Was plötzlich Thema wurde.

Mit Beginn der Kontaktbeschränkungen im März 2020 hat sich in sehr kurzer Zeit viel gewandelt. Beinahe alles, was kurz zuvor auch für Kirche noch normal war, ist nicht mehr möglich. Laura Meemann hat die kirchliche Berichterstattung unter die Lupe genommen.

Das Verbot, Gottesdienste zu feiern, welches vom 15.03.2020 bis zum 01.05.2020 galt, ist nur ein Beispiel für vieles scheinbar Unverrückbare, das sich plötzlich änderte. „Noch nie allerdings habe ich die Wucht der Ungleichzeitigkeit so deutlich gespürt wie in den letzten Tagen. Zeitliche Abläufe, die unverrückbar schienen, planbar und vorhersehbar wie der Wechsel der Jahreszeiten, sind plötzlich vollständig ausgehebelt und durcheinandergeworfen.“1 Mit diesem Bild bringt Judith König, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fach der Neutestamentlichen Exegese und Hermeneutik an der Universität Regensburg, ihr Erleben ins Wort.

Wucht der Ungleichzeitigkeit

In dieser Umbruchzeit der Ungleichzeitigkeiten hat mich interessiert, was in dieser Zeit, öffentlich und medial in der deutschsprachigen Theologie sowie von Seiten der Kirche thematisiert wurde und welche Verhältnismäßigkeiten sichtbar werden. Im Folgenden stelle ich meine Beobachtungen exemplarisch anhand der Artikel von katholisch.de dar. Viele Artikel sind in mehrere Bereiche einsortiert, es kann also durch Addieren der Zahlen nicht auf die Gesamtzahl der Artikel geschlossen werden:

In der Zeit des Gottesdienstverbots werden in gut 75 Artikeln Bischöfe oder Bistümer thematisiert, in knapp 50 Artikeln Gottesdienste oder andere liturgische Anlässe, in ca. 40 Artikeln der Vatikan und in ca. 25 Artikeln das Gebet. In je ca. 20 Artikeln geht es um das Nutzen von Medien, Spiritualität und weltkirchliche Fragen. Ebenfalls ca. 20 Artikel widmen sich theologischen oder biblischen Themen. Dabei handelt es sich oftmals um Impulse zur Fastenzeit und zum Triduum. In ca. 15 Artikeln wird über Priester oder das Priesterbild geschrieben. Je 15 Artikel stellen Seelsorge, Solidarität und Kreatives/Ideen in den Mittelpunkt. Die Themen Sakramente und Zukunft kommen auf jeweils ca. 10 Artikel. Zu weiteren Themen, wie z.B. Hilfsangeboten, Caritas, Bildungsfragen, Kinder, Jugendliche und Verbandsarbeit, Ökumene, Pflege und Krankenhaus sowie zum Synodalen Weg gibt es jeweils weniger als 5 Artikel.2

Die Realität der meisten Menschen dürften diese Zahlenverhältnisse und Themen nicht treffen. Es fällt auf, dass wenig über Kreatives, über Ideen vor Ort und darüber, wie und womit Menschen erreicht werden, berichtet wird. Das kann den Eindruck erwecken, dass die Kirche sich nur für Priester, Bischöfe, den Papst und Eucharistiefeiern interessiert. Dass das so pauschal nicht stimmt, zeigen die unzähligen Angebote, die an vielen verschiedenen Orten geschaffen wurden. Judith König nimmt etwas ganz Ähnliches wahr und setzt es in den Horizont der Ungleichzeitigkeit: „Meldungen von Papst Franziskus, der die Übertragung eines Pestkreuzes aus Rom in den Vatikan veranlasst hat, lassen sich nicht in den gleichen Tag setzen mit dem digitalen Impuls, den ich aktuell täglich morgens von meiner Netzgemeinde.3 auf das Smartphone geschickt bekomme. Mittelalter trifft auf das 21. Jahrhundert?“

