Zeit, dass sich was dreht. Überlegungen zu einer Kasualpraxis der Zukunft

Kaum ein Viertel aller Ehen wird heute nach kirchlicher Tradition geschlossen; weniger als die Hälfte aller Kinder kirchlich getauft. Ist die kirchliche Ritual- und Kasualpraxis ein Auslaufmodell? Emilia Handke stellt alternative Überlegungen vor.

Ein junger Mann aus Schleswig-Holstein: als Kind katholisch getauft, später dann Erstkommunion und Firmung – wie alle in seiner Familie. Eine junge Frau aus Mecklenburg-Vorpommern: als Kind nicht getauft, später dann Jugendweihe – wie alle in ihrer Familie. Die beiden verlieben sich im Studium ineinander, bekommen ein Kind, wollen heiraten. Die Option einer Kindertaufe und katholischen Trauung hat es für die beiden lange Zeit noch gegeben. Aber am Ende war das Unwohlsein stärker: Ihn verbindet kaum noch etwas mit der Kirche seiner Kindheit, auch an Gott glaube er nicht. Ob es getauft werden möchte, könne das Kind doch später lieber selbst entscheiden – er will es jedenfalls nicht in etwas hineinzwängen, was ihm vielleicht gar nicht entspricht und woran er selbst schon immer seine Zweifel hatte. Bei ihr ist das anders: Eine Ahnung von Gott war irgendwie immer da gewesen, das grundsätzliche Interesse wurde während der Schulzeit an einem christlichen Gymnasium zusätzlich genährt. Doch in den Großstädten ihres Studiums und ihrer Arbeit kennt sie niemanden persönlich, der sie zu einem Glaubenskurs ermuntern könnte – das müsste sie ganz alleine und für sich tun. Seine Bedenken leuchten ihr ein und irgendwie würde sich eine Heirat in der katholischen Kirche auch für sie als Konfessionslose ziemlich fremd anfühlen. Ganz sicher ist sie bei der Frage nicht, aber er ist sicher und ein Blick ins Internet genügt, dass Trauungen auch so gestaltet werden können, wie es einem selbst entspricht – ohne dass man abgleichen muss, ob man überhaupt übereinstimmt mit der Tradition, in die man sich dort hineinstellt und an die man sich damit ja irgendwie auch bindet. Das Angebot heißt: freie Trauung. Etwa 320 freie Rednerinnen und Redner stehen in Deutschland dafür derzeit zur Verfügung. Je nachdem, wie man sich selbst versteht, können dabei natürlich auch christliche Elemente Aufnahme finden: ein Segen, ein Gebet, vielleicht sogar ein Vaterunser.

Die Option einer Kindertaufe und katholischen Trauung hat es für die beiden lange Zeit noch gegeben.

Diese Geschichte ist kein Spezialfall, sondern insofern typisch, als dass die Pluralität der Lebenskolorite es verhindert, das gemeinsame Leben heute noch selbstverständlich unter eine kirchliche Tradition zu stellen – selbst bei getauften und religiös sozialisierten Männern und Frauen. Nur noch etwa elf Prozent der Paare heiraten heute nach katholischer und etwa zwölf Prozent nach evangelischer Tradition. Das ist insgesamt nicht mal mehr ein Viertel aller Ehen. Der prozentuale Anteil der katholischen Trauungen hat sich seit den 90er Jahren halbiert, die evangelischen Trauungen sind um etwa ein Drittel zurückgegangen.

Hinsichtlich der religiösen Orientierung der Kinder haben die Mütter die zentrale Prägekraft.

Durch die weltanschauliche Verschiedenheit innerhalb einer Ehe wird dann auch die religiöse Tradierung an die Kinder zur Disposition gestellt. Dabei ist es die Mutter, welche die »zentrale Prägekraft« (Gert Pickel) in weltanschaulicher Hinsicht besitzt. Wenn diese – wie im vorliegenden Fallbeispiel – selbst konfessionslos ist, dann werden die Kinder im ostdeutschen Kontext mehrheitlicher Konfessionslosigkeit mit nahezu hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit ebenfalls nicht getauft. In Westdeutschland, wo die Kirchenbindung immer noch eine gewisse Selbstverständlichkeit aufweist, gibt die Mutter ihre Konfessionslosigkeit mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 66 Prozent an ihre Kinder weiter. Ein christlich geprägter Vater reicht dazu alleine offenbar nicht aus. Diese Tatsache bringt das Fallbeispiel der Einleitung ebenfalls auf den Punkt.

