Abrahams Kinder – eine KiTa, geboren im Schoß gemeinsamen Ursprungs

Die Kooperationen zwischen Kirchen und islamischen Verbänden stoßen immer wieder auf strukturelle Probleme und Ressentiments. Martin Wrasmann stellt ein gelungenes Projekt im Bistum Hildesheim vor.

Anfänge

Im niedersächsischen Gifhorn beginnt der Dialog der Religionen künftig bereits im Sandkasten. Zum 1. August 2018 eröffneten Kirchen- und Moscheegemeinden in der 42.000-Einwohner-Stadt östlich von Wolfsburg die Kita „Abrahams Kinder“, bundesweit der erste christlich-muslimische Kindergarten.

Diese KiTa ist entstanden aus dem gemeinsamen Wunsch zur Begegnung der verschiedenen Kulturen und Religionen. Das Konzept ist aufgegangen: Nachdem das Anmeldeverfahren anfangs stockte, ist die geplante Gruppe mit 18 Plätzen für Kinder von 1 bis 6 Jahren vom Start an voll besetzt.

Hintergründe

Die katholische Gemeinde Sankt Altfrid pflegt schon seit fünfzehn Jahren eine gute Zusammenarbeit mit der deutsch-türkischen Moscheegemeinde DiTib: Friedensmärsche, Gebete und Jugendbegegnungen gehören zum gemeinsamen Programm. Als 2015 die große Aufgabe und Herausforderung der nachhaltigen Aufnahme von geflüchteten Menschen anstand, haben die katholische und die Moscheegemeinde nach guten Wegen einer Willkommenskultur gesucht. Dabei wurde deutlich, wie schwer es der Moscheegemeinde gefallen ist, institutionsbezogen zu planen und zu handeln, im Sinne bundesrepublikanischen Strukturverhaltens.

Verbindliche Verantwortung
in der Gesellschaft übernehmen

Es bedurfte einer Partnerschaft, um im gesellschaftlichen Prozess verbindliche Verantwortung zu übernehmen. Auf der Suche nach möglichen Projekten für Lern-und Lebensorte wurde auf einem gemeinsamen Religionsgipfel die Idee einer interreligiösen KiTa geboren. In beiden Religionsgemeinschaften stieß diese Idee von Beginn an auf große Begeisterung. Die evangelische Kirche, die ebenfalls mit ins Boot geholt werden sollte, reagierte mit großer Zurückhaltung, weil sie die Entwicklung des evangelischen Profils in einer gemeinsamen Einrichtung nicht ausreichend gewährleistet sah. Schließlich fand sich mit der Dachstiftung Diakonie aber doch eine Trägerin aus der evangelischen Kirche. Eine jüdische Gemeinde, die man sich ebenfalls als Mitträgerin hätte vorstellen können, gibt es in Gifhorn leider nicht.

Start

Gemeinsam wurde ein Trägerkomitee gegründet, dem jeweils drei Vertreter*innen der katholischen und muslimischen Gemeinde sowie der Dachstiftung Diakonie angehören. Zudem haben je ein Delegierter der Stadt Gifhorn, der evangelischen und der kurdischen Gemeinde einen Sitz. Schnell konnte die Namensgebung abgeschlossen werden: Abraham wurde zum Namensgeber auserkoren, weil er in beiden Religionen als Urvater gilt.

Kulturen und Religionen bekommen
ein Gesicht

Von den 18 Kindern sollen mindestens 7 christlich und 7 muslimisch sein, so die Idee. Überdies werden auch Kinder konfessionsloser Eltern aufgenommen. Nach aktuellem Stand ist das Verhältnis von christlichen und muslimischen Kindern in etwa ausgeglichen. Die verbindenden Elemente der beiden Religionen wurden in der Einrichtung in den Alltag integriert. „Begegnung der Kulturen und Religionen kann nur dort gelingen, wo der jeweils andere ein Gesicht für die Menschen bekommt“, so einer der Grundsätze der KiTa. Das bedeutet nicht, dass alle religiösen Feste gefeiert werden, wohl aber darüber zu reden und Erfahrungen zu machen, welche Bedeutung die Feste haben. So wurde im ersten Jahr das Weihnachts- und Osterfest sowie das Opfer- und Zuckerfest gefeiert. Unter dem Stichwort Bewahrung der Schöpfung wurde als gemeinsames Fest Erntedank gefeiert. Von Beginn an hat die Referentin für den interreligiösen Dialog im Bistum Hildesheim die Konzeptentwicklung religionspädagogisch begleitet. Die Träger haben gleich zu Anfang darauf hingewiesen, dass diese besonderen KiTa weder eine Bibel- noch eine Koranschule ist, sondern im Sinne beider Religionen ein Ort der Achtsamkeit, der Gerechtigkeit und der Versöhnung. Dazu gehört auch der Plan, eine starke Elternarbeit zu etablieren, um auch unter Erwachsenen den Austausch zu fördern. Das Essen in der Einrichtung ist halal-zertifiziert, um allen die gleiche Teilnahme am frisch in der Einrichtung zubereitetem Essen zu ermöglichen.
Die Stelle der Leiterin ist mit einer Katholikin besetzt. Für die drei Erziehendenstellen konnten eine weitere christliche und zwei muslimische Frauen gewonnen werden.

