„Butter bei die Fische geben….“ – und Verantwortung übernehmen!

Gesellschaftliche Diskurse, politische Entscheidungen und kirchliche Reformen benötigen vor allem Interesse und die Bereitschaft, auch persönlich Verantwortung zu übernehmen. Verena Wodtke-Werner plädiert im Vorfeld der deutschen Bundestagswahl für ein engagiertes Einbringen.

„Butter bei die Fische geben“ ist eine bekannte Redewendung, die aus Norddeutschland stammt, aber in allen Himmelsrichtungen der Republik verstanden wird. Natürlich kommt sie aus der Fischküche des hohen Nordens, in der erst kurz vor dem Verzehr der Speise Butter zum Fisch gereicht wurde, weil man damit, nach Ansicht der Zubereitenden, zum Wesentlichen kommt!
Die Formulierung bedeutet, dass man nicht lange drum herum redet, sondern zur Sache kommt, Dinge ehrlich auf den Punkt bringt, Klartext redet. Letztlich Dinge anpackt und dafür auch als Person, als Institution oder Interessengruppierung mit allen Folgen einsteht, ohne nach dem eigenen Profit oder den Claqueur:innen des öffentlichen und wirtschaftlichen Raums zu schielen.

Nur wenige übernehmen Verantwortung
und packen an!

All dies vermisse ich im politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Umfeld. Bischof Bätzing konstatiert, wie jüngst in der FAZ zu lesen war, eine schwere Vertrauenskrise der katholischen Kirche und meint, „vielleicht verbindet uns das mit Politikern“[1].
Die Vertrauenskrise hat die Amtskirche – insbesondere der leitende Klerus – bekanntlich selbst gemacht und selbst verschlimmert. Sie kommt eben nicht wirklich zur Sache: sie ist nach wie vor weit entfernt von einer tatsächlich unabhängigen Aufarbeitung der Missstände um den sexuellen Missbrauch und bekommt dessen jahrzehntelange und anhaltende Vertuschung nicht in den Griff. Für die anstehenden und immer lauter werdenden Forderungen nach Veränderung durch die letzten Getreuen steht kaum ein Kirchenoberhaupt wirklich mit Persönlichkeit und Amt ein. Nur wenige übernehmen Verantwortung, packen Reformen an und setzen sie frei von Angst um, gleich, was die Amtsbrüder in den Bistümern oder in Rom dazu meinen. Die von den Bischöfen beklagte Säkularisierung stellt niemand in Abrede, aber die eigenen Gläubigen mit dieser Kultur der Konsequenzlosigkeit zu vertreiben, das ist schon eine Meisterleistung, die fassungslos macht.

Parallel kirchlicher und politischer Blockaden

Gibt es Analogien zum Vertrauensverlust im Politikalltag, wie Bischof Bätzing fragend anmerkt? Woher rührt  das Misstrauen in der Bevölkerung, das sich in der Protestwahl extremer Positionen oder in Wahlabstinenz Ausdruck verleiht? Die Situation scheint in einem demokratischen System, indem es mannigfache Kontrollinstanzen gibt, doch etwas anders gelagert zu sein: Bisweilen gewinnt man den Eindruck, das besagte Parkett in der Politik ist nicht deshalb  glatt , wie oft behauptet wird, weil Gegner:innen aus eigenem oder fremdem Lager mit Intriganz arbeiten, um Konkurrent:innen  zu Fall zu bringen, sondern mir scheint, dass unsere Volksvertreter:innen  den Boden auf dem sie stehen zuvor selbst so glattpoliert haben, dass sie darauf kaum stehen können oder vielleicht auch gar nicht stehen wollen!

Lieber vage bleiben?

Im Bild gesprochen bedeutet es für dieses Klientel: in Wahlprogrammen oder durch öffentliche Äußerungen Fakten zu benennen, auch harte Konsequenzen aufzeigen, beispielsweise Einschnitte im Bereich der Finanzen, des Klimawandels, der Migration, wird gar nicht beabsichtigt. Lieber verbleibt man in einer „rutschigen Wagheit“, um sich an nichts wirklich messen lassen zu müssen, was einen später zu Fall bringen könnte. Die Bereitschaft, Verantwortung mit der eigenen Person für Worte und Taten zu übernehmen wird dadurch gerade bewusst vermieden. Ein Vertuschen ist natürlich auch in der Politik möglich, aber doch etwas schwieriger als in der Kirche. Der Weg, im Wagen zu bleiben ist einfacher, aber nicht vertrauensbildender.

nicht verzögern, was ohnehin kommt.

