Bibliodrama. Ein Erfahrungsbericht

In ihrem ersten Bibliodrama stand sie in den Schuhen von Mose. Von dieser Erfahrung und anderen Entdeckungen in den Lebens-Räumen der Bibel berichtet Jacqueline Keune.

Ich hatte ein bestimmtes Bild von Bibliodrama, das mich lange von ihm ferngehalten hat. Vielleicht vor allem das Bild einer Spielerei, die die „Grosse Erzählung“ in viele kleine privat-individuelle Geschichten zerlegt. Aber auch die Vorstellung, einen Bibeltext spielen zu müssen, weil mir Spielen im Sinne von Theater und Aufführung nicht liegt. Und bis heute tue ich mich schwer mit dem gängigen Sprachgebrauch in Bezug auf Bibliodrama: spielen. Ich empfinde ihn als ungenau und habe bei Bibliodrama noch nie das Gefühl von Spiel gehabt.

40 Tage und Nächte mit Adonai auf dem Berg

Manchem, was ich bereits bei meinem ersten Bibliodrama in der Propstei Wislikofen erfahren habe, wäre ich vorher skeptisch gegenübergestanden. Dass mich das blosse Begehen eines Raumes zu meiner Rolle führen kann. Dass es einen beachtlichen Unterschied ausmacht, ob ich mich auf einem Stuhl sitzend oder in einem Raum stehend in eine Gestalt der Schrift hineinzuversetzen versuche. Dass ich in einem einzigen Bibliodrama ungleich inniger mit einem biblischen Text in Kontakt kommen kann als in all der Reflexion über ihn in den Jahren davor. Und in meinem ersten Bibliodrama, in dem ich in die Schuhe von Mose gestanden bin, habe ich in meiner Rolle, in diesen 40 Tagen und Nächten mit Adonai auf dem Berg, erfahren, was ich zuvor noch nie in dieser Weise erfahren habe: wie nah Gott ist. – Eine Nähe, in der nichts falsch gemacht und in der vom Eigentlichen geredet werden kann. Eine Nähe auch, die zuhören, die gegenseitig verstehen und die – jenseits von Verstummen – gemeinsam schweigen lässt. Eine Erfahrung, die sich mir eingeschrieben hat.

Gott erzählt mit leiser Stimme von seiner Einsamkeit und seinem Schmerz.

Auch andere atmen in mir.
Ich denke an Petrus, der am Ostermorgen im Centovalli auf die Frage der Leiterin, was ihn bewegt, in Tränen ausbricht ob seiner Feigheit, die ihn die Erfahrung der Frauen am leeren Grab nicht hat teilen lassen.
Ich denke an Gott, der auf die Frage, was in ihm vorgeht, mit leiser Stimme von seiner Einsamkeit und seinem Schmerz erzählt, von den Menschen im Stich gelassen zu werden.
Ich denke an Hogla aus Hombrechtikon, einer der fünf Töchter des Zelofhads, die auf die Frau aus dem Volk Israel zugeht, die zuhinterst an der Wand steht, sie bei der Hand fasst und wissen lässt: „Ich brauche dich. Ich will den Weg nur zusammen mit dir gehen.“
Und ich denke an die Fremde aus Mt 25 bzw. Winterthur, die auf die Frage, wer sie ist, mit „eine namenlose Flüchtlingsfrau“ antwortet und beschreibt, wie es ist, völlig fremd zu sein und dann aufgenommen zu werden.

 dass es möglich ist, der Gewalt anders als mit Gewalt zu begegnen

Ich bin durch das „Spielen“ biblischer Texte aufgerichtet, ermutigt und an die Verantwortung meiner Gott-Ebenbildlichkeit erinnert worden. Ich bin auf meine blinden Flecken gestossen, mit meiner Begrenzung konfrontiert und neu auf eine gemeinsame Sehnsucht hin ausgerichtet worden. Auch neue theologische Inhalte wurden mir durch Bibliodrama erschlossen. Und ich habe durch das Identifizieren mit und das Ergründen von biblischen Gestalten und Geschichten erfahren, dass es möglich ist, der Gewalt anders als mit Gewalt zu begegnen, dass David den Goliath immer noch zu Fall bringen und dass dem Tod auch heute die Stirn geboten werden kann und muss.

 Noch immer

Es gibt nur den einen Mose, nur den einen Petrus, nur die eine Hogla, Machla, Tirza, Noa und Milka. Aber im Bibliodrama erfahre ich immer neu, dass alle die biblischen Schwestern und Brüder auch Rollen sind, die wir – viele Jahrhunderte später – immer noch übernehmen und ausfüllen können, weil die grundlegenden menschlichen Erfahrungen dieselben geblieben sind.

Noch immer erschlägt der Bruder den Bruder. Noch immer schwappen die Wasser über Ohnmächtigen zusammen und schwemmen sie fort. Noch immer lesen die Armen das Liegengebliebene auf den Feldern des Reichtums auf, um sich und ihre Familien irgendwie über die Runden bringen zu können. Und noch immer versetzt Vertrauen, versetzt Glaube, Berge und wälzen die einen den anderen die Steine von ihren Gräbern weg.

 Räume, die auch wir begehen und beleben können.

Es macht für mich wenig Sinn, mich unabhängig von der Zeit und Welt, in der ich lebe, mit den Texten der Bibel auseinanderzusetzen. Und gerade durch Bibliodrama, in dem die Schrifttexte zu sprechen beginnen, erfahre ich, dass sie nicht einfach Linien aus Worten, sondern Landschaften aus Leben sind. Räume, die nicht nur Isaak und Ismael, die Witwe aus Naïn und König Herodes bewohnen, sondern auch wir begehen und beleben können, um für die Gestaltung unseres Hier und Heute schöpfen zu können. Wenn wir es denn wagen, hinter der Burg der geschliffenen Argumente und der geschmeidigen Rhetorik hervorzutreten, die Distanz aufzugeben und mit allem, was wir sind und nicht sind, in die Haut der Schrift hineinzusteigen.

Bibliodrama – mir ein grosses Übungsfeld, Sprache zu finden, eigene, nicht angelernte, für Gedachtes, Geglaubtes, Gefühltes, Erlebtes, damit – im besten Fall – Bewusstsein, Einsicht, Verständnis wachsen und Bilder und Grenzen sich weiten können.

Buchtipp

Ein Buch zu Bibliodrama von jenen, die die Methode mit entwickelt und gemeinsam seit Jahren in der Propstei Wislikofen Bibliodrama-Ausbildungsgänge durchführen. Drei TheologInnen, die für mich durch ihre bibliodramatische Reflexion und Praxis eigentliche und innovative theologische Arbeit leisten und sich in ihrer neusten Publikation auch so herausfordernden Themen und Gefühlen wie Aggression, Wut, Hass und Vergeltung stellen:
Nicolaas Derksen, Claudia Mennen, Sabine Tscherner, Bibliodrama als Seelsorge. Im Spiel mit dunklen Gottesbildern – Ein Praxisbuch, Schwabenverlag 2016, 176 Seiten.1

Text und Bild: Jacqueline Keune

  1. Vgl. auch Daniel Kosch, Wohnen im Wort, feinschwarz.net, 4. Oktober 2016
Print Friendly, PDF & Email