Askese: Einschränkung und Freiheit

Immer deutlicher sehen Menschen, dass angesichts von gesellschaftlichen Herausforderungen wie Pandemien und Klimakatastrophen ein gesellschaftliches Konzept, das auf unbegrenztem Wachstum aufbaut, kaum zukunftsfähig ist. Der Philosoph Antonio Lucci greift mit der Askese ein zugleich traditionelles und innovatives Konzept auf.

  1. Ein praktisches Wissen

Es wird nicht ohne Verzicht und Einschränkungen gehen: Die Diskussionen um eine angemessene Umgestaltung des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens angesichts der drohenden Klimakatastrophe erscheinen vielen Menschen als Zumutung. Denn es geht um Verzicht. Und der fällt schon während der Corona-Pandemie vielen Menschen schwer. Volle Innenstädte und Cafés, Familienfeiern und andere Lebensvollzüge zeigen, wie schwer eine Veränderung von Verhaltensweisen zu etablieren ist. Und ein Umdenken unter den Vorzeichen des Verzichts wirkt auf viele Menschen in einem auf Wachstum ausgerichteten Gesellschaftsmodell als Blasphemie. Doch längst ist Wissenschaftler*innen und Politiker*innen klar: Gelingendes und glückendes Leben wird es nur geben, wenn die Rede vom Verzicht kein Tabu bleibt. Es geht um Askese.

Am Ursprung stehen Übungen zur Perfektion

In der Regel evoziert die Verwendung des Begriffes „Askese“ Bilder religiöser Natur. Die erste Assoziation wird bestimmt nicht mit Künstler*innen oder Sportler*innen verbunden. Allerdings waren gerade Kunst und Sport in der griechischen Antike die Bereiche, in denen das Verb askeo verwendet wurde: Am Anfang bedeutete Askese einfach nur „Übung zur Perfektion“ und bezeichnete die Arbeit besonders begabter Handwerker*innen, die in der Lage waren, einen Gegenstand mit Geschick zu bearbeiten. ‚Askese‘ hatte mit manuellen Fertigkeiten zu tun, die durch Arbeit und Erfahrung erlangt wurden.

Areligiöse Wurzeln in religiöser Überformung

Ursprünglich waren demnach Asket*innen also Künstler*innen und Sportler*innen: Personen, die tagtäglich eine körperliche oder handwerkliche Übung praktizierten, die sich anstrengten, um eine Perfektion zu erreichen und nicht unbedingt Personen, die in einem religiösen Kontext Einsamkeit, Keuschheit und freiwillige Armut übten und predigten. Erst in einer späteren historischen Phase wurde das Wort auch für die Beschreibung religiöser Praktiken verwendet, und erst mit dem Aufkommen des Christentums wird diese religiöse Bedeutung die vorherrschende werden.

 

  1. Wozu Askese?

Wenn die Antwort auf die Frage „Was ist die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Askese?“ relativ einfach ist, d.h. „eine fortlaufende Übung zur Perfektionierung“, scheint diejenige auf eine zweite, genauso wichtige Frage, komplizierter zu sein: „Wozu Askese?“.
Wie die zuvor erwähnten Beispiele der Künstler*innen und der Sportler*innen zeigen, können die Ziele eines „asketischen“ Trainings auch sehr unterschiedlich sein: Die Beherrschung einer Kunst und das Erlangen von Geschicklichkeit in einer körperlichen Übung sind offensichtlich zwei sehr unterschiedliche Praktiken.

Die Welt ist falsch,
deshalb ist es notwendig, anders zu leben.

Zusätzlich zu dem oben erwähnten Aspekt der Übung ist das gemeinsame Merkmal dieser scheinbar so unterschiedlichen Aktivitäten – was der rote Faden aller asketischen Praktiken ist – ihre Verortet-Sein zwischen Subjekt und Gemeinschaft: Asket*innen praktizieren, verändern ihren Körper und folglich auch ihren Geist immer in Bezug auf eine bestimmte, konkrete Lage, in der sie sich befinden und zu der sie durch ihre Übungen eine bestimmte Art von Beziehung aufbauen. Kurz zusammengefasst: Die Askese ist immer eine soziale Praxis und sie wird daher von der historischen und sozialen Lage beeinflusst, in der sie stattfindet. Die Asket*innen zeigten bereits in der Antike ihren Körper, ihre Übungen, selbst die extremsten, um eine Botschaft zu vermitteln, die in ihrer Einfachheit revolutionäre Züge trug: Diese Welt ist falsch und deswegen ist es notwendig, anders zu leben.