Insgesamt werden heute ungefähr je 22 Prozent der Kinder katholisch oder evangelisch getauft – das ist, zusammen genommen, weniger als die Hälfte aller in Deutschland geborenen Kinder. Ein Fünftel der evangelischen Christinnen und Christen will eine Taufe dem Kind gegenwärtig lieber selbst überlassen. Damit dürfte fraglich sein, ob die Kinder trotzdem mit kirchlichen Angeboten in Berührung kommen werden – was eine wichtige Voraussetzung dafür bildet, sich einmal selbstständig für oder wider eine Taufe entscheiden zu können. Anstelle der Verbindlichkeit der Kirchen können sich die Familien – welche weltanschaulichen Einfärbungen sie auch immer mit sich tragen – mit anderen, sich selbst oder mit Gott auch in anderen Ritualen verbinden: Freie Rednerinnen und Redner und z.T. auch der Humanistische Verband sowie die Jugendweihe-Organisation bieten anstelle einer Taufe z.B. eine Namensweihe, Namensgebungsfeier, Kindersegnung, freie Taufe oder Begrüßungsfeier für das neugeborene Kind an. Wie dieses Substitut der kirchlichen Taufe dabei in concreto gestaltet wird, ist unterschiedlich.

Alternativ: Namensweihe, Namensgebungsfeier, Kindersegnung, freie Taufe oder Begrüßungsfeier für das neugeborene Kind

Das Leben eines Mannes und einer Frau geht weiter. Irgendwann kommt das Kind in das Alter, in dem andere Konfirmation, Firmung, Jugendweihe (des Bundesverbands Jugendweihe Deutschland e.V.), Jugendfeier (des Humanistischen Verbands) oder Bar/Bat Mitzwa feiern. Hier taucht noch einmal die Frage auf, ob sich das Kind für die Teilnahme an Konfirmandenarbeit oder Firmvorbereitung taufen lassen möchte. Möchte es das nicht – weil es die christliche Tradition nicht als selbstverständliche Beheimatung innerhalb der eigenen Familie kennengelernt hat, und es auch sonst kaum persönliche Berührungspunkte mit der christlichen Tradition gab – dann genügt ein Blick ins Internet, um zu sehen, dass sich auch hier längst andere Optionen darbieten: Es gibt von Natur-, Sozial- und Erlebnispädagoginnen und -pädagogen kreierte Rituale (u.a. »Phönixzeit«, »Drachinzeit«, »Visionssuche«), regionale Alternativen und Angebote von Reiseveranstaltern (u.a. »Flug des Feuervogels«). Auch die ostdeutschen Kirchen haben seit den späten 90er Jahren Ideen entwickelt: Hier existieren seither mindestens 36 kirchlich (mit)verantwortete Alternativen zur Jugendweihe, die sog. Feiern der Lebenswende oder Segensfeiern, die katholisch, evangelisch und mitunter auch ökumenisch verantwortet werden. Mittlerweile nehmen um die 1.000 Jugendliche pro Jahr an diesem Angebot der Kirche teil.

Phönixzeit, Drachinzeit, Visionssuche oder Flug des Feuervogels

Irgendwann sterben die eigenen Eltern, Freundinnen und Freunde, Bekannte, Verwandte. Hat der- oder diejenige nicht einer der beiden christlichen Kirchen angehört – oder wissen die Angehörigen nichts von diesem Bezug oder ist ihnen die Vorstellung einer kirchlichen Trauerfeier selbst gar eher ›unangenehm‹ – dann rücken auch hier andere Möglichkeiten ins Blickfeld. Dabei scheint die kirchliche Bestattung immer noch die stabilste kirchliche Kasualie zu sein. Aktuell werden etwa 27 Prozent der Verstorbenen katholisch und etwa 31 Prozent evangelisch bestattet, darunter scheinen – durch die Öffnung der Kirchen im Bereich der Bestattung für Menschen, die (zuletzt oder auch immer schon) keine Mitglieder der Kirche waren – auch Konfessionslose zu sein. Auf evangelischer Seite hat man hier mit etwa ein bis zwei Prozent zu rechnen. Allerdings zeigen diese statistischen Rechnungen auch, dass sich längst nicht mehr alle Kirchenmitglieder auch kirchlich bestatten lassen. Auf evangelischer Seite nennt Christian Grethlein für das Jahr 2011 die Zahl von (nur) 82 Prozent. Was machen die anderen rund 20 Prozent? Selbstverständlich arbeiten inzwischen auch die Bestatterinnen und Bestatter mit freien Rednerinnen und Rednern zusammen. Von diesen gibt es in Deutschland etwa 500, die sich allein auf das Thema Trauer spezialisiert haben. Ein Blick in das aktuelle Buch der ostdeutschen Autorin Juliane Uhl (»Drei Liter Tod«) zeigt, dass das Thema Tod inzwischen gänzlich ohne einen Pfarrer oder eine Pfarrerin auskommen kann.

