Eröffnung der Elbphilharmonie: Zukunftsmusik von gestern

In Hamburg wird heute ein neues Wahrzeichen eingeweiht. Die Eröffnung der Elbphilharmonie ist nicht nur ein Staatsakt, sondern auch eine Demonstration. Auf welche Wahrheiten das neue Weltwunder hinweist, ist noch nicht festgelegt. Gerrit Spallek verfasst einen Kommentar zur Faszination Elbphilharmonie. Er wirbt dafür, sich in die offenen Diskurse urbaner Interpretationen einzumischen.

Selfie am Eifelturm, barfuß über die Golden Gate Bridge oder einmal ein Fußballspiel in einem der altehrwürdigen europäischen Stadien schauen: Bauwerke können eine magische Anziehungskraft auf uns ausüben. Sie verkörpern Träume, die kulturell vermittelt ganz langsam in unser Unterbewusstsein einsickern. Nicht nur die Tourismusindustrie weiß diese Träume zu verwerten.

Das modernste Konzerthaus hat schon jetzt etwas Nostalgisches an sich: die Zukunft von gestern.

In einem Staatsakt wird heute die Hamburger Elbphilharmonie eröffnet. Sie ist bereits jetzt ein Phänomen. Denn durch ihren Charme hat sie es binnen weniger Monate geschafft, der kritischen Stadtöffentlichkeit die Augen zu verdrehen. Die Stimmung ist ganz allmählich gekippt. Statt Wut über die Kostenexplosion dominieren heute Bewunderung und Vorfreude. Das hat verschiedene Gründe. Einer ist sicherlich die politische Lage: Die CDU hatte den umstrittenen Bau 2004 beschlossen. Die zunächst skeptische SPD darf bei der heutigen Eröffnung die Lorbeeren ernten. Sicherlich spielt auch mit, dass das Wutbürger-Chamäleon in der Zwischenzeit seine Farbe gewechselt hat. Sein neuer, muffig brauner Anstrich passt nicht zum vermeintlich weltoffenen Selbstbild der Hansestädterinnen und -städter. Vielleicht spielt aber auch eine nicht unwesentliche Rolle, dass das weltweit modernste Konzerthaus bereits jetzt etwas Nostalgisches an sich hat. Denn mit ihrer Eröffnung sind wir in der Zukunft von gestern angekommen. Und das scheint heute irgendwie gutzutun.

Die Medien waren sich allesamt einig: Wir sind gerade erst aus einem der schwärzesten Jahre jüngerer Vergangenheit herausgetanzt. Da wird heute eine Art Weltwunder westlicher Zivilisation eröffnet, dass uns an eine Zeit zurückerinnern kann, in der zwar vermutlich ebenso oft von Krisen gesprochen wurde, diese Rede aber nicht von dem bitter faden Beigeschmack unserer Tage begleitet wurde. Wer würde heute noch so ein millionenfressendes Mammutprojekt auf den Weg bringen? Es scheint, als hätten wir momentan ganz andere Sorgen; als stünden ganz andere Dinge auf dem Spiel als der Bau eines Konzerthauses, welches das Zeug zu einem neuen Wahrzeichen und touristischen Publikumsmagneten hat.

Die heutige Eröffnung ist auch eine Demonstration.

Das macht die heutige Eröffnung nicht zuletzt zu einer Demonstration. Auch deshalb dürfen Kanzlerin Merkel und Präsident Gauck nicht fehlen. Die abendländische Zivilisation, ihre Werte, Künste und sogar ihr Luxus drohen nicht unterzugehen. Europa scheint sich vielmehr in einer Blütephase zu befinden, in der man sich den Bau von Weltwundern zutraut. Diese Demonstration gilt all jenen, die die Massen aufhetzen, indem sie den Untergang des Abendlands propagieren. Dabei hat die Elbphilharmonie aber auch noch Balsam für die Seelen derjenigen parat, die sich von political correctness abgehängt fühlen und stattdessen – wie der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner kürzlich via Twitter – mehr „political coolness“ fordern. Die Elbphilharmonie hat tatsächlich eine „Weiße Haut“ (Link zur Pressemitteilung). So heißt die tontechnisch geniale, wellenartige Innenverkleidung des großen Konzertsaals offiziell – und niemand scheint sich daran zu stören.