Askese als politisches Statement

Beispielweise verzichteten die griechischen Asket*innen – wie die Anhänger*innen der orphischen und pythagoräischen Bewegungen – oft auf den Verzehr von Fleisch und ernährten sich streng vegetarisch, in einigen Fällen sogar vegan. Der Grund für diesen Verzicht war jedoch ein anderer als der, aus dem die meisten Menschen heutzutage aus diätischer oder ethischer Überzeugung vegetarisch leben: Griechische Vegetarier*innen weigerten sich, an öffentlichen Tieropferritualen teilzunehmen und damit nahmen sie an einer der wichtigsten politischen Aktivitäten der damaligen Zeit nicht teil. Der Verzicht auf Fleisch hatte also einen politisch- sozialkritischen Wert, der demonstrativ allen gezeigt wurde.

Der Anspruch, das individuelle Leben zu ändern.

Wenn auf der einen Seite die Askese also von ihrer sozialen Dimension untrennbar ist, ist sie auf der anderen Seite immer eine körperlich-bedingte Praxis und daher höchst individuell. Es geht also nicht nur darum, eine Botschaft zu vermitteln, sondern vor allem darum, durch die Übung das eigene Leben zu ändern.
Zu welchem Zweck? Um besser zu leben, als man ohne diese Übungen leben würde.
Oder – anders formuliert – um glücklich zu sein.
Wenn man an die berühmtesten Bilder von Asket*innen denkt, scheint es allerdings schwierig, die Figuren der Wüstenmönche, der indischen Sadhu, der Einsiedler*innen usw. mit dem Begriff des Glücks in Verbindung zu bringen. Um diesen Aspekt besser zu beleuchten, lohnt es sich einen Blick auf konkrete, historische Gestalten von Asket*innen und ihre Praktiken zu werfen.

  1. Prominente Vorbilder

Die griechischen Philosoph*innen[1] der kynischen Schule gehören bestimmt zu den spektakulärsten Figuren der antiken Askese.[2] Diese predigten um das 4. Jahrhundert v. Chr. eine radikale Reduktion ihrer Bedürfnisse auf das unbedingt Notwendige: Sie glaubten, dass es notwendig sei, möglichst im Einklang mit der Natur zu leben („wie Hunde“ [griech. Kuòn] – daher die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs „Kynismus“), denn was die Zivilisation den Menschen gebracht habe, habe nur zu Ängsten, Konflikten und nutzlosen Anstrengungen geführt.

Die kynische Askese provoziert.

Die Botschaft der kynischen Philosophie war einfach aber radikal: Man muss lernen zu unterscheiden zwischen dem, was für das Leben unbedingt notwendig ist, und dem, was stattdessen das Ergebnis eines sozialen Imperativs ist. Nachdem die strikt natürlichen Bedürfnisse identifiziert worden waren, musste man diesen folgen, ohne sich Sorgen zu machen, dass sie gegen soziale Konventionen verstoßen könnten. Für den Kynismus fiel die Philosophie mit dem Leben zusammen und brauchte nicht, durch Theoreme oder schriftliche Werke vermittelt zu werden. Darüber hinaus drückte sich die kynische Askese in provozierenden Handlungen aus: Der Gründer der Bewegung, Diogenes von Sinope (4. Jh. v. Chr.), war zum Beispiel für sein provokantes Verhalten bekannt, das von öffentlicher Masturbation bis hin zu verächtlichem Verhalten gegenüber der politischen Macht reichte (berühmt ist die Anekdote des Diogenes, der auf die Frage von Alexander dem Großen, welchen Wunsch er erfüllt sehen wolle, wie folgt antwortete: „Geh mir aus der Sonne“). Diese scheinbar bizarren Verhaltensweisen müssen im Lichte der antiken Glücksvorstellung verstanden werden: Für die kynische Philosophie und ganz allgemein für die Antike ist die paradigmatische Verkörperung der Glückseligkeit die Figur der weisen Menschen, d.h. derjenige der frei von äußeren Zwängen lebt. Die Masturbation stellte in diesem Sinne die Möglichkeit dar, nicht Sklave der eigenen sexuellen Triebe zu sein und diese überall und so schnell wie möglich zu befriedigen.

