Was dringend ist und was nicht. Joe Biden, die US-Bischofskonferenz und die katholische Rechte

Joseph R. Biden, Jr. ist nach John F. Kennedy der zweite US-amerikanische Präsident, der sich zum römisch-katholischen Glauben bekennt. Kurt Remele zu den Positionierungen im US-amerikanischen Katholizismus.

Bidens politisches Denken ist durch die katholische Soziallehre geprägt. Er besucht regelmäßig die Sonntagsmesse und erklärte, dass ihn seine Religion in schwierigen Lebenssituationen getröstet und ermutigt habe. Rechtskonservative Mitkatholik*innen zeigen sich durch Bidens Bekenntnis unbeeindruckt.

Geprägt durch katholische Soziallehre

Im vergangenen Präsidentschaftswahlkampf bezeichneten sie ihn vielmehr als „fake Catholic“ und „Häretiker“, der für sie unwählbar sei. Dies deshalb, weil er sich für die für die rechtliche Gleichstellung von  Homo- und Bisexuellen sowie Transpersonen ausspricht.  Eine solche Ansicht widerspreche nicht nur der göttlichen Schöpfungsordnung, sondern bedrohe auch die „Religionsfreiheit“. Darunter verstehen rechtskonservative Katholik*innen, unter ihnen viele Bischöfe, die Freiheit der Kirche, als Arbeitgeberin gesetzliche Vorgaben zu ignorieren, die die arbeitsrechtliche Diskriminierung von LGBT+ Personen verbieten.

Noch stärker sind die US-amerikanischen Rechtskatholik*innen darüber verärgert, dass Biden sich weigert, für die rechtliche Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen einzutreten. In einem Interview mit dem Chefredakteur der Jesuitenzeitschrift America erklärte der damalige Vizepräsident Biden, dass er Abtreibungen persönlich für ethisch falsch halte und die Überzeugung des Lehramtes teile, das menschliche Leben beginne mit der Befruchtung.

Bidens Haltung zur Abtreibung

Doch Biden erklärte auch, dass man in einer pluralistischen Gesellschaft zwischen katholischem Ethos und gesellschaftlichem Konsens, Moral und Recht unterscheiden müsse. Er wies darauf hin, dass Christ*innen anderer Denominationen, aber auch Muslim*innen und Jüd*innen Embryos und Föten häufig nicht mit geborenen Menschen gleichsetzen würden. Und selbst innerhalb der katholischen Kirche gebe es diesbezüglich unterschiedliche Meinungen, besonders im Hinblick auf rechtliche Regelungen. In der Fernsehdebatte der Vizepräsidentschaftskandidaten vom Oktober 2012 erklärte Biden, die Entscheidung über eine Abtreibung sei eine, die eine Frau in Absprache mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin zu treffen habe. So sehe es auch der Oberste Gerichtshof der USA. Er stimme dem zu.

Bidens Haltung zur Abtreibung lässt sich in einer Formel zusammenfassen, die auf Bill Clinton zurückgeht: „Abortions should be safe, legal and rare.“ Tatsächlich ist die Zahl der Abtreibungen in den USA ist in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich zurückgegangen. Die Mehrheit, nämlich 56 Prozent der US-Katholik*innen, teilt Bidens Einstellung zur Abtreibung, 42 Prozent dagegen treten dafür ein, den Schwangerschaftsabbruch strafrechtlich erneut zu sanktionieren. Unter den letzteren gibt es Stimmen, die vor verbalen Attacken auf Biden nicht zurückscheuen.

Rechtskatholische Angriffe

Während des Präsidentschaftswahlkampfes konstatierte der erzreaktionäre, auf YouTube überaus präsente katholische Pfarrer James Altman aus La Cross in Wisconsin: „Wer Biden wählt, wählt den Mord an Babys [und] wird einst im Feuer der Hölle brennen.“1 Joseph Strickland, Diözesanbischof in Texas, lobte Altmanns absurde Polemik als „mutig“. Stricklands Amtskollege aus Tennessee, Rick Stika, erdreiste sich, Gegner*innen einer Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen und damit gerade auch Biden vorzuhalten, sie unterstützen den „weitaus schlimmsten Fall von Kindesmissbrauch“2. Offenbar wollte Stika mit seiner Aussage auch insinuieren, dass die von Klerikern seiner Kirche, darunter zahlreichen Bischöfen, ausgeübte sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche, vergleichsweise harmlos gewesen sei.

Die hier mit einer US-amerikanischen Fahne gezierte Basilica of the National Shrine of the Immaculate Conception liegt am Rande des Campus der Catholic University of America in Washington, DC. Sie stellt eines der größten Kirchengebäude der Welt dar. In der Nähe liegt auch das Verwaltungsgebäude der katholischen Bischofskonferenz.“ Bild: Pixabay

Etliche Bischöfe sprachen sich dafür aus, Biden den Kommunionempfang zu verwehren, darunter der Papst-Franziskus-Kritiker und ehemalige Kurienkardinal Raymond Burke. Burke tritt gerne mit einem Cappa Magna genannten pompösen Chorgewand auf, das mit reichlich Hermelinfell besetzt ist und eine ellenlangen Schärpe aufweist. Burke ist gerngesehener Gast im rechtskatholischen Fernsehsender EWTN. Vor kurzem beschuldigte der bekannte US-amerikanische Jesuit James Martin EWTN, den Sturm auf das Kapitol vom 6. Jänner durch seine hasserfüllte religiöse Polemik mit vorbereitet und verursacht zu haben.

