Achtung als Dammbruch? Zur Segnung homosexueller Partnerschaften

Der Streit spitzt sich zu: Was sind die tiefsten Anliegen lehramtlicher Positionen zur Segnung homosexueller Partnerschaften? Auf eine provokante Stellungnahme in der Herder Korrespondenz reagiert der Mainzer Moraltheologe Stephan Goertz

Zum Standardrepertoire der Verteidigung lehramtlicher Sexualmoral zählt seit langem der Hinweis auf die negativen Folgen einer jeden Veränderung ihres Normenbestandes. Die bestehende Lehre dürfe an keiner Stelle in Frage gestellt werden, weil ansonsten das gesamte Gefüge zusammenbreche mit verheerenden Konsequenzen für die sittliche Ordnung. Auch wenn sich seit Jahrzehnten kaum noch Gläubige von diesem Schreckensszenario beeindrucken lassen, sondern ihre intimen Beziehungen fern kirchlicher Gebote leben, dient es lehramtskonformen Theologen weiterhin als Warnhinweis in Debatten um die Revision katholischer Morallehre. Auch in der aktuellen Auseinandersetzung um die Frage einer möglichen Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften bzw. Ehen taucht das Gespenst des moralischen Niedergangs christlicher Ethik immer wieder einmal auf.

Eine Gespensterdebatte: der Niedergang christlicher Moral

Der Gedankengang lautet wie folgt: Wer bereit ist, homosexuelle Partnerschaften zu segnen und ihnen damit Wertschätzung entgegen zu bringen, der muss auch andere Beziehungsformen als akzeptabel einstufen, sobald sie diejenigen Elemente aufweisen, die für eine Befürwortung der Segnung von homosexuellen Partnerschaften sprechen, also etwa „Werte wie Achtung, Verbindlichkeit und Fürsorge“ (Dominikus Kraschl, Exklusive Zweisamkeit – inklusiv genug? In: HerKorr 75, 3/2021, 35-37, 35). Wer „sittliche Autonomie und gegenseitige Achtung“ (ebd. 36) zur Grundlage seiner Sexualmoral erhebe, könne „alternative Beziehungsformen (wie serielle Monogamie, offene, polyamore oder polygame Beziehungen)“ (ebd.) nicht per se als unmoralisch bewerten.

Falle das Monopol der Ehe als einzig legitimer institutioneller Ort menschlicher Intimbeziehungen, komme das einem Dammbruch gleich – so das zuletzt von Dominikus Kraschl vorgetragene Argument. Daher gelte es, so ist diese Intervention zu verstehen, unbedingt an der bisherigen lehramtlichen Position festzuhalten. Dass diese seit gut einem Jahrhundert ethisch wie pädagogisch als gescheitert gilt, spielt dabei keine Rolle. Wichtiger als die lebenspraktische Relevanz der kirchlichen Lehre scheint ihre Stabilität zu sein.

Gehorsame Unterwerfung statt sittlicher Einsicht?

Über das Interesse an der Bewahrung des status quo kann nur spekuliert werden. Dass die römische Geschlechterordnung die kirchliche Geschlechterhierarchie legitimiert, dürfte außer Frage stehen. Insofern könnte klerikale Selbstbehauptung im Spiel sein (vgl. Mark Jordan, Talking About Homosexuality by the [Church] Rules, in: J. Patrick Hornbeck/Michael A. Norko [Hg.], More than a Monologue: Sexual Diversity and the Catholic Church, New York 2014, 40-56.). Wer sittliche Autonomie für untauglich hält – ohne präzise zu bestimmen, was er damit eigentlich meint –, der bringt vermutlich seine Haltung zum Ausdruck, dass er an einer menschlich nachvollziehbaren Begründung sittlicher Ansprüche kein Interesse hat. Ihm geht es anscheinend nicht um sittliche Einsicht, sondern um gehorsame Unterwerfung unter religiöse Autorität.

Ein Lehrgebäude als solches, und sei es ein katholisches, besitzt aber noch keine sittliche Dignität – diese gewinnt es erst, wenn es sich vor der praktischen Vernunft des Menschen rechtfertigen kann. Nachdenklich stimmt, dass Kraschl in seinem Text an keiner Stelle ein ethisches Argument entwickelt für die Position, dass Sexualität ausschließlich im Rahmen der Ehe unter Beachtung des biologischen Gesetzes menschlicher Reproduktion moralisch verantwortlich gelebt werden kann. Er behauptet es, aber wo ist die sittliche Begründung? Oder ist eine solche auch im Letzten nicht nötig, weil sittliche Autonomie als Konzept zurückgewiesen wird?