Der Mensch ist nicht das Opfer seiner Triebe

Genauso stellt die verachtende Ablehnung der politischen Macht – „Geh mir aus der Sonne“ – den höchstmöglichen Grad an Unabhängigkeit. Die Angehörigen des Kynismus folgten diesen Weg zur Glückseligkeit, verstanden als Unabhängigkeit von der Außenwelt, durch die eigenen asketischen Übungen und durch eine proselytistische Tätigkeit, die sich oft von Sarkasmus und verbaler Gewalt speiste: „Redefreiheit/Wahrsagen“ (parrhesia) war eines der Schlüsselkonzepte ihrer Philosophie. Aus dieser freien und verächtlichen Haltung gegenüber sozialen Bindungen wurde die moderne Definition des Zynismus aus dem alten Kynismus abgeleitet.[3]

Das Ziel ist nicht nur der Himmel,
sondern Glückseligkeit

Mit dem Beginn der christlichen Ära veränderte sich die Bedeutung von Glückseligkeit und folglich auch die von Askese. Die christliche Religion verortete die Glückseligkeit in einer transzendenten Dimension und beeinflusste damit auch die asketischen Praktiken, die oft noch extremer wurden als z.B. diejenigen der vorchristlichen Antike. Christliche Asket*innen, vor allem die der ersten fünf Jahrhunderte nach Christus, die noch stark von der griechisch-römischen Askese beeinflusst waren, fasteten, zogen sich in die Wüste zurück, verzichteten auf sexuelle Praxis und auf menschliche Gemeinschaft(en). Diese christlich-asketischen Lebensformen haben so stark die westliche Vorstellungswelt beeinflusst, dass sie immer noch unsere Auffassung von Askese auf unauslöschliche Weise prägen.[4]
Ihr Ziel blieb jedoch dasselbe wie jenes der vorchristlichen Asketen*innen: das Erlangen der Glückseligkeit, die in diesem Fall mit dem Heil der Seele, mit der ewigen Seligkeit und mit dem Erreichen des Himmelreiches zusammenfiel.

Tiefes Streben nach Unabhängigkeit hinter der Askese

Die Asket*innen suchten nicht das Leiden per se, sondern versuchten, durch harte und auch schmerzhafte Übungen ein (historisch bedingtes) Glücksideal zu erreichen: Trotz der psychopathologischen Aspekte ihrer extremen Praktiken der Selbstpeinigung lässt sich nicht leugnen, dass den asketischen Lebens(re)formen ein tiefes Streben nach Unabhängigkeit und Glück zugrunde lag und liegt.

  1. Askese heute?

In den letzten Monaten, die durch den Coronavirus bedingten Lockdown gekennzeichnet waren, scheint der Begriff der Askese wieder in Mode gekommen zu sein. Um nur einige Titel von Presse-Artikeln zu nennen, die in den letzten Monaten erschienen sind: „Askese ist in der Corona-Krise der falsche Weg“[5], „Unfreiwillige Askese, aber keine innere Ruhe“[6] und zu guter Letzt „Es ging nie um drei Monate Askese unter einer Käseglocke“[7].

„Corona-Askese“ fungiert bislang lediglich unter den Vorzeichen des Verzichts.

Die erzwungene Isolation wegen des Lockdowns hat oft das Bild von christlichen Mönchen und Nonnen hervorgerufen, die in ihren Zellen eingesperrt sind. Die globale Erfahrung, der das Coronavirus uns in diesem Sinne ausgesetzt hat, ähnelt strukturell die der eremitischen Askese aber sie ist auch zutiefst anders. Die „Corona-Askese“ ist mit historischen Ereignissen verbunden, die sich von denen maßgeblich unterscheiden, die z.B. die christlichen Mönche und Nonnen in der Spätantike dazu bewegten, sich an Orte fernab der damaligen Zivilisation zurückzuziehen. Aber vor allem ist der Zweck dieses Rückzugs ein anderer. Glückseligkeit, Tugend, Unabhängigkeit, Weisheit und Erlösung waren die Ziele der Übungen der Wüstenmönche und der antiken Asket*innen im Allgemeinen. Diese Figuren waren sich darüber hinaus bewusst, dass sie auch ein alternatives Lebensmodell zu dem in ihren Gesellschaften vorherrschenden verkörperten. Dieses Bewusstsein prägte während des Lockdowns unseren Alltag größtenteils nicht: Auch deshalb wurde die „Corona-Askese“ als ein belastender – wenn auch notwendiger – Akt des Verzichts empfunden.

Die Suche nach einem Weg zur Weisheit.

Werden jedoch die Ursprünge des asketischen Phänomens betrachtet, die am Anfang des vorliegenden Beitrages skizziert wurden, so lässt sich vielleicht an eine Askese denken, die nicht unbedingt im Sinne von Verzicht und Leid verstanden werden muss.
Die Askese ist aus historischer Sicht ein praktischer Weg zur Weisheit gewesen, den Menschen unterschiedlicher Zeitalter und an verschiedenen Orten eingeschlagen haben, um so frei wie möglich zu leben: frei von künstlichen Bedürfnissen, die mit dem sozialen Druck verbunden sind, gepanzert durch physische und psychische Übungen gegenüber den Widrigkeiten, die das Leben mit sich bringt und in der Hoffnung nicht mehr unter ihnen zu leiden.
Die Botschaft, die uns diese Figuren überliefert haben und die Jahrhunderte später auch heute noch und in einer säkularisierten Gesellschaft für gültig gehalten werden kann, besteht darin, Unterscheiden zu können, zwischen dem, was für das eigene Glück notwendig ist, und dem, was überflüssig ist sowie die Fähigkeit, auf das letzte jederzeit verzichten zu können.

