Am Ende der klerikalen Prozession

Das Übermaß an unglaubwürdigen Floskeln, das regelmäßig über die Gläubigen ergossen wird, lässt die katholische Kirche implodieren. Dieses Übermaß schützt die Falschen und bedrückt die, die ihnen noch ausgeliefert sind. Von Wolfgang Treitler.

Das Rücktrittsgesuch des Hamburger Erzbischofs Stefan Heße wurde jüngst vom Papst abgelehnt. Franziskus fordert Heße auf, „‘im Geist der Versöhnung‘ seinen Dienst in Hamburg fortzuführen.“[1] Das geschieht, obwohl die Fakten durch ein Gutachten klar, öffentlich und mehr als bedrückend sind. Konkret soll Heße „versäumt haben, kirchliche Verfahren zur Aufklärung von Missbrauchsvorwürfen einzuleiten, und mehrere Fälle nicht an Staatsanwaltschaft oder Vatikan gemeldet haben.“

Die vatikanische Nuntiatur in Berlin begründet Heßes Verbleib so: „Das Grundproblem bestand, im größeren Kontext der Verwaltung der Erzdiözese, im Mangel an Aufmerksamkeit und Sensibilität den von Missbrauch Betroffenen gegenüber.“ Also: Keine Pflichtverletzung, kein Amtsversagen, kein bewusstes Zurückhalten von Akten, sondern ein Mangel, offenbar angesichts von überfordernden und überbordenden Verwaltungsaufgaben.

Zwei Vorgänge, die eine klare Botschaft in sich tragen: die Kirche ist unreformierbar.

Solche Ausflüchte vor der harten Wirklichkeit dürften Methode sein. So hat der österreichische Nuntius, Erzbischof Pedro Lopez Quintana, Alois Schwarz‘ Versetzung von der Diözese Gurk-Klagenfurt in die Diözese St. Pölten nicht gedeutet als Ausweichmanöver aus einer verfahrenen Situation. Er hat sie als „Beförderung“[2] dargestellt, während er die „echte Krise“ der Kirche in der um sich greifenden Säkularisierung sehen möchte.

Erzbischof Franz Lackner hingegen hatte in einer Pressekonferenz nach Abschluss der Visitation der Diözese Gurk-Klagenfurt am 15.3.2021 davon gesprochen, dass er sich „nicht vorstellen (kann), dass es zu keinen personellen Konsequenzen kommen wird.“[3] Das sind zwei Vorgänge, die trotz ihrer unterschiedlichen Tatbestandslage eine identische Struktur aufweisen. Sie tragen eine klare Botschaft in sich, die sich auf die hierarchische Struktur und ihren Bau bezieht: Ecclesia irreformabilis – die Kirche ist unreformierbar.

Der quantitative und qualitative Unterschied von Klerikertheologen und Laientheolog*innen vergrößert sich immer weiter.

Wenn jemand wie Erzbischof Heße mit administrativen Vorgängen dermaßen überlastet war, dass er nicht mehr zwischen Wohlergehen, Seelsorge und Verbrechen unterscheiden konnte oder wollte, dann wird kaum erwarten dürfen, dass ausreichend Ressourcen bleiben, sich in den überaus komplexen Gebilden der kirchlichen Lehre auch nur einigermaßen orientieren zu können. Er dürfte noch stärker veranlasst sein, ebenso offenes, menschenwürdiges und halbwegs gottgerechtes Handeln und Nachdenken durch kirchliche Ideologie zu ersetzen.

Was lehramtlich gesetzt ist, ist zwar alt und üblich, gleichzeitig jedoch verlängert es in Wiederholungen und paraphrasierenden Einschärfungen Festlegungen, die das geistige Gefälle zwischen Lehramt und Gebildeten verschärfen. Diese Lage spitzt sich zu. Der quantitative und qualitative Unterschied von Klerikertheologen und Laientheolog*innen vergrößert sich immer weiter, zunehmende und akuter werdende personale Notstände im Klerus beschleunigen das.

Was sich abzeichnet: der Auszug der letzten moralisch und intellektuell Getreuen aus der Kirche.

Ein weiteres Problem: Was wird verschwiegen, wenn um die Fortsetzung des „Dienstes“ ersucht oder dieser eigentlich verlangt wird? In der Dienstmetapher versteckt sich die Härte, die die bischöfliche Instanz kirchenrechtlich innehat. Hier klaffen Pastoralmetaphern und Rechtsetzung so weit auseinander, dass sie nicht als zwei Brennpunkte einer Ellipse, sondern als rhetorische Täuschung funktionieren.

