Chillen in der Bibel

An anstrengenden Arbeitstagen, gerade jetzt, wo der Urlaub schon heiß (!) ersehnt wird – wären ein wenig Erholung, Ruhe und Schlaf sehr willkommen. In der Bibel ist davon häufig die Rede. Nicht immer jedoch ist das biblische „Chillen“ ganz ungefährlich … ein Überblick von Elisabeth Birnbaum 

Gott macht vor, wie es geht. Am siebten Tag vollendet Gott das Werk, das er getan hat, und ruht (Gen 2,2). Besonders Spitzfindige könnten nun einwenden, er habe also am siebten Tag doch noch etwas getan: nämlich sein Werk vollendet. Diese Diskussion gab es offenbar schon in vorchristlicher Zeit. Deshalb verdeutlicht die Septuaginta, die alte griechische Übersetzung der hebräischen Bibel, mit: „Am sechsten Tag vollendete Gott sein Werk … und am siebenten Tag ruhte er von all seinem Werk …“

„… und Gott chillte“

Wie dem auch sei, Gottes Ruhen war Grund genug, den Sabbat, den siebenten Tag der Woche, für alle verbindlich zum Ruhetag zu machen. Daraus spricht auch eine sehr große soziale Verantwortung. Ruhen soll nämlich nicht nur die privilegierte Oberschicht, sondern jede und jeder, auch „dein Sklave und deine Sklavin und dein Vieh und dein Fremder in deinen Toren“ (Ex 20,10). So wird klar, dass Sabbat und Arbeit inkompatibel sind – für alle Menschen. Dass mit der Ruhe Erholung und befreites Atemschöpfen einhergehen, wird in Exodus 31,17 betont: Denn zur Begründung des Sabbatgebotes heißt es: „Am siebten Tag ruhte er (Gott) und atmete auf“!

Powernapping für den Gottes-Dienst

Ruhen und aufatmen ist also nicht nur erlaubt, sondern auch wichtig und sogar göttlich geboten. Auch Jesus mahnt seine Jünger gelegentlich, sich zu erholen und von den Anstrengungen auszuruhen (z.B. in Mk 6,31). Für manche, die sich in ihrem Dienst für Gott aufarbeiten, ist so eine Erholungspause auch höchst notwendig. Einer davon ist der Prophet Elija. Mit ganzem Eifer und manchmal auch mit roher Gewalt kämpft er für die Sache Gottes, bis er erschöpft und ausgebrannt in ein – heute würden wir sagen: Burnout schlittert. Erst im Schlaf sammelt er neue Kräfte und kann dadurch, gestärkt von einem Engel, seinen Weg fortsetzen (1 Kön 19,5-8).

Und sogar Jesus benötigt Erholung und Ruhe, auch wenn seine Jünger das nicht gern sehen. Zumindest dann nicht, wenn Jesus genau dann schläft, wenn sie sich auf einem See befinden und ringsum ein Seesturm tobt. Sie wecken Jesus und er stillt den Sturm (Mk 4,38//Lk 8,23).

Flucht in den Schlaf

Umgekehrt schlafen die Jünger in Jesu schwerster Stunde am Ölberg (Mt 26,36–46). Und hier hilft das Aufwecken nichts. Möglicherweise schlafen sie auch gar nicht aus Erschöpfung oder Desinteresse, sondern flüchten in den Schlaf, weil sie sich dem angekündigten Leiden Jesu nicht gewachsen fühlen.

Schlafen als eine Form der Wirklichkeitsverweigerung, das könnte auch bei Jona der Fall gewesen sein. Der etwas andere Prophet empfängt Gottes Auftrag, nach Osten in die Stadt Ninive zu gehen. Doch statt genau das zu tun, begibt er sich auf ein Schiff, das exakt in die entgegengesetzte Richtung, nach Westen fährt. Und nicht genug damit, flüchtet er sich in den tiefsten Bauch des Schiffes und in einen tiefen Schlaf. Seine Emigration ist also dreifach: horizontal nach Westen, vertikal in den Schiffsbauch und internal in den Schlaf (Jona 1,5–6). Doch auch dort wirkt Gott und die dreifache Flucht ist vergeblich. 

Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen …

„In Frieden schlafen“ zu können, ist aber auch eine Gunst, die nicht allen Menschen zuteil wird. Und bei einigen Auserwählten ist der Schlaf sogar ein Ort der Gottesbegegnung. Schon Abraham – zu der Zeit noch unter dem Namen „Abram“ – empfängt eine göttliche Verheißung. Es ist zwar nicht die angenehmste und schönste, aber kündigt immerhin neben jahrhundertelanger Unterdrückung des Volkes doch auch die letztendliche Befreiung aus der Sklaverei an (Gen 15,12–16).

