Wenn der tiefe menschliche Wunsch nach Familie auf die Logik des globalen Marktes trifft, entstehen fundamentale Spannungsfelder. Am aktuellen Fall der Leihmutterschaft von Jens Spahn und seinem Ehemann zeigt Eckhard Türk mithilfe der Ethik Peter Knauers auf, warum nicht prominente Einzelfälle, sondern strukturelle Ausbeutung und der Warencharakter des Lebens diskutiert werden müssen.
Wenn Jens Spahn und sein Ehemann den familiären Zuwachs durch eine Leihmutter bekannt geben, läuft die mediale Verwertungsmaschinerie wie erwartet auf Hochtouren. Die öffentliche Aufmerksamkeit fokussiert sich sofort auf die Akteur*innen, Reflexe der Empörung wechseln sich ab mit voyeuristischem Interesse, und schnell vermischen sich persönliche Lebensentscheidungen mit Debatten über politische Rollenbilder.
Dieser Text wird sich daran nicht beteiligen. Weder die individuelle Lebensgestaltung eines Paares noch Fragen nach der Glaubwürdigkeit eines einzelnen Politikers bieten ein tragfähiges Fundament für eine ernsthafte Auseinandersetzung. Ebenso wenig werde ich hier psychologisieren oder darüber spekulieren, welche Motive einen profilierten konservativen Politiker antreiben mögen, sich gerade jetzt derart offensiv und öffentlich in diese Problematik hineinzubegeben. Der tagesaktuelle Fall soll hier vielmehr ausschließlich als Katalysator dienen, um den Blick von der personalisierten Oberfläche auf das Wesentliche zu lenken: die grundsätzliche ethische Problematik.
Gesetze sind immer geronnene gesellschaftliche Kompromisse
Zur Klärung der Perspektive gehört auch ein weiterer bewusster Verzicht: Ich werde mich in diesem Essay nicht zur aktuellen Rechtslage in Deutschland, den USA oder anderen Ländern äußern. Gesetze sind immer geronnene gesellschaftliche Kompromisse. Mich interessiert an dieser Stelle ausschließlich die hinter jeder Rechtslage stehende grundsätzliche ethische Frage. Denn jede juristische Regelung ist letztlich nur die Übersetzung moralischer Grundannahmen in Paragrafen. Bevor wir also fundiert darüber streiten können, wie etwas in Recht und Gesetz übersetzt werden muss, müssen wir das ethische Fundament klären.
fundamentale Spannungsfelder
Hinter den Schlagzeilen verbirgt sich eine weitreichende anthropologische und moraltheologische Herausforderung, die jeden einfachen Pro- oder Contra-Ruf verbietet. Wenn der unbestreitbar legitime, tiefe menschliche Wunsch nach Familie auf medizinisch-technische Machbarkeit und die Logik eines globalen Marktes trifft, entstehen fundamentale Spannungsfelder. Wir müssen fragen: Untergräbt die systematische Auslagerung der Reproduktion und die damit einhergehende Trennung von biologischer, austragender und sozialer Elternschaft menschliche Grundwerte? Steht der erstrebte Wert der Fürsorge für ein Kind in einem angemessenen Verhältnis zu dem Risiko der körperlichen Instrumentalisierung und der Kommerzialisierung von Leben? Es ist an der Zeit, die Leihmutterschaft nicht anhand von Prominenten, sondern als strukturelles Phänomen zu beleuchten – nüchtern, abwägend und befreit vom Lärm der tagesaktuellen Aufregung.
Jenseits der Empörung: Ein moraltheologischer Kompass
Um dieses tiefgreifende Spannungsfeld auszuloten, bietet sich ein Blick in die moraltheologische Tradition an – genauer gesagt auf das Werk des katholischen Theologen Peter Knauer SJ (1935 – 2024). Knauer hat das klassische ethische Prinzip der Doppelwirkung entscheidend weiterentwickelt und bietet damit ein analytisches Werkzeug, das gerade bei solch komplexen biotechnologischen und medizinischen Fragen von immensem Wert ist.
Sein Kernkonzept ist der sogenannte „entsprechende Grund“ (ratio proportionata). Knauers Prämisse lautet: Keine Handlung in unserer bedingten Welt ist völlig frei von negativen Begleiterscheinungen. Jede noch so gut gemeinte Tat verursacht sogenannte „prämoralische Übel“ – etwa Schmerz, die Einschränkung von Freiheit oder eben schmerzhafte Trennungen. Ein solches prämoralisches Übel darf man laut Knauer in Kauf nehmen, wenn es dafür einen „entsprechenden Grund“ gibt.
