Abendmahl zur Nachrichtensendung

Abendmahl zur Nachrichtensendung

Die Kolumne für die kommenden Tage 29

Das angeblich so andere Ostern 2020 ist zu Ende. Zu Ende? Kann Corona-Ostern enden? Hoch aufgeladen – entscheidender Wendepunkt auf der via corona. Daumen hoch oder gesenkt zu den Ausgangsbeschränkungen, wird die statistisch festgelegte Messlatte gerissen, leere Kirchen am höchsten christlichen Feiertag als medialer Höhepunkt,  Sondersendungen und Online-Gottesdienste all überall. Hoch aufgeladen, aber die Ladung reicht nicht für ein Bewusstsein der Gegenwart.

Was stimmt, was ist stimmig, wem, welcher Statistik lässt sich trauen, kann man sich selbst noch trauen? Was lässt sich sagen, was glauben, unzählige Daten, Informationen, Fake news, Stellungnahmen, Appelle, Warnungen, Bilder. Richtig handeln als Mensch, Infizierte, Genesene, Politik, Schule, Kirche.

Das Gefühl, da stimmt was nicht. Leere Kirchen sind nicht das Problem. Es stimmt nicht – der Segen in die Leere des Petersdoms gesprochen. Keine Menschen, keine Glaubenden, keine Theologie – das stimmt doch nicht. Digitale Selbstbespiegelung der Kirchen. Ist Corona nicht die Sternstunde der Kirche Jesu Christi? Kirche im unerschrockenen Einsatz, um den Menschen in der Krise sorgend nahe sein zu können, für eine global gerechte Verteilung von Schutzkleidung, Desinfektionsmittel und medizinischer Hilfe, für die Schutzlosen in den Lagern, Kriegsgebieten und Slums?

In die wortreich aufgeladene Wirrnis – der feinschwarz-Beitrag zu Dietrich Bonhoeffers Abschied von der individualistischen Seelenreligion[1] – religionslose Theologie, theologische Radikalität gegen leere Worte, die keine Kirche radikal ernst nehmen will. Es geht „um den Anspruch Christi auf unser ganzes Leben, auf unsere Welt insgesamt, nicht nur auf unsere Frömmigkeit, sondern auch auf unser gesellschaftliches und politisches Handeln, unsere Solidarität und Mitmenschlichkeit. […]

Was mich unablässig bewegt, ist die Frage, was das Christentum oder auch wer Christus heute für uns eigentlich ist. Die Zeit, in der man das den Menschen durch Worte – seien es theologische oder fromme Worte – sagen könnte, ist vorüber; ebenso die Zeit der Innerlichkeit und des Gewissens, und d. h. eben die Zeit der Religion überhaupt. Wir gehen einer völlig religionslosen Zeit entgegen; die Menschen können einfach, so wie sie nun einmal sind, nicht mehr religiös sein.‘ […] Und er hat mit seinen Überlegungen nicht etwa bloß eine abgeflaute ‚Konjunktur‘ des Religiösen im Auge, sondern das definitive Ende einer bestimmten Epoche des Christentums.“

Krieg, Hunger, Krankheit, Zerstörung zwingen, dem Ende ins Auge zu schauen, auch dem Ende von Epochen. „‘Christen und Christinnen sollte es um das Gerechte gehen, das zu tun ist, nicht um das eigene Heil. […] Das heißt für ihn keineswegs, dass man auf Liturgie, Gebet und ‚Glaubensleben‘ verzichten solle, aber doch, dass all dies niemals das Dasein für andere, das Mitleben und Mitleiden mit den Menschen ersetzen dürfe.“

Aber passiert nicht genau das gegenwärtig? Oder bewährt sich unter dem öffentlichen Radar und fernab von Online-Gottesdiensten und leeren Kirchen eine radikal diesseitige Kirche aus Menschen mit und ohne Bewusstsein der Nachfolge Jesu, die sich kümmern, pflegen, Musik machen, malen, schreiben, telefonieren. Realisiert sich Kirche, ohne dass es ihr offiziell bewusst ist, in diesen Menschen, die jetzt weltweit füreinander da sind, sich sorgen, Kontakt halten, organisieren? Erleben wir unbewusst alle gerade die „tiefe Diesseitigkeit des Christentums“, die Bonhoeffer „kennen und verstehen gelernt“ hat? Erfahren wir gerade, „daß man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt […], nämlich in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Mißerfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten leben, – dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern die Leiden Gottes in der Welt ernst, dann wacht man mit Christus in Gethsemane, und ich denke, das ist Glaube, […] und so wird man ein Mensch, ein Christ.“

In der Diesseitigkeit des Lebens glauben lernen: nicht falsch oder richtig glauben, segnen, feiern. Starkmachen, erklären, deuten, dass Gottesdienste, Segnungen und Gebete analog, offline vor laufenden Nachrichten, im Angesicht der Bilder von Elend, Leid und Tod stattfinden – gesprochen, geleitet und gefeiert von Frauen, Männern, Kindern an unzähligen Orten. Kirche, die in der vollen Diesseitigkeit glauben lernt. Kann das stimmen?

Birgit Hoyer, Leiterin des Bereichs Bildung im Erzbistum Berlin, Honorarprofessorin für Pastoraltheologie und Homiletik an der Phil.-Theol. Hochschule St. Georgen/ Frankfurt a.M., Mitglied der feinschwarz.net Redaktion.

Bild: Birgit Hoyer

[1] Alle Zitate aus https://www.feinschwarz.net/religioes-gott-bewahre-zum-75-todestag-von-dietrich-bonhoeffer/#more-25426.

Religiös? Gott bewahre! Zum 75. Todestag von Dietrich Bonhoeffer

 

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