Pestkreuz Corona

Erstaunlich ist auch, dass die karitative Arbeit und weitere Hilfsangebote wenig thematisiert wurden, und das, obwohl es diese in sehr großer Vielfalt gibt und gegeben hat. Die Diakonie findet statt, bekommt allerdings wenig Aufmerksamkeit. Zumindest weitaus weniger als die Liturgie, die, zumindest öffentlich, nicht stattfindet. Des Weiteren fällt auf, dass die Menschen an den Rändern, die am meisten unter der Corona-Pandemie leiden, wenig bis gar nicht vorkommen. Gruppen wie Geflüchtete in Camps und auf dem Mittelmeer, Menschen, die am Existenzminimum leben, die um ihre Arbeit bangen oder sie verlieren, tauchen kaum auf. Ebenso Familien, die nicht wissen, wann und wie sie neben der Arbeit Homeschooling leisten sollen und Menschen, die schon vor der Corona-Krise einsam waren und noch einsamer wurden. „Ungestellt bleiben […] die Fragen derer, die mit der gegenwärtigen Krise an Körper und Seele, in ihrer wirtschaftlichen und sozialen Lebensgrundlage bedroht und existentiell gefährdet sind.“

Ungestellte Fragen

Sollten genau diese Menschen und ihre Fragen, Sorgen und Ängste nicht Mittelpunkt kirchlichen Handelns sein? Wie sähe kirchliches Handeln auf allen Ebenen und folglich auch die Berichterstattung darüber dann aus? Des Weiteren stellt sich die Frage: „Wo aber vernimmt man die eine, die rettende Botschaft?“, wie Daniel Bogner es in seinem Artikel „Die Krise wird auch die Kirche verändern“ formuliert. Ja, wo ist sie? Wo sind Worte der Hoffnung, Worte, die Mut machen und bestärken? Wo sind Worte des Trostes? Im Mittelpunkt der Äußerungen von Bischöfen und Theologinnen* und deren Meinungen und Diskussionen stehen die kirchlichen Amtsträger und Fragen rund um die Eucharistiefeier. In vielen Gemeinden und Gruppen vor Ort mag das anders gewesen sein. Und doch stellt sich die Frage, wie ein Handeln der Kirche aussehen könnte, das von anderen Themen bestimmt ist, welche dann medial mehr auftauchen könnten. Was würde passieren, wenn die Kirche selbst etwas anderes als die Frage nach Eucharistiefeiern zum medialen Mittelpunktthema machen würde und sich darüber zu definieren versuchte?

Dazu einige Ideen:

  1. Themenwechsel

Mitte April sagte der Gesundheitsminister Jens Spahn: „Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.“4 Ein Satz, der auf etwas anspielt, von dem die Bibel berichtet und dem die Kirche ein Sakrament gestiftet hat: Verzeihen. Vergeben und Verzeihen hätte ein Thema werden können. Zur Zeit der Kontaktbeschränkungen und auch darüber hinaus. Dadurch kann eine Sensibilität dafür geschaffen werden, was ohnehin viel thematisiert wurde: Menschen sind nicht perfekt und schon gar nicht immer Herr*Frau der Lage. Selbiges könnte mit vielen anderen Themen und Fragen der Zeit und der Gesellschaft geschehen.