Ein sehr anschauliches medizinisches Beispiel illustriert dieses Prinzip: Eine Amputation ist physisch betrachtet eine schwere Körperverletzung – ein massives prämoralisches Übel. Liegt jedoch eine lebensbedrohliche Erkrankung vor, gibt es einen „entsprechenden Grund“ für den rettenden Schnitt: Er dient dem Erhalt des Lebens im Ganzen. Ohne diesen rettenden, entsprechenden Grund wäre exakt dieselbe Handlung schlichtweg eine unerlaubte, unethische Verstümmelung.
wann ist ein Grund entsprechend?
Doch wann ist ein Grund entsprechend? Knauers Antwort ist ebenso simpel wie radikal: Der Grund fehlt genau dann, wenn die Handlung den Wert, den sie eigentlich anstrebt, „auf Dauer und im Ganzen“ untergräbt oder zerstört. Hier schlägt das analytische Herz von Knauers Ethik, und es handelt sich dabei um einen fundamentalen Unterschied zum reinen Utilitarismus. Knauer betreibt kein quantitatives Aufrechnen von Glück gegen Leid nach dem Motto „Der Zweck heiligt die Mittel“. Vielmehr sucht er nach einem immanenten Systemwiderspruch, einer strukturellen Kontraproduktivität. Für Knauer ist eine Handlung dann moralisch falsch, wenn sie eine existenzielle Kurzsichtigkeit in sich trägt: Sie realisiert einen Wert im konkreten Hier und Jetzt (z. B. das Familienglück eines Paares), wählt dafür aber ein Mittel, das eben diesen Wert auf gesellschaftlicher Ebene langfristig aushöhlt. Ein prämoralisches Übel – wie die körperliche Belastung oder die Aufspaltung der Elternschaft – darf nur dann in Kauf genommen werden, wenn das gewählte Mittel nicht die Glaubwürdigkeit des angestrebten Wertes ad absurdum führt.
Eine Handlung wird also ethisch verwerflich, wenn sie systemisch und strukturell genau das vernichtet, was sie im Einzelfall zu fördern vorgibt. Man wählt ein Mittel, das den angestrebten Zweck auf lange Sicht selbst zerstört.
Der angestrebte Wert und der Preis des prämoralischen Übels
Wendet man diesen Maßstab auf die Leihmutterschaft an, müssen wir zunächst die Variablen benennen: Auf der einen Seite steht der angestrebte Wert. Dieser ist zweifellos ein hohes Gut: Es geht um die Schaffung neuen Lebens, die Gründung einer Familie, die Überwindung des existenziellen Leids ungewollter Kinderlosigkeit und die bedingungslose Fürsorge für ein Kind. Auf der anderen Seite steht das prämoralische Übel als negativer Nebeneffekt: Die immense medizinische und körperliche Belastung der Leihmutter, die Aufspaltung von biologischer, austragender und sozialer Elternschaft sowie die gravierenden psychischen Risiken, die mit der Abgabe des ausgetragenen Kindes nach der Geburt einhergehen.
Lassen sich diese beiden Seiten in ein moralisches Gleichgewicht bringen? Die Antwort fällt je nach Form der Leihmutterschaft höchst unterschiedlich aus.
Wenn Leben zur Ware wird: Die Kritik an der kommerziellen Leihmutterschaft
Die stärksten Argumente, die sich aus Knauers Kriterium („auf Dauer und im Ganzen“) ableiten lassen, richten sich gegen die kommerzielle Form der Leihmutterschaft. Hier zeigen sich massive strukturelle Verwerfungen:
Menschen zu bloßen Produktionsstätten degradiert
1. Die Demontage der Menschenwürde durch Instrumentalisierung Der angestrebte Wert ist das Leben und das Wohl eines Menschen. Bei der kommerziellen Leihmutterschaft wird der Körper einer Frau jedoch gemietet und vertraglich gebunden. Wenn man menschliches Leben fördern will, indem man einen anderen Menschen auf seine reproduktiven Funktionen reduziert und als Mittel zum Zweck benutzt, untergräbt man den Wert der menschlichen Person auf Dauer und im Ganzen. Man stiftet zwar im konkreten Einzelfall familiäres Glück, etabliert aber gesellschaftlich ein System, in dem Menschen zu bloßen Produktionsstätten degradiert werden.
2. Der Warencharakter des Kindes Der Wert der Familie basiert auf der unbedingten Annahme des Kindes als Selbstzweck. Wenn nun aber Verträge geschlossen werden, die Qualitätsstandards definieren, Rücktrittsrechte beinhalten (beispielsweise bei unerwarteten Behinderungen des Fötus) und Geldzahlungen an die buchstäbliche „Übergabe“ des Kindes knüpfen, erfährt das Kind eine ökonomische Umdeutung. Es bekommt den Charakter einer bestellbaren, reklamierbaren Ware. Die unbedingte Würde des Menschen wird auf Dauer und im Ganzen untergraben, weil das Leben in eine kühle Marktlogik gepresst wird.
