In den letzten Jahren hat das Radfahren stark an Bedeutung gewonnen. Mit dem E-Bike lassen sich auch Berge gut bewältigen. Zugleich suchen mehr Menschen Kirchen auf, um zur Ruhe zu kommen, Gespräche zu führen oder Impulse für Sinnfragen des Lebens zu finden. Von Monika Winzenick
Aus dieser Beobachtung entstand eine Zusammenarbeit zwischen dem Schmallenberger Sauerland Tourismus und dem Pastoralverbund Schmallenberg-Eslohe: die Dorfkirchen-Radroute. Das Sauerland ist nicht nur das Land der 1000 Berge, sondern auch das der 1000 Kirchen und Kapellen. Diese Gotteshäuser sind hier meist keine anonymen Durchgangsorte, sondern Dorfkirchen, eng verbunden mit Ortsgeschichte, Landschaft und Alltagsleben. Manche reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück, andere sind modern gestaltet und als Lichter- und Zuspruchskirche weiterentwickelt. Auch dort, wo nur noch selten Gottesdienste stattfinden, bleiben sie Orte von Spiritualität, Gebet und Sinn. Insgesamt verbinden zwei Routen 18 Kirchen und Kapellen. Von Schmallenberg aus entfalten sie sich wie die Blätter eines Kleeblatts.
Pilgerschaft und kirchliche Gastfreundschaft
Radfahren ist mehr als Fortbewegung oder Freizeit. Theologisch lässt es sich als zeitgemäße Form geistlichen Unterwegsseins verstehen. Leibliche Bewegung, Naturerfahrung, Unterbrechung und Einkehr eröffnen Deutungsräume, die für christliche Spiritualität und kirchliche Präsenz bedeutsam sind. Im Fahren werden Schöpfung, eigene Geschöpflichkeit und die Begegnung mit offenen Kirchen und Menschen am Weg neu erfahrbar.
Die Dorfkirchen-Radroute erschließt damit ein pastorales Feld, in dem Verkündigung, Gastfreundschaft, Seelsorge, Nachhaltigkeit und kulturelle Präsenz zusammenwirken. Kirchen und Kapellen werden zu Orten der Rast, der Besinnung und der kirchlichen Präsenz im öffentlichen Raum.
Eine theologische Deutung des Radfahrens setzt bei der christlichen Anthropologie an. Der Mensch ist als leib-seelische Einheit zu verstehen. Glaube vollzieht sich daher nicht nur im Denken, sondern in der ganzen Existenz. Radfahren macht Erfahrungen von Leiblichkeit, Begrenztheit, Kraft, Rhythmus, Atem und Ausdauer bewusst. Gerade darin liegt seine spirituelle Relevanz: Bewegung kann zur Schule der Achtsamkeit werden, in der der Mensch seine Geschöpflichkeit neu wahrnimmt. Radpilgern verbindet körperliche Aktivität, innere Sammlung und spirituelle Tiefe.
Gleichgewicht bleibt nur in Bewegung erhalten.
Radfahren ist auch schöpfungstheologisch anschlussfähig. Wer mit dem Fahrrad unterwegs ist, nimmt Wetter, Licht, Gerüche und Landschaft unmittelbarer wahr als in beschleunigten Verkehrsformen. Das Fahrrad steht daher zugleich für ressourcenschonende Mobilität und für eine Spiritualität der Wahrnehmung. So wird die Welt nicht nur als Nutzraum, sondern als Gabe Gottes und Raum der Beziehung erfahrbar. Radfahren kann so auch zum Bild des Glaubens werden: Gleichgewicht bleibt nur in Bewegung erhalten; Vertrauen bewährt sich im Vorangehen.
Schließlich steht Radfahren in Beziehung zur theologischen Kategorie der Pilgerschaft. Biblisch wird das Leben des Glaubens als Weg beschrieben: als Aufbruch, Umkehr, Nachfolge und Hoffnung auf ein Ziel. In zeitgemäßer Form aktualisiert das Radfahren diese Grundfigur des Unterwegsseins. Auch wenn nicht jede Radtour eine Wallfahrt ist, trägt sie wesentliche Merkmale geistlicher Wegpraxis in sich: Unterbrechung des Alltags, Konzentration auf das Wesentliche, Offenheit für Begegnung und die Bereitschaft, sich ansprechen zu lassen. Kirchen und Kapellen entlang des Weges machen diese Dimension sichtbar, weil sie Bewegung mit Orten der Stille, des Gebets und der Verkündigung verbinden. So verbindet diese Form des Unterwegsseins Aufbruch, innere Sammlung und Begegnung mit Gott, mit anderen und mit sich selbst.
