Dag Hammarskjöld: Ein Radikal-Spiritueller im Dienst der UNO

Als UNO-Generalsekretär wurde Dag Hammarskjöld in der Zeit des Kalten Krieges nicht nur zu einem wichtigen Vermittler. Johannes Lorenz verweist anlässlich seines 60. Todestages auf einen spirituellen Menschen und Christen, der bis heute wichtige Impulse gibt.

Am 17. September 2021 jährt sich zum sechzigsten Mal der Tag, an dem der ehemalige Generalsekretär der UNO, Dag Hammarskjöld, ums Leben kam.

Es lohnt sich, seine Gestaltung der UNO im Einsatz für eine friedlichere Welt in den Blick zu nehmen. Insbesondere sein Eintreten für den Multilateralismus und seine Vision einer ethisch-moralischen Entwicklung der Menschheit, die immer komplementär zur Entwicklung von Technik, Wissenschaft und Recht fortschreiten sollte. Vertragliche Rahmenbedingungen allein zu ändern, genügten ihm für einen echten Fortschritt nicht. Das sei einseitige „Verfassungsmagie“1, so Hammarskjöld 1954 in einer Rede an der Columbia Universität.

Man wird sich seiner Integrität erinnern müssen, die exemplarisch Anfang der 1960er Jahre sichtbar wird, als der Chef der Kommunistischen Partei der UDSSR Nikita Chruschtschow ihm mangelnde Neutralität vorwarf. Zwar kann niemand politisch neutral sein, davon war Hammarskjöld überzeugt. Jedoch sah er sich selbst zum „politischen Zölibat“ verpflichtet. Darunter verstand er die Fähigkeit, sich zur eigenen politischen Präferenz verhalten zu können, um diese in den Entscheidungsprozess mit einzubeziehen zu können.2 Hammarskjölds Rede an der Universität Cambridge, die eindringlich vor den Gefahren wachsenden Misstrauens warnte, sollte – besonders heute – wiedergelesen werden. Auch sein tragischer Tod bei einem Flugzeugabsturz im zentralafrikanischen Sambia kann nicht unerwähnt bleiben, zumal es seit Juli 2019 neue Untersuchungen zum Flugzeugabsturz 1961 gibt. Waren es Geheimdienste, die Hammarskjölds Eintreten für die Unabhängigkeit des damaligen Katangas unterbinden wollten? War es ein Unfall? Bis heute werden offensichtlich Informationen zurückgehalten.

Die kritische Lektüre eines Notizbuches

Neben all dem darf eine kritische Lektüre von Hammarskjölds Notizbuch „Zeichen am Weg“ (schwedisch: Vägmarken) nicht ausbleiben.3 Darin trifft man auf einen faszinierenden Radikal-Spirituellen.
Seine schonungslose Innenschau, mit der er den verborgensten Motiven seines Handelns und Glaubens auf die Spur zu kommen versuchte, beeindruckt bis heute. Welche Fallstricke lassen aus einem vermeintlich guten Motiv ein korrumpiertes werden? Hinter welchen Fassaden steckt der Egoismus, besonders jener, der sich im stolzen Bekenntnis zum eigenen Egoismus verbirgt? „Als Luzifer sich rühmte, was er auf Engelswegen gewirkt, da wurde er zum Werkzeug des Bösen.“ (Zeichen, 77) Hammarskjölds gnadenlose Sezierarbeit an der eigenen Seele bringt Facetten menschlicher Selbstgerechtigkeit zum Vorschein, die allen frommen und demütigen Menschen Mahnung sein können. Immer auch versuchte er die „Besitzlust“ der menschlichen Seele zu überwinden, die in falsche Abhängigkeiten führt: „Dieser unheilbare Trieb, in Besitz zu nehmen […]“. (Zeichen, 32) Natürlich schreibt und denkt in „Zeichen am Weg“ ein pietistisch-lutherisch geprägter Protestant. Mit aller Schärfe versuchte er den unheilbaren Verstrickungen der menschlichen Seele in die Sünde, d.h. in die Betonbunker des Egoismus, reflexiv auf die Spur zu kommen.

