Christliche Dominanzstruktur birgt Verantwortung

Christliche Dominanzstruktur

Trotz sinkender Mitgliederzahlen besitzen die Kirchen noch immer eine grosse Deutungshoheit in der Gesellschaft. Das Bewusstsein dafür ist aber gering. Anna-Lena Passior plädiert dafür, dass die Kirchen mehr zuhören und Dominanzstrukturen abbauen.

O du ungerechte, O du ignorierte,
christliche Dominanzstruktur…
Ignoranz gegenüber der eigenen Macht

Ich sitze mit zwei Pullis und einer Regenjacke bekleidet auf einer Wiese vor dem Landgericht in Magdeburg. Heute ist der 13. Oktober 2020 und der Halle-Prozess wird fortgesetzt. Es handelt sich um den Gerichtsprozess gegen den Attentäter des antisemitischen, rassistischen und frauenfeindlichen Anschlages in Halle am 09.10.2019. Die Kundgebung vor dem Gerichtsgebäude will die Nebenkläger*innen sowie Betroffenen des Anschlags supporten, sowie die Kontinuitäten von Gewalt sichtbar machen.

Es ist traurig, aber wahr: Ich glaube, ich war noch nie auf einer Kundgebung, die so viel Platz für Betroffene von Antisemitismus, Rassismus und anderen Diskriminierungsformen geschaffen hat – auf jeden Fall nicht nur für weiße cis-Männer. Der Raum wird von Stimmen abseits der weißen, heteronormativen, christlichen Hegemonie gefüllt. Das zeigt sich für mich nicht nur in den Redebeiträgen, sondern auch in der Moderation und den Übersetzungsangeboten. (Wie sehr wünschte ich mir das auch für kirchliche Veranstaltungen!)
Für mich ist die Kundgebung ein Ort der Solidarität, aber als weiße Christin auch ein Lernort als Zuhörerin.

Eine Kundgebung, die so viel Platz für Betroffene von Antisemitismus, Rassismus und anderen Diskriminierungsformen geschaffen hat.

Zwei Aussagen haben mich auf der Kundgebung besonders berührt. Die Jüdin Christina Feist, Nebenklägerin im Halle-Prozess, teilte mit uns ihre Wut über die Gedenkveranstaltungen: „Ich bin hier, um meine Wut mit euch zu teilen. Weil ihr es mir erlaubt.“ Feist kritisiert das staatliche Gedenken in Halle, bei dem keine unterschiedlichen jüdischen Perspektiven einbezogen wurden. Sie kritisiert, dass die Gedenkveranstaltung in einer alten Kirche stattfand und als Zeichen des Gedenkens Kirchenglocken geläutet wurden. Das Christentum besitzt hier die Deutungshoheit über staatliche Trauerkultur. Christliche Rituale bilden den Rahmen, während jüdische Betroffene nur in geringem Maße in den Entscheidungsprozess eingebunden werden.1 Die jüdische Aktivist*in Nui* forderte, dass wir die christliche Dominanzstruktur hinterfragen müssen.

Papst Franziskus meint, dass das Christentum „keine dominante Größe“ mehr sei, die „Leitkultur“ sei nicht mehr christlich.2 Und er ist da bei weitem nicht der lauteste Vertreter. Auch bei den deutschen Kirchenvertretern (seltener Kirchenvertreter:innen) ist diese kirchenbezogene Larmoyanz präsent. Ich möchte dem widersprechen. Ich glaube, das Christentum ist sich seiner Dominanz und Macht nicht bewusst. Und an den Stellen, wo sich Kirche ihrer Macht bewusst ist, wird diese nicht analysiert, reflektiert, geschweige denn Verantwortung aus ihr erschlossen.

Das Christentum ist sich seiner Dominanz und Macht nicht bewusst.

Das Christentum bestimmt auch trotz sinkender Mitgliederzahlen und Einflussverlust den hegemonialen Diskurs in Deutschland. Es handelt sich um einen gesellschaftlicher Prozess, in dem immer wieder bestimmte Perspektiven auf die Welt und Menschen reproduziert und bestätigt werden und dem immer noch die Mehrheit der Gesellschaft zustimmt. Nicht-christliche, z.B. jüdische oder muslimische Perspektiven werden in zu vielen Bereichen nicht wahrgenommen.

Ich stelle die These auf, dass sich große Teile der Kirche dieser christlichen Deutungshoheit nicht bewusst sind. Meiner Ansicht nach muss die christliche Dominanzstruktur analysiert und reflektiert werden, sowie aus ihr heraus eine Verantwortung wahrgenommen werden. Diese Analyse und Reflektion nehme ich aber nicht systemintern, sondern meist nur in anderen Bereichen, wie auf der Kundgebung in Magdeburg bei den Halle-Prozessen wahr. An vielen Orten werden etablierte Arrangements und entsprechende Dominanzstrukturen hinterfragt, an vielen Orten wird die christliche Dominanzstruktur hinterfragt – an vielen Orten, aber nicht in Kirche selbst.

