Blut sehen. Die religiöse Darstellung der Brutalität

Über die Zusammenhänge von Brutalität, deren religiöser Darstellung und (Un-)Menschlichkeit. Ein Zwischenruf von Stefan Gärtner.

Wie hirnverbrannt muss jemand sein, um vor der Weltöffentlichkeit mit dem Kopf einer enthaupteten Geisel zu posieren? Selbst Kinder werden vom IS in das Theater mit dem Wahnsinn hineingezogen. Neben dem Narzissmus der jungen Männer soll der Islam als Erklärung für die völlige Enthemmung jeder Menschlichkeit dienen. Er mache diese Brutalität möglich. Das bestätigt die alte Angst vor dem Muselmann, der mit dem Krummschwert das christliche Abendland unterjochen will.

Christliche Ikonografie

Christen sollten sich nicht im Fernsehsessel zurücklehnen und vor dem barbarischen Islam erschaudern. In der Ikonografie ihrer Religion treffen sie dieselben Topoi an. Das Haupt von Johannes dem Täufer wird der Salome auf einem Tablett serviert und der Heilige Sebastian schaut von Pfeilen durchbohrt erwartungsvoll Richtung Himmel. Den Bildern in den Kirchen folgten Taten, von den öffentlichen Hexenverbrennungen bis zur Missionierung mit dem Schwert. Im beschaulichen Münster hängen bis heute die Käfige am Turm von Sankt Lamberti, in denen die gemarterten Körper der Anführer der Wiedertäufer zur Schau gestellt waren.

Das Christentum treibt die religiöse Darstellung der Brutalität auf die Spitze: der eigene Gott hängt am Kreuz. War in der frühen Kirche noch der auferstandene Christus zu sehen, der bereits am Kreuz triumphiert, so zeigt seit dem Frühmittelalter der leidende Jesus seine Wunden. Eine Krone aus Dornen! In eucharistischen Andachtsbildern fließt sein Blut direkt in den Kelch, den der Bischof dem Kreuz entgegenstreckt.

Das Christentum treibt die religiöse Darstellung der Brutalität auf die Spitze:
der eigene Gott hängt am Kreuz.

Auch das Christentum kennt die öffentliche Darstellung höchster Brutalität. Da hilft der Hinweis wenig, dass es anders als beim IS nicht um die Täter, sondern um die Opfer gehe. Nach dem Vorbild des Gottessohnes werden sie am Ende triumphieren. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Die Frauen auf dem Scheiterhaufen, die Unbekehrbaren in den Missionsgebieten oder die Wiedertäufer – sie blieben Opfer ohne Rechtfertigung ihres Todes. Ihnen war der Weg in den Himmel versperrt.

Die Verächter der Religion und die Theologen

Die Verächter der Religion sehen in der Darstellung der Brutalität eine Legitimation derselben. Was das Christentum mit seinem blutigen Bildprogramm den Menschen vorhielt, das haben diese ausgeführt. Dabei konnten sie die grundlegenden menschlichen Instinkte überwinden. Sie taten anderen Dinge an, die man anderen nicht antut. Dass sie damit Gott mehr als ein Problem aufhalsen, spielte keine Rolle. Für wen soll er sich zum Beispiel entscheiden, wenn Soldaten aller Seiten auf ihren Koppeln das ‚Gott mit uns‘ behaupten? Die Verächter der Religion können angesichts ihrer Brutalität keine Rechtfertigung Gottes mehr ersinnen.

Sie taten anderen Dinge an,
die man anderen nicht antut.

Theologen bieten eine positivere Deutung an. Vor der Trennung von Kirche und Staat war alles auch religiös. Das Christentum war der Baldachin über dem Leben der Menschen. Die Kirche hat gerade versucht, deren Gewaltbereitschaft zu zügeln und ihre Brutalität zu kanalisieren. So hat sie den Prozess der Zivilisation vorangebracht. Die Drecksarbeit überließ sie dabei dem weltlichen Herrscher. Ecclesia non sitit sanguinem, die Kirche selbst dürstet also nicht nach Blut. Es fällt heute schwer, die mit diesem Satz behauptete Unterscheidung von staatlicher und kirchlicher Gewalt nachzuvollziehen.

Vom Allerbesten und Allerschlechtesten der Religion

Religion kann das Allerschlechteste im Menschen entfesseln. Die Täter können schließlich glauben, für eine von Gott legitimierte, richtige Sache zu streiten. Religion kann auch zum Allerbesten befähigen, doch die Glaubwürdigkeit der Guten wird durch die Brutalität der Bösen beschmutzt. Wo Gläubige Blut fließen lassen, tun sich andere Gläubige schwer mit dem Verbinden der Wunden. Denn beide Seiten berufen sich auf denselben Gott.

(Stefan Gärtner; Bild: Leidender Christus by Dieter Schütz / pixelio.de)

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