung nicht erwehren, wenn wir vor diesen Bilderbüchern stehen, die sich in unseren Städten erheben.“
Ich habe nie eine der von Llamazares beschriebenen Kathedralen gesehen, aber jetzt nach der Lektüre dieses Bandes, möchte ich sofort aufbrechen, um die gigantischen sakralen Festungen in Burgos, Salamanca, Leòn, Santiago de Compostela, Oviedo, Tudela, Àvila und Barcelona einmal aus der Nähe wahrzunehmen. Llamazares beschreibt sie so unglaublich plastisch, so sinnlich, dass man manchmal glaubt, man stehe neben ihm und blicke selber auf die monumentalen Eingangsportale, über denen die großen Erzählungen der Bibel in filigranen Kunstwerken wiedergegeben werden. Immer wieder stößt man auf eine Begeisterung über das Gesehene, die in Worten kaum wiederzugeben ist.
Zum Beispiel wenn der Autor vor dem ‚Pòrtico de la Gloria‘ der Kathedrale von Santiago de Compostela steht, vor der „vollkommensten und schönsten in Stein gemeisselten Darstellung der christlichen Glaubenslehre“. Ein Portal, „das man ein ganzes Leben lang bewundern“ könnte. Und nahezu verzückt schreibt Llamazares über ein Grabmal innerhalb der Kathedrale von Burgos: „Der Realismus der beiden Körper, der Ausdruck der beiden Gesichter, das fast mystische Weiß des Marmors darunter haben eine verstörende wie fesselnde Wirkung auf den Reisenden. Etwas Vollkommeneres in der Bildhauerei kann es zweifellos nicht geben.“
authentische Leidenschaft eines Nicht-Gläubigen
Gerade weil Llamazares nicht als gläubiger Christenmensch die Kathedralen erkundet, ist seine Leidenschaft für die Kunst dieser sakralen Bauten auch so authentisch, ja manchmal sogar ergreifend. Das Spanien jedoch, über das Llamazares hier am Beispiel seiner monumentalen Kirchenbauten nachdenkt, gibt es nicht mehr. Spätestens wenn er über die durch die Kathedralen herumschlürfenden Touristenmassen oder über die Reiseandenkenindustrie schreibt, ist man wieder angekommen im heutigen profanen Spanien. Aber es gab einmal eine andere Zeit, in denen die Menschen eine andere Vorstellung vom Leben und seinen Werten hatten als heute.
Julio Llamazares verklärt diese Zeit nicht, er ruft sie uns nur am Beispiel der Kathedralenkultur noch einmal in Erinnerung. „Diese Bücher (der Kathedralen) zu entziffern, diese herrlichen Rosen zu entblättern, die unzählige Gefühle und Geheimnisse in sich bergen, und gleichzeitig die Wege und Städte eines Landes zu erkunden, in dem ich geboren und aufgewachsen bin und das ein weiteres phantastisches Buch aus Träumen und Landschaften darstellt, ist das Anliegen dieses Buches“.
Distanz zum Katholizismus
Bei allem Staunen über die unfassbare Schönheit der Kathedralen, bei aller Verzücktheit über die unendlich vielen künstlerischen und historischen Details in den sakralen Räumen, verliert der Autor aber nicht seine Distanz zum Katholizismus. „Man könnte vielleicht annehmen, ich hätte diese Reisen zu den Kathedralen aus religiösen oder zumindest spirituellen Gründen gemacht. Weit gefehlt. Die Kathedralen sind für mich eher von künstlerischem und symbolischen Interesse.“
Ein Katholik hätte vielleicht einen anderen „gläubigeren“ Blick auf diese irdischen Kathedralen zur Ehre Gottes geworfen. Aber schöner, werbender, passionierter als der Agnostiker Llamazares kann man nicht über die spanischen Kathedralen, diese „Rosen aus Stein“ schreiben.
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Bild: Auszug Cover von Julio Llamazares: Rosen aus Stein. Spanische Kathedralen von Santiago bis Segovia. Übersetzt von Astrid Böhringer. Carl Hanser Verlag 2011. 174 Seiten.