Fragen des Lebensstils erzeugen Resonanzeffekte auf andere Lebewesen.

In diesem Sinne können asketische Praktiken heute noch wichtige Botschaften für das zeitgenössische Leben vermitteln. Wenn es sich einerseits bei den CoronaIsolationsübungen unbestreitbar um Verzichtsübungen (im Vergleich zum zuvor geführten Leben) handelt, können sie andererseits auch als Chancen verstanden werden: Sie ermöglichen uns, einen gerechteren Umgang mit anderen Menschen zu entwickeln, indem wir durch eine Veränderung unserer Lebensweise die Gesundheit anderer schätzen und schützen können. Darüber hinaus – in einer historischen Zeit wie die unsere, in der die Frage nach dem Klimawandel und dem menschlichen Einfluss auf den Planeten dringender denn je geworden ist – lassen sich ähnliche Beobachtungen auf das individuelle Konsumverhalten anwenden. Eine individuelle „Klima-Askese“ kann bestimmt kein Ersatz für die notwendigen Maßnahmen sein, die auf nationaler und internationaler Ebene ergriffen werden müssen, um dem Klimawandel zu begegnen und um die Schaden zu minimieren. Sie kann uns allerdings lehren, dass selbst individuelle Verhaltensweisen und Lebensstile Resonanzeffekte auf andere Lebewesen haben.

Es lohnt sich heute mehr denn je, sich daran zu erinnern, dass der Begriff des „Kosmopolitismus“ – der die Vorstellung des Menschen als Bürger des gesamten Kosmos zum Ausdruck bringt – gerade von einem Asketen, dem Kynischen Philosophen Diogenes von Sinope, geprägt wurde.[8]

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Autor: Antonio Lucci, Dr. phil, ist Fellow am Forschungsinstitut für Philosophie Hannover und Gastprofessor für Religionswissenschaft am Institut für Religionswissenschaft der Freien Universität Berlin. Seine aktuellen Forschungsbereiche sind die Kulturgeschichte der Askese sowie die Kulturtheorie und -philosophie. Zu seinen letzten Publikationen zählen u.a.: Askese als Beruf. Die sonderbare Kulturgeschichte der Schmuckeremiten (Wien 2019) und (hg. mit T. Skowronek) Potential regieren. Zur Genealogie des möglichen Menschen (Paderborn 2018).

Foto: Atlas Green / unsplash.com

[1] Hipparchia von Maroneia (um 300. v. Chr.) ist die einzige bekannte Frau, die Mitglied der kynischen Schule gewesen ist sowie die einzige, der eine eigene Biographie im Werk von Diogenes Laertius gewidmet wurde (vgl. Diogenes Laertius: Leben und Meinungen berühmter Philosophen, aus dem Griech. von Otto Apelt, 2 Bände, Leipzig 1921, S. 303f.).

[2] Zum Kynismus vgl. Georg Luck: Die Weisheit der Hunde. Texte der antiken Kyniker in deutscher Übersetzung mit Erläuterungen, Stuttgart 1997.

[3] Zum Kynismus/Zynismus vgl. Heinrich Niehues-Pröbsting: Der Kynismus des Diogenes und der Begriff des Zynismus, Frankfurt am Main 1988.

[4] Zur frühchristlichen Askese Vgl. Peter Brown: Die Keuschheit der Engel. Sexuelle Entsagung, Askese und Körperlichkeit am Anfang des Christentums, übers. von Martin Pfeiffer, München 1991.

[5] Vgl. https://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/504490/Askese-ist-in-der-Corona-Krise-der-falsche-Weg-Plaedoyer-fuer-einen-aufgeklaerten-Konsum

[6] Vgl. https://www.reflab.ch/unfreiwillige-askese-aber-keine-innere-ruhe/

[7] Vgl. https://www.welt.de/wissenschaft/plus212153073/Virologe-Schmidt-Chanasit-Es-ging-nie-um-drei-Monate-in-Askese-unter-einer-Kaeseglocke.html

[8] Zu der Verbindung Klima-Askese vgl. Peter Sloterdijk: Du mußt dein Leben ändern. Über Anthropotechnik, Frankfurt am Main 2009.

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