Eden Culture. Das neue Buch von Johannes Hartl

Wider den Trend der Traditionsabbrüche hat der Theologe Johannes Hartl mit dem Gebetshaus Augsburg, das er zusammen mit seiner Ehefrau Jutta gegründet hat, bewiesen, dass es doch eine Nachfrage nach Frömmigkeit gibt. Hans-Joachim Ditz rezensiert Eden Culture.

Hartl propagiert allerdings eine Frömmigkeit, die eher im evangelikal-charismatischen Milieu angesiedelt und die, auch das gehört wohl zur Wahrheit, in den „alten“ Kirchen zu wenig bedient wird. Hartl ist Macher und Unternehmer. Und Arbeitgeber für eine ganz Reihe von Menschen, und das alles ohne amtskirchliche Unterstützung. Das verdient Respekt. Doch die größte Stärke eines Menschen ist mitunter seine größte Falle. Scheitern ist in Hartls schöner neuer Welt nicht vorgesehen bzw. wird nicht thematisiert. Er macht sich zum Verkünder eines Wohlstandsevangeliums. Schönheit und Wohlergehen spielen auch in seinem neuen Buch eine zentrale Rolle.

Verkünder eines Wohlstandsevangeliums

Johannes Hartl träumt von einer besseren Welt. Verbundenheit, Sinn und Schönheit sind für ihn die Bausteine einer „Ökologie des Herzens“ (S. 274), die die Zukunft der Menschheit sichern soll. Was damit gemeint ist? Hartl sehnt sich nach einer verloren gegangen Harmonie des Menschen mit der Welt, nach einem Früher, wo alles besser war. Der Eindruck drängt sich jedenfalls auf, auch wenn Hartl dem wiederholt widerspricht. Konkrete, gar politische Handlungsempfehlungen angesichts von Ungerechtigkeiten in der Welt sind die Sache von Johannes Hartl allerdings nicht. Was in seiner Weltsicht auch nicht nötig ist, denn: „Industrialisierung und freie Marktwirtschaft haben Fortschritt und Wohlstand geschaffen, wie kein anderes uns bekanntes ökonomisches Model.“ (S. 104)

Kein Wort dazu, dass dieser Wohlstand höchst ungleich verteilt ist und die natürlichen Ressourcen unseres Planeten erschöpft sind. Stattdessen gern mal ein Lob auf den weltweiten Tourismus, der „die schönsten Flecke(n) innerhalb weniger Flugstunden erreichbar (macht)“ (S. 197) Wider die Dystopie: Hartl lässt uns lieber an seinem gut situierten Leben teilhaben. Wir lesen Erzählungen von netten Abendessen mit Champagner – neben Grüntee „das beste Getränk, das es gibt“ (S. 250) – und Erfahrungsberichten von Ausflügen in die Natur: „In langen Spaziergängen durch die Wälder wuchs immer tiefer die einfache Wahrheit in mir, dass ich sein darf.“ (S.273) Dass Sein mehr ist als Haben, wusste allerdings Erich Fromm schon 1976.

Ein Kaleidoskop des Wissens von Johannes Hartl.

Über weite Strecken ist das Buch ein Parforceritt durch Philosophie, Soziologie, Psychologie und selbst Mathematik (Eulersche Formel, S. 226): alles wird angerissen und nichts vertieft. Ein Kaleidoskop des Wissens von Johannes Hartl. Und, wie gesagt, ein Bemühen um die Restauration eher traditioneller Muster, bei dem z.B. die Emanzipation der Frauen mit Sorge gesehen wird: „Erfindungen wie der Tampon und die größere Verfügbarkeit sanitärer Einrichtungen machten die Berufstätigkeit der Frau leichter möglich.“ (S. 77) Da wundert auch nicht, dass im Kapitel „Schöner Sex“ (S. 242-247) das Thema Sexualität nur heteronormativ verhandelt wird und der Blick auf moderne Kunst und Architektur eher einseitig ist: „Papa, warum sind die alten Häuser alle so schön und die modernen alle nur weiße Betonklötze?“ (S. 20) Hartls Tochter Anna muss mit dieser Frage als Kronzeugin herhalten.

Johannes Hartl ist Platoniker. Er glaubt, die absolute Wahrheit hinter den Erscheinungen gefunden zu haben. Doch Wahrheit entdeckt sich nur im Diskurs, was er selbst einräumt (s. S. 170). Sein Buch allerdings ist kein Diskurs, sondern die Behauptung eher traditioneller Klischees. Ein Muss für alle, denen das gefällt. Oder, um eine Anleihe bei Denis Scheck zu nehmen: Ein Buch für Fans.

___

Text: Hans-Joachim Ditz, Pastoralreferent, Ökumenebeauftragter Erzbistum Berlin und Geschäftsführer Ökumenischer Rat Berlin-Brandenburg (ÖRBB).

Bild: Buchcover

Print Friendly, PDF & Email