Der vor 800 Jahren entstandene «Sonnengesang» ist weit mehr als naives Schöpfungslob oder Ökohymne. Das wurde im Jubiläumsjahr vielfach ausgeblendet. Von Johanna Di Blasi
Vor 800 Jahren dichtete Franz von Assisi seinen Sonnengesang: „Bruder Sonne, Schwester Mond“ – bis heute erwärmen diese Zeilen Herzen, werden gesungen, vertont, weltweit übersetzt. Kein anderes mittelalterliches Gedicht hat eine solche Ausstrahlung behalten. Die ungebrochene Beliebtheit belegen auch vielfältige Würdigungen im Jubiläumsjahr (auch bei «feinschwarz»). Die schlichte, fast kindliche Sprache, die Liebe zur sichtbaren Welt – sie berührt uns auch heute.
Und doch: Der historische Kontext wird gern ausgeblendet. Was heute vielfach als ökologische Poesie gelesen wird, war damals keineswegs eine romantische Naturmeditation. Das Mittelalter kannte keine „Bewahrung der Schöpfung“. Natur war für die Menschen weniger Idylle als Nahrungsgarant oder lebensbedrohliches Gegenüber. Hungersnöte, Krankheiten, Naturkatastrophen prägten die Erfahrung.
Ende seines Lebens
Franz von Assisi (1181/82-1226) singt nicht naiv. Sein wahrscheinlich 1224 oder 1225 entstandenes Lob von Bruder Sonne entstand am Ende seines Lebens. Schwer krank und mit einem schmerzhaften Augenleiden geschlagen, konnte er die Strahlen der besungenen Sonne selbst wohl kaum vertragen. Gerade im Angesicht von Zerbrechlichkeit, Leiden und eigener Todesnähe findet er Worte des Lobes. Dass „Schwester Tod“ im „Cantico delle creature“ Platz findet, macht das Gedicht radikal. Kein Jenseitsdrang, keine Abwertung der Welt – sondern die kühne Behauptung: Alles Sichtbare ist von Gott gewollt und gut, sogar der leibliche Tod.
Armutsbewegung und Weltverneinung
Dieser Ton war nicht selbstverständlich. Zeitgleich breitete sich in Europa die Armutsbewegung aus – ein gewaltiger Auf- und Ausbruch aus dem bestehenden System. Den Hintergrund bildeten die Urbanisierung Europas und der rasante Zuwachs an sozialer und ökonomischer Ungleichheit um 1200.
Es gab breite Armutsbewegungen, die die bestehende Welt nicht guthiessen: Bettelorden, Laiengemeinschaften, von der religiösen Orthodoxie als häretisch eingestufte Gruppen. Wahrscheinlich nicht in der Größenordnung von “hunderttausenden Armen“, wie es ältere Darstellungen oder kirchliche Quellen beschreiben, aber dennoch ausreichend, um von Kirche und Gesellschaft als Bedrohung wahrgenommen zu werden.
ein radikales Nein zur bestehenden Welt der Ungleichheit und Ungerechtigkeit
Der Lyoner Kaufmann Valdès und die nach ihm benannte, radikal dem Evangelium verpflichtete und schließlich in die Häresie abgedrängte Bewegung der Waldenser sowie Franz von Assisi sind die bekanntesten Vertreter dieser Strömungen. Ihr Programm war nicht Schöpfungslob, sondern ein radikales Nein zur bestehenden Welt der Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Der Motor von Abgrenzung und Reform waren – eine Parallele zu unserer Gegenwart – Endzeitstimmung, Apokalyptik, Verschwörungsnarrative.
Gegenprogramm zu den Katharern
Besonders die sogenannten Katharer wurden mit einem radikalen, gnostischen Dualismus in Zusammenhang gesehen. Die sichtbare Welt nicht heilig, sondern Werk eines bösen Gottes. Sonne, Mond und Sterne – wie die gesamte materielle Schöpfung – der Bereich eines „bösen Prinzips“, materielle Erscheinungen Teil der gefallenen, vergänglichen, aus Sicht der Erlösung zu überwindenden Welt.