Wir stehen weltweit vor großen globalen und umfänglichen Transformationsprozessen und Notwendigkeiten, die nicht im eigenen Beritt gelöst werden können. Sie werden uns hier einholen, ob wir wollen oder nicht und das wird alle viel Geld kosten, Verzicht einfordern und im Gegenzug vor allem internationale Solidarität erfordern. Niemand kann sich mehr im eigenen Ländle vor klimatischen, pandemischen oder sonstigem menschlichen Leid abschotten. Also bitte an alle in Politik und Kirche: Butter bei die Fische geben, was Anderes hilft nicht, sondern verzögert nur, was ohnehin kommt.
Reichlich spät kann sich die Gesellschaft vielleicht jetzt noch vorbereiten und Maßnahmen treffen, etwa für Schutzsuchende oder Migrant:innen, die auf jeden Fall zu uns kommen werden und die wir demographisch betrachtet, wie jüngst von der Agentur für Arbeit auch belegt, dringend brauchen. Aber sicherlich gibt es Entwicklungen, die werden einfach über uns hinwegrollen, weil wir zwar nicht geschlafen, aber den Kopf in den Sand gesteckt haben. Fridays for future macht das entgegen aller Unkenrufe der angeblich so lethargischen Jugend deutlich.

Verlust zielführender Debatten

Aber wie steht es mit uns in Kirche und Staat als Bürger:innen, Kirchenmitglieder. Wer ist da bereit, sich schlau zu machen, eigenen Einsatz zu bringen und das demokratische Grundrecht informiert und zivilisiert wahrzunehmen? Wer bringt das unseren Kindern bei? Unter der Formulierung: „Man wird das ja wohl noch mal sagen dürfen“, ist jede Kultur einer informierten, sachlichen und anständigen Debatte verloren gegangen. Der Habermassche‘ Diskurs der 80er des 20. Jahrhundert, welcher dem platonischen Dialog verbunden war, der die Wahrheit wirklich im Dazwischen zusammen sucht und findet, ist einem „Raushauen“ an Emotionen und sogenannten alternativen Fakten gewichen. Dies bleibt dann völlig konsequenzlos, aber mit verheerender Wirkung auf unsere vermeintliche Debattenkultur und unsere Demokratie.

Rückzüge in die eigenen Schein-Idyllen

Woran liegt es, dass keine gemeinsame Linie mehr gesucht und gefunden wird? Entgegen der Tatsache, dass wir immer stärker voneinander abhängen, nehme ich einen Rückzug in die eigene Schein-Idylle wahr, ein Interesse, das häufig auf sich selbst, die persönliche Sichtweise, den eigenen Arbeitsplatz, den eigenen Garten, die eigenen Interessen in der Familie oder des Freundeskreises beschränkt ist. Verantwortung wird sehr gerne abgegeben an die Schule, besonders an die Lehrer:innen, die KITA, die Politik, um sich über das Ergebnis dann lauthals und in beschriebener Unform beschweren zu können.
Eigentlich passiert hier das, was auch im gesellschaftlichen Kontext passiert: statt sich zu informieren, sich respektvoll einzubringen und etwas zu verändern, wird einerseits gerne ein Sündenbock gesucht in der Politik, der Kirche, dem verkommenen Zeitgeist, der Säkularisation, andererseits wird die Fremdwahrnehmung anderer Menschen ignoriert oder unbegründet für falsch erklärt. Demokratie ist anstrengend, immer gefährdet, geht nur mit uns allen in Respekt voreinander und nicht ohne: „Butter bei die Fische zu geben“! Langt zu, steht dafür ein und Guten Appetit!

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Autorin: Verena Wodtke-Werner, Dr. theol, Studium der kath. Theologie, Germanistik und Kulturmanagement, seit 2009 Direktorin der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Foto: Harris Vo / unsplash.com

[1] FAZ. Rhein-Main Zeitung, 04.09.21, (51), Wir sind in einer Vertrauenskrise.

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