Charismatisches Christentum: von der Unter- in die Mittelschicht

Jens Köhrsen, Charismatische Gemeinde

Jens Köhrsen, Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik der Universität Basel, beobachtet die Entwicklung des charismatischen Christentums und fragt, was sein Wandel zur Mittelschicht in Lateinamerika bedeutet.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts hat sich kaum eine religiöse Bewegung so ausgebreitet wie das charismatische Christentum. Besonders ist es in Form der Pfingstbewegung bekannt geworden, die als eine christliche Erneuerungsbewegung am Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden ist. Eine beträchtliche Verbreitung hat sie im globalen Süden gefunden: in Teilen Afrikas und Asiens sowie in Lateinamerika. Dabei gelang es der Pfingstbewegung vor allem in den jeweiligen Unterschichten viele Menschen anzuziehen.

Heute steht das charismatische Christentum möglicherweise vor einem großen Wandel, denn es scheint zunehmend ein Mittelschichtsprofil zu gewinnen. Was bedeutet dies für eine religiöse Bewegung, die ursprünglich die Unterschichten ansprach? Verliert sie dadurch ihr charismatisches Profil?

Das Charisma in den Unterschichten

Die hohe Anziehungskraft der Pfingstbewegung auf die Unterschichten im globalen Süden wurde darauf zurückgeführt, dass sie den Menschen religiöse und diesseitige Strategien anbietet, um mit ihren zum Teil aussichtslosen Lebenslagen umzugehen: mit extremer Armut, Arbeitslosigkeit oder prekärsten Arbeitsverhältnissen, familiärer Gewalt, Alkoholismus, Kriminalität, Krankheit ohne ausreichende Gesundheitsversorgung, etc.

All diese Probleme erscheinen mit der Hilfe Gottes lösbar. So gehen Pfingstler*innen davon aus, dass Gott – sowie auch Dämonen und der Teufel – ständig in das diesseitige Geschick der Menschen eingreift. Dabei fokussieren die Anhänger*innen der Bewegung besonders auf den Heiligen Geist und dessen Gaben. So nehmen die Mitglieder der Bewegung an, dass der Heilige Geist auf sie hinabsteige und ihnen übernatürliche Gaben verleihen könne. Hierzu gehören mitunter die Gaben der Heilung, der Austreibung von Dämonen, der Zunge (Sprechen in fremden Zungen) und Prophetie. Häufig werden die diesseitigen Probleme der Menschen auf Flüche und Dämonen zurückgeführt, die mittels der Kraft des Heiligen Geistes bekämpft werden können. Auf diese Weise bietet die Pfingstbewegung ihren Anhänger*innen eine Perspektive im Umgang mit den Problemen.

Probleme erscheinen mit der Hilfe Gottes lösbar.

Auch die Konversion ist hierbei wichtig. Sie wird als Bruch mit dem bisherigen Leben verstanden: es wird ein neues christliches Ich geboren, das nun den Geboten Gottes folgt. Dieser Umstand hat einen strukturierenden Einfluss auf die Lebensführung der Konvertit*innen: ihnen ist zum Beispiel fortan der Konsum von Alkohol und Glückspiel verboten. Ebenso sind sie dazu angehalten, ehrlich und hart zu arbeiten.

Diese lebensstrukturierenden Maßnahmen führen letztlich zu einer Verbesserung der Lebenslagen von Pfingstler*innen, so behaupten viele wissenschaftliche Kommentator*innen, und damit zum langsamen gesellschaftlichen Aufstieg eben jener.  Darüber hinaus spendet die Pfingstbewegung mit ihrer frohen Botschaft und den motivierenden Gottesdiensten Hoffnung. Die Gottesdienste erlauben den Mitgliedern, ihren Emotionen freien Lauf zu lassen: Es wird lautstark gebetet, zu gefühlsvollen Liedern gesungen und teilweise getanzt, die Arme gegen den Himmel gerissen und in Zungen geredet. Es gibt Momente der kollektiven Ekstase, bei denen Mitglieder auf den Boden fallen, sowie Dämonenaustreibungen und Heilungen und von Zeit zu Zeit schreien Mitglieder während der Predigt kämpferisch „Gloria a Dios“ in den Gottesdienst. Insgesamt zeichnen sich die Gottesdienste durch eine ausgesprochen emotionale und expressive Atmosphäre aus.

Eine neue angepasste Pfingstbewegung?

Vollzieht sich nun jedoch ein Wandel zur Mittelschicht, dann stellt sich die Frage, ob sich auch die oben beschriebenen Merkmale der Pfingstbewegung verändern. Schließlich ist die Mittelschicht nicht im gleichen Masse von aussichtslosen Lebenslagen und Problemen betroffen wie die Unterschicht. Insofern erscheinen auch die Interventionen des Heiligen Geistes sowie die aufgebrachte Atmosphäre weniger nötig.

Weiterhin ist von sozialen Anpassungseffekten auszugehen. So nehmen Wissenschaftler*innen an, dass der soziale Aufstieg einer religiösen Bewegung immer auch deren Anpassung an das soziale Umfeld mit sich bringe: wohlhabendere Mitglieder haben mehr in der Gesellschaft zu verlieren (z.B. Jobpositionen) und werden daher die Anerkennung ihres sozialen Umfeldes suchen. Dies führt dazu, dass radikale religiöse Bewegungen sich zunehmend an die Gesellschaft anpassen und weniger radikal werden. Mit Blick auf die Pfingstbewegung würde dies bedeuten, dass sie sozial angepasster und weniger inbrünstig in ihrem Ausdrucksstil wird.