Ein politisches Leben als Hingabe?

Wie sehr ein derart radikales Selbstsezieren einerseits beeindruckt, so sehr bringt andererseits die gnadenlose Strenge gegenüber den Unvollkommenheiten des Menschseins bisweilen eine beängstigende Kälte zum Vorschein. Hammarskjölds erster Eintrag lässt erahnen, wohin seine innere Reise ihn, den „klar schlichte[n] Ton/ im Schweigen“ trieb: ins fremde, eisluftkalte Land – still und ortlos. (Zeichen, 17) Bis zum Ende wird ihm der Tod als Begleiter vor Augen stehen und lange den Ort seiner wahren Selbsterkenntnis – ganz existentialistisch – bilden. Niemals suizidal, sondern als Selbstopfer für die größere Sache: die Gerechtigkeit und der Friede.

Ein Kritiker warf Hammarskjöld 1965 in einem Spiegel-Interview vor, die Bodenhaftung verloren, an einem Christuskomplex gelitten und sich am Ende selbst getötet zu haben.4 Die Selbstmord-These spielt heute keine Rolle mehr. Hammarskjölds wachsende Überzeugung, sich selbst als christusanaloge Gabe zu deuten, lässt sich jedoch nicht von der Hand weisen. Christus, der expressis verbis im Notizbuch nicht vorkommt, ist ihm selbst erstaunlich ähnlich: „Ein junger Mann, streng in seiner Hingabe an das Leben, der den Weg seiner Möglichkeit ohne Selbstbedauern oder ein Bedürfnis nach Mitleid zu Ende geht in das selbstgewählte Schicksal […].“ (Zeichen, 43) Für Hammarskjöld scheint die Selbsthingabe, die Form seiner persönlichen Christus-Nachfolge geworden zu sein. Hat er deshalb an einem Komplex gelitten?

Ein Mensch mit innerer Freiheit

Auch wenn seine radikale Opferbereitschaft heute befremdet, deuten die Einträge darauf hin, dass dem stets an Einsamkeit Leidenden tatsächlich innere Freiheit zuteilwurde, die er als Gotteserfahrung, als „Zwiegespräch“, deutete. Gott war ihm ein Du, das ihn innerlich frei machte, ein sich in der Stille vollziehender Begegnungs-Ort der unbedingten Anerkennung seiner selbst.
Ganz sicher stärkte diese Quelle seine äußere Haltung der Unabhängigkeit als überparteiischer Friedensvermittler. „Das mystische Erlebnis: Jederzeit, hier und jetzt – in Freiheit, die Distanz ist, in Schweigen, das aus Stille kommt. Jedoch – diese Freiheit ist eine Freiheit unter Tätigen, die Stille eine Stille zwischen Menschen. […] Der Weg zur Heilung geht in unserer Zeit notwendig über das Handeln.“ (Zeichen, 68)

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Autor: Johannes Lorenz ist Studienleiter für Weltanschauungsfragen und Lebenskunst an der Katholischen Akademie Rabanus Maurus/ Haus am Dom in Frankfurt.

Foto: Daryan Shamkhali / unsplash.com

  1. Vgl. Ansprache des Generalsekretärs der Vereinten Nationen anlässlich der 200-Jahrfeier der Columbia University, in: Stephan Mögle-Stadel(Hg.), Dag Hammarskjölds Vermächtnis, Heidenheim 2005, 142.
  2. Vgl. Andreas Th. Müller, „The Most Impossible Job on This Earth“. Dag Hammarskjöld als UN-Generalsekretär und Staatsmann, in: Andreas Th. Müller, Jodok Troy (Hg.), Ein Mann, der wurde, was er konnte. Dag Hammarskjöld zum 50. Todestag, Berlin 2012, 37ff.
  3. Zitiert aus, Dag Hammarskjöld, Zeichen am Weg, München/Zürich, 1965.
  4. „Der Spiegel“, Nr.31/1965, 71.
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