Brief an Erik Flügge

 

Im Rahmen einer Veranstaltung hat Christina Isabelle Biskupek einen offenen Brief an Erik Flügge zu dessen vieldiskutiertem Buch1 verfasst. Feinschwarz.net veröffentlicht hier diesen Brief mit der von der Autorin gewählten Du-Anrede.

Lieber Erik,
wir kennen uns nicht, aber das macht auch nichts, weil dieser Brief ein Kennenlernen gar nicht zum Ziel hat. Ich soll Thesen, kritische oder auch zustimmende, zu Deinem Buch verfassen und bin ein bisschen ratlos. Jetzt schreibe ich Dir einen Brief, weil es mir die einzige Textform zu sein scheint, in der sich mein Thesenversuch mit Deinem Buch wirklich treffen könnte – nämlich auf persönlicher, subjektiver Ebene.

Selbstfindungsbelletristik

Glückwünsche sind vielleicht zunächst einmal angebracht, der Selbstfindungsbelletristik weitere 160 Seiten hinzugefügt zu haben, die sich zudem noch gut verkaufen. Ich lese über Selbstfindungen sonst nur spärlich – das meiste lohnt den FSC-Mix nicht, auf dem es gedruckt wurde. Dein Buch interessierte mich aber schon bevor ich wusste, dass ich dazu eines Tages mal mehr oder weniger inspirative Thesen formulieren soll. Wieso? Ich bin (auch) Theologie-Studierende, allerdings in Freiburg, was mir nicht zuletzt wegen Deiner verschreckenden Anekdoten aus dem Tübinger Unibetrieb als die gesündere Wahl erscheint. In Freiburg sind Wollpullover und gestreifte Schals der gesellschaftliche Standard der hiesigen Öko-Schickeria – also alles andere als ein theologisches Alleinstellungsmerkmal; auch die Hawaiihemden erleben jedes Jahr in der zweiten Oktoberwoche ihre saisonale Hochkonjunktur, wenn die zahlreichen betreuten Erstis sich ab 11 Uhr vormittags auch die letzte Hemmschwelle erfolgreich weggesoffen haben. Unsere Professor*innen ziehen uns eher selten konspirativ hinter Flursäulen – solange sie sich nicht gegenseitig rezipieren müssen, sind sie in ihren Welten eigentlich ganz zufrieden. Falls diese rosa Blase Dein investigatives Interesse geweckt hat: herzliche Einladung.

die Sache mit Gott und seiner Kirche

Ich bin übrigens fast so alt wie Du, kunstaffin und eine talentfreie Smalltalkerin mit Hang zum ganz großen Weltschmerz. Sinn- und Lebenskrisen hatte ich schon mehrere – das sage ich nicht, weil ich finde, dass ich Dir damit etwas voraus hätte, sondern weil ich Deinen Eindruck schlicht nicht teile, dass Sinnkrisen irgendetwas mit gesellschaftlich anerkannten Alterssparten oder der Zeit dafür zu tun haben müssten. Ich nehme Dir die mangelnde Krisenerfahrung offen gestanden auch nicht ganz ab, zeugt Dein Buch doch von jemandem, der sich zwar seinen Lebensunterhalt mit Oberflächenpolitur verdingt, sich jedoch auch darunter noch aushalten kann. Jemandem, dem ein paar Feedbacks ausreichen, um seinen Blogeintrag auf 160 Seiten Print zu dehnen, und dem es nicht egal ist, dass ihn die Sache mit Gott und seiner Kirche irgendwie nicht in Ruhe lässt. (20) Vielleicht haben wir unterschiedliche Auffassungen davon, was eine Sinnkrise ausmacht. Ich für meinen Teil glaube, dass der Schreibprozess, den Du mit diesem Buch gewagt hast, viel Krisen-Potential beinhaltet. Du sagst zum Beispiel in Deiner Ouvertüre: „Dieses Buch stellt alles und nichts infrage“, und dass wir Leser*innen Dir nicht glauben müssen, weil Deine Erfahrungen nicht unsere sein müssen. (19) Neben der eingestandenen Subjektivität des Buches, ist es meines Erachtens eben diese Offenheit, die es braucht, um danach in die Krise zu gehen. Auch die gewählten Kapitelüberschriften zeichnen ja den begleitenden emotionalen Weg nach, der Dich auf der vorletzten Seite resümieren lässt, nach dem zornigen Ausgangspunkt habest Du nun Deine Kirche neu entdeckt. Kurz: Dein Buch ist für mich zunächst ein Medium, das Deinen Prozess der Selbstpositionierung zu „Deiner“ Kirche und ihrer Verkündigung dokumentiert. Quasi ein Blog in Printform. Das gefällt mir grundsätzlich. Jedoch bin ich mit meinem Thesenproblem keinen Deut weiter gekommen, im Gegenteil: wenn ich Dein Buch als 160-seitige Sinnkrise lese, dann wird übliches Textsezieren schnell unlustig, da eine Selbstfindung per definitionem ziemlich unantastbar ist, zumindest so unantastbar, dass jede These oder Antithese eigentlich keine ist, weil Deine Aussage sich ja eh nie positionieren wollte. (19) Oder weil Du Dich häufig ein bis zwei Seiten später gleich selbst relativierst.