Allerdings: Das Narrativ einer europaweiten „katharischen Gegenkirche“ ist wahrscheinlich eine Übertreibung. Neuere Forschung zeigt: Das Bild einer geschlossenen „Katharerkirche“ ist wohl ein wissenschaftlicher Mythos des 19. Jahrhunderts. Statt um ein historisches Massenphänomen handelte es sich womöglich um ein konstruiertes Feindbild, das im 13. Jahrhundert zur Begründung der Inquisition genutzt wurde.[1]
… um politische Gegner als Ketzer zu brandmarken.
Bereits Eckbert von Schönau, ein Mönch des 12. Jahrhunderts, formte den Begriff „Katharer“ als Feindbild, gespeist aus spätantiken Häresiekatalogen. Inquisitoren nutzten dieses vage Bild, um politische Gegner als Ketzer zu brandmarken. Der Vorwurf diente der Legitimation von Kriegsführung und Machtkämpfen, vergleichbar dem heutigen Terrorismusvorwurf. Nicht nur Individuen und Orden, sondern ganze Regionen, etwa Okzitanien, wurden mit Kreuzzügen überzogen.
Angst vor den Armen
Die ersten Franziskanerbrüder aßen nur einmal am Tag und nicht immer etwas Gekochtes. Sie schliefen auf dem harten Boden, den Kopf auf einen Stein oder ein Stück Holz gebettet. Wer dazugehören wollte, musste seinen gesamten Besitz abgeben. Arbeit ohne Lohn, ein heimatloses Wanderleben als Pilger und Fremdlinge – das war ihr Erkennungszeichen.
Unbehagen und Furcht
Solche Bewegungen weckten Unbehagen und Furcht. In Frankreich und England kam es im ausgehenden 12. Jahrhundert zu Erhebungen der pauperes gegen die Reichen. Selbst in der Kreuzzugsbewegung spielten Arme um 1200 eine wachsende Rolle, getrieben von endzeitlichen Hoffnungen.
Grauzone der Armut – Franziskus im Vergleich
Laienbewegungen wie Waldenser und andere stellten die Kirche offen infrage. Sie verschrieben sich einer radikalen freiwilligen Armut. Auch Frauen spielten in diesen Bewegungen eine wichtige Rolle: Ab etwa 1200 bildeten sich die Beginengemeinschaften als Ausdruck einer religiösen Frauenbewegung, die parallel zu den Orden entstand.
Beginengemeinschaften als Ausdruck einer religiösen Frauenbewegung
Vor diesem Hintergrund war Franziskus’ Armutsbewegung für die Kirche zugleich gefährlich und nützlich. Gefährlich, weil sie bestehende Strukturen infrage stellte. Nützlich, weil sie – dank seiner Loyalität zur Kirche – eine „kanalisierte“ Form der Armutsfrömmigkeit darstellte. Man kann auch sagen: Er liess sich kirchlich-institutionell vereinnahmen.
Lebensversicherung für Anhänger
Franziskus bewegte sich mit seiner Armutsbewegung in einer Grauzone. Er wollte radikal Jesus nachfolgen, weltliche Güter ablegen, eine „Parallelgesellschaft“ der Armen leben. Damit war er nah an jenen, die die Kirche als Häretiker bekämpfte. Sein Sonnengesang kann programmatisch gelesen werden: Statt dualistischer Weltverdruss ein bejahendes Lied an die Schöpfung. Statt Verurteilung des Sichtbaren eine Affirmation: Sonne, Mond, Wasser, Erde – alle Geschöpfe stammen vom Schöpfer und loben ihn.
Statt dualistischer Weltverdruss ein bejahendes Lied an die Schöpfung.
Die These ist vielleicht nicht zu gewagt, dass der „Sonnengesang“ im Kern als Lebensversicherung für Franziskus’ Anhängerschaft gedacht war: Sie besangen freudig Gestirne und Elemente als Geschwister und bekundeten, nicht ins gnostisch-dualistische Zerrbild der Häresiejäger zu passen.