Widerstände

Unumstritten ist die neue Kita gerade angesichts der zunehmenden populistischen Tendenzen nicht. Es gab viel Zuspruch, eine schweigende Mitte und laute Kritik vom rechten politischen Rand. Besonders die örtliche AfD-Fraktion wettert gegen das Konzept, aber auch innerhalb der Moscheegemeinde gibt es vereinzelt Skepsis gegenüber einer Zusammenarbeit mit Christ*innen wie auch einigen Widerspruch in den christlichen Gemeinden der Stadt. Eine große Mehrheit steht jedoch hinter dem Konzept, mit dem Gifhorn bundesweit Vorreiterin werden geworden ist.

Erfahrungen und gewachsenes Vertrauensverhältnis

Begegnung  auf Augenhöhe

Voraussetzung für den gelungenen Start war die langjährige christlich-muslimische Zusammenarbeit, durch die ein starkes Vertrauensverhältnis gewachsen ist. Diese Begegnung auf Augenhöhe war ein starkes Zeichen in den religiösen und gesellschaftlichen Raum . Die Beteiligung auch anderer Moscheegemeinden, wie der kurdischen Gemeinde, hat einen gewissen Ideologieverdacht gegenüber der DiTib aufgehoben. Die KiTa Abrahams Kinder ist keiner speziellen Gemeinde verpflichtet, sondern eine Einrichtung für Familien insbesondere mit christlichem oder muslimischen Glauben.

Diese Kita fördert den Zusammenhalt

Die Kita fördert den Dialog und den Zusammenhalt in der Gesellschaft. Gerade das Engagement der Eltern, die sich bewusst für diese KiTa entschieden haben, ist herauszuheben. „Wir gehen seit dieser Kindergartenzeit mit einem ganz anderen Verständnis für das religiöse Grundempfinden wie für die Vielfalt von religiösen Praktiken in den Alltag“, so das Resümee eines Vaters nach einem Jahr.

Verschiedene Religionen – gemeinsame Rituale

Mittlerweile gibt es ein Gerüst für die gemeinsamen Gottesdienste, die in der Regel mit der ersten Sure des Koran begonnen und mit dem Vater unser und dem aaronitischen Segen beschlossen werden. Da in islamischen Gebetszeiten weniger gesungen wird, haben Eltern und Erzieherinnen Lieder ausgesucht, die alle gut mitsingen können, ohne das es theologische Verbiegungen geben muss: „Gottes Liebe ist so wunderbar“, „vom Anfang bis zum Ende“ u.v.m.

Keine religiöse Überdosis

In der Advents- und Weihnachtszeit gab es eine Koran- und eine Bibelkrippe, die Tagzeiten werden mit Gebeten gestaltet, die alle gut mit sprechen können.
Es gibt jedoch keine religiöse Überdosierung, vielmehr den Ansatz, dass religiöse, also göttliche Erfahrungen, Erfahrungen im Alltag sind.

Fazit

Oft wird die Frage gestellt, was denn das Besondere an Abrahams Kindern ist, es gibt sehr viele KiTas in der BRD mit einem hohen Anteil muslimischer Kinder. Das Besondere ist in der Tat der gemeinsame Weg, den Christ*nnen und Muslim*innen hier gehen. Die theologische Vergewisserung auf beiden Seiten ist Bestandteil der Arbeit des Trägerkomitees und der Fortbildung der Erzieherinnen. Die bewusste Entscheidung, dass in dieser KiTa religiöse Erfahrungen substantiell sein sollen, bedeutet eben mehr als ein religionspädagogisches Zusatzangebot im Zyklus des Kirchenjahres, wie es oftmals geschieht.

Für Zusammenhalt in der Gesellschaft beitragen

Die Nachfrage für diese KiTa steigt, die Gruppengröße wurde erhöht und im nächsten Jahr wird es eine weitere Gruppe geben. Die große Hoffnung ist, dass wir in ein paar Jahren berechtigt sagen können: Kinder und Familien, die die KiTa Abrahams Kinder besucht haben, werden mehr für den Zusammenhalt und die Versöhnungskraft unserer Gesellschaft beitragen. Das ist übrigens eine der wichtigen Erfahrungen, die die Drei-Religionen-Schule in Osnabrück gemacht hat.

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Autor: Martin Wrasmann, 65 Jahre, Pastoralreferent in der katholischen Pfarrei St. Altfrid, Gifhorn, bis Ende 2019 stellv. Leiter der Hauptabteilung Pastoral im Bistum Hildesheim. Er ist Gründer der KiTa Abrahams Kinder und Vorsitzender des Komitees dieser Einrichtung

Foto: la rel easter / unsplash.com

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