Anstöße aus Brasilien für die Pastorale Umkehr in Deutschland

In einer Diözese am Amazonas lässt sich lernen, wie Partizipation ernstgenommen wird, wie gesellschaftliche Kontexte zu kirchlichen Themen werden und wie Pragmatik Reformen bestimmt. Von einer Studienreise berichtet Stefan Silber.

„Mir taten die Kinder und Jugendlichen leid,“ sagt Josenilda, um zu erklären, warum sie eine katholische Gemeinde neu gegründet hat. Vor einigen Jahren ist sie mit ihrer Familie an den Rand der kleinen Stadt Faro am Amazonas gezogen. „Und da war ja nichts“. Jetzt lebt da eine Gemeinde mit Jugendgruppen, Katechese, wöchentlichen Wortgottesdiensten, Nachbarschaftshilfe und einer in Eigenleistung errichteten Halle als Pfarrzentrum. Pastoralreform auf Brasilianisch.

Würzburger Verantwortliche wollen am Amazonas lernen.

Im April 2018 reiste eine kleine Gruppe von Verantwortungsträger*innen aus der Diözese Würzburg in die brasilianische Partnerdiözese Óbidos (PA) am Amazonas. Angesichts der anstehenden Herausforderungen pastoraler Strukturreformen in Deutschland sollte die Gruppe herausfinden, wie die Pastoral in der Partnerdiözese lebt und organisiert ist und was wir ggf. dafür für unsere Prozesse lernen können. Zwei Wochen lang besuchten wir Gemeinden und Pfarreien, Laien, Priester und Ordensfrauen, den Bischof, Abteilungsleiter und Konferenzen im Ordinariat, führten Gespräche, nahmen an Gottesdiensten teil, teilten vorübergehend Leben und Glauben.
Einige Grunddaten der Partnerdiözese waren uns schon vor Beginn der Reise bekannt – wie sich diese Daten dann vor Ort „anfühlen“, ist noch einmal eine andere Sache: Die Diözese Óbidos liegt zwischen dem Amazonasfluss und der brasilianischen Nordgrenze und erstreckt sich über eine Fläche, die halb so groß wie ganz Deutschland ist. In ihr leben etwa 200.000 Katholiken, ca. 75% der Bevölkerung. Neben wenigen Ordensleuten, Priestern und angestellten Laien wird das kirchliche Leben in erster Linie von einer großen Schar von Ehrenamtlichen getragen, vor allem von Frauen, bis hinein in die Leitung wichtiger Abteilungen im Ordinariat.
Drei große Erfahrungsbereiche nehme ich aus der Reise mit: Die Laien nehmen sich selbst als Kirche ernst – und werden ernst genommen. Die Kirche richtet sich an dem aus, was in der Welt, im Alltag geschieht. Pastorale Reformen sind eine Selbstverständlichkeit – und sie weiterzuentwickeln ebenso.

1. Die Laien sind die Kirche.

„Ich bin ja nur vorübergehend da“, sagt Antonio, der Pfarrer, der für Josenildas Pfarrei in Faro zuständig ist. „Es geht um die Menschen, die hier leben. Wir müssen die Laien befähigen.“ Das ist vermutlich einer der Gründe für Josenildas gelungenes Engagement: Die Laien können sich deshalb für das Schicksal der Kirche verantwortlich fühlen, weil man ihnen wirklich Verantwortung gibt.

Frauen übernehmen die Leitung.

Es sind auffallend viele Frauen, bei denen wir beobachten können, wie selbstverständlich sie die Leitung von Gottesdiensten und Gemeinden, die Verantwortung für Jugendgruppen und Stadtteilarbeit übernehmen – und von den Pfarrern und Ordensschwestern vor Ort in dieser Arbeit unterstützt und gefördert werden. Sie erhalten nicht nur Verantwortung und Vertrauen, sondern auch Fortbildung und Begleitung. Fortbildung, die als Unterstützung und nicht als Gängelung wahrgenommen wird.
Auch Jugendliche und Kinder werden frühzeitig in die Verantwortung genommen und qualifiziert. Hier hat es nicht den Anschein, als müssten Kompetenzen und Zuständigkeiten mühsam erkämpft und ausgehandelt werden, sondern als ob sich verschiedene Akteur*innen gegenseitig in einer gemeinsamen Mission unterstützen würden.