Statistik verhelfe der Kirche dazu das wahrzunehmen, was üblicherweise gerne übersehen wird

Was bedeutet das alles für die Zukunft der kirchlichen Ritual- und Kasualpraxis? Altbischof Axel Noack hat einmal gesagt, Statistik verhelfe der Kirche dazu das wahrzunehmen, was üblicherweise gerne übersehen wird. Dann aber ist Handlungsbedarf auf ganzer Linie angezeigt. Die katholische Kirche geht hier seit geraumer Zeit tatkräftige und inspirierende Wege. Sie hat in unterschiedlichen Städten Stellen für eine sog. Suchendenpastoral eingerichtet. Nicht immer sind damit – wie in Halle (Saale), wo inzwischen fast 600 Jugendliche an der mittlerweile ökumenisch verantworteten Feier der Lebenswende als Alternative zur Jugendweihe teilnehmen – kirchliche Rituale für Konfessionslose verbunden. Ebenso kann es darum gehen, Zugang zu christlichen Lebensformen (Einkehr im Kloster) zu eröffnen, diese erfahrbar zu machen oder aber besondere Gottesdienstformate zu entwickeln, welche die traditionellen Liturgien für Kirchenfremde aufbrechen. Auch hier gibt es bereits zahlreiche ausstrahlende Beispiele, die v.a. der heutige Weihbischof Reinhard Hauke in der Praxis entwickelt hat, um Kontakt aufzunehmen mit der konfessionslosen Mehrheitsgesellschaft (Segnung von Paaren zum Valentinstag, Neuerungen im Totengedenken, Segnungsfeiern im Umfeld des Weihnachtsmarkts, nächtliches Weihnachtslob). Im Hintergrund steht die Beobachtung des tschechischen Theologen und Soziologen Tomáš Halík, dass zwar die Zahl der im Glauben heimisch gewordenen Menschen abnehme, keineswegs jedoch die Zahl der Suchenden. Auch evangelische Landeskirchen haben seit einigen Jahren Arbeitsstellen eingerichtet, in denen nach zeitgemäßen kirchlichen Kommunikationsformaten gesucht wird (u.a. »Arbeitsstelle Kirche im Dialog« der Nordkirche, »Theologie der Stadt« in Berlin, Gottesdienstinstitute, Kompetenzzentren der EKD). Dabei ist meiner Meinung nach jedoch weniger auf die wissenschaftliche Aufarbeitung von gegenwärtigen Fragestellungen zu setzen (die vielfach vor allem in der Praktischen Theologie und Religionspädagogik an den Universitäten geleistet wird), sondern vor allem nach konkreten Impulsen für die Praxis zu suchen, die sich dort als tauglich erwiesen haben und neue zu initiieren. Es geht also um eine neue (er)mutige(nde) Kreativität, die in ihrer Notwendigkeit auch in der pastoralen Ausbildung stärkere Berücksichtigung finden sollte: Es wird nicht bleiben, wie es einmal war. Und dazu braucht die Kirche vor allem kreative Männer und Frauen.

Spezielle Pfarrstellen für die Begleitung von Lebensübergängen

Im Blick auf die Kasualien und Rituale könnte dies zum Beispiel konkret bedeuten, in größeren Städten (vor allem in Kontexten stark wachsender Konfessionslosigkeit) Pfarrstellen einzurichten, welche jenseits der Parochialgemeinde Ansprechpersonen für die Begleitung von Lebensübergängen darstellen – für etwas also, was für einen breiten Teil der Bevölkerung tatsächlich relevant ist (ähnlich wie kirchliche Erziehungs- und Bildungseinrichtungen, Diakonie und Caritas). Die Gemeindepfarrerinnen und -pfarrer werden wohl kaum die Zeit und Kraft aufbringen, die heute nötig ist, um als Ansprechpartnerinnen und -partner nach außen öffentlich bekannt zu werden (Homepage, Werbung, Vernetzung). Auch im Blick auf sog. Hochzeitskirchen und kirchliche Bestattungswälder wäre mit Kristian Fechtner zu überlegen, ob es nicht auch hier sinnvoll wäre, sog. Kasualpfarrerinnen und Kasualpfarrer anzugliedern, die sich dabei intensiver auf den jeweiligen Kasus einlassen und die kirchlichen Orte (Uta Pohl-Patalong) profilieren könnten. Mit den Betreffenden gemeinsam ritual- und religionspädagogisch zu arbeiten und u.U. auch deren Trauerkultur zu gestalten helfen (wie es einige der freien Rednerinnen und Redner längst tun), kostet Zeit, die im zum Multitasking herausgeforderten Gemeindepfarramt in dieser Weise nicht zur Verfügung steht. Kirchgemeinden sind diese öffentlichen Erprobungsräume einer eigenen religiösen Positionierung konfessionsloser Menschen in der Regel nicht mehr: Hier trifft sich – auch in den (Groß-)Städten – überwiegend, wer ohnehin schon immer irgendwie dazugehörte. Im Hinblick auf diese Herausforderungen ist es geboten, nicht wie die Maus vor der Schlange (der Säkularisierungsprozesse) zu verharren, sondern kreativ und beseelt tätig zu werden – noch stehen die Strukturen dafür zur Verfügung.

 

 

Emilia Handke, Dr. theol., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Praktischen Theologie der Philipps-Universität Marburg und zugleich Vikarin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland in Hamburg

Photo: Tim Reckmann; pixelio.de

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