Prozess der Selbstpositionierung zu „Deiner“ Kirche und ihrer Verkündigung

Überhaupt: Dein Buch liest sich als 1A-Statement unserer Generation: nicht auf den Mund gefallen, die großen Brüder von „Standpunkt“ heißen viel zu oft Sarkasmus, Verzerrung, Kontrastierung und mit den inhärenten Ambivalenzen und Relativierungen unseres Gesagten und Geschriebenen jonglieren wir so gekonnt vor den Augen unseres Gegenübers herum, bis dieser entnervt die Hoffnung aufgibt, sich je zu einer gültigen Aussage von uns positionieren zu können. Wie also weiter?

 dass ich mich frage, was Du eigentlich forderst

Ich könnte meine Erfahrungen gegen Deine stellen, könnte Dir erzählen, wie ähnlich oder gegensätzlich ich viele Kommunikations-, Begegnungs- und Raumerfahrungen erlebt habe. Könnte Dir erzählen, dass ich – wenn ich mal sonntags in die Kirche gehe – wirklich überhaupt keine Lust auf Gemeinschaft im kuschelig-kommunikativen Stil habe und lieber in einer Reihe für mich allein sitze; dass ich dort lieber schweige, weil unter der Woche schon alles so laut ist; dass ich die Abendmahlsgemeinschaft mit den Altkatholischen wähle, da ich schlechter noch als unfähige Musiker*innen unfähige Prediger*innen ertrage; dass ich bei den statischen Hochgebeten der katholischen Messe nichts an der Nähe und Zerbrechlichkeit fühle, von der dieser Moment eigentlich erzählen will; dass ich gerne in der Kirche lache, das aber kein Kriterium für einen gelungenen Kirchenbesuch ist; dass ich froh bin, dass ich in der Kirche Vertrautes, aber keinen Alltag finde; dass ich ebenfalls mit Sorge die Milieuverengung beim personalen Nachwuchs betrachte; dass ich mich frage, was Du eigentlich forderst, wenn Du die mangelnde Sichtbarkeit der Kirche in einer Großstadt beklagst (wenn ich mich für eine Thai-Massage interessiere, warte ich schließlich auch nicht, bis die Masseurin mich gefunden hat, sondern gehe selbst hin) …
Ich teile also Deine Emotionalität in diesen Themen, auch wenn es bisweilen nicht dieselben Emotionen sind. Und ich merke Deinen Ratschlägen in Sachen kommunikativer Oberfläche das Potential an, in den vielen Workshops und Vorträgen andere Menschen dazu ermutigen zu können, mehr unverstelltes Echt-Sein in ihre Verkündigung hineinfließen zu lassen.

persönliche Erfahrungen Deiner ganz eigenen Geschichte (mit Dir/mit Gott) vor Anderen offenlegen

Aber ich hätte nicht das Gefühl, dass ich damit den eigentlich schmerzhaften Punkt Deines Buches getroffen hätte. Auf den bin ich gestoßen, als ich Deine verschriftlichte Schreibblockade erreicht habe. Deine Frage, ob nicht viel mehr der Inhalt der Verkündigung das schwierigere Problem sei, und erst an zweiter Stelle die äußere Form gefixt werden müsse. „Das Sprechen von Gott ist (…) Selbstoffenbarung“ (133), schreibst Du später, nachdem Du mit dieser Frage eine Weile durch die Gegend gelaufen bist. Das ist der wunde Punkt, finde ich, gerade auch, was hauptamtliche Seelsorger*innen betrifft. Bisweilen spiele ich Theater. Der schwierigste Moment dabei ist, gefühlt mehr zu geben als der Andere. Und zwar existentiell viel mehr. Die Entblößung, das Rohe, die Rolle anzukleiden mit vielen Gesichtern, die ich sonst eben nicht nach außen trage und es auszuhalten, dass die Zuschauenden in dieser Rolle auch verborgene Seiten ansehen dürfen: Schauspielern geht daher nicht, ohne Dich selbst und Deine Gesichter, auch die unvorteilhaften, lieb zu haben. Die Art der selbstoffenbarenden Rede von Gott, von der Du sprichst, erinnerte mich daran. Es erinnerte mich daran, dass es eine Kunst ist, von Gott zu sprechen, weil es bedeutet, persönliche Erfahrungen Deiner ganz eigenen Geschichte (mit Dir/mit Gott) vor Anderen offen zu legen. Und dass diese Kunst einem irgendwann so natürlich werden kann, dass ich keine Rolle mehr brauche, weil ich oft genug erfahren habe, dass selbstoffenbarende Kommunikation keinen Verlust, sondern die Chance auf (tiefere) Begegnung bedeutet. Ich erlebe, dass diese Kunst heutzutage rar geworden ist – nicht nur in der Kirche.

Ich glaube mittlerweile besser zu wissen, warum ich zu Deinem Buch keine Thesen verfassen kann. Thesen, so wie ich sie sonst verfasse, wären hier zu distanziert, als dass sie der eigentlichen Herausforderung Deines Buches hätten gerecht werden können: der Selbstkonfrontation und der Selbstoffenbarung, die jede Kritikerin vornehmen muss, will sie überhaupt in ein Gespräch darüber eintreten. Deine Selbstoffenbarung in diesem Buch fordert meine Nahbarkeit und Unverstelltheit im Hinblick auf meine Beziehung zu mir selbst, zu Anderen, und zu diesem Gott ein.

Touché!

Christina

Christina Isabelle Biskupek hat soeben ihr Theologiestudium abgeschlossen.

  1.  Erik Flügge, Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt, München 2016.
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