Spirituelle Erfahrungen und kirchenräumliche Bedeutung
Spirituelle Erfahrungen beim Radfahren entstehen aus dem Zusammenspiel von Bewegung, Rhythmus, Wahrnehmung und Unterbrechung. Viele erleben, dass sich während längerer Fahrten Gedanken ordnen, innere Unruhe nachlässt und neue Aufmerksamkeit für das eigene Leben wächst. Anstiege, Gegenwind, Ermüdung und Ankommen gewinnen symbolischen Charakter und verweisen auf Grundvollzüge des Lebens und des Glaubens. Solche Erfahrungen werden dort spirituell anschlussfähig, wo sie als Raum für Dankbarkeit, Trost, Hoffnung oder neue Orientierung gelesen werden.
Kirchen und Kapellen entlang der Dorfkirchen-Radroute haben dabei eine besondere räumliche und ekklesiologische Bedeutung. Sie sind nicht nur kulturgeschichtlich bedeutsame Bauwerke, sondern sichtbare Zeichen kirchlicher Präsenz im öffentlichen Raum. Als verlässlich geöffnete Kirchen unterbrechen sie die Logik ständiger Bewegung und eröffnen Räume der Stille, des Gebets, der Besinnung und der Begegnung. Sie sind Rastort und geistlicher Ort zugleich.
Die Erfahrungen der Dorfkirchen-Radroute zeigen, dass sich Gastfreundschaft, Verkündigung und seelsorgliche Aufmerksamkeit niederschwellig verbinden lassen. Offene Kirchen schaffen Raum für eine kurze Unterbrechung, für Stille, Gebet und innere Sammlung. Ergänzt durch geistliche Impulse, einladende Gestaltung und einfache praktische Hilfen werden sie zu Orten, an denen Menschen Orientierung, Ermutigung und eine erfahrbare kirchliche Präsenz finden können.
Bedeutung für Kirchengemeinden und kirchliches Handeln
Für Kirchengemeinden eröffnet die Verbindung von Radfahren, Spiritualität und offenen Kirchenräumen ein eigenständiges pastorales Feld. Sie stärkt die öffentliche Sichtbarkeit kirchlicher Orte, schafft niedrigschwellige Zugänge zu religiöser Erfahrung und erreicht auch Menschen, die klassische gemeindliche Formate selten nutzen. Zugleich lassen sich Verkündigung, Seelsorge, Kulturarbeit, Ehrenamt, Regionalentwicklung und Tourismus sinnvoll vernetzen. Sichtbar wird so ein kirchliches Profil, das Schöpfungsverantwortung, nachhaltige Mobilität und Sorge um den Menschen in seiner Ganzheit verbindet. Aus ekklesiologischer Sicht sind offene Kirchen am Weg Ausdruck einer Kirche, die gegenwärtig, zugewandt und offen ist. Die Dorfkirchen-Radroute ist daher nicht nur touristisch, sondern ausdrücklich pastoral und gemeindeentwicklerisch zu verstehen.
Die Dorfkirchen-Radroute ist aus theologischer Sicht eine gegenwartsbezogene Form geistlichen Unterwegsseins. Sie verbindet Körperlichkeit und Glauben, Schöpfungswahrnehmung und Verantwortung, Bewegung und Besinnung sowie persönliche Erfahrung und kirchliche Gastfreundschaft. Offene Kirchen und Kapellen entlang der Route zeigen, dass Kirche Menschen nicht nur in institutionellen Formaten, sondern auch auf ihren Wegen begleitet. In einer Zeit, in der Mobilität, Nachhaltigkeit, regionale Vernetzung und niederschwellige Zugänge zu Religion an Bedeutung gewinnen, eröffnet dieses Feld besondere Chancen für Verkündigung, Seelsorge und Gemeindeentwicklung. Die Dorfkirchen-Radroute steht damit für eine offene, gastfreundliche und schöpfungsverantwortliche Kirche.
Weitere Informationen unter:
https://www.schmallenberger-sauerland.de/besonderes/dorfkirchen-radroute
http://christliche-wegbegleitung.de
Die Dorfkirchen-Radrouten 3 und 4 werden am 7. August 2026 im Dampf Land Leute Museum in Eslohe eröffnet.
___
Bild: Klaus Peter Kappest