Der verlorene Geist

In meiner Forschung in Argentinien konnte ich tatsächlich solche Tendenzen beobachten. Die Pfingstkirchen der Mittelschicht unterschieden sich in den Ausdrucksformen im Gottesdienst stark von den Unterschichtskirchen. Die oben erwähnten Praktiken der Dämonenaustreibung und Heilungen waren in den Gottesdiensten nicht sichtbar. Auch wurde kaum in Zungen geredet. Die Atmosphäre in den Gottesdiensten war nicht nur ruhig, sonst fast schon steif. Während die Unterschichtsgottesdienste sehr dynamisch waren und sich an den Emotionen der Teilnehmer*innen zu orientieren schienen, wirkten die Gottesdienste der Mittelschicht strukturiert und kontrolliert.

Emotionsausbrüche waren hier nicht vorgesehen. Selbst beim Gesang taten sich große Unterschiede auf: viele der Mittelschichtsmitglieder blieben beim Gesang sitzen und hoben auch nicht die Arme in die Luft, während in der Unterschicht lautstark mitgesungen und zum Teil getanzt wurde. Die Ausgelassenheit des Geistes schien in der Mittelschicht verloren gegangen zu sein. Auch mit Blick auf die Predigten zeigten sich Unterschiede. Während die Predigten in der Unterschicht weniger im Mittelpunkt standen und oft gegenüber Heilung, Zungenrede und Gesang in den Hintergrund rückten, lag der Fokus der Mittelschichtsgottesdienste auf der Predigt, die für gewöhnlich länger ausfiel und stärker akademisch geprägt war als in der Unterschicht.

Insgesamt schien es sich bei der Mittelschicht also um ein kontrollierteres, intellektuelleres und weniger emotionales Pfingstlertum zu handeln. Besonders auffällig war, dass bestimmte Eigenschaften wie die Zungenrede und Geistheilungen, die die Pfingstbewegungen geprägt hatten, verschwunden schienen. Mit dem Rückzug der charismatischen Merkmale schien der ursprüngliche Geist verschwunden.

Charismatische Geheimhaltung

Auf den zweiten Blick jedoch wandelte sich das Bild. Tatsächlich waren die beobachteten Mittelschichtspfingstler*innen nicht weniger pfingstlich: Genauso wie andere Pfingstler*innen glaubten sie auch an die Gaben des Heiligen Geistes. Auch bei genauerem Blick auf ihre religiöse Praxis wurde deutlich, dass sie Geistpraktiken wie etwa die Zungenrede weiterhin ausübten. Dies taten sie jedoch nicht im Gottesdienst. Stattdessen praktizierten sie diese Praktiken in abgeschirmten Räumen. So berichteten mir Mittelschichtspfingstler*innen, dass sie Zuhause in Zungen reden würden, wenn andere nicht dabei seien. Aber auch die Kirchen selbst schufen spezifische Räume, die mehr Emotionalität zuließen und die Möglichkeit boten Geistpraktiken auszuüben. Etwa konnten Mitglieder nach dem Gottesdienst oder während spiritueller Retreats zusammenkommen, um Geistheilungen durchzuführen. Dabei konnte es ähnlich wie in den Unterschichtskirchen zu emotionalen und expressiven Situationen kommen. Insofern fanden sich geistbezogene Praktiken und die Emotionalität auch unter Mittelschichtspfingstler*innen. Sie waren jedoch nicht im Gottesdienst sichtbar.

Diese Elemente der Pfingstbewegung wurden zum Teil bewusst aus dem Gottesdienst verbannt, um nach außen ein „gewisses Image“ repräsentieren zu können, wie ein Pastor mir berichtete. Es ging darum, ein sozial akzeptables Pfingstler*innentum zu schaffen. Dabei werden Elemente der Pfingstbewegung, die in der argentinischen  Mittelschicht als sozial nicht-akzeptabel betrachtet werden, aus dem Gottesdienst in geschützte, weniger sichtbare Räume verbannt.

Mittelschichtsprofil

Ursprünglich eine Unterschichtsbewegung entwickelt die Pfingstbewegung anscheinend zunehmend ein Mittelschichtsprofil. Was bedeutet dies, wenn sich eine Unterschichtsbewegung zur Mittelschichtsbewegung entwickelt? Wird die Pfingstbewegung langfristig weniger charismatisch? Die Antwort darauf, hängt davon ab, worauf der Fokus liegt. Mit Blick auf die Gottesdienste scheinen die Kirchen der Mittelschicht tatsächlich weniger charismatisch zu sein. Stattdessen finden wir hier einen sozial angepassten religiösen Stil. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Mittelschichtspfingstler*innen grundsätzlich weniger pfingstlich sind. Sie sind nur mit Blick auf die Außendarstellung vorsichtiger und lassen nicht zu, dass unangepasste, pfingstliche Elemente zu leicht an die Oberfläche gelangen. Der charismatische Geist der Pfingstbewegung verschwindet nicht. Er versteckt sich nur.

Tipps zum Weiterlesen:

Koehrsen, Jens (2016): Middle Class Pentecostalism in Argentina. Inappropriate Spirits. Leiden/Boston: Brill;

Koehrsen, Jens (2017): When Sects Become Middle Class. Impression Management among Middle-Class Pentecostals in Argentina. In: Sociology of Religion 78 (3), 318–339.

Jens Köhrsen ist Assistenzprofessor für Religion und Wirtschaft am Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik (ZRWP),  2013 Promotion mit einer Arbeit über die Argentinische Pfingstbewegung im Fach Soziologie an der Universität Bielefeld und École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) in Paris.

Bild: Jens Köhrsen

Print Friendly, PDF & Email