Wie stark sind die rechtskatholischen Kreise in den USA wirklich? Was die letzten Präsidentschaftswahlen betrifft, so haben zwar etwas mehr Katholik*innen Biden als Trump gewählt. Die Medienpräsenz der rechtskonservativen, republikanischen Katholiken ist allerdings wesentlich höher. Sie verfügen über den Fernsehsender EWTN (Eternal Word Television Network), die  Nachrichtenagentur CNA  (Catholic News Agency), betreiben Websites (Church Militant) und sogenannte Pro-Life Organisationen (LifeSite). Bill Dinges von der  Catholic University of America in Washington, DC, meint, dass der reaktionäre Katholizismus und der evangelikal-fundamentalistische Protestantismus in den USA zunehmend verschmelzen. Seit Ende 2011 strahlt der rechtskonservative katholische Sender EWTN auch ein deutschsprachiges Programm aus. Darunter sind regelmäßige Gottesdienstübertragungen aus Stift Heiligenkreuz.

Wie stark sind die rechtskatholische Kreise in den USA wirklich?

Die innerkatholische Konfrontation mit dem praktizierenden Katholiken Joe Biden, die während der Präsidentschaftswahlen offen und teils in bizarren Ausprägungen zu Tage trat, wurde von den katholischen Bischöfen der USA mitverursacht und sogar verstärkt. Um die Gläubigen über ihre staatsbürgerlichen Pflichten zu informieren, riefen die US-amerikanischen Bischöfe auf ihrer Versammlung vom November 2019 einen älteren, „Forming Consciences for Faithful Citizenship“3 betitelten Text in Erinnerung. Allerdings verfassten sie dazu eine neue Einleitung. Darin erklärten sie, dass das menschliche Leben und die Menschenwürde in der US-amerikanischen Gesellschaft zwar auch durch „Rassismus, die Umweltkrise, Armut und die Todesstrafe“ bedroht seien, dass die Abtreibungsproblematik aber Vorrang vor allen anderen Problemen habe: „Die Bedrohung der Abtreibung bleibt unsere vordringlichste Priorität.“

Bischöfliche Gegenstimmen

Es gab auch bischöfliche Gegenstimmen. Kardinal Blaise Cupich von Chicago etwa wies in der Diskussion darauf hin, dass Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben „Gaudete et exsultate“4 aus dem Jahre 2018 betont habe, es sei „schädlich und ideologisch“, ein einziges moralisches Problem über alle anderen zu stellen, denn „gleichermaßen heilig“ wie das ungeborene Leben sei „das Leben der Armen, die schon geboren sind.“ (Nr. 101) Und auch die Lage der Migranten sei keine weniger wichtige Angelegenheit als bestimmte Fragen der Bioethik. (Nr. 102) Bischof Robert McElroy von San Diego pflichtete Cupich bei und hielt seinen Amtsbrüdern sogar vor, dass „die Auflistung der Abtreibung als ‚vordringlichste Priorität´ im Widerspruch zur Lehre des Papstes stehe.“5

Cupich und McElroy konnten sich nicht durchsetzen. Sie verloren die Abstimmung mit 143 zu 69 Stimmen. Die US-Bischofskonferenz erklärte Abtreibung somit zum vordringlichen moralischen Thema. „Die globale Klimaerwärmung“, bekräftigte der  damalige Vorsitzende der US-Bischofkonferenz, Kardinal Daniel DiNardo, in der anschließenden Pressekonferenz, „ist eine wesentliche und wichtige Sache, aber sie ist noch nicht dringend.“6

Eine klarere Wahlempfehlung für Donald Trump und eine deutlichere Brüskierung von Papst Franziskus hätte es kaum geben können.

_______

Dr. Kurt Remele ist ao. Professor für Ethik und christliche Gesellschaftslehre an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz. Er hatte mehrere Gastprofessuren an US-amerikanischen Universitäten inne.

Im März 2021 erscheint sein neues Buch „Es geht uns allen besser, wenn es allen besser geht.“ Eine ethische  Wiederentdeckung des Gemeinwohls (Matthias-Grünewald-Verlag).

Beitragsphoto unter Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic

  1. Martin, James: How Catholic Leaders Helped Give Rise to Violence at the U.S. Capitol. How Catholic Leaders Helped Give Rise to Violence at the U.S. Capitol | America Magazine / 2021. Zu Biden und dem US-amerikanischen Katholizismus vgl. Faggioli, Massimo: Joe Biden and Catholicism in the United States. Worcester, MA: Bayard 2021.
  2. Bishop Rick Stika auf Twitter, 10. Oktober 2020.
  3. United States Conference of Catholic Bishops: Forming Consciences for Faithful Citizenship. With New Introductory Letter. forming-consciences-for-faithful-citizenship.pdf (usccb.org) / 2020.
  4. Franziskus: Gaudete et exsultate. Gaudete et exsultate: Apostolisches Schreiben über den Ruf zur Heiligkeit in der Welt von heute (19. März 2018) | Franziskus (vatican.va) /2018.
  5. Reese, Thomas: Abortion preeminent issue, global warming not urgent, say bishops. Abortion preeminent issue, global warming not urgent, say bishops | National Catholic Reporter (ncronline.org) / 2019.
  6. Fall General Assembly 2019. Fall General Assembly 2019 – Day 1 Morning Press Conference – YouTube / 2019.
Print Friendly, PDF & Email