Auferstehung: Vollendung der Liebe

Wie sehr können wir begreifen, was „Auferstehung“ eigentlich meint? Könnte es sein, dass unsere Sehnsucht danach eine Rolle dabei spielt? Joachim Negel meditiert die zentrale Botschaft des Osterfestes.

Der Befund ist eindeutig: Ganz gleich ob katholisch oder evan­gelisch, ob fromm oder eher skeptisch, ganz gleich auch ob Christ oder Atheist: Folgt man den Umfragen, so scheint der Glaube an ein Leben über den Tod hinaus immer mehr zu schwinden, vom christlichen Glauben an eine leibliche Auferstehung gleich ganz zu schweigen. 

Der Glaube an die Auferstehung war nie etwas Angeborenes.

Aber ist dieser Befund wirklich so verwunderlich? Angeboren war der Glaube an Auferstehung nie, und auch die Vorstellung von einem Leben über den Tod hinaus (von einer »Unsterblichkeit der Seele«, wie der alte, wohlvertraute Ausdruck lautet) – auch diese Vorstellung ist alles andere als selbstverständlich. Der Mensch, dieses Wesen des Wortes und des Geistes, der Sehnsucht und der Liebe scheint viel zu sehr ein Stück Natur zu sein, als daß man darauf setzen dürfte, daß etwas Ewiges, Unsterbliches in ihm wohne. Es ist schon eigenartig: Je mehr wir Einblick gewinnen in die biologischen und physikali­schen Zu­sammenhänge unseres Lebens, um so mehr werden wir auch seiner abgrund­tiefen Zufälligkeit gewahr und umso mehr entwindet sich uns die Vorstellung, in uns lebe etwas Unzerstörbares, oder – anders formuliert – in un­serem Leben könne irgend etwas buchstäblich Ewigkeitswert haben.

Ob die undurchdringliche Materie stärker ist als unser lebendiger (und doch so schwacher) Geist, das bleibt zunächst einmal unausgemacht. Sehen konnte man Ewiges Leben nie, und ob man die Auferstehung Jesu am Ostermorgen hätte photographieren können – auch das ist eine Frage, die wohl unbeantwort­bar bleibt. Aber selbst, wenn man eine solche Frage als unbeantwort­bar und deshalb als womöglich unsinnig beiseite legt, so zieht sie doch ganz andere Fragen nach sich, und deren Dringlichkeit ist nun kaum von der Hand zu wei­sen.

Er ist nicht so fern, dieser Wunsch, es möge vergolten werden. 

Stellen wir uns einen Menschen vor, der seine ganze Kraft darein gesetzt hat, anderen eine menschenwürdige Existenz zu ermöglichen – so sehr, daß seine eigenen Lebensmöglichkeiten darunter gelitten haben, vielleicht sogar daran zugrunde gegangen sind: Ist es da wirklich so egal, ob über die Schran­ken von Raum und Zeit hinaus ihm Ge­rechtigkeit widerfährt oder nicht? Wenn mir Menschen, denen ich so vieles verdanke: Eltern, Freunde, Lehrer, Geschwister durch den Tod hinweg gerafft wurden – ist es da nicht eine Geste der Menschlichkeit, sich danach zu sehnen, ihnen möge vergolten sein, was sie mir Gutes taten?!

Ich wage deshalb folgende These: Wenn auch nur die geringste Möglichkeit besteht, daß es ein Leben über den Tod hinaus gibt, so muß uns diese Mög­lichkeit brennend interessieren! Denn wenn es sie nicht gibt, dann kann auch nicht wieder gut gemacht werden, was ich anderen schuldig geblieben bin. Ja schlimmer noch: dann gibt es in alle Ewigkeit auch kein Heil für die un­endlich große Zahl derer, die in ihrem Leben vor allem Gewalt und Unterdrückung er­fahren haben. All die Opfer der Geschichte, all die Toten der Kriege, Epi­de­mien und Hungerkatastrophen, sie blieben verscharrt und vergessen.

Wie wäre Gerechtigkeit denkbar ohne über das Hier und Jetzt hinaus zu greifen?

Wer auch nur einen Funken Gerechtigkeitssinn in sich verspürt, der kann nicht gleich­gültig gegenüber der Frage bleiben, ob wir dereinst aufer­stehen oder nicht. Man mag zwar vielleicht zu dem Schluß kommen, daß schlechterdings unaus­denkbar sei, was man sich vorzu­stellen habe unter »Ewigem Leben« oder »Auferstehung« – denn was mit diesen Worten gemeint ist, sprengt unser Vor­stellungsvermögen. Aber der Frage nach einer möglichen Auferstehung der Toten gleichgültig gegenüber zu stehen, sie gar als uninteressant oder belang­los ab­zutun – das zeigt doch eher, daß man nicht recht begriffen hat, was hier eigentlich zur Debatte steht.