3. Strukturelle Ausbeutung Der Wunsch nach Familie rechtfertigt nicht jedes Mittel. Wenn dieses familiäre Gut global dadurch erkauft wird, dass Frauen im globalen Süden oder in prekären Lebenslagen aus schierer finanzieller Not heraus ihren Körper zur Verfügung stellen, wird der Wert von Gerechtigkeit und körperlicher Unversehrtheit systematisch zerstört. Das prämoralische Übel der Ausbeutung steht hier in keinem „entsprechenden Grund“ mehr zum individuellen Kinderwunsch.
Das Nadelöhr des Altruismus: Solidarität ohne Strukturzerstörung
Bedeutet Knauers Ansatz also das ethische Aus für jede Form der Leihmutterschaft? Nicht zwingend. Wenn man seine Ethik konsequent anwendet, lässt sich durchaus ein Argumentationsraum für die altruistische, nicht-kommerzielle Leihmutterschaft eröffnen.
Wenn eine Frau aus reiner Nächstenliebe – etwa für eine Schwester oder eine sehr enge Freundin – ein Kind austrägt, ohne dass finanzielle Anreize fließen, entfällt das toxische Element der Kommerzialisierung. Das prämoralische Übel der körperlichen Belastung und der späteren Trennung vom Kind wird hier bewusst in Kauf genommen, um den Wert der Familiengründung zu realisieren.
radikale Solidarität
Nach Knauer ließe sich hier argumentieren: Da weder finanzielle Ausbeutung noch existenzielle Notlagen oder harte vertragliche Zwänge vorliegen, wird die Würde der Frau nicht „auf Dauer und im Ganzen“ untergraben. Die Handlung wird zu einem Akt der reinen Selbsthingabe. Der angestrebte Wert (Liebe, familiäre Bindung) wird durch die altruistische Handlung nicht in seinem Wesen widersprochen, sondern durch radikale Solidarität überhaupt erst verwirklicht.
ohne den anthropologischen Kern der Familie zu zerstören
Auch der oft geäußerte Vorbehalt konservativer Kritiker*innen, die bloße Trennung von Schwangerschaft und sozialer Mutterschaft sei „an sich“ verwerflich, greift bei Knauer nicht. Es gibt keine „an sich“ schlechten Handlungen ohne Betrachtung des Kontextes. Wenn das Wohl des Kindes im absoluten Mittelpunkt steht, untergräbt die medizinisch assistierte Aufspaltung der Elternschaft den Wert der Familie nicht zwangsläufig. Die jahrtausendealte Praxis der Adoption beweist schließlich, dass biologische Herkunft und gelebte soziale Elternschaft trennbar sind, ohne den anthropologischen Kern der Familie zu zerstören.
Das menschliche Maß: Auf Dauer und im Ganzen
Die Anwendung von Peter Knauers Ethik zeigt eindrucksvoll, dass moralische Urteile nicht am Schreibtisch über einen isolierten Akt gefällt werden können. Die Bewertung der Leihmutterschaft hängt absolut entscheidend von ihren systemischen Rahmenbedingungen ab.
Wer Leben und familiäre Liebe dadurch erkauft, dass er Körper mietet und Kinder vertraglich zu Liefergegenständen macht, zerstört den Wert der Menschenwürde auf Dauer und im Ganzen. Die kommerzielle Leihmutterschaft fällt bei Knauer zwangsläufig durch, weil der entsprechende Grund fehlt.
Eine rein altruistische Leihmutterschaft hingegen, eingebettet in strengste ethische und psychologische Voraussetzungen, absolute Freiwilligkeit und echte Verbundenheit, könnte als ethisch zulässig verstanden werden. Hier wird das prämoralische Übel durch den immensen Wert der solidarischen Hilfe aufgewogen – ohne dass unser Verständnis von menschlicher Würde als Ganzes kollabiert.
Es bleibt eine Gratwanderung. Aber es ist eine, die wir gehen müssen, ohne uns von der allgemeinen Oberflächenaufregung oder den schillernden Namen der Protagonist*innen blenden und vom Weg abbringen zu lassen.
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Dr. theol. Eckhard Türk hat Philosophie, Theologie und Pädagogik studiert. Nach langjähriger beruflicher Tätigkeit in der Erwachsenenbildung und weltanschaulichen Beratung widmet er sich dem essayistischen Schreiben und konzeptionellen Projekten, unter anderem auf seiner Plattform Ecks Libris. Strukturelle und anthropologische Fragestellungen der Ethik beschäftigen ihn bereits seit seiner Dissertation über die anthropologischen Grundlagen der Verfahrensethik.
Literatur: Peter Knauer: Handlungsnetze. Über das Grundprinzip der Ethik, Frankfurt a. M. 2002.
Beitragsbild: Vom Autor zVg. Es will die Fragilität des Lebens in seiner ganzen Vernetztheit darstellen.