Das Dammbruchargument am falschen Ort…

Eine Segnung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften mit dem Hinweis abzulehnen, dann müsse man etwa auch Polygamie gutheißen, setzt das Urteil voraus, solche homosexuellen Partnerschaften seien im Vergleich zur Ehe von Mann und Frau ersichtlicher Weise moralisch höchst defizitär. Sonst funktioniert das ganze Argument nicht. Eine moralisch nicht zu kritisierende Lebensform kann nicht als Auslöser eines Dammbruchs präsentiert werden. Wie aber wird die komplette Analogielosigkeit zwischen hetero- und homosexuellen Partnerschaften begründet, von der lehramtlich gelegentlich die Rede ist? Selbstverständlich ist die Frage der potentiellen Generativität eine nicht zu leugnende Differenz. Wobei nicht verschwiegen werde sollte, dass die Kirche heterosexuellen Paaren, die keine gemeinsamen Kinder zeugen können, nicht den Segen verweigert. Worauf es also in der kirchlichen Sexualmoral ankommt ist die heterogenitale Komplementarität von Mann und Frau, die zumindest einen womöglich zur Zeugung führenden Geschlechtsverkehr simulieren können. An dieser Mechanik des Aktes die gesamte Moral aufzuhängen, leuchtet in einer Kultur, in der die Menschenwürde den höchsten moralischen Status besitzt, immer weniger ein, zumal die gesellschaftliche Stabilität nicht mehr an der Legitimität ehelich gezeugten Nachwuchses hängt wie in vormodernen Zeiten (vgl. Christof Breitsameter/Stephan Goertz, Vom Vorrang der Liebe. Zeitenwende für die katholische Sexualmoral, Freiburg 2020, 15-32).

Homosexuellen Beziehungen wird vorgehalten, dass in ihnen „häufiger zwischen emotionaler und sexueller Treue unterschieden“ (Kraschl, 2021, 36) wird. Immerhin ist hier von einer graduellen Differenz, nicht von völliger Analogielosigkeit die Rede. Der Hinweis ist sicher nicht unberechtigt, ignoriert aber – das kann man etwa an Augustinus oder Thomas von Aquin studieren – in schlechter theologischer Manier die weibliche Sexualität und lesbische Beziehungen. Kirchenmänner interessieren sich offenbar besonders für die Disziplinierung der eigenen Sexualität.

Entglittene Diskurshoheit

Noch ein Wort zu den alternativen Beziehungsformen, die bei Kraschl und anderen auftauchen. An einer differenzierten Bewertung ist auch hier kein Interesse zu erkennen. Was ist eigentlich das sittlich Skandalöse an serieller Monogamie? Es geht dabei zum Beispiel um wiederverheiratete Geschiedene, denen inzwischen selbst päpstliche Dokumente aus guten Gründen keine absolute sexuelle Abstinenz mehr vorschreiben mögen. Ganz andere Fragen werfen polygame Beziehungen auf – hier wäre mit personalen Kategorien zu operieren, etwa dem Anspruch auf Freiheit und Gleichheit in Partnerschaften, die aber gerade in der herkömmlichen Sexualmoral nur am Rand stehen. Auch wären hier kultur- und sozialgeschichtliche Kontextualisierungen anzustellen.

Es leuchtet zudem nicht ein, dass man, wenn man homosexuellen Partnerschaften die Achtung nicht vorenthält, zugleich offene Beziehungen nicht mehr problematisieren kann. Ist es Zufall, dass im gesamten Text von Kraschl an keiner Stelle von der Liebe zwischen zwei Menschen die Rede ist? Oder ist es Ausdruck einer dem alten Vorrang von Ehe und (vermeintlicher) Natürlichkeit verhafteten Sexualmoral, für die die Liebe immer nur von nachrangiger Bedeutung ist? Wiederholt sich hier, was bereits in den sechziger Jahren der kirchlichen Lehre vorgehalten wurde, dass sie zwar viel über die Natürlichkeit einzelner Akte (oder heute gerne: die Ökologie des Menschen), aber wenig über die Natur der Liebe zu sagen wisse?

Von dem um die Stabilität des Gebäudes der kirchlichen Morallehre besorgten Klerus ist anscheinend kein Entwurf einer Ethik menschlicher Intimbeziehungen zu erwarten, der für die Menschen von heute Überzeugungskraft entfalten könnte (vgl. Florian G. Mildenberger, Katholische Sexualpädagogik im 20. Jahrhundert – ein Überblick, in: Sexuologie 27, 2020, 145-150). Sicher unfreiwillig ist der Text von Kraschl ein Beleg für die Beobachtung, dass der katholischen Ehe- und Sexualmoral im 20. Jahrhundert die Diskurshoheit entglitten ist – was kein Verlust sein muss.

Prof. Dr. Stephan Goertz lehrt Moraltheologie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Bild: Erwin Lorenzen – pixelio.de

 

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