Wer in der Bibelvermittlung tätig ist, hat den Satz schon sehr oft gesagt: „Die Bibel ist kein Tatsachenbericht“. „Dann ist das alles nur ein Märchen!?“, lautet häufig die enttäuschte Reaktion. Elisabeth Birnbaum über Textsorten der Bibel und sinnvolle Erwartungshaltungen.
Tatsachenbericht, Märchen und Erwartungshaltungen
Wenn ein Buch mit den Worten beginnt: „Es war einmal“, wissen die Leser:innen, dass nun ein Märchen folgt und stellen sich in ihren Erwartungen darauf ein. Sie werden nicht verunsichert sein, wenn plötzlich Bäume sprechen oder gute Feen herabschweben. Es wird das Lesevergnügen nicht schmälern, wenn sich naturwissenschaftlich unmögliche Phänomene ereignen, Menschen an andere Orte versetzt werden oder Gänse goldene Eier legen. Das Märchen benötigt keinen Faktencheck und keine nachprüfbaren Quellen. Stattdessen dürfen Lesende über den tieferen Sinn der Erzählung nachdenken.
Wenn ein Buch mit den Worten beginnt: „Es war einmal“, wissen die Leser:innen, dass nun ein Märchen folgt
Berichte wiederum haben den Anspruch, nachweisbar wissenschaftlich korrekte Fakten zu liefern. Phantasie ist dafür nicht notwendig, im Gegenteil. Sprachlich und inhaltlich erfordern sie Nüchternheit und innere Distanz. Übernatürliche Phänomene und nicht überprüfbare Wahrnehmungen haben darin nichts verloren. Wird die Darstellungsweise dem Kriterium „faktisch wahr“ nicht gerecht, wird so ein Bericht zu „Fake News“.
Wer die eine Textsorte nicht von der anderen unterscheiden kann, wird den Text im besseren Fall einfach nicht verstehen und beiseitelegen. Im schlechteren wird er die falschen Fragen stellen, falsche Schlüsse ziehen und falsche Handlungen setzen.
Wenn ich das Märchen von Rotkäppchen als Tatsachenbericht verstehe, werde ich viel Zeit damit verbringen, das Geschehen historisch einzuordnen, werde eine Ausgrabungsexpedition entsenden oder gar Wölfen den Bauch aufschneiden, um nach anderen Großmüttern zu suchen. Wenn ich einen Tatsachenbericht eines kriegerischen Überfalls als Märchen einordne, werde ich verabsäumen, mich in Sicherheit zu bringen oder Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen.
Textsorten in der Bibel
Die Bibel ist weder ein Märchen noch ein Bericht. Das hat sich jedoch ebenso wenig flächendeckend herumgesprochen wie die Erkenntnis, dass in der Bibel sehr viele verschiedene Textsorten zu finden sind. Im Gegenteil. Oftmals macht die Gleichbehandlung aller Texte in Lesungsordnung und Predigt es fast unmöglich, mit dieser Erkenntnis durchzudringen. Die eingangs beschriebene Reaktion vieler Bibelleser:innen zeigt, dass in vielen Ohren „Tatsachen“ und „Wahrheit“ in eins fällt. „Kein Tatsachenbericht“ klingt dann wie: „Die Bibel ist nicht wahr“, und das wiederum wird mit Märchen gleichgesetzt.
Die Bibel ist weder ein Märchen noch ein Bericht.
Erschwerend kommt hinzu, dass manche der biblischen Textsorten heute nicht mehr gebräuchlich sind und sich Ungeübten daher nicht leicht zu erkennen geben. Kein „Es war einmal“ und kein „Es folgen die Nachrichten“ zeigt ihnen an, wie ein Text verstanden werden will. Doch es wäre nicht nur ein spiritueller Gewinn, sondern eine fast unabdingbare Notwendigkeit, ein Gefühl für Textsorten zu entwickeln, um mit der richtigen Erwartungshaltung an einen Bibeltext heranzugehen.
Beispiel „Evangelium“
Leicht verständlich ist noch die Textsorte „Gleichnis“. Wenn Jesus von zwei Söhnen erzählt, die unterschiedlich handeln, erwartet niemand, den genauen Wohnort oder ihre Lebensdaten recherchieren zu können oder zu müssen. Stattdessen steht die Kernaussage des Gleichnisses im Zentrum des Interesses. Doch bereits die Textsorte „Evangelium“ wird häufig missverstanden. Zur Zeit der Abfassung des Neuen Testamentes war sie weit verbreitet und bekannt. Die frohe Botschaft, oft etwas pathetisch vorgebracht, war eine Huldigung an den Machthaber und diente der Propaganda. Wenn der Evangelist Markus das Wort verwendet, spielt er diese Aspekte ein, um für seinen einzigen „Kaiser“ und „Erlöser“, Jesus von Nazaret, zu werben und ihn von den weltlichen Herrschern abzuheben. Das ist etwas anderes als ein Bericht und auch etwas anderes als ein Märchen.