Wahrheit ist größer als unser Erkennen

Sehnsucht nach Gerechtigkeit gerade auch für diejenigen, an denen menschli­cher Verbesserungswille nichts mehr bewirken kann – das ist eines der Motive, die dem biblischen Auferstehungsglauben zugrunde liegen. Aber das ist nicht alles. Auferstehung zielt auf noch mehr. Stellen wir uns einen Menschen vor, dem intellek­tuelle Redlichkeit, Wahrhaftigkeit, ja Wahrheit im starken Sinn des Wortes das Kostbarste sind – müßte der sich nicht nach einem Leben im göttli­chen Licht sehnen? Denn nur in einem solchen Licht würden wir ja die Dinge se­hen, wie sie wirklich sind.

Sterben nicht als Verlöschen, sondern als eine Öffnung auf das Ganze der Wirklichkeit hin.

Es ist doch merkwürdig: So sehr unsere Sinne und unser Verstand uns einen Zugang zur Welt eröffnen, so sehr beengen und begrenzen sie auch unsere Einsicht in die Dinge. Unsere Augen, unser Gehör, unser Tastsinn, unser gan­zes Verstehen und Begreifen kann die Totalität der Wirklichkeit immer nur ausschnittweise erfassen, mehr noch: Es scheint fast, daß unser Leib, dieses Medium, in dem wir Zugang haben zur Welt, uns die Welt in ihrer Wahrheit immer auch verfremdet, uns von ihr immer auch abgetrennt sein läßt. Von da­her legt sich eigentlich ganz von selbst folgender Gedanke nahe: Vielleicht vollzieht sich unser Sterben ja gar nicht so sehr als ein Erlöschen unseres Gei­stes, wie wir immer meinen und befürchten; womöglich verhält es sich gerade umgekehrt, daß unsere engen und begrenzten Sinnes- und Geistesvermögen im Vorgang des Sterbens aufge­sprengt werden auf das Ganze der Wirklichkeit hin. Wir werden geweitet, wir geraten in Beziehung zu allem, was ist.

Natür­lich ist ein solcher Vorgang immer auch schmerzhaft, so wie es schmerzhaft ist für den jungen Schmetterling, die hart gewordene Verpuppung aufzusprengen, um endlich ans Licht zu gelangen. Und doch: Würden wir an den vertrauten Hüllen unserer irdischen Larvenexistenz festhalten, würden sie uns nicht ge­nommen, wir könnten niemals jenes Lichtes ansichtig werden, das uns verhei­ßen ist: jenes gleißenden Lichtes wahrhaftiger, göttlicher Erkenntnis, des Lichtes der Ostersonne – jenes Lichtes, von dem Paulus im Ersten Korintherbrief sagt, daß wir in ihm einander „erkennen von Angesicht zu Angesicht“, so wie auch wir in ihm „ganz und gar“ (und das heißt doch wohl: liebend) erkannt sind.

Ich will, was noch niemals war – kein Ende! (Ingeborg Bachmann)

Mit dem zuletzt Gesagten geraten wir vor ein drittes Motiv, das Ein­gang gefunden hat in den biblischen Auferstehungsglauben; es ist vielleicht das eindringlichste von allen.Jemand ruft sich uns in Erinnerung – als Abwesender plötzlich ganz anwesend.

Nehmen wir einen Menschen, dem die Liebe zu seinem verstorbenen Freund nicht er­lischt; dessen Gedanken bei unterschiedlichster Gelegenheit ganz unwillkür­lich hinüber schweifen zu ihm, dem Vertrauten, Geliebten, der jetzt schweigt und der doch in seinem Schweigen auf eigentümliche Weise ganz nahe ist. (Es ist ja doch seltsam, wie gegenwärtig uns die Toten sein können.) Nehmen wir also ei­nen Menschen, der von seinem geliebten Freund nicht lassen kann, dem die Gegenwart des Verstorbenen geradezu selbstverständlich ist. Was passiert da eigentlich? Kann man sagen, hier erinnere sich halt jemand seines verstorbenen Freundes? Ist es nicht womöglich genau umgekehrt, daß nicht nur er sich des verstorbenen Freundes erinnert, sondern der Freund sich ihm in Erinnerung ruft?

Jemand ruft sich uns in Erinnerung – als Abwesender plötzlich ganz anwesend.