Mit Selbstverständlichkeit wird über den Glauben gesprochen.

Die gemeinsame Mission kommt aus einem gemeinsamen Glauben. Auch über den eigenen Glauben sprechen die Menschen aus den Gemeinden mit großer Selbstverständlichkeit. In einer Versammlung, die eigentlich ein politisches Thema hatte – die Zerstörung des Regenwaldes in der Gemeinde durch ALCOA, eine internationale Bergbaugesellschaft – ergriff einer der Männer das Wort, um uns zu erklären, was sein Widerstand mit seinem Glauben und mit der Bibel zu tun hat: Es ist nur sein Glaube, der ihm Kraft gibt, immer wieder wie die Witwe beim ungerechten Richter an die Tür zu klopfen und nicht lockerzulassen (vgl. Lk 18,1-8).
Nicht nur der Glaube der Einzelnen, sondern vor allem die Gemeinschaft, die Gemeinde steht im Mittelpunkt. Die Pfarreien sind zwar riesig groß, verstehen sich aber nicht als Verwaltungseinheiten, sondern als „Gemeinschaft von Gemeinschaften“. Was in den einzelnen Gemeinden vor Ort geschieht, darauf kommt es an: Im überschaubaren Bereich leben Liturgie, Katechese, Sozialarbeit, Selbstverwaltung. Alles wird von Ehrenamtlichen verantwortet – Pfarrer und Schwestern koordinieren, unterstützen, begleiten, organisieren die Fortbildung.
In der Diözese Obidos werden in diesen Jahren gerade Pfarreien aufgeteilt und Gemeinden neu gegründet, nicht zusammengelegt wie bei uns. „Welche Strukturen brauchen wir, damit die Menschen besser partizipieren können?“ fragt Johannes Bahlmann OFM, der Bischof. Partizipieren, das heißt auch Verantwortung, Selbstständigkeit, Leitung. Der Übernahme von Verantwortung von Seiten der Laien korrespondiert das Vertrauen, das ihnen die Hauptamtlichen entgegen bringen: Das scheint mir der Schlüssel zu sein, weshalb diese Struktur lebt. Dass Ehrenamtliche sich überfordert und/oder alleingelassen fühlen, war bei unserem Besuch nie ein Thema.

2. Was in der Welt geschieht, ist eine Herausforderung für die Kirche.

Glaube und Gemeinde sind kein Selbstzweck. Die Alltagswirklichkeit der Menschen steht im Glauben immer im Mittelpunkt. Zu dieser Alltagswirklichkeit gehören Arbeitslosigkeit und Gewalt, familiäre Beziehungen und Umweltprobleme, Menschenrechte und Müllabfuhr. Interessant für uns war beispielsweise, dass die Kirche sexualisierte Gewalt nicht deswegen thematisiert, weil sie ihre eigene Schuld nicht mehr länger unter den Teppich kehren kann, sondern weil viele Mädchen und Frauen, aber auch Jungen, im Alltag zu Opfern werden und die Kirche sich zu ihrem Anwalt macht.

Was die Menschen brauchen, ist die zentrale Frage.

Wie werden Heil und Erlösung im Alltag wirklich erfahrbar? Diese Frage scheint eine Schlüsselstellung zu haben. Es ist die Frage nach der Relevanz des Glaubens: Welche Verbesserung bringt die Kirche dem Leben der Menschen? Nicht: Was braucht die Kirche? ist die Frage, sondern: Was brauchen die Menschen in ihrem konkreten Lebensumfeld?
Wie würden die pastoralen Strukturreformen bei uns sich ändern, wenn wir von dieser Frage ausgingen? Was ist in unserem Kontext relevant, worum müssen wir als Kirche uns kümmern? Was sind die Fragen, die das Volk Gottes (nicht so sehr die Hauptamtlichen!) wirklich in ihrem Alltag bewegen; wie könnte die Gemeinschaft der Glaubenden da sichtbar machen, dass sie für Heil, für Gesundheit, für Erlösung, für Freude, für Lebenslust steht?

Die Kirche bewegt sich nach außen.