Diese wird pastoral mit der alten biblischen Metapher des Hirten abgesichert, die in der agrarischen Antike anders gedacht war als in (urbanen) Bildungsgesellschaften und in ihnen deshalb nicht mehr ankommt. Was damals Hinweis auf Hilfe für Unmündige, des Lesens und Schreibens Unkundige gewesen war, dient heute häufig ressentimentgeladener Entmündigung. Was sich abzeichnet, ist weder neu noch überraschend: der Auszug der letzten moralisch und intellektuell Getreuen aus der Kirche.

Banalisierung Gottes und Infantilisierung der Gläubigen, fallweise übertüncht durch flott wirkende Rhetorik.

Ein drittes Problem – das Kardinalproblem schlechthin: die Herrschaft über Gott. Man weiß lehramtlich so viel über Gott und so wenig über die Gepeinigten, die vor den Toren der bischöflichen Ordinariate dahinleben oder vielleicht sogar da und dort in ihnen zu Diensten sind. Gleichzeitig erstirbt in diesem Gottwissen das Abgrundmysterium durch Banalisierung Gottes und durch Infantilisierung der Gläubigen, fallweise übertüncht durch flott wirkende Rhetorik. Diese Form der Lehre und ihrer Vermittlung zerstört die Kirche nachhaltig.

Diese Form von Kirche ist am Ende. Ihre Hierarchie ist in einem Netz gefangen und hat sich gesammelt wie eine Herde, der ihr Hirte fehlt, nach dem sie ruft – mit Worten, Gesten und Tönen, in denen Selbstapologie sich mitteilt, sei es in harter Selbstbehauptung, sei es flehend. Sie ist aus der Zeit gefallen, weil sie die Marktplätze nicht kennt und aufsucht, auf denen Prophet*innen zu finden und zu hören sind. Stattdessen gibt man domestizierte Texte vor und hält diese für den Kosmos, in dem die Regie des hierarchisch beherrschten liturgischen „Welttheaters“ (Franz Hinkelammert) abläuft.

Umkehr bestünde in einer ungeschützten Exponierung all dem und denen gegenüber, denen unter hierarchischem Schirm Gewalt angetan oder gefördert, gedeckt und legitimiert wurde.

Diese Kirche ist wie eine lichtlos gewordene Stadt im finsteren Tal, die keinen Schemel mehr hat, den man heben könnte. Ihre Hierarchie höhlt mit kirchlicher Härte die Kirche aus und ruft angesichts des Untergangs nach einem Schuldigen, der draußen in der „Welt“ wäre. Sie lebt ohne das Feuer der Propheten, ohne die Drangsal des Messias, ohne das gebrochene Beten, ohne schutzlose Begegnung mit den tiefen Antlitzen Missbrauchter und ohne das unheimlich ansprechende, faszinierende und abweisende Abgrundgeheimnis, das so leichtfertig als Gott genannt wird.

Ihre Umkehr bestünde in einer ungeschützten Exponierung all dem und denen gegenüber, denen unter hierarchischem Schirm Gewalt angetan oder gefördert, gedeckt und legitimiert wurde. Ungeschützte Exponierung heißt: weg mit allem, was hierarchischen Schutz und Abschottung bietet; weg mit dem schwarzen Gewand; weg mit den Hoheitszeichen; weg mit den vor den Brüsten schwingenden oder hängenden Goldkreuzen; weg mit den hohlen, täuschenden oder drohenden Phrasen; weg mit der selbstverständlichen Ritualverfügung über Gott und Menschen durch sakramentale Automatismen und innere Gehorsamsforderungen; weg mit aufgezwungenen Lebensformen, die eine sonderbare Sexualfixierung offenbaren und diejenigen in Misskredit bringen, die gerne allein leben wollen; weg mit der hierarchischen Pyramide, die den Großteil der noch Verbliebenen entrechtet und ein anachronistisches Gefüge darstellt, das keine Zukunft mehr hat und keine jesuanische Vergangenheit.

Und an Stelle all dessen?

  • Ein Anfang wäre getan, Amos 5,18-27 sich zu stellen – als gegenwärtige Ansage, die die Hierarchie nicht weiterreicht an das Volk, an die Laien, sondern als Wort an und gegen sich gerichtet zu hören versucht.
  • Oder auch: Mk 8,27-33 als Wort zu hören, das all das gut gefügte, zusammengedachte Gemächte zersetzt, durch das man sich selbst sichert und heraushalten will aus den zahllosen Untergängen, die gleichwohl im eigenen Haus angerichtet wurden.
  • Oder: Psalm 88 als Gebet einer/s Verlassenen, dem/der Gott abgestorben ist, den keine Rede von der Liebe und Barmherzigkeit Gottes mehr zurückholt, weil sie beschwört, was gründlich ausgemerzt wurde im verödeten Erfahrungsraum der Kirche.
  • Oder: Jer 20,7-18 als Wahrnehmung von prophetischem Geschick, der mit seinem Einsatz durch Wirkungslosigkeit gekennzeichnet ist, schlimmer noch: durch Denunzierung und Gewalt innerhalb der Kirche erledigt und fertig gemacht wird.