Die Deutungshoheit zugeschrieben zu bekommen, birgt Verantwortung. Kirche nimmt diese Verantwortung nicht wahr, weil sie sich ihrer Macht nicht bewusst ist und die christliche Dominanzstruktur nicht analysiert und reflektiert. Ich glaube die Zuschreibung der Deutungshoheit entspricht oft dem Selbstverständnis von Kirchenvertreter:innen. Trotz des Wehklagens über Dominanzverlust reklamieren Kirchenvertreter:innen doch gerne die Deutungshoheit. Hier braucht es eine verantwortungsvolle, kritische Reflexion des Selbstverständnisses.

Die Deutungshoheit zugeschrieben zu bekommen, birgt Verantwortung

Ein weiteres Beispiel dafür, wie selbst im interreligiösen Bereich sich die Kirchen der christlichen Dominanzstruktur nicht bewusst sind, erlebte ich bei einer Ausbildung für „Interreligiöse Dialogbegleiter:innen“. Ich konnte dies selbst erst zwei Jahre nach dem Seminar reflektieren, weil auch mir die Deutung und Begrifflichkeiten fehlten. Die Seminarteilnehmer:innen waren zur Hälfte muslimisch und christlich. Doch die Seminarleitung war nur christlich, die Seminarorte waren immer christliche Bildungsstätten, die analysierten Texte kamen aus dem christlichen Kontext und zu guter Letzt gab es keine Einheit zum Thema „Rassismus“. Aufgrund des steigenden antimuslimischen Rassismus ist für mich eine antirassistische Auseinandersetzung im Kontext des interreligiösen Dialogs unabdingbar. Auch hier stelle ich die These auf, dass es kein kritisches Bewusstsein für die christliche Dominanzstruktur gibt.

Eine antirassistische Auseinandersetzung im Kontext des interreligiösen Dialogs ist unabdingbar.

Auch die Diskussionen um die Maßnahmen bezüglich der Corona-Pandemie lassen die christliche Dominanzstruktur erkennen. Am 28. Oktober twitterte Max Czollek: „Will nur kurz darauf hinweisen, dass der harte Maßnahmen-Katalog mit Weihnachten begründet wird. So much of christliche Leitkultur und der Frage, für welche gesellschaftlichen Gruppen und Interessen der Laden gerade ein zweites Mal runtergefahren wird.“3 Christina Feist unterstützte Czolleks Aussage: „Stimmt. Hier eine Liste der Feiertage, die ich dieses Jahr allein zu Hause gefeiert hab: Purim, Pessach, Shavuot, Rosh, Hashana, Sukkot, Simchat Torah. Und so wie es aussieht, wir auch Hanukka dazu gehören.“4 Von kirchlicher Seite wird hier dann oft mit der „kulturellen Überformung“ von Weihnachten argumentiert. Ich glaube, man kann das religiöse Fest und die kulturelle Umformung nicht trennscharf abgrenzen. Doch dieses Argument darf nicht der letzte Satz im Diskurs sein, sondern Kirche sollte diesen Spiegel, wie von Max Czollek, zur ehrlichen Reflexion des eigenen Selbstverständnisses und der eigenen Macht nutzen.

Einen Anfang in der Reflexion der eigenen Privilegien sehe ich gerade im Teil-Lockdown, wenn Kirchen ihre aufgrund der Religionsfreiheit privilegierte Stellung nutzen könnten, um Künstler:innen in ihren Gottesdiensten Raum zu geben. Doch wenn ich ehrlich bin, betrifft das nur wenige Kirchengemeinden und liegt meist an einzelnen, engagierten Menschen. Die meisten haben auch jetzt, wo es so offensichtlich ist, noch nicht mitbekommen, wie privilegiert sie als Christ:innen sind.

Kirchen könnten ihre aufgrund der Religionsfreiheit privilegierte Stellung nutzen.

Nun sitze ich an meinem Schreibtisch, mit den Gedanken bei der Kundgebung zu den Halle-Prozessen in Magdeburg, neben mir ein Bücherstapel: Max Czolleks „Gegenwartsbewältigung“, Tupoka Ogettes „Exit Racism“, Sophie Passmanns „Alte weiße Männer“. Und ich weiß, meine Aufgabe als weiße Christin, als Teil der Mehrheitsgesellschaft ist das Zuhören. Und ich wünschte mir, dass die Kirche im Ganzen sich zurücknimmt, zuhört und Dominanzstrukturen abbaut. Zu dem Zuhören gehört auch, die eigenen Privilegien zu nutzen, um anderen eine Stimme zu geben und Raum für ihre Geschichten, ihre Perspektiven zu schaffen. Denn es geht nicht um den Erhalt von Macht als christliche Institution, sondern um den Raum für das Reich Gottes.

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Anna-Lena Passior ist Religionspädagogin und momentan in der berufsübergreifenden Ausbildung im Bistum Hildesheim.

Bild: geralt / pixabay.com

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