Das Motto der Diözese Óbidos, in dem von der „missionarischen Kirche“ die Rede ist, hat hier seinen Sitz im Leben: Die Kirche bewegt sich nach außen, geht auf die Menschen zu, um ihnen von Jesus und vom Evangelium zu erzählen und dabei deutlich zu machen, welche Relevanz dieses Evangelium im Leben hat: Es ist eine Gute Nachricht für ein Gutes Leben. Dazu gehört es, hinzuschauen, hinzuhören, sich der Wirklichkeit auszusetzen.
Auch das kirchliche Handeln soll demonstrieren: Was die Kirche tut, ist gut für die Gesellschaft, gut für die Stadt, das Dorf, die Menschen und die Schöpfung. Ein hoher Anspruch, an dem man sich auch messen lässt – und zugleich so weit entfernt von der triumphalistischen Zurschaustellung kirchlicher Selbstverliebtheit, der wir uns in Deutschland immer noch allzu oft widmen.
Die missionarischen und diakonischen Aktivitäten sind ebenfalls Verantwortung der Laien: Caritas und Sozialpastoral sind Aufgaben, denen man sich in der kleinen Gemeinde vor Ort, an der Basis, widmet. Dort, wo die Nöte sichtbar sind.

3. Pastorale Strukturen und pastorale Reformen sind kurzlebig.

Eine weitere überraschende Erfahrung: Man muss pastorale Strukturreformen gar nicht so hoch hängen, wie das in der Diözese Würzburg derzeit geschieht – man kann sie auch einfach machen. Vielleicht geht das nur unter der Voraussetzung der anderen beiden Erfahrungen: Gemeinsam mit den Laien, die ihre eigene Verantwortung übernehmen, und ausgehend von den Alltagsfragen, die sich dem Volk Gottes wirklich stellen.

Pragmatisch bereit zu Reformen.

In der Diözese Óbidos konnte ich jedenfalls eine grundsätzliche Bereitschaft zu Reformen wahrnehmen: Was nötig und nachvollziehbar ist, wird gern gemacht, und so lange wie es nötig ist. Wenn man später feststellt, dass die Ausgangskoordinaten sich wieder geändert haben, nimmt man Reformen auch wieder zurück – oder entwickelt neue.
Vielleicht liegt es auch daran, dass die Diözese Óbidos mit ca. 60 Jahren noch ziemlich jung ist. Bei der Planung und Einrichtungen von Pfarreien und Gemeinden wird nicht in Jahrhunderten, wahrscheinlich noch nicht mal in Jahrzehnten gedacht. Wenn sich neue Herausforderungen stellen, kann man auch altbekannte Aufgaben und Programme einfach einmal beiseite lassen. Kirchliche Strukturen und pastorale Einrichtungen dienen einem Zweck – und sind deshalb flexibel und dynamisch.
Welchem Ziel dienen unsere Pastoralreformen? Und welche Frist haben wir vor Augen, wenn wir über sie diskutieren? Werden unsere neuen Einrichtungen flexibel und dynamisch genug sein, um in zwanzig oder in fünf Jahren neue Reformen zu ermöglichen? Oder werden sie sich den dann nötigen Reformen noch entschiedener in den Weg legen?

Fragen eröffnen

Beobachtungen aus Brasilien lassen sich nicht ohne Weiteres auf unseren Kontext übertragen. Aber sie können Lernerfahrungen ermöglichen, Fragen eröffnen, aus denen neue Überlegungen entstehen können. Eine Diözesanpartnerschaft wie die zwischen Würzburg und Óbidos eröffnet ebenfalls einen Raum, in dem solche pastoralen Lernerfahrungen möglich sind. In den fünf Jahren seit der Gründung dieser Partnerschaft haben schon viele Menschen den Weg über den Atlantik genommen (in beide Richtungen) und die Unterschiede und Gemeinsamkeiten an Main und Amazonas kennengelernt.
Diese Menschen bieten eine Chance für weltweites – katholisches! – Lernen, die die Kirche gerade in den Zeiten des pastoralen Reformstaus nicht gering schätzen sollte.

___

Autor: PD Dr. habil. Stefan Silber, Theologe, Pastoralreferent in der Diözese Würzburg, Dozent für Systematische Theologie/Fundamentaltheologie.

Aktuelle Veröffentlichung: Kirche, die aus sich herausgeht. Auf dem Weg der pastoralen Umkehr, Echter Verlag, Würzburg 2018.

Foto: Kerstin Schmeiser-Weiß, POW (Pressestelle Ordinariat Würzburg)

Print Friendly, PDF & Email