Und all das wäre aufzunehmen ohne erdachte oder erfundene christologische Abfederung. Christus zerbrach am Kreuz an der steinharten, steil hierarchisch organsierten Religions- und Reichspolitik der Römer. In deren Institutionen ist die römisch-katholische Kirche eingewandert und hat sie sich zu eigen gemacht, nicht in die Gruppe wandernder Messiasgläubiger, die keinen Pontifex hatte, keine Bischöfe kirchlicher Rechtsverfassung und die ihren Messias in Gott hinein verlor und so gerade nicht verfügbar hatte.

Wenn diese Exponierung nicht gelingt, scheint mir die Gegenwart der katholischen Kirche zumindest in Europa beharrlich aussichtlos zu sein.

Wenn diese oder eine ähnliche Form von aufrichtiger, rückhaltloser Exponierung nicht gelingt, scheint mir die Gegenwart der katholischen Kirche zumindest in Europa beharrlich aussichtlos und die Zukunft verloren zu sein. Als Klerikerverband, der sich wie die Piusbrüder durch ein paar Geldgeber weiter finanzieren lässt, wird sie in Bedeutungslosigkeit versinken. Wie weit man es gebracht haben wird, wird daran kenntlich sein, dass um ihr Verschwinden in der Form, wie sich das heute darstellt, (fast) niemand mehr trauern wird.

Ob die Kirche und ihre Hierarchie sich selbst dieses Ende setzen wird? Ich weiß es nicht. Aus langer Erfahrung habe ich jedenfalls das, was ansteht, in den Konjunktiv gesetzt – allerdings durchaus mit einer resignativen Neigung, die der Konjunktiv in der Variante des coniunctivus irrealis in sich trägt, auch wenn Kardinal Woelki, der von sich nie auf die Idee kam, einen Rücktritt anzubieten, einigermaßen überraschend von Papst Franziskus in eine Auszeit geschickt wurde.[4]

Deus semper maior bleibt unverfügbar und die einzige Rettungsinstanz.

Doch eines ist und bleibt sicher: Den Glauben an den unaussprechlichen Abgrundgott wird selbst das teils widerliche Gehabe von Hierarchien nicht zerstören können. Hier enden alle Möglichkeit, selbst wenn man sie sakramentenrechtlich erzwingen will – vergeblich. „Er, der im Himmel thront, lacht“ (Ps 2,4). Deus semper maior bleibt unverfügbar und die einzige Rettungsinstanz, auch gegen Institutionen, die sie zu repräsentieren vorgeben, aber eine Praxis in einigen Bereichen entfalten, die dem widerspricht.

In diesem Sinn hilft nur noch Re-Formation, ein anderes Wort für Umkehr. Andernfalls werden die Herren weiterhin „den Sakkut als euren König vor euch hertragen müssen und den Kewan, euren Sterngott, eure Götter, die ihr euch selber gemacht habt“ (Amos 5,26), auch wenn sie ihre Götter anders nennen.

Diesen Segen hörte man, ehe die Kirche anfing. Er wird bleiben. Und das genügt.

Nicht nur unter ihnen gemarterte, sondern ebenso vernünftige Christenmenschen werden diese Prozessionen nicht mehr mitgehen. An deren Stelle werden sie sich dem echten und unverfügbaren Segen überlassen, wie ihn Psalm 67 kündet, aus ihm leben und ihn feiern. Diesen Segen hörte man, ehe die Kirche anfing. Er wird bleiben. Und das genügt.

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Wolfgang Treitler ist außerordentlicher Universitätsprofessor für Fundamentaltheologie an der Universität Wien.

Beitragsbild: Mateus Campos Felipe on Unsplash


[1] Papst lässt Hamburger Erzbischof Heße nicht zurücktreten, in: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2021-09/papst-franziskus-erzbischof-stefan-Heße-ruecktritt-missbrauchsgutachen-erzbistum-koeln (16.9.2021).

[2] Mahnung des Papst-Botschafters an Österreichs Kirche: „Mein Eindruck ist, dass es eine echte Krise gibt“, in: https://www.diepresse.com/5647806/mahnung-des-papst-botschafters-an-osterreichs-kirche-mein-eindruck-ist-dass-es-eine-echte-krise-gibt (16.9.2021)

[3] Kärnten: Visitator Lackner geht von personellen Konsequenzen aus, online: https://www.erzdioezese-wien.at/site/home/nachrichten/article/72888.html (16.9.2021).

[4] Papst ordnet für Kardinal Woelki eine Auszeit an, in: https://www.kathpress.at/goto/meldung/2067052/papst-ordnet-fuer-kardinal-woelki-eine-auszeit-an (Abfrage 24.9.2021).

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