Inspiriert von den Beiträgen zum Synodalen Prozess in verschiedenen Teilen der Welt erinnert Stephan Schmid-Keiser an das komplementäre Denken von Ulrich Schoen und bringt eine unterreligiöse Perspektive ein.
Synodalität und komplementäres Denken
Der Agrarwissenschaftler und evangelische Theologe Ulrich Schoen (1926-2016) war einer von wenigen Personen, die länger in der arabischen Welt lebten und forschten.[1] Er übertrug das vom Dänen Niels Bohr (1885-1962) entwickelte komplementäre Denken «auf Sachgebiete ausserhalb der Kernphysik». Schoen erlebte in besonderer «Affinität zwischen der arabischen und der palästinensischen Welt», dass der eigene Glaube «direkt mit der Botschaft Jesu und mit der juden-christlichen-palästinensischen Tradition in Verbindung gebracht werden» kann. Einer seiner Kernsätze lautet: «Katholizität ist mehrstimmige Musik».
«Mehrstimmige Musik»
Ist damit auch Synodalität so etwas wie «mehrstimmige Musik»? Und wie hörte sich diese an, wenn sie durchgängig auf komplementäres Denken setzte. Wie Teilhard de Chardin, zielte Schoen darauf, in «Denknähe» zu den Naturwissenschaften an «Gott als begegnender Wirklichkeit» festzuhalten. Gleichzeitig benannte er Spannungen, die aus biblischer Zeit stammten: «Der Prophet, der von den Widersprüchen in Gottes Herzen berichtet (Hosea 11, 8 und 9), soll beim Wort genommen werden.» Nun sind die auf dem synodalen Weg praktizierten «Gespräche im Geist» zwar darauf ausgelegt, dass die daran Beteiligten einander bewusster zuhören. Es ist jene Praxis, welche biblischer Empfehlung folgt, zu «hören, was der Geist den Gemeinden sagt» (Offb 2, 7).
Im Interesse der Gemeinden am Ort
Wieweit die in den synodalen Gesprächen mitgeteilten Anliegen – ob prophetisch oder nicht – aufgenommen werden, ist jedoch keine einfache Verfahrensfrage. Sie zielen auf die Gemeinden am Ort, denen zur Hauptsache das Interesse gelten soll. Synodalität steht für eine «wechselseitige Ergänzung», wie wikipedia als Vereinfachung zum Begriff «Komplementarität» vorschlägt. Wechselseitig sind denn auch die pastoralen Faktoren, welche die kirchliche Lebenswelt ausmachen: Von der Ausrichtung auf die biblische Botschaft (Kerygma) zur Gemeinschaftsbildung (Koinonia), von den Feiern des Glaubens (Leiturgia) zur Förderung der Lebenschancen vor Ort wie auch weltweit (Diakonia). Alle, die sich daran beteiligen, werden sich wechselseitig ergänzen – ohne weiter in die Falle einer monarchisch-aristokratisch bestimmten Struktur zu tappen. Neuausrichtung bedeutet, ausgetretene Wege verlassen zu müssen – ausgelatschte Schuhe, deren Sohlen keinen Halt mehr geben, zu recyclieren. Es ist wie bei jeder Reformbewegung in der Geschichte nicht nur von Religionsgemeinschaften. Ob die Reform einer Staatsverfassung oder die Reform einer Liturgiesprache – Weg dazu sind im Gespräch zu suchen – je mit dem Ziel zu einer lebensdienlichen Form einer Organisation zu gelangen.