Für andere ist der Schlaf erfreulicher. Jakob etwa darf von der bekannten Himmelsleiter und von auf- und niedersteigenden Engeln träumen. Und dazu empfängt er noch die Verheißung von Nachkommenschaft und eigenem Land (Gen 28,10ff.). Auch der junge Samuel darf Gottes Stimme zum ersten Mal im Schlaf hören. Dreimal wird er von ihm gerufen, dreimal glaubt er, es sei sein Meister, der ihn gerufen habe. Erst beim dritten Mal versteht der Meister und hilft ihm sich der göttlichen Stimme zu öffnen (1 Sam 3,5).

Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf (Ps 127,2)

Wer sich von Gott geliebt fühlt, kann also auf positive Früchte dieses Schlafes hoffen. „Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf“ ist ein gern zitierter Vers aus Psalm 127 (Ps 127,2). Buchstäblich wahr wird das im Garten Eden. Als der Mensch im „Paradies“ unter allen Geschöpfen keinen Gefährten findet, der ihm ebenbürtig wäre, lässt Gott einen tiefen Schlaf auf ihn fallen. Und als er erwacht, steht vor ihm „Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch“ (Gen 2,23): die Frau. Sie macht ihn zum Mann, denn erst ab da wird der Mensch als ischa (Frau) und isch (Mann) bezeichnet. Das zeigt auch die enge Verbundenheit zwischen den beiden, die sich längst nicht nur auf die entnommene Rippe beschränkt (Gen 2,21).

Ein ähnlich überraschendes und ähnlich angenehmes Erwachen hat wohl der reiche Boas erlebt. Als er erwacht, findet er in seinem Bett die junge, hübsche Rut. Er tut, was ein Gentleman tun muss: Er schickt sie zunächst weg und heiratet sie dann in allen Ehren (Rut 3,7ff.).

Wie lang, du Fauler, willst du noch daliegen? (Spr 6,9)

Nicht immer ist die Überraschung jedoch so angenehm. Daher wird auch nicht selten vor Schlaf gewarnt, vor allem dann, wenn er nicht die Gottesfürchtigen, sondern die Trägen, Lauen oder gar Bösen befällt. Zu langer Schlaf wird bereits zur „Faulheit“ gerechnet, und auf die folgt zwangsläufig die Armut (vgl. Spr 6,9; 20,13).

Nicht seinen Besitz, sondern seine Kraft verliert der mit übermenschlicher Stärke gesegnete Simson. Seine Feinde lauern ihm wiederholt bei Nacht auf, aber umsonst. Bis Simson den entscheidenden Fehler begeht. Er lässt sich von Delila das Geheimnis seiner Kraft entlocken und schläft danach auf ihren Knien ein. Die Folge: Sie ent-lockt nun auch ihn selbst – im wahrsten Sinn des Wortes. Sie schneidet ihm seine Locken ab, die Wurzel seiner Kraft, und seine Feinde können ihn leicht überwinden (vgl. Ri 16,16-21).

Noch schlimmer trifft es den jungen Eutychus. Als er einer nicht enden wollenden Rede des Paulus zuhört, fällt er zuerst in tiefen Schlaf und danach aus dem Fenster des dritten Stocks.  – er kann von Paulus wieder lebendig gemacht werden (Apg 20,9ff.).

Im Falle von Sisera oder Holofernes endet die Geschichte nicht so glimpflich:  Beide ereilt ein eher unrühmliches Ende ihrer erfolgreichen Feldherrenkarriere. Der erste übernachtet bei einer scheinbar freundlichen Dame namens Jaël, die ihm des Nachts einen Zeltpflock durch die Schläfe rammt (Ri 4,21). Der zweite lädt sich die Feindin, eine gewisse Judit, ins eigene Zelt und betrinkt sich aus Vorfreude auf die Vergewaltigung so grundlegend, dass er auf seinem Bett einschläft. Da praktischerweise sein Schwert am Bettpfosten hängt, wird dieser Schlaf zu seinem letzten (Jdt 13,1–10).

Theologie des Ausruhens

Aus dem kleinen Überblick wird deutlich: Chillen und Powernapping sind ganz im Sinne Gottes. Bei längerem Schlaf hingegen sollte zumindest beachtet werden,

  1. in wessen Gesellschaft man einschläft,
  2. ob die räumlichen Umstände für einen gefahrlosen Schlaf geeignet sind, und
  3. ob die Bereitschaft für (positive oder negative) Überraschungen ausreichend vorhanden ist.

In diesem Sinne wünsche ich gute, biblische Erholung!

Elisabeth Birnbaum ist Direktorin des Österreichischen Katholischen Bibelwerks und seit Juni 2018 Mitglied der Redaktion von Feinschwarz.

Bild: pixabay.com        

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