Die Elbphilharmonie ist zugleich eine Machtdemonstration in Richtung des internationalen Terrorismus. Kurz nachdem dem IS sein bislang größter Coup in Deutschland gelungen ist, öffnet Hamburg die Tore für ein äußerst weiches und zugleich symbolisch hoch aufgeladenes Ziel. Wir fürchten uns nicht! Und wir lassen uns das, was uns lieb und teuer ist, nicht nehmen! Auch dafür steht das neue Wahrzeichen.

Elbphilharmonie: Willkommenskultur?

Nicht zuletzt ist die Elbphilharmonie auch ein demonstratives Wahrzeichen westlicher Willkommenskultur. Die Elbphilharmonie ist ein absolutes Alleinstellungsmerkmal der Hansestadt. So etwas gibt es (bis jetzt) nur einmal auf der Welt. Das soll Touristinnen und Touristen mitsamt ihres Geldes in die Metropolregion locken. Vermutlich wird das auch gelingen. Die New York Times hat die Hansestadt letzte Woche auf Platz 10 derjenigen Orte geführt, die man 2017 unbedingt bereisen sollte (Link: NY-Times: „52 Places to Go in 2017“). Auch die Kreuzfahrtkolosse werden zuallererst vom Blick auf diesen Prachtbau begrüßt werden, wenn sie in den Hamburger Hafen einlaufen.

Gleichzeitig wird das musikalische Weltwunder westlicher Zivilisation auch zum Baustein der verführerischen Träume derjenigen werden, die nicht Geld in die Stadt schiffen, sondern im Mittelmeer zu ertrinken drohen. Das ist alles andere als zynisch gemeint. Es wird aber interessant sein, ob auch die Geflüchteten ihren Platz vor der Elbphilharmonie finden werden. Es ist für Deutschland höchst ungewohnt, dass Straßenhändlerinnen und -händler touristischen Tand vor Sehenswürdigkeiten verkaufen. Will Hamburg nun aber mit den übrigen Sehenswürdigkeiten europäischer Großstädte in einer Liga spielen, könnte diese soziale Raumkonstellation zum Pflichtprogramm gehören.

Utopie verkauft sich gut

Ursprünglich sollte die Elbphilharmonie nicht nur das modernste Konzerthaus der Welt werden. Noch dazu sollte es der Stadt und ihren Bürgerinnen und Bürgern überhaupt nichts kosten. Integrierte Eigentumswohnungen und ein Hotel sollten sämtliche Kosten decken. Eine Utopie baute auf der anderen auf. Tatsächlich hat die Elbphilharmonie knapp 800 Millionen Euro verschlungen. Unabhängig davon war die erste Spielzeit binnen kürzester Zeit komplett ausverkauft. Es wurden einstündige Zusatzkonzerte für Hamburgerinnen und Hamburger geplant, damit sie – die sich überraschend schnell in ihr Konzerthaus verliebt haben – zumindest ein wenig Elbphilharmonie-Atmosphäre schnuppern dürfen. Nach wenigen Stunden waren auch diese Tickets restlos vergriffen. Das einzige was noch zu haben ist, sind die integrierten Luxuseigentumswohnungen. Dieser Ansturm bedeutet für das Management und die Kulturbehörde eine ungewohnte und zugleich harte Herausforderung: Wie lässt sich ein Konzerthaus bewerben, für das es keine Tickets gibt? Utopie verkauft sich gut. Nur wie lange?

Selten wurde ein Raum mit einem vergleichbaren Vertrauensvorschuss an Erfahrbarkeit eines Widerfahrnisses verbunden.

Speziell für Vertreterinnen und Vertreter der Soziologie, verschiedener Raumtheorien und der Musikwissenschaft werden die kommenden Jahre höchst spannend sein. Es wird eine ganze Reihe von Konzerten in der Elbphilharmonie geben, deren Publikum nicht aufgrund der dort gespielten Werke oder des dort spielenden Orchesters kommen wird, sondern einzig aufgrund des Veranstaltungsortes. Wir kennen bereits das Gegenexperiment: Der Stargeiger Joshua Bell spielt in einer Bahnstation in Washington, verdient eine Handvoll Dollar und wird weitestgehend ignoriert (Link zum Video bei youtube).