Nach Franziskus Tod allerdings gerieten diejenigen seiner Brüder ins Visier, die am radikalem Armutsideal festhielten, die Spiritualen oder Fraticelli. Da half auch der Cantico nicht. Um 1317 ließ Papst Johannes XXII. Etliche Franziskaner-Spiritualen einkerkern und sogar verbrennen, vor allem in Südfrankreich und Italien. Viele gingen damals in den Untergrund. Bis ins Spätmittelalter hielten Verfolgungen der „Ketzer “an; der Begriff leitet sich von Katharer ab.
Naiver Naturfreund oder Reformer?
Die Legenden zeichnen Franziskus als den milden Heiligen, der mit Vögeln spricht und Blumen liebt. Die berühmte „Predigt an die Vögel“ war aber wohl weniger Naturromantik als eine scharfe Geste: eine Verweigerung gegenüber einem unwilligen Publikum und gleichzeitig eine Mahnung: Die Schöpfung ist empfänglicher als ihr.
Pazifismus in kriegerischer Zeit
Dahinter steckt eine spirituelle und politische Sprengkraft: freiwillige Armut als Kritik an der reichen Kirche, Pazifismus in kriegerischer Zeit, Gleichrangigkeit aller Geschöpfe – sogar des Vernichters von uns Geschöpfen, des Todes.
800 Jahre später werden in den Sonnengesang ökologische Botschaften hineingelesen: „Mutter Erde“, fast schon „Pachamama“, Symbol für unsere Zukunftsängste. Franz von Assisi als Vorläufer der modernen Ökologiebewegung. Dass die Kirche bis heute den Sonnengesang feiert, ist kein Zufall. Sie braucht dieses Narrativ: Franziskus, der Ökoapostel. Sehr viele ernsthaft um die Natur bekümmerte christliche Heilige gibt es nämlich nicht. Der Preis: Eine Entschärfung des Cantico.
Eine Entschärfung des Cantico.
Wirtschaft, die tötet
Ganz anders Papst Franziskus in seiner revolutionären Enzyklika «Laudato Si’» von 2015. Die Schrift behandelt das Thema der globalen Umweltkrise und die wieder rasant wachsende ökonomische Ungleichheit. Der Titel «Laudato Si’» kommt von den ersten Worten des „Sonnengesangs“ („Gelobt seist du, mein Herr…“).
Papst Leo XIV. knüpft in seinem ersten grossen Lehrschreiben «Dilexi te» an den Vorgängerpapst an, indem er ebenfalls die Liebe zu den Armen und Ausgeschlossenen ins Zentrum rückt und sich gegen eine „Wirtschaft, die tötet“ ausspricht. Der Papst weist ausdrücklich auf die Bettelorden und Franziskus hin: „Das Zeugnis der Bettelorden forderte sowohl die klerikale Opulenz als auch die Kaltherzigkeit der städtischen Gesellschaft heraus.“
Der Papst weist ausdrücklich auf die Bettelorden und Franziskus hin.
Der heilige Franz von Assisi habe die Armen als Geschwister und lebendige Abbilder Gottes gesehen und statt Almosen zu organisieren unter ihnen gelebt. Die Schwerpunktsetzung auf Arme in der päpstlichen Schrift ist eine indirekte Absage an ein elitäres, antibarmherziges Rechtschristentum.
Die bleibende Kraft von Franziskus’ Sonnengesang entfaltet sich zwischen Liebe zur Welt und politischer Armutsbewegung, zwischen Mystik und Kirchenkritik. Das Lied bleibt ein Dokument des Vertrauens: dass diese Welt, auch in all ihrer Bedrohlichkeit, gut ist – und besser werden kann.
Buchempfehlung:
Beitragsbild: Angela Monika Arnold: Berlin-Friedrichshagen, Katholische Kapelle St. Franziskus, Altarfenster
[1] Siehe: Markus Krumm, Eugenio Riversi, Alessia Trivellone, Die Erfindung der Katharer. Konstruktion einer Häresie in Mittelalter und Moderne, Regensburg 2023.


