Besuch am Grab von Karl Rahner SJ (1904-1984)

An Allerseelen gedenkt man der Verstorbenen. Roman Siebenrock hat für feinschwarz.net in der Innsbrucker Jesuitenkirche das Grab von Karl Rahner besucht.

Eine hölzerne Platte mit Bild, wie bei den anderen Mitbrüdern, eingereiht in die Nische nach dem Sterbedatum, so wird das Grab von Karl Rahner in der Krypta der Jesuitenkirche von Innsbruck angezeigt. Oft liegt eine Blume davor, leuchtet ein Licht. An diesen Ort gehen, bedeutet für mich, in die eigene vergangene Lebensgeschichte eintreten; gedenken und danken. Viele wären es, nennen hier kann ich nur einige. P. Kern, der mich nach Innsbruck holte. P. Schwager, dem ich folgte. Dann aber auch P. Dangl, der Seltsame, bei dem wir externe TheologInnen alle 14 Tage in den 80er-Jahren zum Würstl-Essen uns trafen; lang vor Europa, mit neuesten Kuriositäten über Visa und Stempelmarken schmunzelnd. Und auch hier: stille Seelsorger, Volksmissionare aus anderen Gezeiten, Bruder Dettelsbacher, der bei unserer Hochzeit dichtete. Aber auch der brasilianische Befreiungstheologe P. Freitas, der in Österreich vor den Todesschwadronen seiner Heimat sicher sein konnte. Mit allen verbinden sich Lebensfäden.

Ein Orchester, kein Solistenverein

Hier wird deutlich, was Bischof Reinhold Stecher in das schöne Bild fasste: Die Fakultät nach 1948, wie er sie erlebte, war ein Orchester, kein Solistenverein. Natürlich gab es den Karl Rahner, den Josef Andreas Jungmann, bald den Emerich Coreth und noch heute den Otto Muck. Doch sie klangen zusammen, ja waren aufeinander angewiesen. P. Dander bereitete auf Rahner vor, P. Lackner förderte den jungen Rahner, und widersprach dem älteren. P. Felderer trug die Fakultät durch turbulente Zeiten. P. Meyer war mir auch ein Vorbild im stillen Tragen seiner Krankheit.

Stille lautet der Klang der Krypta. Sic transit (nicht nur) gloria mundi. Vorbei die Kämpfe, die Tränen, Rivalitäten und vorläufigen Erwartungen. Hineingenommen in das Schweigen Gottes, das für alle hier seliges Licht und alle Fragen beendende Gegenwart und Versöhnung geworden sein möge. In dieser Stille wird „Danken“ zur Gestimmtheit eines Denkens, das Gedenken wird. Hoffen prägt meinen Atem, weil wir den Fluss ohne Wiederkehr noch vor uns haben und ihm immer näherkommen, doch noch kaum betreten. Ich hoffe nicht auf den Fährmann mit einer Münzen unter der Zunge, sondern dass ich erfahren darf, was mir vor allem Denken, Sprechen und Begreifen in der Taufe in meine Existenz gezeichnet worden ist: mein und unser aller Lebens sei mit Christus in Gott verborgen. „Kekryptai“ (Kol 3,3) sagt der Text. Hier wird es Erfahrung im Zeichen; Krypta. Entzogen, drunter, eingeborgen.

Ungeheuerlich schweigende Leere

Als erstes höre ich dort immer von neuem jenes Wort P. Rahners, mit dem er sich in Freiburg 1984 verabschiedete. Eine pilgernde und suchende Satzspirale, mit der er die verstellenden Vorstellungschemata transformieren wollte, um sich in die angemessene Form der Erfahrung in Erwartung des Kommenden einzufinden: „Wenn die Engel des Todes all den nichtigen Müll, den wir unsere Geschichte nennen, aus den Räumen unseres Geistes hinausgeschafft haben (obwohl natürlich die wahre Essenz der getanen Freiheit bleiben wird), wenn alle Sterne unsere Ideale, mit denen wir selber aus eigener Anmaßung den Himmel unserer Existenz drapiert hatten, verglüht und erloschen sind, wenn der Tod eine ungeheuerlich schweigende Leere errichtet hat, und wir diese glaubend und hoffend als unser wahres Wesen schweigend angenommen haben, wenn dann unser bisheriges, noch so langes Leben nur als eine einzige kurze Explosion unserer Freiheit erscheint, die uns wie in Zeitlupe gedehnt vorkam, eine Explosion, in der sich Frage in Antwort, Möglichkeit in Wirklichkeit, Zeit in Ewigkeit, angebotene in getane Freiheit umsetzte, und wenn sich dann in einem ungeheuren Schrecken eines unsagbaren Jubels zeigt, daß diese ungeheure schweigende Leere, die wir als Tod empfinden, in Wahrheit erfüllt ist von dem Urgeheimnis, das wir Gott nennen, von seinem reinen Licht und seiner alles nehmenden und alles schenkenden Liebe, und wenn uns dann auch noch aus diesem weiselosen Geheimnis doch das Antlitz Jesu, des Gebenedeiten erscheint und uns anblickt, und diese Konkretheit die göttliche Überbietung all unserer wahren Annahme der Unbegreiflichkeit des weiselosen Gottes ist, dann, dann so ungefähr möchte ich nicht eigentlich beschreiben, was kommt, aber doch stammelnd andeuten, wie einer vorläufig das Kommende erwarten kann, indem er den Untergang des Todes selber schon als Aufgang dessen erfährt, was kommt. 80 Jahre sind eine lange Zeit. Für jeden aber ist die Lebenszeit, die ihm zugemessen ist, der kurze Augenblick, in dem wird, was sein soll.“

Er hat es erfahren. Hoffend künden es die hölzernen Tafeln: R.I.P. „Friede“, ja „shalom“: Erfüllung des Lebens. Ich bete für sie und P. Rahner, der in Freiburg als letztes Wort um ein Gebet für ihn gebeten hatte. Dann aber, ohne Drohung in mahnender Erinnerung, auch das Eigene zu lassen und anzuvertrauen, spricht in mir die Totenliturgie der Kirche: „Wir beten für uns selber und alle Lebenden, besonders für den Menschen aus unserer Mitte, der als erster dem (der) Verstorbenen vor das Angesicht Gottes folgen wird.“ Das könnte, das werde einmal ich sein. Dann, so hoffe ich, darf auch ich mich auf das Fürbittgebet der Kirche hin „ver-lassen“. Leise gehe ich wieder hinauf, in den Betrieb, doch immer auch anders. Letztlich kommt es darauf nicht an. Aber vor dem Letzten, gilt es das Vorletzte mit ganzer Hingabe zu tun, wissend, dass unsere „Krypta“ schon im Leben bereitet ist: mit Christus ist auch mein und unser aller Leben in Gott „ein-geborgen“.


Roman Siebenrock ist Professor für Systematische Theologie an der Theologischen Fakultät Innsbruck.

Bildquelle: Karl-Rahner-Archiv

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