Die Anziehungskraft der Elbphilharmonie ist unbestritten. Wer in den nächsten Jahren ein Konzert am ehemaligen Kaispeicher besuchen wird, will v.a. eines: den Raum auf sich wirken lassen. Selten wurde ein Raum mit einem vergleichbaren Vertrauensvorschuss an Erfahrbarkeit eines Widerfahrnisses verbunden. Es gibt (city)pastorale Initiativen, die auf ein vergleichbares Vertrauen auf die Wirkmächtigkeit des Raumes setzen. Über kulturelle Angebote werden Bürgerinnen und Bürger in den Kirchenraum gelockt. Der Raum wird – überspitzt gesagt – schon den Rest übernehmen, indem er auf sich wirken lässt. Aber Räume können zwar beispielsweise eine einzigartige Akustik haben. Aus sich heraus bewirken sie jedoch überhaupt nichts. Sie sind Ergebnisse sozialer Konstellationen, die ganz wesentlich von Macht durchsättigt sind. Nicht zuletzt deshalb erscheint mir eine Pastoral, die sich mehr an Joshua Bell als an der Elbphilharmonie orientiert, wesentlich evangeliumsgemäßer zu sein.

Wofür stehen die neuen Wahrzeichen der Zeit?

Hamburg ist heute um ein großartiges Konzerthaus und ein neues Wahrzeichen reicher geworden. Dieses Wahrzeichen ist nicht nur mehrdeutig, sondern auch bedeutungsoffen. Wofür die Elbphilharmonie steht, auf welche Wahrheiten sie als Zeichen hinweist, ist noch alles andere als festgelegt. Bis jetzt existieren lediglich semiotische Blaupausen. Es wird  entscheidend darauf ankommen, wie die Besucherinnen und Besucher, Stadtbewohnerinnen und -bewohner, Touristinnen und Touristen sowie die ansässige Musik- und Kunstszene mit diesem Bauwerk umgehen werden.

Die christliche Sendung: Der Zusammenklang von Gottes- Menschenraum

Christinnen und Christen dürfen den Diskursen nicht fernleiben, wofür die neuen Wahrzeichen der Zeit stehen sollen. Wenn sie dabei aus ihren Quellen schöpfen, müssen sie sich nicht damit zufrieden geben, in der Zukunft von gestern angekommen zu sein. Das Evangelium entlarvt die Kontingenz unserer Utopien. Inmitten urbaner Alltäglichkeit sind Christinnen und Christen vielmehr  herausgefort, aus der „Relation zu dem noch abwesenden Künftigen“ Zeichen dessen zu sein, was ihnen fehlt.[1] Sie sind dazu berufen, dies auf eine Weise zu tun, dass inmitten unserer Städte, so Margit Eckholt, die Poesie der verheißenen neuen Stadt, das himmlische Jerusalem, durchbrechen kann.[2] Und im Zentrum dieser neuen Stadt „steht das »Lamm«, das Versöhnung der vielen bedeutet, das die Ohnmacht der Macht der Gewalt entgegenstellt und die Brücke der »compassion« baut, die alles »neu« macht, an die ursprüngliche Schöpfung erinnert und Menschenwürde und gutes Leben wiederherstellt. […] Das sind die »Räume des Friedens«, in denen Gottes- und Menschenraum zusammenklingen“[3].

Wie Gottes- und Menschenraum zusammenklingen können und aus welchen Harmonien und Disharmonien dieser Sound bestehen wird, lässt sich in einem der modernsten Konzerthäuser sicherlich auf besondere Weise entdecken.

[1] Vgl. M. d. Certeau, GlaubensSchwachheit (ReligionsKulturen 2), Stuttgart 2007, 180-184.

[2] Vgl.  M. Eckholt, An die Peripherie gehen. In den Spuren des armen Jesus – vom Zweiten Vatikanum zu Papst Franziskus, Osfildern 2015, 300.

[3] M. Eckholt, „Cartes de compassion“ – im interkulturellen Dialog „Räume des Friedens“ erschließen, in: A. Kaupp, Raumkonzepte in der Theologie. Interdisziplinäre und interkulturelle Zugänge, Ostfildern 2016, 53–63, 62.

Den Festakt und das Eröffnungskonzert können Sie ab 18.30 Uhr per Stream unter www.ndr.de oder www.concert.arte.tv/de verfolgen.

Das Gebäude können Sie bequem und digital von Zuhause aus erkunden:

Gerrit Spallek ist Theologe am Institut für Katholische Theologie der Universität Hamburg und Redaktionsmitglied von feinschwarz.net

Bild: © Iwan Baan

 

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