Alles ist anders

Alles ist anders

Die Kolumne für die kommenden Tage 46

Wenn ich morgens auf dem Weg in mein Büro neben dem Stephansdom mit dem Auto in die Stadt hereinfahre, kommt mir immer der plakatierte Slogan in den Sinn: „Wien ist anders.“ Da ist vieles anders. Das beginnt schon damit, dass ich mit dem Auto fahre, statt mit dem Zug, den ökologischen Fußabdruck vergrößere, statt verkleinere. Ich tue das, weil meine Arbeit mit einem Menschen aus der Risiko-Gruppe zu tun hat und ich daher das Risiko verringern möchte, mich selbst und damit andere anzustecken. Daher ist meine Quarantäne kein Homeoffice, sondern die Beschränkung auf Wohnung, Auto und Büro, damit ich im Dienst sein und bleiben kann.

Büroalltag unter COVID-19 Bedingungen

Meine Arbeit selbst ist auch anders, sie besteht sonst vor allem aus Zusammenkünften und Gesprächen, mit Kolleginnen und Kollegen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Menschen in Politik, Wirtschaft, Bildung, Kultur, Kunst und selbstverständlich Kirche. Dabei kann ich meine Arbeit als Theologe verbinden mit meiner Aufgabe als Sekretär des Erzbischofs von Wien. Jetzt aber besteht die Arbeit darin, die Fäden virtuell zusammenzuhalten, zu telefonieren, an Video-Konferenzen teilzunehmen, elektronische Post zu lesen, zu beantworten und aufmerksam zu sein für die Dinge, die sonst von einem Team erledigt werden, das jetzt nur im Modus eines Journaldienstes existiert. Büroalltag unter COVID-19 Bedingungen also, vermehrt um die Arbeit im Krisenstab.

Die Versuchung der Krise ist, im Pragmatismus aufzugehen und sich auf das zu beschränken, was machbar ist. Das ist nicht unbedingt sehr befriedigend, aber verspricht zumindest im Moment Erfolge. Denn in Krisensituationen erwarten die Menschen Antworten mit Lösungsansätzen, die anwendbar sind, keine ausführlichen Abwägungen und Argumentationen. Eine zweite Versuchung ist, den vor der Krise errungenen Status quo für normativ zu halten, genauso, wie er subjektiv wahrgenommen wurde, und sich dorthin zurückzuwünschen. So als könnte nichts im Leben besser sein, als zu den Fleischtöpfen Ägyptens zurückzukehren. Krise bedeutet Chance, aber nur für die, die wirklich bereit sind für etwas wirklich Neues.

Die Vorliebe für den Konjunktiv hat die Kirche bis heute nicht verlassen.

Ach ja, da war doch was, sagt der Theologe zum Sekretär: Wie halten wir Christen es mit dem Neuen? Wir feiern Ostern, fünfzig Tage lang. Mein Lehrer für Neues Testament hat uns beigebracht, Theologie von der Erfahrung der Auferstehung Jesus Christi her zu betreiben. Aber wie haben die Jüngerinnen und Jünger Jesu die Auferstehung erfahren? Und wie sind sie damit umgegangen? Die biblischen Texte lassen zumindest einiges davon erahnen. Die Erfahrung des Auferstandenen ist überraschend und geheimnisvoll zugleich. Sie widerspricht allen bisherigen Erwartungen. Der Tod Jesu schien der Abbruch seines Weges zu sein, die Katastrophe schlechthin. „Wir hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen würde“ (Lk 24,21), beklagen die Jünger auf dem Weg nach Emmaus.

Die Vorliebe für den Konjunktiv hat die Kirche bis heute nicht verlassen. Sie ist allerdings gefährlich, denn sie unterschiebt allem immer schon eine selbst gemachte Vorstellung. Ich weiß ja immer schon, wie es hätte sein sollen. Die beiden Jünger hatten es sicher ehrlich und gut gemeint, als sie Jesus nachfolgten. Sie haben aus ihrem Glauben und ihrem eigenen Verständnis der biblischen Überlieferung gehandelt. Aber Nachfolge bedeutet nicht, dass sich die eigenen Vorstellungen erfüllen. Und so geht der Auferstandene mit ihnen, um zuerst ihre eigenen Vorurteile zu destruieren. Erst dann können sie ihn beim Brotbrechen erkennen.

Bereit sein für das, was der Herr seiner Kirche sagen will. Und das ist mitunter anders als das, was ich selbst wollte.

Arbeit in der Krise ähnelt dem Emmausgang der beiden Jünger über weite Strecken. Es braucht einen neuen Blick auf die Welt. Aus dem ergibt sich eine andere Hermeneutik für die Schrift im Gespräch mit der heutigen Erfahrung. Viele Menschen erkennen wieder den Wert des Glaubens, weil sie bemerken, was ihnen fehlt. An manchen Stellen in der Kirche ist noch die Schockstarre im Vordergrund, an anderen lässt die Kreativität viel Neues hervorkommen. Sicher ist nicht alles gut und vieles ist nicht bewahrenswert. Aber, so sagt der Sekretär dem Theologen: es ist leicht, an allem sofort die Mängel zu erkennen. Die Herausforderung ist, in der Kreativität auch die Chancen zu nutzen. Wir brauchen alle ein wenig, bis die eigenen Vorurteile aus dem Weg geräumt sind. Aber nur dann suchen wir nicht mehr die eigene Bestätigung, sondern sind für das bereit, was der Herr seiner Kirche sagen will. Und das ist mitunter anders als das, was ich selbst wollte.

Autor: Dr. Hubert Philipp Weber ist Sekretär des Erzbischofs von Wien und unterrichtet dogmatische Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien

Beitragsbild: Bild von NakNakNak auf Pixabay

 

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