Das sind nicht irgendwelche spiritistischen Anmu­tungen, die ich hier ausbreite – ich meine es ganz ernst. Wir sagen ja auch sonst, eine Idee sei mir „eingefallen“, ein Ge­danke wolle mir „einleuchten“, eine Erinnerung sei mir „gekommen“. Wie viele meiner besten Gedanken stammen gar nicht von mir, sie sind mir buchstäblich „gekommen“, sie sind mir „eingefallen“. Wir reden dann von „Intuition“ oder „Eingebung“ und merken gar nicht, wie sehr wir uns bei solchen Ausdrücken einer Sprache bedienen, die aus ur­tümlichen religiösen Zusammenhängen her­rührt. Ob nicht auch die Gegenwart eines geliebten Verstorbenen uns solcherart „einleuchten“ kann, ob sie uns nicht womöglich zuzeiten regelrecht „überkommt“? Und der schmerzlich Vermißte ist für einen Augenblick da… buchstäblich da.

Und plötzlich erkennt Maria Magdalena den, der sich ihr zu erkennen gibt.

An zwei Ostererzählungen, beide im Johannesevan­gelium überlie­fert, wird das auf wunderbare Weise deutlich: Maria Mag­dalena; es ist früh am Morgen; sie steht am Grab und weint. Ein einziger verhangener, schluchzender Schmerz. Sie fragt einen Mann, den sie dort sieht und in dem sie den Gärtner ver­mutet, wohin er den Leichnam des gelieb­ten Herrn gebracht habe – und der Gärtner nennt sie beim Namen: „Maria!“ Da erkennt sie in ihm den Geliebten, und es bricht aus ihr heraus: „Rabbuni!“ „Lieber Meister!“ Zwei Worte, die da gewechselt werden, mehr nicht. Und doch kann man sich kein Gespräch vor­stellen, das inniger wäre.

Oder jene andere Geschichte von den Jüngern am See. Hart gearbeitet haben sie die ganze Nacht über, und die Netze blieben leer. Jetzt, im Morgengrauen se­hen sie vom Boot aus eine Gestalt am Ufer. Und wieder reicht ein einziger Blick und ein einziges Wort: „Es ist der Herr“, ge­sprochen von jenem Jünger, von welchem es heißt, daß Jesus ihn lieb hatte – und Petrus stürzt sich in den See, um so schnell als irgend mög­lich hinüber zu schwim­men zu Ihm, dem Langvermißten, der sich dort zeigt.

Es hängt von mir ab. Habe ich eine Sehnsucht nach Auferweckung?  

An solchen Geschichten, so meine ich, wird vor allem eines deutlich: Ob ich offen bin für die Frage nach einem Leben über den Tod hin­aus; ob ich mich sehne nach dem, was der biblische Auferstehungs­glaube ver­heißt, das hängt wesentlich ab von meiner Einstellung zum Leben, wie ich es hier und jetzt führe. Ewiges Leben…?  Diese Frage läßt sich nicht sachlich von einem unbeteiligten Beobachterposten entscheiden. Ob mich die Osterbot­schaft zum Glauben bewegt, hängt sehr von meiner Lebenseinstel­lung ab.

Bin ich umtrieben von leidenschaftlicher Suche nach Wahrheit; brennt in mir der Hunger nach Gerechtigkeit (gerade auch für die Zu-kurz-Gekom­menen der menschlichen Unheilsgeschichte); ist es innige Freundschaft über den Tod hinaus, die in meinem Herzen brennt, dann werde ich zumindest wach bleiben für jene Botschaft von der Auferstehung Jesu, wie die neutestamentli­chen Schriften sie uns verkünden, werde mich zwar vielleicht zweifelnd, immer aber auch sehnsüchtig nach ihr ausstrecken. Hingegen: Stehe ich der Frage nach dem, was die Welt im Innersten zusamenhält, uninteressiert gegenüber; bin ich in meinem Denken vor allem vom nüchternen Nutzen-Kosten-Kalkül bestimmt; läßt mich das Schicksal der Toten aufs Ganze gesehen eher kalt, so wird mich diese Bot­schaft vermutlich kaum berühren.

Es ist die Sehnsucht nach Auferstehung, die uns Menschen im Vollsinn des Wortes menschlich werden läßt: hungrig nach Wahrheit, durstig nach Gerechtigkeit und treu in unserer Liebe – auch über den Tod hinaus.

Joachim Negel ist Professor für Fundamentaltheologie an der Universität Fribourg/Schweiz und Burgfarrer auf Burg Rothenfels/Main.

Bild: Michael Ries – pixelio.de

 

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