  1. Geschichten erzählen

Wo werden Geschichten erzählt? Geschichten von wahren Begebenheiten, die nicht in der medialen Flut von Bildern, Videos, Zahlen und Fakten untergehen? Die Moderatoren Joachim „Joko“ Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf haben 2020 in der Show Joko & Klaas gegen ProSieben 15 Minuten Sendezeit gewonnen und diese genutzt, um Menschen zu Wort kommen und ihre Geschichte oder Geschichten aus ihrem Alltag erzählen zu lassen. In ihren dritten gewonnenen 15 Minuten berichtet der Afghane Milad, unter welch menschenunwürdigen Bedingungen er und all die anderen, die über das Mittelmeer nach Europa kamen, in Moria leben.5 Geschichten ziehen in den Bann, weil es um echte Menschen, echtes Erleben, echte Gefühle geht. Kirchliche Medien, Bistumseinrichtungen und Ortsgemeinden könnten solche Geschichten erzählen. Geschichten, wie sie das Leben schreibt. Geschichten von Menschen an den Rändern, von den Armen und Bedrängten aller Art. Alltägliche Erzählungen von ganz verschiedenen Menschen. Wo kommt Kirche da vor? Sprachlich möglicherweise gar nicht. Außer sie ist Teil der Geschichte. Kirche kann diesen Menschen eine Stimme geben, ihnen eine Plattform eröffnen, um ihre Geschichte zu erzählen. Und vor allem kann Kirche ersteinmal zuhören. Zuhören, wie es den Menschen geht, was sie bewegt und umtreibt. Wertungsfrei. Und dann auf genau das eingehen. Menschen vernetzten, die einander helfen können, und so scheinbare Grenzen zwischen gesellschaftlichen Gruppierungen überwinden.

  1. Zeug*innen sein

Wir können Zeug*innen der rettenden Botschaft sein, indem wir vom Glauben sprechen und das, was Glaube für uns heißt, auch leben. Es wäre schön, wenn Christ*innen und somit dann auch die Kirche an ihrer Haltung und ihrem Aufeinanderzu- und Miteinanderumgehen, das von Nächstenliebe, ehrlichem Interesse und Wertschätzung geprägt ist, erkannt werden würden. Das kann eine Ermutigung sein, die Provokation in der Botschaft neu zu entdecken, ins Wort zu bringen und ihr zu trauen.

Das alles sind Themen, Menschen und Fragen, die in der medialen Berichterstattung des Beobachtungszeitraums so gut wie keinen Platz hatten. Dies ist ein Aufruf, genau dafür Platz zu schaffen und durch Sprachen und Handeln diesen Themen, Menschen und Fragen so viel Raum zu geben, dass die Menschen sie mit Kirche und Theologie verbinden und sie medial nicht übergangen werden können. Eucharistie sollte dabei immer eine Antwort auf verschiedene Fragen sein dürfen. Sie sollte allerdings nicht die erste Antwort auf Fragen sein, die gar nicht gestellt wurden. Vielleicht können so Ungleichzeitigkeiten wieder in Takt gebracht werden.

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Bild und Text: Laura Meemann hat in Münster und Graz Theologie studiert und sich in ihrer Magisterarbeit mit den plötzlich aufkommenden Themen in der deutschsprachigen katholischen Theologie während Phase der Gottesdienstverbote auseinandergesetzt.

 

  1. König, Judith: Ungleichzeitgkeiten.Beobachten aus dem „rasenden Stillstand“. Universität Regensburg.2020. Download unter:  https://www.uni-regensburg.de/theologie/fakultaet/theologie-und-die-corona-krise/index.html#_ftn2 (Stand: 22.09.2020). Alle nicht eigens angegebenen Zitate in diesem Text sind diesem Beitrag von Judith König entnommen.
  2. https://www.katholisch.de/artikel/24965-03-26-newsticker-corona-und-die-kirche (letzter Zugriff: 26.03.2020)
  3. https://netzgemeinde-dazwischen.de/vernetzt-vertrauen/ (letzter Zugriff: 31.03.2020)
  4. DIE WELT: Wir werden viel verzeihen müssen. Download unter; https://www.welt.de/vermischtes/article207443999/Das-Update-zur-Corona-Krise-Wir-werden-viel-verzeihen-muessen-sagt-Jens-Spahn.html (letzter Zugriff am 22.09.2020)
  5. Vgl. https://www.gq-magazin.de/entertainment/artikel/joko-und-klaas-sie-nutzen-ihre-15-minuten-fur-diesen-erschutternden-bericht-aus-dem-fluchtlingslager-moria. (zuletzt abgerufen: 22.09.2020)
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