Beispiel „Verdichtete Erzählung“
Eine heutzutage noch weniger gebräuchliche Textsorte findet sich in der Bibel häufig. Man könnte sie „verdichtete Erzählung“ nennen. Ein Kennzeichen der Textsorte ist das Nebeneinander von Fakt und Fiktion, von Bericht und Erfindung. Sehr greifbar wird das im Juditbuch. Schon die Personen dieses Buchs sind Fakt und Fiktion zugleich. Der mächtige Feind im Juditbuch ist Nebukadnezzar, „der in der großen Stadt Ninive als König der Assyrer regierte“ (Jdt 1,1 EÜ). Das ist historisch gesehen unrichtig, aber auch nicht einfach erfunden.
Ein Kennzeichen der Textsorte „verdichtete Erzählung“ ist das Nebeneinander von Fakt und Fiktion
Das assyrische Reich war ein mächtiges Reich, das 722 v. Chr. das Königreich Israel erobert und Teile der Bevölkerung deportiert hat. Seine Hauptstadt war Ninive. Nebukadnezzar war der mächtige König der Babylonier, der 587 v. Chr. das Königreich Juda erobert, den Tempel von Jerusalem zerstört und die Oberschicht ins Babylonische Exil geführt hat. Die beiden Königreiche, die aus dem einen, geeinten Reich Israel hervorgegangen waren, waren danach keine eigenständige Monarchie mehr. Die beiden Geschehnisse zählen daher zu den absoluten Tiefpunkten in der Geschichte Israels. Dementsprechend negativ werden Assyrer und Babylonier in der Bibel bewertet. In „Nebukadnezzar, dem König der Assyrer“ werden die beiden feindlichen Großmächte zusammengedacht und zu einer umfassenden Gefährdung kombiniert.
Verdichtete Theologie
Noch ungewöhnlicher ist die Textsorte, die etwa im Exodusbuch anzutreffen ist. Auch hier verdichtet die Erzählung, doch noch mehr als etwa im Juditbuch stehen prinzipielle theologische Überzeugungen und Erfahrungen im Vordergrund. Statt jedoch diese Inhalte systematisch-theologisch in einem Traktat abzuhandeln, vermittelt die Bibel in einer Erzählung, dass Gott die Menschen grundsätzlich gegen alle Wahrscheinlichkeit erretten kann. Die Anbindung an konkrete geschichtliche Einzelereignisse ist noch loser als im Juditbuch. Auch hier gilt: Auf die Erwartungshaltung kommt es an. Manche Gläubige erwarten einen Tatsachenbericht. Die Spekulationen, welcher historische Pharao sich hinter dem ägyptischen Unterdrücker der Israeliten verbirgt, füllen Bände, genauso wie die angeblich genauen geografischen Routen des Auszugs. Andere erfahren, dass es wissenschaftlich keine Belege für den in der Bibel geschilderten Auszug gibt, und tun die Erzählung enttäuscht als „Märchen“ ab oder sehen keine tiefere Bedeutung darin.
Übertroffene Erwartungen
Weder die Textsorte „Evangelium“, noch die der „verdichteten Erzählung“ lässt sich mit der Schablone „Tatsachenbericht“ oder „Märchen“ auch nur annähernd fassen. In beiden Fällen verhindert die Verkennung der Textsorte, dass Bibeltexte als dichte, theologisch fundierte, komplexe Auseinandersetzungen mit Gott, Mensch und konkreter Geschichte erkannt werden. Jenseits von „Es war einmal“, aber auch jenseits von „So war es tatsächlich“. Ihre Wahrheit liegt weder in fact noch in fiction, sondern in faith. Wer Bibel liest, darf sich keinen Tatsachenbericht erwarten, aber auch kein Märchen, sondern viele unterschiedliche Textsorten, die jede Erwartungshaltung übersteigen.
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Elisabeth Birnbaum, Wien, ist promovierte Alttestamentlerin und seit 2017 Direktorin des Österreichischen Katholischen Bibelwerks.
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