Krisis-Virus. Ein Bericht aus Global-Ungarn

Ungarn Kettenbrücke

Die Kolumne für die kommenden Tage 48

Ich kann bald nicht mehr das Wort Covid und Corona-Virus hören. Es ist nicht genug, dass Menschen durch eine Epidemie betroffen sind, es ist nicht genug, dass dadurch der Alltag anders zu gestalten ist. Nein, darauf müssen noch alle alles andere über Bord werfen, wollen alle sich als Fachspezialisten für das Corona-Virus aufspielen und darüber pausenlos tratschen.

Ich kann mich immer weniger des Eindrucks erwehren, dass unsere Generation nicht primär unter dieser Corona-Epidemie leidet, sondern viel mehr – eigentlich seit Jahrzehnten – unter einer viel verbreiteten und viel gefährlicheren Epidemie, unter Krisis-Virus. Es begann vielleicht mit dem Bericht des Römischen Klubs über die globale Umweltkrise um 1980 herum. Seitdem kommen Krisen nacheinander in immer schnelleren Abfolgen. Die Themen der Krisen ändern sich, aber die Krise bleibt dieselbe. Die letzte war die Flüchtlingskrise, als alle, aber wirklich alle nur über die Flüchtlinge sprechen konnten und alles war in die Waagschale der Flüchtlingsproblematik geworfen. Nun, heute ist das alles nichts mehr wert und voll vergessen, da wir Corona haben, die unser Leben ausfüllt, die wir fressen und pausenlos wiederkäuen.

In Ungarn, meinem lieben Land, gibt es seit einigen Wochen ein Gesetz, wonach Menschen, die Falschmeldungen über die Pandemie verbreiten, von der Polizei geholt werden. Sie werden bestraft, und angeblich gibt es bereits etwa 50-60 Fälle. Ich will keineswegs die Härte dieser Pandemie bezweifeln, ich will noch weniger die vielen Bemühungen unserer Regierung in dem Krisenmanagement desavouieren, und ich will auch nicht die Frage stellen, ob die regierungstreuen Entscheidungen der großen Kirchen auf sachlichen oder auf anderen Gründe beruhen. Nein, das alles will ich nicht – und zwar aus dem einzigen Grund nicht, da ich nicht über genügend Kenntnisse verfüge. Schlicht, ich habe keine Ahnung, was dieses Virus ist, und ich halte es auch nicht für mein cup of tea, eine Ahnung darüber haben zu müssen. Jeden Morgen schaue ich ins Internet, was zu tun und zu vermeiden ist, und halte ich mich daran.

Durch die Quarantäne ist die Universität geschlossen, man trifft die StudentInnen online, und die KollegInnen auch. Die PhD-StudentInnen kommen online zur Konsultation. Der Instituts- und Fakultätsrat bespricht die Sachen online. Sitzungen sind kürzer. Die Kirchen sind geschlossen, man trifft die Glaubensgenossen online. Der Theologenkreis liest und bespricht Artikel online. Alles ist online, aber vieles war bereits online. Und vieles wurde jetzt auf online gestellt, was schon früher hätte auch so funktionieren sollen. Danke, Corona! Aus dem Kalender fielen alle Tagungen weg, man muss nicht so viel herumreisen. Danke, Corona! Einiges wurde und wird online doch abgehalten – weniger Aufwand. Danke, Corona! In Summe wurde das Leben eines Universitätsmenschen durch die Epidemie nicht radikal verändert, man arbeitet halt anders.

Dank Corona kann man sogar viele Kreativität beobachten. Die Online-Kurse haben oft mehr Fantasie und sind mehr auf die heutige Lernkultur der Studentengeneration angestimmt als die Offline-Kurse. Es kostet Zeit, aber es ist wie ein reboot, ein Neustarten des Systems, eine neue Herausforderung, die Kommunikationskultur von heute zu lernen und das eigene und fremde Stottern mit Erbarmen zu akzeptieren. Ich habe noch nie so viele kreative Gottesdienste gesehen wie jetzt; ich wusste von meinen Priesterfreunden nicht, wie originell sie sind. Ich habe die Mündigkeit vieler Gläubiger selten so intensiv erfahren, wie in diesen Tagen. Stolz bin ich, wenn heutzutage über die Eucharistie sinnvoll diskutiert wird, wenn heute Fragen gestellt werden können, die früher als gar nicht sinnvoll erachten worden sind. Was heißt eigentlich Gemeinde, was die Kommunion, was sind die Rollen in der Kirche und wo sind die Grenzen der Zugangsberechtigungen? Da die Kommunikation in Gesellschaft und Kirche heute unter begrenzten Bedingungen stattfindet, denkt man über diese Grenzen kritisch und kreativ nach.

Nicht die Pandemie ist die Krise, sondern die Krise ist die Pandemie. Die Probleme, die durch die veränderten Lebensbedingungen bewältigt werden müssen, werden gut oder schlecht, schnell oder stolpernd gelöst. Aber die Hektik, die permanente Aufrechthaltung der Krisen-Hysterie scheint heute sowas wie ein Bedürfnis, ja eine Abhängigkeit zu sein, dass sie auch nach der Pandemie neue Objekte wird finden wollen. Die Krisenmanie ist die grundlegende Frage in Ungarn, und darin ist mein zaungeknutschtes Land global. Der Krisis-Virus stellt die eigentliche Frage heute dar, auch für meinen Glauben und für meine Theologie.

Warum sind Menschen heute so sehr auf Krisen angewiesen, warum wollen sie jeden Tag von Krisen gesättigt werden? Aus der Krise rufen sie, aber können (oder wollen?) die Antwort des Herrn nicht hören, weil dann würden sie vielleicht ihr einziges Thema, das einzige Futter ihres Lebensnervs, die Krise verlieren. Vielleicht ist das Bewusstsein eines sicheren Existenzgrundes verschwunden, vielleicht ist die ontologische Unsicherheit die Erklärung, dass die Menschen nicht mehr Probleme sehen, die sie lösen können, sondern sich ohnmächtig in einer Krise befinden? Und der Glaube an den fundamentalen Zuspruch Gottes sollte memorisiert werden, um den existenziellen Halt wiederzugewinnen. Und vielleicht sollten die Christen und die Kirchen einen Kontrast-Stil in ihren Kommunikationen finden, der die Hektik mindert und selbst durch die Ausführungen eine innere Ruhe und Sicherheit ausstrahlt. Corona-Spezialisten können und sollen wir nicht werden, aber Krisen-Spezialisten zu sein, kann uns nicht erspart werden, nicht zuletzt des jüdischen und christlichen Glaubensgutes wegen.

Autor: András Máté-Tóth ist Professor für Religionswissenschaften in Szeged und war seit 1996 Dozent am Institut für Praktische Theologie der Universität Wien.

Beitragsbild: Robert Balog auf Pixabay

Print Friendly, PDF & Email