Ein methodischer Drei-Schritt
In diesem Zusammenhang interessant ist nun eine wegweisende Analyse von Ulrich Schoen, der bei der Darstellung über die Suche nach einem Weg zu einem ‘offenen Islam’ im 20. Jahrhundert meinte: «Wer kritisch seine eigenen Methoden überprüft, stösst unweigerlich auf die Rolle des Subjekts. Er wird feinfühlig für den Gehalt an Subjektivität, der in der religiösen Erfahrung und in deren Tradierung über die Generationen hinweg mit einbegriffen ist», gleichzeitig «wird er kritisch gegen die in den Religionsgemeinschaften übliche metaphysische ‘Verewigung’ und ‘Verobjektivierung’ historisch einmaliger Ereignisse». Das hiess für die Denker eines offenen Islam, dass diese den «subjektiven und freiheitlichen Eingriff in die Wirklichkeit» miteinbeziehen. Subjektiv-objektives Denken führe u. a. zu drei Ergebnissen:
Erstens «… Die Verantwortung, die ich trage, angesichts der Wirklichkeit und ihrer Erforschung, lässt mich mit anderen Beobachtern Verbindung aufnehmen, damit ein Team mehrerer subjektiver Wirklichkeitsbilder gemeinsam diese Verantwortung wahrnehmen.»
Zweitens «Die Implikationen der individuellen und kollektiven Subjektivitäten führen zur Entdeckung von Strukturen, deren Zwang determinierend auf uns lastet.»
Drittens «Die Möglichkeit eines freiwilligen Exodus aus diesen Strukturen wird erkannt und wahrgenommen; vollzieht auch der andere Team-Arbeiter diesen Exodus, so können beide in gemeinsamer, risiko-reicher Suche neuen und getreueren – wenn auch noch immer subjektiven! – Bildern der Wirklichkeit auf die Spur kommen.»
Ketten der Vergangenheit lösen
Indem U. Schoen komplementäres Denken praktizierte, gelangte er zu diesem methodischen Drei-Schritt für gruppenspezifische Gesprächsformate. Schoen war 1983 zum Weltkirchenrat (ÖRK / WCC) nach Genf gewechselt, wo er in der Abteilung für interreligiöse Beziehungen mit Schwerpunkt für christlich-islamische Begegnungen tätig war. Komplementär zu denken, lag ihm besonders dort am Herzen, wo es galt, mitzuhelfen dass sich Religionsgemeinschaften von den Ketten der Vergangenheit lösen. Aus heutiger Sicht findet sich in seinem Drei-Schritt überraschend ein prägnanter Vorläufer synodaler Gesprächs-Verfahren, welche mit den Prozessen des synodalen Weges in der römisch-katholischen Kirche seit Oktober 2021 weltweit in Gang gekommen sind. Das Verlassen alter Pfade wird somit auch Strukturen betreffen müssen. Viel kommt darauf an, inwieweit schliesslich auch die Kirchenleitungen in den einzelnen Regionen der Weltkirche die «Möglichkeit eines freiwilligen Exodus aus diesen Strukturen» erkennen. Ihnen als Entscheidungsträgern – auf Frauen in solcher Position wartet die Welt – möge der Mut nicht fehlen, dass mehr Partizipation gelebt werden kann. Wer wird mitgehen auf diesem «Exodus» und «in gemeinsamer, risiko-reicher Suche neuen und getreueren … Bildern der Wirklichkeit» auf die Spur kommen helfen? Dabei die kirchenrechtlich bedeutsame Regel aus der Zeit von Innozenz III (+ 1216) anzuwenden, wird eine herausforderndes Leitmotiv bleiben «Was alle betrifft, soll auch von allen beraten und entschieden werden.»
27. Juli 2026
CH-6005 St. Niklausen LU
Dr. theol. Stephan Schmid-Keiser
- Schoen Ulrich (2003) Gottes Allmacht und die Freiheit des Menschen. Gemeinsames Problem von Islam und Christentum. Mit einem Geleitwort von Klaus Hock und einem aktualisierenden Nachwort des Autors. Erweiterte Neuauflage von “Determination und Freiheit im arabischen Denken heute: Eine christliche Reflexion im Gespräch mit Naturwissenschaften und Islam”, Göttingen 1976. Die Studie vermittelte Perspektiven zur Begegnung von Christentum und Islam, zu der Ulrich Schoen in unmittelbarer Nähe zur islamischen Lebenswelt beigetragen hat. Zur Person informierte 2016 Reinhard Kirste ↑

