Leserbrief zu: Das Gelübde des Fast. Ein Nachruf auf den Lyriker Philippe Jaccottet

Leserbrief

Erich Garhammer hat den Lyriker Philippe Jaccottet gewürdigt. Stephan Schmid-Keiser legt ein Zitat und einen von Jaccottet inspirierten Text hinzu.

Philippe Jaccottets Lyrik motiviert und inspiriert zu sensibler Spracharbeit für den Raum lebensdienlicher Gottesdienste in unserer Zeit. Er begegnete seiner Liebenswirklichkeit mit besonderem Fingerspitzengefühl. Im lyrischen wie im theologischen Sprachspiel zuhause, konnte er auch schreiben: «Das Dunkle ist Atem; Gott ist Atem. Man kann seiner nicht habhaft werden. Dichtung ist die von diesem Atem genährte und getragene Sprache, daher ihre Macht über uns»«Gott, Innen des Worts, Atem. Wer das Wort handhabt, ist Gott näher, hat also die Pflicht, das Wort zu achten, weil es den Atem trägt, anstatt ihn zu verbergen, ihn erstarren oder verlöschen zu lassen».[1] Mit anderen Worten wird das aus Atem geschenkte Ursprungs-Wort hörbar in Metapher und Klang. Die wenigen Sätze Jaccottets rühren an die Wirklichkeit, die ich selbst auf der Suche nach angemessener Erzählweise in liturgischer Welt beim Lesen des Johannesprologs (Joh 1) anklingen hörte:

Im Anfang war Gott
nicht im Blick.
Im Anfang war das Wort
allein.

Wo ist ein Wort allein?
Es kam woher,
aus der Stimme,
die sich Menschen vernehmen liess:
Frauen und Männern.

Der Stimme zugewandt
horchten sie hin.

Im Anfang Anspruch
unbedingter Entscheidung.

Im Anfang war die Stimme,
das Wort zu bilden.
Aus Atem geboren
bewirkte sie
alles.

Durch Anspruch
entstand Kraft
in allem Tun.
Ein Rufen, Schreien, Locken.

Am Anfang
Lust und Freude
vermengt mit Angst und Schrecken.

Im Anfang folgten sie der Stimme
bis hin zur freien Entscheidung.                                          

Stephan Schmid-Keiser

Das Gelübde des Fast. Ein Nachruf auf den Lyriker Philippe Jaccottet

 

[1] Jaccottet Philippe: Fliegende Saat. Aufzeichnungen 1954-1979, München 1995, 29 u. 32.

Vgl. auch Stephan Schmid-Keiser: Literarische Stimmen zum verborgenen Klang der Welt, in: Lebendige Seelsorge 71 (2020/5) 355-359.

Auf die Suche nach angemessener Liturgie-Sprache für unsere Zeit macht sich ein Buch mit Inspirationen aus Literatur und Theologie, das voraussichtlich im laufenden Jahr wird erscheinen können.

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